Archiv für Buchbesprechungen

Sacri Monti – Orte, die die Seele streicheln

Kunst & Kultur

von Kurt-Helmuth Eimuth 12. Januar 2022

Die Sacri Monti sind neun „Heilige Berge“ im Piemont und der Lombardei, im Alpenbogen zwischen Mailand und Turin. Jetzt gibt es erstmals ein Buch darüber in deutscher Sprache.

Georg Blanc: Sacri Monti – dem Himmel so nah. EOS-Verlag, 9,95 Euro
Georg Blanc: Sacri Monti – dem Himmel so nah. EOS-Verlag, 9,95 Euro

Seit 2003 zählen sie zum Unesco-Weltkulturerbe. Zu unterschiedlichen Themen sind dort in Kapellen Szenen biblischer Geschichte oder aus dem Leben des Franz von Assisi mit lebensgroßen Figuren dargestellt. Sie erzählen vom Leben Jesu, von seinem Leiden und Sterben und, gut katholisch, auch von der Geschichte Mariens und den Geheimnissen des Glaubens im Rosenkranz. Im Mittelalter wollte man mit solchen Darstellungen die Bibel „verlebendigen“. Ihren Ursprung hat diese Tradition in der Darstellung der Geburt Jesu an Weihnachten 1223 in Greccio, die auf Franz von Assisi zurückgeht.

Der im Rhein-Main-Gebiet lebende Lehrer und Pastoralreferent Georg Blank hat in den vergangenen zehn Jahren alle Berge mit Schulklassen besucht. In diesem Büchlein gibt er nun zu ausgewählten Figurengruppen Erläuterungen – es ist das erste deutschsprachige Buch über diese einzigartige Tradition. Trotz seiner zahlreichen Fotografien ist es mehr als ein Fotoband und macht Lust auf Reisen und Pilgern.

Die neun Berge liegen in Landschaften von besonderer Schönheit. In der Begründung der Unesco wird auf das Zusammenspiel von Kultur und Landschaft, von Kunst und Umgebung, von Glaube und Geschichte, von Natur und Spiritualität hingewiesen. Alle neun Berge bieten sich als Pilgerroute für einen Tagesausflug an. Man kann gut an den einzelnen Stationen Halt machen. Dabei trübt das spirituelle Erlebnis nicht, dass zahlreiche Figuren stark restaurierungsbedürftig sind.

Ausgangspunkt der Touren von Blank war jeweils das Bungalowdorf des Jugendwerks Brebbia am Lago Maggiore. Die Anlage des Bistums Mainz wird auch für Fortbildungen der evangelischen Kirche genutzt, Individualreisende sind ebenfalls willkommen.

Denkanstöße: Drei Minuten, die sich lohnen

von Kurt-Helmuth Eimuth 12. November 2021

Die Texte des Frankfurter Pfarrers Helwig Wegner-Nord geben kurzweilige Denkanstöße zu unterschiedlichen Themenkomplexen.

Helwig Wegner-Nord: Ohne Himmel ist die Erde ziemlich grau. Denkanstöße - Hoffnungstexte - Glaubenswelten. Verlagshaus Speyer, 11,90 Euro.
Helwig Wegner-Nord: Ohne Himmel ist die Erde ziemlich grau. Denkanstöße – Hoffnungstexte – Glaubenswelten. Verlagshaus Speyer, 11,90 Euro.

Es gibt ja zahlreiche christliche Lebenshilfebücher. Gerne auch zu einem Anlass, wie runde Geburtstage oder Krankheit. Meist mit eindringlichen Bildern, die die Schönheit der Natur sinnlich abbilden. Nichts von dem hat das Buch des Frankfurter Pfarrers Helwig Wegner-Nord. Es setzt ganz auf das Wort. In 130 engbedruckten Seiten sind seine Denkanstöße, oder wie er es nennt, „Hoffnungstexte“, gebündelt.

Man merkt den Beiträgen an, dass sie ursprünglich für das Radio oder das Fernsehen konzipiert waren. Der Autor war lange als Sprecher des „Wortes am Sonntag“ in der ARD tätig. So entstand ein Buch, das man keineswegs am Stück durchlesen muss, auch wenn es Spaß macht, die vielen unerwarteten theologisch-philosophischen Wendungen zu entdecken. In sieben Themenblöcke gegliedert finden sich Einzeltexte, die gut als Denkanstoß für den Tag genutzt werden können. Mit Wegner-Nord durch das Jahr wäre nicht die schlechteste Idee.

Es sind vor allem unverhoffte Wendungen und unbekannte Hintergründe, die Wegner-Nord in durchaus humorvoller Weise darbietet. Etwa wenn er darauf hinweist, dass der biblische Adler eigentlich doch ein Geier gewesen sei, und warum er doch lieber beim Bild des Adlers bleibt. Wie frei der Autor in seinen Gedanken ist, zeigt etwa der Wunsch, der Bibel noch ein Kapitel hinzuzufügen. Ein Kapitel vom weinenden Gott, denn ein weinender Gott sei ein starker Gott. Aber es geht auch um aktuelle Ereignisse: Um Pandemie, um Rassismus, um Erziehung oder auch Qualitätsmanagement.

