Tag Archiv für Jugend

Freizeitheim „Haus Heliand“ vor der Insolvenz gerettet

von Kurt-Helmuth Eimuth

29. August 2022

In nur einem halben Jahr hat das Evangelische Jugendwerk knapp 157.000 Euro an Spenden eingeworben und so sein Freizeitheim Haus Heliand in Oberursel-Oberstedten vor dem Aus bewahrt. Und es wird weiter gesammelt, etwa bei einem Benefiz-Konzert von „Duo Camillo“ am 15. Oktober in Frankfurt-Eschersheim.

Haus Heliand in Oberursel ist seit Generationen ein Freizeitheim für die evangelische Jugend in Rhein-Main. | Foto: Ralf Dreher

Haus Heliand ist für viele Menschen aus der evangelischen Kirche eine „Marke“ mit vielen Erinnerungen. Es ist ein Ort, an dem Jugendliche seit Generationen besondere Ferien, Fortbildungen, Spiel und Spaß erlebten. Getragen wird das Haus vom Evangelischen Jugendwerk.

Das Freizeitzentrum, in dem etwa 65 Prozent aller Belegungen von kirchlichen Gruppen gebucht werden, war vor einigen Monaten in seiner Existenz gefährdet. Corona steht als Ursache hier an erster Stelle. Aufgrund der Lockdown-Vorgaben musste Haus Heliand knapp zwölf Monate geschlossen bleiben. Zusätzlich brachten neue Brandschutzauflagen und die dringend notwendige Erneuerung der defekten Heizung das Freizeitzentrum ins Schlingern. Doch die Leitung des Hauses konnte sich über eine äußerst flexible Reaktion und schnelle Hilfe freuen.

Ehemalige Mitarbeiter:innen, die längst dem Jugendalter entwachsen und in alle Himmelsrichtungen verstreut sind, wurden von vier früheren EJW-Verantwortlichen nach mühseliger Adresssuche angeschrieben. Bei der ausgerufenen „Aktion 1000“ wurden 100 Spender:innen gesucht, die jeweils 1000 Euro für Haus Heliand zur Verfügung stellen sollten, aber auch kleinere Spenden waren willkommen. Ergebnis: 156.810 Euro von 282 Spender:innen wurden im Zeitraum vom 1. September 2020 bis 28. Februar 2021 eingeworben. Davon allein von EJW-Ehemaligen und -Freund:innen etwa 135.000 Euro. Die restliche Summe kam von Kirche, Kommunen, Banken, Stiftungen und Sportlern.

Harald Stenger, über zwei Jahrzehnte in der Frankfurter Kirche aktiv, als Kirchenvorsteher, ehrenamtlicher EJW-Mitarbeiter und auch als Redakteur des „Evangelischen Frankfurt“, war in seinen beruflichen Stationen als FR-Sportjournalist und danach als Pressesprecher der Fußball-Nationalmannschaft immer auch ein Gesicht der Kirche. Und so war er ansprechbar und einer der Ideengeber für die Spendenaktion. Stenger freut sich über den Erfolg: „Aktuell waren die von uns in dieser Höhe nicht erwarteten Ehemaligen- und Freundes-Spenden enorm wichtig, um die kurzfristig gefährdete Liquidität zu sichern und die drohende Insolvenz abzuwenden. Staatliche Zuschüsse haben uns dabei ebenfalls geholfen.“ Eine weitere wichtige Einnahmequelle in den Stunden der Krise: Ein Kindergarten, dessen Räume umgebaut wurden, wurde kontaktiert und mietete Haus Heliand daraufhin im Jahr 2021 für acht Monate..

Doch trotz aller Aufbruchstimmung durch die finanzielle und ideelle Unterstützung vieler Ehemaliger, bewegt sich das Freizeitheim des EJW, das zuletzt auch Ukraine-Flüchtlingen eine vorübergehende Heimat bot, weiterhin in einem schwierigen Umfeld. Und damit sind nicht nur die Inflation und die Energiekostenexplosion gemeint.

