Pflege ist kein SparschweinStellungnahme von „wir pflegen SH“ zum Tag der Pflegenden Angehörigen am 8. September 2026

„Die Pflege eignet sich nicht zum Sparen“. Mit diesem Appell von Kurt-Helmuth Eimuth vom Vorstand des Selbsthilfeverein wir pflegen SH e.V. macht er auf den bundesweiten Tag für pflegende Angehörige am Dienstag, dem 8. September 2026 aufmerksam. Mit Blick auf das geplante Pflegeneuordnungsgesetz erneuert der Selbsthilfeverein seine zentralen Forderungen nach einer stärkeren finanziellen und sozialen Absicherung der häuslichen Pflege. Immerhin arbeiten alleine in Schleswig-Holstein rund 200.000 Menschen unentgeltlich in der Pflege. Als pflegende An- und Zugehörige stehen sie in der Regel täglich 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche zur Verfügung. Die geplante Pflegereform dürfe nicht zu Lasten der Familien gehen, sondern müsse die häusliche Pflege finanziell aufwerten, absichern und entlasten, so Eimuth weiter. Da die Pflegeversicherung erhebliche Defizite aufweist, wirft der Verein der Politik vor, die finanzielle Sanierung des Systems einseitig auf Kosten der ohnehin stark belasteten häuslichen Pflege auszutragen, die eigentlich das Fundament des deutschen Pflegesystems bildet.

Die zentralen Forderungen sind:
Keine Verschärfung bei den Pflegegraden: Die geplanten Pläne sehen vor, die Punktwerte bei der Begutachtung für die Pflegegrade 1 bis 3 anzuheben. Es wird also schwieriger, überhaupt Unterstützung zu erhalten oder in einen höheren Pflegegrad eingestuft zu werden. Der Verein kritisiert dies als rein finanzgetriebene Hürde, die insbesondere Menschen mit hohem Grundpflegebedarf schlechter stellt.

Einschränkung von Flexibilität: Der Wegfall bestehender Umwandlungsmöglichkeiten (wie der unbürokratische Tausch von Sachleistungen in Entlastungsangebote) wird bemängelt, da er die Selbstbestimmung der Familien im Pflegealltag beschneidet.

Keine Lohnersatzleistung: Seit Jahren fordert „wir pflegen SH e.V.“ eine verlässliche finanzielle Absicherung analog zum Elterngeld (eine 36-monatige Lohnersatzleistung für Pflegende), um Pflege und Beruf vereinbaren zu können. Solche strukturellen Hilfen fehlen in den Entwürfen weiterhin weitgehend.

Komplexe Budgetierung: Die Aufteilung in starre Teilbudgets (wie das Entlastungs-, Sachleistungs- und Sozialraumbudget) führt aus Sicht des Verbandes eher zu mehr Bürokratie und Intransparenz statt zu der dringend benötigten einfachen, flexiblen Handhabung.

Vernachlässigung besonderer Gruppen: Der Verband kritisiert in gemeinsamen Stellungnahmen, dass die spezifischen Bedarfe von pflegenden Eltern sowie pflegenden Kindern und Jugendlichen (Young Carers) im Gesetzgebungsprozess fast vollständig ignoriert werden.

Obwohl der designierte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann bereits ankündigte, die geplanten Kürzungen der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige zurücknehmen zu wollen, bleibt Eimuth skeptisch und meint „Was wir brauchen ist eine Pflegereform, die die Bedarfe der pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. Für mehr Wertschätzung dieser systemrelevanten Arbeit soll auch der bundesweite Tag der pflegenden Angehörigen dienen“.

Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.

in memoriam Gerlinde Lindemann

2906079915 Frankfurt: Verabschiedung Frau Lindemann Foto vom 29.06.07 Foto: Rolf Oeser


Die prägende Fachfrau der evangelischen Kita-Pädagogik Gerlinde Lindemann verstarb am 15. August im Alter von 84 Jahren. Die Sozialpädagogin kam als Leiterin der Kita der Gethsemanegemeinde in die Fachberatung Kindertagesstätten der Diakonie des Evangelischen Regionalverbandes, deren Leitung sie übernahm. Ende der1990er Jahre entwickelte sie ein Konzept für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Dabei lehnte sie sich an die Überlegungen der ungarischen Ärztin Emmi Pikler an. Die Erwachsenen sollten auf Augenhöhe mit den Kindern kommunizieren. Die Bedürfnisäußerungen auch der ganz Kleinen sollten ernst genommen werden, so ihre Überzeugung. In diesem Sinne baute sie die ersten acht Krabbelstuben für die evangelische Kirche in Frankfurt auf und entwickelte die Fachberatung zum Arbeitsbereich Kindertagesstätten. Sie vertrat die evangelische Kirche in zahlreichen Gremien von Kirche und Stadt. Bei ihrer Versetzung in den Ruhestand im Jahre 2007 dankte die Vorsitzende des Vorstandes des Evangelischen Regionalverbandes, Pfarrerin Esther Gebhardt, Gerlinde Lindemann für die „stets ruhige, sachliche und kompetente Arbeit“. Ihr Nachfolger in der Arbeitsbereichsleitung Kurt-Helmuth Eimuth schildert Gerlinde Lindemann als eine Frau, „der es stets um die Sache, um die Pädagogik und somit stets um die Kinder ging. Darüber hinaus war sie eine kluge, verlässliche zugewandte Kollegin ohne jede Eitelkeit.“ Auch nach ihrer Versetzung in den Ruhestand war sie als Ratgeberin gefragt.

Islamismus: Zwischen Bedrohung und Zuschreibung. Die verhinderte Normalität.

In der deutschen Debatte über den Islamismus offenbart sich eine folgenschwere Unschärfe, die den gesellschaftlichen Frieden empfindlich stört. Im Podcast Conny&Kurt diskutieren der Islambeauftragte der Nordkiche Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Matthias Schmidt, Religions- und Islamwissenschaftler, vom Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Matthias Schmidt ist seit 2015 in der Prävention gegen religiös begründeten Extremismus tätig.

Während Sicherheitsbehörden unter dem Begriff oft ein undifferenziertes Spektrum zusammenfassen, fordert die Praxis der Extremismusprävention eine präzise Trennung zwischen demokratiefeindlichen Haltungen und akuter Gewaltbereitschaft. Die politische Neigung, komplexe Radikalisierungsprozesse – die empirisch hochgradig individuell und multifaktoriell verlaufen – auf simple Schablonen zu reduzieren, verstellt den Blick auf die eigentliche Dynamik.

Dabei gerät eine entscheidende Absicht des terroristischen Kalküls in Vergessenheit: die bewusste Beseitigung der gesellschaftlichen Grauzone. Organisationen wie der IS zielen programmatisch darauf ab, das Leben für Muslime im Westen durch polarisierende Stimmungen unerträglich zu machen, um sie in existenzielle Loyalitätskonflikte zu zwingen. Tragischerweise greift der hiesige Diskurs diese Dynamik oft auf, wodurch die Spaltung weiter vertieft wird. Statt Terrorismus als universelle Bedrohung für alle Bürger zu begreifen, werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und nach Anschlägen in kollektive Rechtfertigungszwänge genommen. Diese Pauschalisierung reicht bis in die parlamentarische Mitte: Wenn politische Konzepte reflexhaft die Ausweisung ausländischer Gefährder fordern, ignoriert dies die Realität, dass jüngste Täter oft deutsche Jugendliche waren.

Besonders schmerzhaft wirkt diese Ausgrenzung auf junge Muslime, deren Identität im Alltag ständig problematisiert und auf ihre Religion reduziert wird. Deutschland versäumt es, eine integrative Identifikationsfläche anzubieten, wie sie etwa das britische Modell kennt. Stattdessen wird ihnen die Zugehörigkeit verwehrt, selbst wenn sie einen lokalen Patriotismus entwickeln und sich stolz etwa als Hamburger begreifen.

Die politische Konsequenz ist paradox: Erfolgreiche Präventionsprojekte, die von muslimischen Gemeinden selbst getragen werden, stehen vor dem finanziellen Aus. Anstatt Muslime als Teil der Lösung einzubinden, werden sie politisch zum Teil des Problems erklärt, was intrinsisch motivierte Akteure in den Rückzug treibt. Ein echter Dialog, der den Islam nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht, setzt voraus, den eigenen Rassismus zu reflektieren und echtes voneinander Lernen zuzulassen.