Selbst beim Thema Tod findet der Autor einen leichten Zugang, wenn er von dem Selbstbau-Sarg erzählt, den man zunächst auch als Schrank nutzen könne. Es sind diese überraschenden Verknüpfungen, die den Reiz des Buches ausmachen. Man ahnt gelegentlich, welche Mühe hinter mancher Recherche steckt. Etwa wenn er von der Jesus-Christus-Echse erzählt, die tatsächlich so heißt, weil sie übers Wasser laufen kann.

Fazit: Ein Buch mit zahlreichen äußerst kurzweiligen Denkanstößen zu unterschiedlichen Themenkomplexen. Drei Minuten reichen hierfür aus. Drei Minuten, die sich lohnen.

Im Alter kann man sich noch verlieben

von Kurt-Helmuth Eimuth 19. Oktober 2021

Nach vierzig Jahren hat Margot Käßmann einen alten Jugendfreund wiedergefunden. Inzwischen sind die beiden ein Paar und haben gemeinsam ein Buch über ihre Lebenserinnerungen geschrieben.

Margot Käßmann, Andreas Helm: Mit mutigem Schritt zurück zum Glück. 187 Seiten, bene! 2021, 20 Euro
Margot Käßmann, Andreas Helm: Mit mutigem Schritt zurück zum Glück. 187 Seiten, bene! 2021, 20 Euro

Sie ist die bekannteste Theologin Deutschlands. An ihrem Schicksal nehmen Millionen Teil, ob zweimalige Krebserkrankung, Scheidung oder jene unglückliche Alkoholfahrt, die sie das Amt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland kostete. Seit Jahren lässt Margot Käßmann die Menschen teilhaben an ihren Herausforderungen, aber auch an ihrem Glück.

Und nun? Ruhestand, Enkel und hie und da eine Fernsehpredigt? Nein, nicht bei Käßmann. Hollywood hätte es sich nicht besser ausdenken können: Ihr alter Jugendfreund, Andreas Helm, traf sie, sprach sie vor acht Jahren an, und die beiden entdeckten, dass sie sich noch nahe sind. Erstaunlich ähnlich sind ihre Leben verlaufen: Beide geschieden, beide haben jeweils vier Kinder, teils mit den gleichen Namen.

Heute sind Margot Käßmann und Andreas Helm ein Paar. In einem dialogisch angelegten Buch beschreiben sie ihr neues gemeinsames Leben. Spannend wird es aber für den Leser und die Leserin, wenn von den gemeinsamen Erfahrungen berichtet wird. Von der großen Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss oder der kritischen Haltung zur Atomkraft. Und sie lassen diejenigen von uns, die ebenfalls in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren sind, teilhaben an ihren Erinnerungen: „Ja, die Jahre des Lebens verändern uns. Aber wir beide haben den Eindruck, der Wesenskern eines Menschen verändert sich auch in 40 Jahren nicht, selbst wenn es ein bisschen gedauert hat, bis wir uns erzählt hatten, was in dieser Zeitspanne passiert war.“

Sie erzählen es sich und uns, die wir es mit unseren eigenen Biografien vergleichen. Wie war das bei mir, wie war das bei dir? Gerade wenn man selbst eine Sozialisation in der evangelischen Kirche erlebt hat, wird vieles wieder lebendig. Die Partys im Jugendkeller, die Fahrten mit der Gemeindejugend, auch die Musik. Es war eine Zeit des Aufbruchs in Kirche und Gesellschaft.

Käßmann und Helm leben ihr Leben weiter, haben keine gemeinsame Wohnung und sind doch oft zusammen. Ein Buch über eine gelungene Partnerschaft, deren Wurzel in der Jugend gelegt wurde und die sich doch erst im Alter wirklich zusammenfand. „Es braucht manchmal Kraftanstrengungen, einen neuen Aufbruch und Offenheit, um Beziehung zu wagen.“ Das geht auch noch mit 60 Jahren.

Doch die beiden verschließen nicht die Augen vor dem Alter und einer möglichen Pflegebedürftigkeit. „Sollte eine/r von uns pflegebedürftig werden, müssen wir neu schauen, wie wir unser Leben dann miteinander gestalten.“ Es ist kein theologisches Buch, aber es ist ein Buch über die Meisterung des Lebens in Gottvertrauen. Mehr Theologie geht doch eigentlich nicht.

Margot Käßmann/Andreas Helm: Mit mutigem Schritt zurück zum Glück, 187 Seiten, bene!, 20 Euro.

Vom Umgang mit dem Männer-Krebs

Leben & Alltag

von Kurt-Helmuth Eimuth 26. Juli 2021

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 60.000 Männer an Prostatakrebs. Und plötzlich spielt im Leben anderes eine Rolle als bisher. Auch dem Theologen und Berater Wolfgang Weinrich ist das so gegangen. In seinem neuen Buch lässt er andere an seinen Erkenntnissen teilhaben.

Wolfgang H. Weinrich: Sex geht jetzt anders. Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs. Books on Demand, 91 Seiten, 16,80 Euro (E-Book 8,49 Euro).
Wolfgang H. Weinrich: Sex geht jetzt anders. Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs. Books on Demand, 91 Seiten, 16,80 Euro (E-Book 8,49 Euro).