Das Reiseverhalten hat sich verändert, auch unabhängig von Corona. Waren in den 1970er- und 1980er-Jahren Urlaub und kirchliche Freizeiten für Kinder- und Jugendgruppen im Ausland etwas Besonderes, so sind sie heute eine Selbstverständlichkeit. Auch die Klassenfahrten der Abiturjahrgänge gehen eher nach Spanien, als ins Allgäu oder gar in den Taunus.

Längst hat die Kirche ihre Tagungs- und Freizeitheime der geringen Nachfrage angepasst. So hat der Evangelische Regionalverband vor vielen Jahren seine Häuser im Taunus und im Spessart aufgegeben. Einzig das Frankfurter Haus auf Spiekeroog blieb erhalten. Und auch die hessen-nassauische Landeskirche hat im vergangenen Herbst aus finanziellen Gründen die Aufgabe der Jugendburg Hohensolms bei Wetzlar und die Umwandlung der Jugendbildungsstätte in Höchst im Odenwald beschlossen, nachdem sie schon lange stark bezuschusst worden waren. Als Grund werden die mangelnde Auslastung und anstehende kostenintensive Sanierungsmaßnahmen angegeben. Hinzu komme der demografische Wandel: Weniger Jugendliche benötigen eben eine geringere Kapazität an Jugendfreizeitheimen.

Das Haus Heliand soll diesem Trend jedoch nicht zum Opfer fallen. Das als eigenständiger Verein organisierte Evangelische Jugendwerk, das in zahlreichen Kirchengemeinden im Rhein-Main-Gebiet evangelische Jugendarbeit verantwortet und in diesem Sommer für 415 Kinder und Jugendliche mit 125 ehrenamtlichen Teamer:innen Freizeiten quer durch Deutschland und Europa veranstaltete, hat ganz bewusst nach den Corona-Herausforderungen als Motto ausgegeben: „Haus Heliand hat eine Zukunft!“ Pfarrer Manfred Senft, einer der Ehemaligen, die die „Aktion 1000“ mitinitiierten, stellt dazu fest: „Kinder und Jugendliche brauchen einen Ort, wo sie Gemeinschaft erleben und sich gut aufgehoben fühlen, Für das EJW ist Haus Heliand in diesem Sinne immer ein Ort des Segens gewesen, und das soll so bleiben.“

Tatsächlich sind 2022 die Buchungen und Reservierungen in einer Gesamthöhe von 14.571 Gästen fast wieder auf dem Vor-Corona-Niveau angelangt. Ob für die Schulungen und Treffen des Werkes, für Freizeiten von Konfirmandengruppen und Schulklassen – das in unmittelbarer Nähe von Frankfurt und doch in der Natur gelegene Haus Heliand soll weiterhin eine attraktive Adresse für alle sein. Zumal die Preise in dem traditionsreichen und doch modern gebliebenen Haus moderat sind. So kostet die Übernachtung für jede Gruppe bei Vollverpflegung je nach Alter zwischen 38,50 Euro und 47,20 Euro.

Zufrieden stellt Detlev von Ramm, seit Juni der neue Vorsitzende des als Trägerverein von Haus Heliand aktiven Freundeskreises der Evangelischen Jugend, fest: „Die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind wieder stabil, bisher wird der ausgeglichene Etatplan für 2022 eingehalten.“

Erste Amtshandlung des neuen Vorstands war im Blick auf die Energiekrise der Beschluss zur Anschaffung einer Photovoltaik-Anlage. Aber solche Investitionen sind nur mit weiteren Spenden zu machen. Einnahmen erhofft man sich auch aus dem Benefizkonzert des Duo Camillo am 15. Oktober, 19.30 Uhr, in der Andreasgemeinde in Eschersheim, Kirchhainer Straße 12. Eintritt 15 Euro. Spenden für das Haus Heliand sind möglich an den Freundeskreis Evangelischer Jugend DE17 5206 0410 0604 1024 10.

Unsere Jugend in den 1960/70ern

Das Telefon trug ein Telefonschloss und einen Samtmantel. Die Gespräche kosteten Geld im Zeittakt und doch gab es das jugendliche Bedürfnis nach Kommunikation. So gesehen hat sich nicht viel geändert. Doch Schule und das politische Erwachen prägten die Jugend nicht nur von Conny&Kurt sondern sie prägten eine ganze Generation.