80 Jahre Schleswig-Holstein: wir pflegen gratuliert und fordert mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Möge das Land Schleswig-Holstein nur kein Pflegefall werden. Denn in einem solchen Fall sind die Aussichten derzeit nicht rosig. Mit diesem Wunsch gratuliert der Landesverein „wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.“ herzlich zum 80. und nutzt den Jahrestag, um auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die den Alltag im Land seit Jahrzehnten mitträgt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber selten vorkommt: pflegende Angehörige.

Über 175.000 Menschen im Land sind pflegebedürftig. Über 80 Prozent von ihnen werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt, mit oder ohne ambulante Pflegedienst. Pflegende Angehörige, meist Frauen, pflegen häufig neben Erwerbstätigkeit und ohne ausreichende Entlastung.

„Pflegende Angehörige haben dieses Land in den vergangenen 80 Jahren mitgetragen, ohne dass es dafür bislang die notwendige Anerkennung und Unterstützung gab“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth, Mitglied des Landesvorstands von wir pflegen Schleswig-Holstein. „Zum Landesgeburtstag wünschen wir uns von der Landesregierung ein klares Bekenntnis: mehr wohnortnahe Beratung, spürbaren Bürokratieabbau sowie verlässliche Entlastungsangebote in der Fläche.

Der Verein fordert die Landesregierung auf, die Interessen pflegender Angehöriger bei der Weiterentwicklung der Landespflegepolitik stärker zu berücksichtigen. Bund und Länder verhandeln derzeit über eine Reform der sozialen Pflegeversicherung. Der Verein erwartet, dass sich Schleswig-Holstein dabei aktiv für pflegende Angehörige einsetzt, etwa für eine volle rentenrechtliche Anerkennung der Pflegejahre, den Erhalt der Einstufung in die Pflegegrade oder eine wirksame Entlastung bei den Eigenanteilen. Und damit meint der Verein nicht nur die gestiegenen Eigenanteile in der stationären Versorgung. Bewertet man die unbezahlte Pflegearbeit der Angehörigen monetär, liegt die häusliche Eigenbelastung bei über der Hälfte der Betroffenen bei über 2.000 Euro und erreicht bei hohem Pflegebedarf mehr als 7.000 Euro im Monat – ein Vielfaches des vergleichbaren Heim-Werts von rund 2.200 Euro, welches dem Heim-Eigenanteil abzüglich Unterkunft und Verpflegung entspricht.

Über wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.

wir pflegen SH e.V. vertritt die Interessen sorgender, pflegender und begleitender An- und Zugehöriger auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Acht von zehn pflegebedürftigen Menschen werden in Schleswig-Holstein von Angehörigen und Freunden versorgt. Bisher wurde diese wertvolle Arbeit viel zu wenig gewürdigt. Das wollen wir ändern.

Zu unseren Zielen gehört die Stärkung der Selbsthilfe. Außerdem setzen wir uns für mehr Wertschätzung und Mitspracherecht der häuslich Pflegenden in Gesellschaft und Politik ein.

Hitzewellen in Deutschland: Eine schleichende Gefahr mit wenig politischem Nachhall

„Wenn Du hier wärest, würdest du die Hitze hören: Es singt kein Vogel mehr.“ Dies schrieb mir ein Freund aus Frankfurt, einem Hotspot der Hitzewellen. Der Rhein ist zum Rinnsal verkümmert. Bei einem Pegelstand von teils nur 18 Zentimetern in der Fahrrinne kommt der Schiffsverkehr am Mittelrhein faktisch zum Erliegen. Was wie ein lokales Wetterphänomen wirkt, ist Teil einer umfassenden Klimakrise, die Deutschland zunehmend unvorbereitet trifft. Während im Norden noch gelegentlich Regen fällt, leidet besonders das Rhein-Main-Gebiet unter Rekordtemperaturen und ausbleibender nächtlicher Abkühlung. Doch der Aufschrei fehlt, stellen Conny&Kurt in ihrem Podcast fest. Man stelle sich nur vor, es hätte 12.000 Tote bei einer Überschwemmungskatastrophe gegeben. Da würde alles mobilisiert. Die Medien würden pausenlos berichten, die Politik wäre vor Ort, Geld würde versprochen und die Bundeswehr wäre im Einsatz. Doch 12.000 Hitzetote sind nur eine kurze Nachricht wert. Im Gegensatz zu plötzlichen Flutkatastrophen wird die Hitze oft als individuelles Schicksal oder gar als angenehmes „Sommerwetter“ missverstanden.