Männer werden nicht krank. Jedenfalls ihrem eigenen Gefühl nach. Auch Wolfgang Weinrich war so ein Mann. Bis zur Diagnose Prostatakrebs hielt er sich für „unkrankbar“ – mit diesem Wort beschreibt der Theologe diese Haltung. Er war der Macher, der kreative Kopf für die Kommunikationsprojekte der hessen-nassauischen Landeskirche. Er organisierte Auftritte beim Hessentag, erfand eine Lichtkirche und ein neues Kirchen-Logo, das Facettenkreuz. Dann ging er frühzeitig in den Ruhestand, um in aller Freiheit neu Projekte zu planen. Und dann das: Prostatakrebs.

Männer gehen nicht zur Vorsorge, jedenfalls nicht so häufig. Kein Wunder, dass ihn der Urologe fragte, warum er nicht schon früher gekommen sei – doch ist es müßig, darüber weiter nachzudenken. Die Situation bedurfte einer radikalen Änderung, nicht nur des Alltags, sondern auch der inneren Einstellung. Wolfgang Weinreich krank. Das passte nicht zum Selbstbild. Er musste sich zurückziehen. Meist in seinen Sessel. Zum Nachdenken. Auch über so Fragen wie: „Was war in meinem Leben und ist es jetzt vorbei? Es gibt viele Abschiedsmomente in so einer Situation“, erinnert sich Weinrich.

An seinem Glauben hat er allerdings nicht gezweifelt. Er, der sich schon von Berufs wegen mit dem Tod auseinandergesetzt hat, war vertraut mit der Frage: Warum gerade ich? „Das ist Schicksal“, sagt Weinrich. „Gott ist nicht der, der direkt in mein Leben hineingeht. Es kann halt jedem Menschen passieren.“ Geholfen haben ihm viele Gespräche, auch mit Ärzten. Ergebnis eines langen Prozesses: „Ich will leben. Ich werde weiter leben. Punkt.“

Nach Weinrichs Beobachtung ist die größte Sorge bei Männern die vor Inkontinenz und Impotenz. „Aber man kann lernen, damit umzugehen, und das macht auch Spaß.“ Offen spricht Weinrich über diese Tabuthemen und wundert sich, dass nur für Inkontinenzeinlagen bei Frauen geworben wird. Dabei ist das auch bei Männern ein Problem, insbesondere nach Prostataoperationen. Beckenbodenübungen beispielsweise auch, zur Stärkung der Schließmuskulatur.

Inzwischen ist Weinrich wieder zurück im Leben, unterwegs mit seiner Band und auch mit Lesungen: Über seinen Kampf mit dem Krebs hat er ein Buch geschrieben. Locker, fast fröhlich, aber auch mit aller Ernsthaftigkeit berichtet er darin von Zweifeln, Arztgesprächen und Reha. Erstaunlicherweise gibt es Reaktionen von vielen Frauen auf sein Buch. Sie sagen: „Gut, dass Du darüber sprichst. Wie kann ich denn mit meinem Mann umgehen, denn er spricht nicht darüber, auch nicht mit mir.“ Für alle Männer hat Weinrich aber nur eine Empfehlung: „Mann, geh‘ zur Vorsorge.“

Wolfgang H. Weinrich
Sex geht jetzt anders
Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs
ISBN 9783 752 689 143
WolfgangWeinrich.de

Hinterm Horizont geht’s weiter: Luther und Lindenberg

von Kurt-Helmuth Eimuth 23. Juni 2021

Udo Lindenberg und Martin Luther sind Brüder im Geiste, meint der Theologe und Autor Uwe Birnstein. Zusammen mit dem Musiker Werner Hucks hat er jetzt ein musikalisches Feature über die beiden herausgebracht.

Uwe Birnstein, Werner Hucks: Luther & Lindenberg, CD, 16 Euro, Bezug über komm-webshop.de
Uwe Birnstein, Werner Hucks: Luther & Lindenberg, CD, 16 Euro, Bezug über komm-webshop.de

Beim Theologiestudenten Uwe Birnstein stand in den 1980er Jahren die Musik von Udo Lindenberg ganz oben auf der Playlist. Sobald sich die Gelegenheit bot, interviewte er den Deutschrocker. Lässig mit Whiskyglas in der Hand sei Lindenberg dahergekommen, erzählt Birnstein, und doch überraschte er den jungen Studenten mit Konzentration und Nachdenklichkeit. Und dem berühmten Luther zugeordneten Zitat vom Apfelbäumchen, das er noch pflanzen würde, selbst wenn morgen die Welt unterginge. Es gebe keine Alternative zum Optimismus, war Lindenbergs Interpretation: „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Den Hit hat Lindenberg nach dem frühen Tod einer Freundin geschrieben, denn – der Tod hat nicht das letzte Wort.

In seinem Feature zieht Birnstein biographische Verbindungen klug und informativ, wie er es auch schon in Büchern über Leonhard Cohen oder Bob Dylan getan hat. Sein Vortrag ist voll überraschender Perspektiven, die immer wieder ergänzt werden durch das Gitarrenspiel von Werner Hucks, der die alten Melodien und Lindenbergs Songs gekonnt anklingen lässt. Entstanden ist eine Produktion, die zum Nachdenken anregt oder auch einfach zum Genuss der Musik einlädt: „Eine feste Burg“, „Hinterm Horizont“, „Verleih uns Frieden gnädiglich“, „Cello“ oder „Mein Ding“.