Zwei von drei Jugendlichen finden Glauben unwichtig

von Kurt-Helmuth Eimuth 18. November 2019

Dass Jugendliche sich vom Glauben entfernen, liegt vor allem daran, dass in den Familien keine religiösen Traditionen mehr gepflegt werden. Die Kirche kann das nicht kompensieren.

Laut aktueller Shell-Studie sinkt die religiöse Bindung von  Jugendlichen in Deutschland rapide. | Foto: Alexis Brown / unsplash.com
Laut aktueller Shell-Studie sinkt die religiöse Bindung von Jugendlichen in Deutschland rapide. | Foto: Alexis Brown / unsplash.com

Laut der jüngsten Shell-Studie hat der Glaube sowohl für katholische wie auch für evangelische Jugendliche erheblich an Bedeutung verloren. Nur noch 39 Prozent der katholischen und 24 Prozent der evangelischen Jugendlichen sagen, dass ihnen der Glaube wichtig sei. Das lässt befürchten, dass sich der Trend zu immer mehr Kirchenaustritten von Menschen in der Familiengründungsphase weiter verstärken wird. Bereits jetzt tritt etwa ein Viertel aller Getauften im Alter zwischen 25 und 35 Jahren aus der Kirche aus.

Muslimische Jugendliche hingegen sagen zu 73 Prozent, dass ihnen der Gottesglaube wichtig sei. Allerdings ist in ihrem Fall die Religion häufig eingebunden in die Kultur des Herkunftlandes ihrer Eltern und Großeltern und wird nicht mit einer ihnen fremd gewordenen Institution wie der Kirche in Verbindung gebracht. Eine Studie der Tübinger Universität kommt tatsächlich zu einem differenzierteren Bild. Danach beten auch drei von vier christlichen Jugendlichen, sie verstehen das aber als eine lediglich individuelle Praxis.

Frankfurts Stadtjugendpfarrer Christian Schulte sieht als zentrale Ursache für die Distanziertheit der Jugendlichen zum Glauben den Traditionsabbruch, vor allem bei jungen Familien. „Wenn es nicht mehr selbstverständlich ist, zu Hause zu beten, wird dieser Wunsch auch in den Kindern und Jugendlichen nicht Raum greifen können.“ Es fehle häufig an Sprachfähigkeit in Glaubensdingen. Deshalb will Schulte den Glauben für Jugendliche wieder erlebbar machen, zum Beispiel mit Projekten wie dem Konficamp, wo alle Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Frankfurt für einige Tage gemeinsam wegfahren.

Das Evangelische Jugendwerk Hessen (EJW) bemängelt, dass die Angebote der Kirche für Jugendliche oft nicht relevant seien. „Jugendliche gehen nicht freiwillig in normale Gottesdienste.“ Es brauche mehr anschauliche, humorvolle und alltagstaugliche Formate sowie Personen, die Glaubensinhalte mit Inhalten vermitteln, die eine direkte Relevanz für das Leben junger Menschen haben – „sozusagen Glaubens-Influenzer“.

Das Ansehen der Kirche wird laut Shell-Studie von der Mehrheit der Jugendlichen immer noch positiv bewertet. Aber Glaube verbreitet sich nicht durch „die Kirche“, sondern vor allem durch persönliche Begegnungen. Es ist fast unmöglich, abgebrochene Familientraditionen zu ersetzen. Vor allem Großeltern spielen eine wichtige Rolle, wenn sie mit Kindern beten oder ihnen Geschichten aus der Bibel erzählen. Genau diese Tradition ist aber bereits seit zwei Generationen abgerissen. Die Kirche kann diesen Ausfall der Familie als religiöse Sozialisationsinstanz nicht kompensieren. Sie erreicht ja ohnehin nur die, die über Kindergärten oder Jugendgruppen überhaupt mit ihr in Kontakt kommen.