Die ökologischen Folgen sind dramatisch: Im Frankfurter Stadtwald gelten über 90 Prozent der Bäume als krank. Auch der Artenschwund ist für den Bürger im Alltag greifbar – das massive Insektensterben zeigt sich an beinahe sauberen Windschutzscheiben nach langen Autobahnfahrten und dem Verstummen von Hummeln in den Gärten. Doch trotz einer geschätzten Übersterblichkeit von etwa 12.000 Hitzetoten bleibt der große gesellschaftliche Aufschrei bislang aus. I

Städtebaulich besteht dringender Handlungsbedarf. Experten fordern die konsequente Umsetzung von „Schwammstädten“, Fassadendämmung und massive Begrünungsmaßnahmen, um urbane Hitzeinseln wie Frankfurt, in denen die Luft buchstäblich steht, zu entlasten. Ein wesentliches Hindernis bleibt die Energiefrage: Der wachsende Ruf nach Klimaanlagen kollidiert mit dem immensen Strombedarf von Rechenzentren, während der Netzausbau für erneuerbare Energien von der Küste in den Süden stockt. Die Politik steht vor der Herausforderung, nicht länger nur die Wirtschaft kurzfristig zu priorisieren, sondern die rasant steigenden Kosten für künftige Klimareparaturen durch sofortiges, strukturelles Handeln zu begrenzen.

Die soziale Spaltung Deutschlands ist eine Gefahr für die Demokratie

In der wohlhabenden Metropole Hamburg lebt fast jeder fünfte Bürger in Armut – ein Zustand, den Paul Grabbe von der Diakonie Hamburg im Podcast Conny&Kurt als „unwürdig“ für die Gesellschaft bezeichnet. Während die Politik Rekordhaushalte verabschiedet, offenbart sich in der sozialen Sicherung ein eklatantes Verteilungsproblem.

Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör finde, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit drohe die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.

Anstatt den Reichtum durch höhere Steuern auf Vermögen zur Armutsbekämpfung heranzuziehen, zielen aktuelle Reformen der Grundsicherung darauf ab, die Schwächsten mit schärferen Vorgaben und Kürzungen, etwa bei der Mobilität, zu belasten.

Die Realität der Betroffenen ist von Mangel geprägt: Die Regelsätze von rund 536 Euro reichen kaum aus, um steigende Strompreise und die Inflation abzufedern. In Hamburg muss zudem ein Drittel der Leistungsbezieher Teile dieses Existenzminimums für die Miete aufwenden, da die staatlichen Kostensätze nicht mit dem Wohnungsmarkt schritthalten. Wer Hilfe sucht, gerät oft in eine Bürokratiefalle. Ein Leistungsantrag gleiche mittlerweile einem „Vollzeitjob“, bei dem Unterlagen mehrfach eingereicht werden müssen und das Vertrauen in den Sozialstaat durch mangelnde Transparenz erodiert.

Diese strukturelle Ohnmacht hat politische Folgen. Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör findet, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit droht die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.

Das Sakrament des Innehaltens: Warum der Sonntag mehr als ein Werktag ist

Es geht um weit mehr als die Frage, ob der Bäcker nun drei oder acht Stunden öffnen darf; es geht um das letzte Refugium des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Sonntagsruhe. Während die Politik und Landesverordnungen die Ladenöffnungszeiten immer weiter dehnen und in nördlichen Gefilden gar Autowaschstraßen den siebten Tag okkupieren, offenbart sich eine schleichende Salami-Taktik der Entgrenzung, so die Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth, die sich zum Gespräch in einem Frankfurter Café trafen.