In Lindenbergs Song „Mein Ding“ zum Beispiel sieht Birnstein die gleiche Eigensinnigkeit wie bei Luther. Der eine macht sein Ding, der andere steht fest zu seiner Überzeugung und kann nicht anders. Zwei unabhängige Geister, die auch neue Begrifflichkeiten geprägt haben, was Birnstein und Hucks genüsslich vortragen. Auf beide passen Bezeichnungen wie Ketzer, Prediger, Promi, Protestant, Sprücheklopfer, Grenzüberschreiter, Deutschsprecher, Liedermacher, Erneuerer, Reformator, Querkopf oder Wortschöpfer. Ja, diese Aufzählung zeigt schon, dass Luther und Lindenberg doch mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick meint.

In seinem von musikalischen Assoziationen unterbrochenen Vortrag beleuchtet Birnstein auch die Kindheit der beiden Protagonisten. Martin sollte Jurist werden und kam aus angesehenem Haus. Oft musste er vor der Rute seines Vaters fliehen. Gewalt und auch der Tod waren ihm nicht fremd. Vier seiner Geschwister starben. 463 Jahre später wurde Udo Lindenberg geboren. Eine andere Zeit. Musikalisch dominiert vom Jazz. Der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei. Die Elterngeneration versuchte sich die schrecklichen Bilder im Suff aus dem Kopf zu trinken. Launig erinnert sich Udo, dass er das einzige „Heidenkind“ am Ort gewesen sei, denn Vater Gustav habe sich die Kirchensteuer gespart. Es war damals sehr außergewöhnlich, dass jemand seine Kinder nicht taufen ließ. Der Oma gefiel das auch gar nicht. Also wurde Udo gemeinsam mit seinen Geschwistern im Alter von sieben Jahren doch noch zum Taufbecken geführt. Oma war selig. Trotz evangelischer Kindertagesstätte blieb Udo aber der Kirche gegenüber kritisch. „Lindenberg ist fromm auf seine Art“, bilanziert Birnstein.

Udo Lindenberg ist kein Reformator und hat sicher auch nicht die deutsche Sprache so nachhaltig geprägt wie Luther. Aber es lohnt sich, seine CDs mal wieder hervorzukramen. Birnstein hat einen anderen Zugang eröffnet – zu Luther und zu Lindenberg, eben zwei coolen Typen. Ein spannendes Feature für alle theologisch Interessierten, die gelegentlich auch mal Rockmusik hören.

Uwe Birnstein, Werner Hucks: Luther & Lindenberg, CD, 16 Euro, Bezug über komm-webshop.de

Ein Mut-Mach-Buch zur Pandemie

von Kurt-Helmuth Eimuth 2. Februar 2021

Elisabeth Lukas und Reinhardt Wurzel zeigen die Schwierigkeiten und Probleme der Corona-Pandemie, machen aber gleichzeitig Mut, die eigenen Ressourcen zu mobilisieren.

Elisabeth Lukas / Reinhardt Wurzel: Pandemie und Psyche. Wege zur Stärkung der seelischen Immunität, Verlag Neue Stadt, 18 Euro.
Elisabeth Lukas / Reinhardt Wurzel: Pandemie und Psyche. Wege zur Stärkung der seelischen Immunität, Verlag Neue Stadt, 18 Euro.

Es ist kein klassisches Ratgeberbuch, das die Leser:innen mit Rat erschlägt. Vielmehr haben Elisabeth Lukas und Reinhardt Wurzel ein ebenso behutsames wie informatives Werk über die psychischen Folgen der Pandemie geschrieben. Es basiert auf der Erkenntnis des österreichischen Neurologen und Psychiaters Viktor E. Frankl, wonach ein Schicksalsschlag nur durch die Aktivierung der eigenen Ressourcen zu überwinden ist. Lukas und Wurzel beschreiben die menschlichen Seelenzustände wissenschaftlich fundiert, aber dennoch verständlich. Eine besondere Leichtigkeit gewinnt das Buch durch die dialoghafte Form der Textzusammenstellung.

Autorin und Autor geben nicht einfach kluge Tipps, sie beschreiben die Wirklichkeit mit einer besonderen Empathie. Selbst die Angst vor dem Tod wird benannt: „Machen wir und nichts vor: Wir haben kein ewiges (irdisches) Leben zu verlieren.“ Trost bietet die Gewissheit, dass jeder Mensch Spuren auf der Welt hinterlässt. „Das Geschehene wird schließlich mit unserem Lebensende nicht ausradiert.“ Wohltuend ist, dass in dem Buch keine weltanschauliche Verortung zu finden ist.

Selbst beim Thema Homeschooling sieht Lukas eine positive Seite: „Ich denke, dass unsere Kinder in der jetzigen Zeitspanne bei allen unbestreitbaren, oft großen Problemen für sie selbst wie die Familien etliches lernen. Sie lernen auf eine neue Weise Solidarität, Zusammenhalt, Verzicht, Selbstdisziplin, Rücksichtnahme“.