Klimaschutz braucht Bildung

von Kurt-Helmuth Eimuth 5. März 2019

Es ist gut, dass junge Leute sich für den Klimaschutz engagieren. Ja, mag man der Jugend zurufen, bleibt dran, es geht um eure Lebensgrundlage. Engagiert euch weiter, aber vernachlässigt nicht eure Bildung, denn der bedrohte Planet braucht mehr denn je kluge Menschen mit Weitblick.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Nicht nur die Kanzlerin zollt der Jugend ihren Respekt. Die Initiative „Fridays for Future“ löst allseits Anerkennung für eine Genaration aus, der es nicht egal ist, wie sie in dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren leben wird. In ihrem Videopodcast sagte Angela Merkel: „Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“ Endlich beteiligt sich die Jugend an Politik, formuliert klar ihre Interessen und hält der Generation der Herrschenden und Mächtigen den Spiegel vor.

In das Gefühl der Freude mischt sich doch beim genaueren Nachdenken Skepsis. Muss denn während der Unterrichtszeit demonstriert werden? Klar, was ist denn eine versäumte Mathe-Stunde gegen die Erderwärmung, was ist eine verpasste Bio-Stunde gegen das Artensterben? Aber es geht ja nicht um die einmalige Teilnahme an Demos, sondern um den regelmäßigen Protest am Freitagvormittag.

Vor 100 Jahren wurde die Schulpflicht in der heutigen Form mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung eingeführt. Zuvor konnte man sich dem Schulbesuch durch angeblichen oder tatsächlichen Unterricht in privaten Schulen oder gar Zuhause entziehen, denn es gab nur eine „Bildungspflicht“. Das Bundesverfassungsgericht hat die Schulpflicht in zwei Beschlüssen 2003 und 2006 inhaltlich unterstrichen: „Die Pflicht zum Besuch der staatlichen Grundschule dient dem legitimen Ziel der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags und ist zur Erreichung dieses Ziels geeignet und erforderlich“ Es gehe dabei, so das Gericht, nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um „die Heranbildung verantwortlicher Staatsbürger, die gleichberechtigt und dem Ganzen gegenüber verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft sollen teilhaben können.“

Die Bedeutung der Schulpflicht auch in der Abwägung zu ehrenwerten übergeordneten Zielen gesamtgesellschaftlicher Art betont ausdrücklich das Hessische Schulgesetz. Es sei ein nicht ausreichender Entschuldigungsgrund, wenn Schülerinnen und Schüler an einer Demonstration teilnähmen. Dies sei auch keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, wird in dem Gesetz betont.

Ganz unabhängig von Gesetzen und Gefühlen muss doch bilanziert werden, dass die Schulpflicht der Garant für die Bildung der Bevölkerung ist. Und Bildung ist die entscheidende Ressource Deutschlands. Bildung ist aber auch die Grundlage zur Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels. Ja, mag man der Jugend zurufen, bleibt dran, es geht um eure Lebensgrundlage. Engagiert euch weiter, aber vernachlässigt nicht eure Bildung, denn der bedrohte Planet braucht mehr denn je kluge Menschen mit Weitblick.

Salafismus: Es geht um Gefühle, nicht um die Lehre

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 7. Juli 2014

Große Aufregung in Frankfurt: Ein Jugendhaus schließt, weil Salafisten eine Mitarbeiterin bedrohen. Der Träger, die AWO, wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Und wer hat schon in einer solchen Situation ein Patentrezept? Wie soll man mit diesem Phänomen umgehen?

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser

Weitgehende Ratlosigkeit allerorten. Aus dem Sozialdezernat hört man, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verstärkt geschult werden sollen. Man möchte die Mitarbeiterschaft informieren und sensibilisieren. Gut so. Der Träger will verstärkt mit Moschee-Gemeinden zusammenarbeiten und einen interreligiösen Dialog organisieren. Ein gewaltiger Schritt für einen säkularen Träger. Anerkennenswert.

Aber es wird immer noch so getan, als sei das Phänomen ein Problem des Islam. Ja, es gibt Fundamentalisten im Islam. Die Salafisten sind eine dieser Gruppen. Allerdings ist nicht jeder Fundamentalist gewaltbereit oder wird sogar Terrorist.

Dass fundamentalistische Gruppen für ihre Weltsicht werben, ist ein Phänomen, das seit den 1970er Jahren bekannt ist. Damals versuchten Organisationen wie etwa die Krishna-Bewegung oder die Scientology-Organisation, die auch als „Jugendreligionen“ bezeichnet wurden, hierzulande Fuß zu fassen. Aufklärung half damals, und hilft sicher auch heute.