Das ökonomische Argument der Einzelhandelslobby, durch Sonntagsöffnungen das Geschäft zu beleben, erweist sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss: Der konsumierbare Kuchen vergrößert sich nicht, er wird lediglich auf sieben Tage verteilt. Was bleibt, ist die Gefahr, dass bald auch die Logistikströme globaler Warenlieferungen die sonntägliche Stille endgültig durchbrechen.

Besonders in einer Single-Metropole wie Frankfurt zeigt sich die soziologische Erosion: Wenn Fitnessstudios zum überfüllten Ersatzraum für Gemeinschaft werden, weil viele mit der plötzlich verfügbaren Zeit nichts anzufangen wissen, stellt sich die Sinnfrage. Ein funktionierendes Gemeinwesen benötigt jedoch die Synchronisation: einen verlässlichen Takt für Familie, Sportvereine und das rituelle Gespräch.

Selbst die Kirchen rütteln an ihren eigenen Fundamenten, indem sie den Gottesdienst auf den Samstagabend vorziehen und damit ein zentrales Strukturmerkmal der Woche aufgeben. Doch der Sonntag darf nicht zur bloßen „Versorgungskultur“ zwischen Tankstellen-Shops und Automaten-Läden verkommen. Er ist kein ökonomischer Ballast, sondern das notwendige Gegengewicht zu einer total verfügbaren Arbeitswelt. Der Rhythmus des Lebens braucht diesen Tag des Innehaltens.

„Ich bin ganz, gut und schön“: Das Erbe der Elisabeth Moltmann-Wendel

Wenn am 25. Juli der 100. Geburtstag von Elisabeth Moltmann-Wendel begangen wird, blickt die evangelische Kirche auf eine Pionierin zurück, deren Wirken weit über die Grenzen der akademischen Theologie hinausreichte. Die 2016 verstorbene Tübingerin gilt als die prägende Stimme der feministischen Theologie in Deutschland – einer Bewegung, die sie nicht als Nischendiskurs für Frauen versteht, sondern als einen umfassenden Gerechtigkeitsdiskurs für die gesamte Menschheit, gleich welchen Geschlechts.

In der heutigen Debatte erweist sich Moltmann-Wendels Denken als überraschend anschlussfähig. Dr. Nora Schmidt betont in einer aktuellen Würdigung im Podcast Conny&Kurt, dass Moltmann-Wendels Fokus auf die Körperlichkeit und das Unbewusste – beeinflusst durch die Psychoanalyse – heute eine neue Relevanz erfährt. In Zeiten von Social-Media-Zwängen und Selbstwertkrisen wirkt ihre radikale Bejahung des Individuums nach. Ihr berühmter Satz „Ich bin ganz, ich bin gut, ich bin schön“ war für sie nichts Geringeres als eine moderne Übersetzung der lutherischen Rechtfertigungslehre: Der Mensch ist angenommen, ohne sich erst beweisen oder einem Ideal entsprechen zu müssen.

Moltmann-Wendels Weg war von den strukturellen Hürden ihrer Zeit gezeichnet. Nachdem sie 1951 promoviert hatte, verlor sie mit der Heirat des ebenfalls berühmten Theologen Jürgen Moltmann alle kirchlichen Ämter – ein Schicksal, das damals viele qualifizierte Frauen traf. Doch Moltmann-Wendel blieb als freie Wissenschaftlerin und Publizistin tätig und wurde zu einer Identifikationsfigur, die besonders auf den Kirchentagen der 1970er und 1980er Jahre eine enorme öffentliche Wirksamkeit entfaltete.

Ein Kernstück ihrer Arbeit war die exegetische Neuentdeckung biblischer Frauenfiguren. Besonders prägnant ist ihre Deutung der Martha aus dem Johannesevangelium. Während die Tradition Martha oft auf die Rolle der dienenden Hausfrau im Schatten ihrer Schwester Maria reduzierte, arbeitete Moltmann-Wendel heraus, dass Martha es war, die ein volles Christusbekenntnis ablegte. Damit stellte sie Martha auf eine theologische Ebene mit Petrus, dessen Bekenntnis als Fundament des kirchlichen Amtes gilt. Durch solche Rückgriffe auf die „Urkirche“ zeigte sie auf, dass eine geschlechtergerechte Perspektive keine moderne Zutat ist, sondern im Ursprung der Jesus-Bewegung selbst angelegt war, bevor sie durch patriarchale Machtmechanismen verdeckt wurde.