Hier ist ein Lese-Mut-Mach-Buch entstanden, das die Schwierigkeiten und Probleme zeigt, aber eben Mut macht, die eigenen Ressourcen zu mobilisieren. Und klar gibt es zum guten Schluss auch eine Liste mit Tipps.

Orgeltage für Zuhause: Mitschnitte aus der Heiliggeistkirche

Kunst & Kultur

von Kurt-Helmuth Eimuth 8. Januar 2021

Kirchenkonzerte können zurzeit nur vereinzelt stattfinden oder müssen ganz abgesagt werden. Dafür gibt es jetzt eine zweite CD mit Livemitschnitten aus der Frankfurter Heiliggeistkirche.

Orgelkonzert aus dem Dominikanerkloster - jetzt hat Organist Frank Hoffmann eine zweite CD herausgebracht.
Orgelkonzert aus dem Dominikanerkloster – jetzt hat Organist Frank Hoffmann eine zweite CD herausgebracht.

Die Walcker-Orgel der Frankfurter Heiliggeistkirche mit ihren 40 Registern ist ein gewaltiges Instrument, zumal sie auch über eine „Spanische Trompete“ verfügt. Zu hören ist sie jetzt auf einer zweiten CD, die der Organist der Kirche, Frank Hoffmann, bei den der alljährlich stattfindenden Frankfurter Orgeltagen aufgenommen hat.

Für die Live-Mitschnitte hat Hoffmann durchaus auch populäre Stücke ausgesucht. Höhepunkt ist die Komposition Jerusalem von Charles Hubert H. Perry, die jährlich die „Last night of the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall abschließt. Ungewöhnlich auch Felix Alexandre Guilmants Marche Funèbre et Chant Séraphique – ist es doch ein Trauermarsch, der sich allmählich bis zum Fortissimo und einem langen Pedaltriller steigert. „An das folgende Decrescendo schließt sich der sphärische Chant Séraphique an, der am Ende mit einem einzigen langen tiefen Pedalton verklingt“, beschreibt Hoffmann das Klangerlebnis.

Natürlich dürfen auch Bach und Händel (Feuerwerkmusik) nicht fehlen, denen aber Werke zur Seite gestellt werden, die nicht so oft auf dem Programm stehen: Gustav Adolf Merkel, George Thomas Thalben-Ball oder Marco Enrico Bossis. Alle Aufnahmen entstanden 2020.

Neben seinen Engagements als Organist an der Heiliggeistkirche und der Preungesheimer Festeburgkirche leitet Frank Hoffmann den etwa 60 Sängerinnen und Sänger umfassenden Frankfurter Kantatenchor. Außerdem ist er Vorsitzender und künstlerischer Leiter des seit 1950 bestehenden Kirchenmusikvereins Frankfurt, der zahlreiche Konzerte in der Heiliggeistkirche organisiert.

Zu beziehen ist die CD für 12 Euro zzgl. 1,55 Euro Versandkosten beim Evangelischen Regionalverband, Jutta Volk, Telefon 069 21 65 12 44, jutta.volk@ervffm.de.

Nicht nur Sänger und Songwriter

Er ist eine Ikone der Flower-Power-Zeit und wurde nochmals als Achtzigjähriger in diesem Jahrzehnt populär. Leonard Cohen (1934 -2016) war weit mehr als ein Sänger und Songwriter. Er schrieb Gedichte und Romane, aber vor allem war er ein religiös Suchender. Die Tiefe im Schaffen des Künstlers beleuchtet Uwe Birnstein in seinem neuen Sachbuch“‘Hallelujah‘ Leonard Cohen!“ Dem Autor gelingt es mit viel Empathie den Leser und die Leserin mitzunehmen auf die Reise durch ein Leben, das so viele Facetten hatte, wie man es kaum für möglich hält. Stets nah an den Quellen. Man hat das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein.

Nein, der Autor will keine Biografie vorlegen. Und tut es auch nicht. Er will ermutigen, sich auf den Weg zu machen, den eigenen Horizont zu weiten, auf andere Zuzugehen, ganz ohne Ängste, Vorschriften und Scheuklappen, ganz so wie es Cohen getan hat.

Cohen ist und bleibt dabei verwurzelt in seinem jüdischen Glauben. Geprägt von Kindheit an, „nicht fanatisch, aber traditionell religiös“. Und eng verbunden mit seinem Großvater, einem Rabbi. Und Bücher gibt es im Hause Cohen. Literatur wird zu einem seiner Hobbys. Aus der gut bürgerlichen Welt Kanadas bricht er auf und landet auf der griechischen Insel Hydra. Dort begegnet er Marianne. Ja, die gibt es wirklich. Nach einer gemeinsamen Zeit sagte er ihr „so long Marianne“, und flog nach New York. Dort spielt er Judy Collins „Suzanne“ vor. Collins ist begeistert, nimmt den Song auf und er wird zum Welthit. Cohen selbst will nicht auftreten. Er könne nicht singen und auch nicht Gitarre spielen. Auf einem Festival treten sie dann gemeinsam auf. Jetzt erst fasst Cohen Zutrauen „in die geradezu magische Wirkung seiner Stimme“ (Birnstein).

Es folgen Jahre im „Drogen- und Frauenrausch“. Später bedauert er seine oberflächlichen Frauengeschichten. Mit Marianne bleibt er in Verbindung. Und noch eine Erkenntnis bricht sich Bahn: Die Drogen katalpultieren ihn zwar in tranzendente Welten, aber sie führen ihn nicht ans Ziel seiner spirituellen Suche.

Cohen sagt von sich selbst, er sei „geboren im Herzen der Bibel“. Er kennt die Geschichten, die die Bibel erzählt, von den Sorgen und Ängsten, von Liebe und Hass, von Rachegelüsten und Mitgefühl, von Sehnsüchten und Enttäuschungen. „Die biblischen Geschichten und Gedanken bringen Inspiration für das eigene Nachdenken“, so Birnstein. In zahlreichen Texten greift er zurück auf biblische Motive. Etwa im Song „Born in Chains“: Dort heißt es: „Ich wurde in Ketten geboren, doch aus Ägypten verstoßen“. Anklänge biblischer Überlieferung finden sich in zahlreichen Liedern. Etwa wenn er in „Democracy“ von der Sehnsucht nach echter Demokratie singt „Zurzeit würden die Frauen vor den ‚Brunnen der Enttäuschung‘ auf Knien beten ‘um die Gnade Gottes in dieser Wüste‘“ Das gelobte Land steht hier für die wahrhafte Demokratie. Gelegentlich überzieht Cohen mit „seiner bisweilen kruden Fantasie und depressiven Weltsicht.“ Etwa wenn er eigene sexuelle Erlebnisse mit biblischen Assoziationen vermengt.

Birnstein bezeichnet David als biblischen Seelenbruder Cohens. David lebte als Freischärler und Frauenheld und wurde schließlich zum König Israels gekrönt. Die Geschichte des Ehebruchs mit Batseba hat Cohen in seinem Welthit „Hallelujah“ verarbeitet. In der ersten Strophe will der Musiker König David Gott mit einem geheimen Akkord gnädig stimmen. Und es folgt fast litaneiartig das Gotteslob „Hallelujah“. In der zweiten Strophe spricht Cohen eine Person an. „Dein Glaube war stark, aber du brauchtest Beweise“, heißt es „du sahst das Mondlicht auf dem Dach, ihre Schönheit und das Mondlicht haben dich überwältigt.“ Hier spielt Cohen darauf an, dass König David Batseba beim Baden zusah. Doch plötzlich wechselt die Szene und die Schöne bindet den verliebten König an den Küchenstuhl und schneidet seine Haare ab. Ein Motiv, dass an Simson erinnert, der Liebestrunken seiner Geliebten Delila das Geheimnis seiner Macht verrät, das in seinen Haaren wurzelt. Sie schneidet ihm die Locken ab.

Die Gebrochenheit des Lebens drückt sich auch in seinem Hallelujah aus. Cohen kommentiert es so: „Der Song erklärt, dass es mehrere Formen des Hallelujah gibt und dass alle perfekten und gebrochenen Hallelujahs dieselbe Wertigkeit haben.“

Cohen treibt aber das Thema noch weiter. Er verbindet Religion und Sexualität. „Denk dran, als ich mich in dir bewegte, da bewegte sich mit uns der Heilige Geist. Und jeder unserer Atemzüge war ein Hallelujah.“ Birnstein folgert: „Körperliche Vereinigung sei – oder sollte es sein- auch eine spirituelle Angelegenheit.“

Der Song wird zu einem der meistgecoverten Songs der Popgeschichte, leider oft verkitscht oder gar missbraucht, etwa im Einsatz für Donald Trump. Dabei ist das Lied ein Plädoyer für Demut und wendet sich gegen jede Form von Triumphalismus.

Die spirituelle Suche Cohens geht weiter. Er ist zwar berühmt und begehrt, fällt aber immer wieder in tiefe Depressionen. Selbst den Psychokult Scientology probiert er kurz aus. Doch er erkennt die Banalität dieses Systems schnell. 1969 begegnet er dem buddhistischen Zen-Meister Roshi. Cohen verbringt viel Zeit im buddhistischen Kloster. Roshi begleitet ihn sogar auf Tourneen. Doch der jüdische Glaube bleibt trotz aller Suchbewegungen weiterhin die religiöse Wurzel Cohens. 1993 zieht es ihn ganz ins Kloster. Er braucht Struktur. 1996 wird er zum Mönch ordiniert. Er blieb bis 1999 im Kloster.

In zahlreichen Werken setzt er sich auch mit Jesus auseinander. Auch ganz privat ist Cohen offen. Er schreibt an einem Weihnachtstag in sein Notizbuch: „Ich habe zu dem gebetet, um den es geht“. Erst seine tiefe Verwurzelung im Judentum macht dies möglich.