Moltmann-Wendel ebnete den Weg für heutige Diskurse über Rassismuskritik und Traumagerechtigkeit in der Kirche. Ihr Erbe mahnt dazu, Theologie nicht als abgehobenen Fachdiskurs zu führen, sondern als eine Antwort auf die existenziellen Nöte und Fragen der Menschen.

Zwischen Teilhabe und Überlebenskampf: Die prekäre Lage der Frankfurter Jugendhilfe

In einer Metropole, die sich oft über ihre glänzende Skyline definiert, bleibt die soziale Realität vielerorts im Schatten der Hochhäuser verborgen. Katharina Hellwig, Geschäftsführerin des Vereins Junularo Frankfurt, zeichnet im Podcast Conny&Kurt ein Bild der städtischen Jugendhilfe, das von chronischer Unterfinanzierung und dem täglichen Kampf gegen Kinderarmut geprägt ist. Der Verein, der aus dem selbstverwalteten „Kaffee Müller“ und dem „Heimverein des Bundes Neudeutschland“ hervorging, trägt heute einen Namen, der Programm ist: Junularo bedeutet auf Esperanto schlicht „Jugend“ und soll Weltoffenheit sowie eine gewisse „Buntheit“ signalisieren.

Mit 13 Einrichtungen ist Junularo eine feste Größe in Frankfurt, doch die Arbeit findet unter erschwerten Bedingungen statt. Da die präventive Kinder- und Jugendarbeit im Gegensatz zu einzelfallbezogenen Hilfen keine Pflichtleistung der Kommune darstellt, gerät sie bei Sparmaßnahmen als Erste unter Druck. Zwar gab es 2024 nach jahrelangem politischem Protest, dem „Tag der geschlossenen Tür“, eine Anhebung der Zuschüsse, doch diese deckte kaum mehr als die inflationsbedingten Kosten und Tarifsteigerungen. Von den geforderten 29 Millionen Euro für den Sektor wurden lediglich 5,6 Millionen bewilligt – eine Summe, die Schließungen verhinderte, aber keine großen Sprünge erlaubte.

Besonders alarmierend ist Hellwigs Schilderung der Kinderarmut. Es sei ein Skandal, dass Kinder in einer wohlhabenden Stadt wie Frankfurt nachmittags hungrig in die Einrichtungen kommen. Die Bürokratie zwinge Familien dazu, ihre Armut akribisch nachzuweisen, was oft an die Grenzen der Menschenwürde stoße. Hellwig fordert daher ein kostenloses Mittagessen an Schulen, das unabhängig von der Zahlungsfähigkeit der Eltern garantiert wird.

Der Kern der Junularo-Philosophie bleibt jedoch die Partizipation. Diese wird nicht nur in Gremien gelebt, sondern reicht bis in den Vorstand, der fast ausschließlich aus ehemaligen Besucher:innen der Einrichtungen besteht. Dieser Ansatz der „Selbstwirksamkeit“ zeigt sich auch in jugendpolitischen Erfolgen wie dem Frankfurter Jugendparlament.

Für die Zukunft fordert Hellwig ein Umdenken in der Stadtplanung. Anstatt über Vandalismus zu klagen, müsse man Jugendliche als Experten für ihren Sozialraum begreifen und sie aktiv an der Gestaltung von Parks und Plätzen beteiligen. Nur durch Identifikation mit ihrem Umfeld könne eine nachhaltige Wertschätzung des öffentlichen Raums entstehen. Die Jugendhilfe fungiert hierbei als „Dritter Ort“ neben Elternhaus und Schule, der entscheidende biographische Weichenstellungen ermöglicht.

Aus technischen Gründen ist das vollständige Interview nur im Audio zu hören. Die Videofassung ist gekürzt.