Cohen geht in den 2000er Jahren wieder auf Welt-Tournee. Seine Depressionen sind überstanden und die Notwendigkeit liegt auf der Hand. Während seines Klosteraufenthalts hat seine Vertraute und Managerin mehrere Millionen veruntreut. Seine letzte CD „You want it darker“ ist ein inniges, haderndes Gebet zu Gott. „Als würde die Sonne ihre Strahlen verlieren / und wir in endloser Nacht vegetieren / und es gäbe nichts mehr zu fühlen: / Genauso würde mir die Welt erscheinen, / gäbe es deine Liebe nicht.“ Cohen setzt sich mit dem Tod auseinander. Gerde hat er die Nachricht vom unheilbaren Blutkrebs von Marianne erhalten. Er schreibt ihr: „Liebste Marianne, ich bin ein kleines Stückchen hinter dir, nah genug, um deine Hand zu nehmen. Mein alter Körper hat aufgegeben, ganz so, wie es deiner getan hat, und es kann nur noch Tage dauern, bis der Räumungsbescheid abgeschickt wird. Ich habe deine Liebe und deine Schönheit nie vergessen.“

Uwe Birnstein hat uns für die Hintergründigkeit, für die Vielschichtigkeit und Gebrochenheit Leonhard Cohens die Augen geöffnet. Informativ, fesselnd, bewegend.

Kurt-Helmuth Eimuth

Uwe Birnstein, „Hallelujah“, Leomhard Cohen!132 S. Verlag Neue Stadt, 16.-

Frankfurter aus Afrika: Ein Buch erinnert an Jean Claude Diallo

„Jean-Claude Diallo – Ein Frankfurter aus Afrika“, 264 Seiten, erschienen im Nomen Verlag

Der Buchtitel hätte nicht besser gewählt werden können. „Ein Frankfurter aus Afrika“ zeichnet ein buntes Mosaik eines ungewöhnlichen Menschen mit einer unglaublichen Biographie; fest verwurzelt in seinem Geburtsland Guinea, wo Jean Claude Diallo in einer kurzen Phase des demokratischen Aufbruchs Minister wurde, sowie in Frankfurt, wo er als erster Schwarzafrikaner die Position eines Stadtrats und Dezernenten für Integration übernahm. Im Evangelischen Regionalverband leitete er den Fachbereich für Ökumene und Ausländerarbeit. In einem von Diallos Ehefrau Barbara Gressert-Diallo herausgegebenen Buch kommen jetzt zahlreiche Weggefährt:innen des 2008 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Psychologen zu Wort.

Die vielen unterschiedlichen Perspektiven lassen nicht nur ein lebendiges Bild des Menschen Diallo entstehen, sie zeigen auch sein großes Netzwerk. Als Student bricht Diallo auf, um in Europa zu studieren. Doch bald wird er eingeholt von den Vorgängen in seinem Heimatland Guinea. Diktator Sékou Touré brach damals die Beziehungen zu zahlreichen westeuropäischen Ländern ab, und die Studenten mussten 1971 die BRD verlassen und sich in Rom versammeln, wie Diallos Studienfreund Ansoumane Camara berichtet. Es ist spannend nachzulesen, wie er die Zeit dort verbrachte, schließlich in der Schweiz studierte und schon damals sich eine Gruppe Guineer um ihn versammelte. Man kann sich gut vorstellen, wie die Studentenbude zum Treffpunkt wurde.

Durch Zufall hörte Jean Claude Diallo 1980 im Radio davon, dass die Evangelische Kirche in Frankfurt einen Psychologen für die Arbeit mit politisch Geflüchteten in ihrem Psychosozialen Zentrum (PSZ) suchte. So kam er nach Frankfurt und begann seine Laufbahn beim Evangelischen Regionalverband. 1984 ging er allerdings nach dem Tod von Touré, nach 15 Jahren im Exil, erst einmal zurück nach Conakry, in die Hauptstadt Guineas. Dort lernte er den neuen Staatschef Lansana Conté kennen und wurde noch im selben Jahr zum Staatssekretär, später zum Minister für Information und Kultur ernannt. Malte Rauch berichtet über ein aufregendes Filmprojekt damals mit Diallo. Nicht nur in die politische Situation wird Einblick gewährt, sondern auch in die soziale Lage eines der ärmsten Länder der Welt. Trotz Haus und Dienstwagen war die finanzielle Absicherung für die Familie damals nicht gesichert, wie Barbara Gressert-Diallo sich erinnert: „Unsere Bemühungen, ein ruhiges und normales Leben zu führen, wurden immer wieder durch nicht vorhersehbare Ereignisse unterbrochen.“ Mit 300 DM Ministergehalt kam man selbst in Guinea nicht weit.

Victor Pfaff beschreibt in dem Buch den Rücktritt vom Ministeramt und die fluchtartige Rückkehr nach Deutschland. Der Anwalt für Flüchtlingsfragen hatte Diallo damals in Afrika besucht. Er schreibt: „Jean Claude hatte zwei Eigenschaften in das Amt mitgebracht, die unter den gegebenen Bedingungen völlig fehl am Platze waren: Er war Gestalter und er war unbestechlich. Vor allem das Letztere erwies sich als lebensgefährlich.“ Nach beruflicher Tätigkeit in Düsseldorf übernahm Diallo bald die Leitung des PSZ in Frankfurt, später dann Leitung des Fachbereichs Ökumene und Ausländerarbeit des Evangelischen Regionalverbandes, zu dem zahlreiche Bildungs- und Therapieeinrichtungen gehörten. Seine damalige Stellvertreterin Angelika Berghofer-Sierra erinnert sich: „Er entschied nicht über die Köpfe der Mitarbeitenden hinweg. Häufig lagen vor Entscheidungen lange Diskussionsprozesse.“

Auch am Main mischte sich der Frankfurter aus Afrika politisch ein. Ab 1997 gehörte er als Stadtrat und Dezernent für Integration dem Magistrat der Stadt an. Jutta Ebeling, Bürgermeisterin und Bildungsdezernentin nennt Diallo „einen Glücksfall für die Stadt“. Und weiter: „Er war das intellektuelle wie sinnlich anschauliche Symbol für eine Politik der Multikulturalität.“

Einen tiefen Einblick in das Familienleben gewähren in dem Buch die vier Kinder. Ob Riten oder die ausgedehnten Urlaubsfahrten: Jean Claude Diallos Leben hatte viele Facetten, eben auch die des Familienvaters. Er legte Wert auf Rituale. So bat er kurz vor seinem Tod zu einem gemeinsamen Essen in intimer Runde. „Wenn man seinen christlichen Glauben kannte und seinen traditionellen Glauben kannte, wusste man: Da schwingt jetzt ein wenig Motivationstrainer kombiniert mit einer Prise Übersinnlichem mit.“

Die Offenheit für Neues zeigte sich auch in Diallos Mitgliedschaft bei den Freimaurern. Seinem Sohn David gegenüber begründete er sie so: „Weißt du, diese Treffen tun mir so gut. Einmal nur unter Männern zu sein ist etwas anderes, es ist für mich erholsam und entspannend.“

Neben diesen und weiteren Berichten von Menschen, die Diallo kannten, enthält das Buch auch Texte von Diallo selbst, die belegen, für welche Ideale er gekämpft hat. Besonders beeindruckend ist ein Beitrag mit dem Titel „Der Mann aus der Zelle 18“ über die Entwürdigung und Folterung eines politisch Verfolgten.

In dem Erinnerungsband wird die ganze Bandbreite von Diallos Leben ausgebreitet, ohne ihn zu glorifizieren. Diallo nahm die Herausforderungen des Lebens an und behielt seine Ideale fest im Blick. Dabei verbreitete er eine von Lebensfreude durchdrungene Atmosphäre. Wenn er freundlich lächelnd in seinen afrikanischen Gewändern über die Flure des Dominikanerklosters, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, schritt, spürte man etwas von seiner gewinnenden Persönlichkeit.

Für alle, die ihn kannten, wird beim Lesen dieses Buches vieles wieder in Erinnerung gerufen. Aber es ist auch lesenswert für die, die ihn nicht kannten. Denn nicht nur ein Leben wird hier lebendig, sondern auch gesellschaftliche Spannungen und Konflikte, die sich gar nicht so sehr von den heutigen unterscheiden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Geschichten von Menschen auf der Straße

Franz Schubert/Wilhelm Müller/Stefan Weiler, Deutsche Winterreise. Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits. CD mit Booklet, 82 Minuten, 16 Euro.

Mit seinem Musikprojekt „Deutsche Winterreise“ gibt Stefan Weiler authentischen Einblick in das Leben obdachloser Menschen.

weimal war Stefan Weiler mit seinem Programm „Deutsche Winterreise“ auch in Frankfurter Kirchen zu Gast. Er hat sich mit Menschen ohne festen Wohnsitz getroffen, ihre Geschichten gehört und gesammelt. Textfragmente aus diesen Gesprächen hat er dann mit dem Liederzyklus Schuberts Winterreise und mit Gedichten von Wilhelm Müller verwoben.

Herausgekommen ist eine Collage über das Leben in Obdachlosigkeit, ohne Pathos, ohne Klagen und durchaus mit Witz. Hier werden Lebensschicksale lebendig: „Ich sitze vor dem Fallmanager. Er managt wie ich falle“, erzählt einer. Weilers „Winterreise“ erzählt von verlorener Liebe, verletzten Gefühlen, von Geld, Tod, psychischer Krankheit, Arbeitslosigkeit und Armut. Und von einer vergleichsweise reichen Gesellschaft, die sich trotzdem Armut und Ausgrenzung leistet.

Die Textfragmente zeigen, wie schnell man in Obdachlosigkeit geraten kann. Mietrückstände, Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Krankheit und in Folge auch Schnaps zerstören die bürgerliche Lebensplanung. Auch Vorurteile über das Leben ohne Dach über dem Kopf werden korrigiert. „Man denkt ja immer, Weihnachten sei das mit der Obdachlosigkeit und Armut besonders schlimm. Das stimmt gar nicht. Schlimm ist es im April, wenn sich kein Mensch und keine Zeitung mehr für dich interessiert. Oder im Juli, wenn jeder denkt, wir hätten es ja jetzt hübsch warum und romantisch – so arbeitslos und lässig im Park. Im Sommer, wenn sich wirklich keiner mehr für dich interessiert, dann ist eigentlich Eiszeit.“

Ein bitter-süßer Einblick in eine fremde Welt, garniert mit sanften Klaviertönen. Die Produktion von „speak low“ wurde von hr2-Kultur ausgezeichnet. Wer einen authentischen Einblick in diese fremde Welt gewinnen will, der darf sich auch mal wieder eine CD kaufen.

kurt-Helmuth Eimuth