Humanistische Religion, autoritäre Religion

Doch kein Jugendlicher sucht eine Ideologie. Es war der Frankfurter Psychologe Erich Fromm, der damals die Unterscheidung zwischen humanistischer und autoritärer Religion vornahm.

Autoritäre Religion sei gekennzeichnet durch die Vorstellung, dass eine höhere Macht Anspruch auf Verehrung und Anbetung, aber auch auf Gehorsam der Menschen habe. Wesentliches Element der autoritären Religion sei die Unterwerfung unter eine jenseitige Macht, die allerdings meisten von einem irdischen Führer direkt ausgeübt werden könne.

Bei der humanistischen Religion hingegen, so Fromm, bestehe das religiöse Erlebnis „in der Empfindung des Einsseins mit dem All, gegründet auf die Beziehung zur Welt.“ Selbstverwirklichung, nicht Unterwerfung, wolle der Mensch in dieser Art von Religion erreichen: „Die vorwiegende Stimmung ist Freude, während sie in autoritären Religionen in Kummer und Schuldgefühl besteht.“

Sozialform ist unabhängig von der Dogmatik

Ob eine konkrete Sozialform von Religion in diesem Sinne autoritär oder humanistisch ist, ist also völlig unabhängig von der Dogmatik, die darin gilt. Autoritäre Religionserscheinungen gibt es in sämtlichen Weltreligionen.

Jugendliche suchen Geborgenheit, Halt, Anerkennung und Sicherheit. Dass der Salafismus unter Jugendlichen Erfolg hat, ist kein theologisches sondern ein soziales Problem. Es geht um Gefühle, nicht um die Lehre. Erst wenn diese Jugendlichen in eine Kultur eingebettet sind, die ihnen Sicherheit gibt, wird sich das Problem wirklich lösen. Schule, Jugendarbeit aber vor allem das Elternhaus sind hier gefragt.

Bis dahin bleibt nur die Aufklärung. Sie ist jedoch ein schwaches Mittel, wenn das Gefühl der Anerkennung fehlt.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 7. Juli 2014 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe 2014/4 – Juli, Web.

Distanz von Jugendlichen zur Kirchengemeinde ist normal

von Kurt-Helmuth Eimuth 12. Mai 2013

Nach der Konfirmation tauchen die meisten jungen Leute nur noch selten in der Kirchengemeinde auf. Was läuft da falsch? Nichts!

Party in der Jugendkulturkirche Sankt Peter – vielleicht ein Ort, wo Jugendliche auch nach der Konfirmation den Kontakt zur Kirche behalten können. Denn in den Gemeinden sind sie dann meist kaum noch anzutreffen. Foto: Rolf Oeser
Party in der Jugendkulturkirche Sankt Peter – vielleicht ein Ort, wo Jugendliche auch nach der Konfirmation den Kontakt zur Kirche behalten können. Denn in den Gemeinden sind sie dann meist kaum noch anzutreffen. Foto: Rolf Oeser

Drei Pfarrer haben das gleiche Problem: Fledermäuse im Glockenturm! Sagt der erste: „Ich habe es mit Ausräuchern probiert, jetzt stinkt die Kirche und die Fledermäuse sind alle schon wieder zurück.“ Sagt der zweite: „Ich habe es mit Kanonendonner probiert, das Ergebnis war, dass die Fledermäuse wieder da sind, und ich habe einen Hörschaden.“ Sagt der dritte: „Meine Fledermäuse sind weg: Ich habe sie erst getauft und dann konfirmiert!“

Ein alter Witz, ein altes Problem: Nach der Konfirmation tauchen die meisten jungen Leute nur noch selten in der Gemeinde auf. Was läuft da falsch? Die Entwicklungspsychologie sagt: Nichts! Die evangelische Konfirmation, die auf den in Straßburg wirkenden Reformator Martin Bucer zurückgeht und erstmals 1539 in der hessischen „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“ formuliert wurde, ist ein Passageritus. Als solcher markiert die Konfirmation zwar heute in Westeuropa nicht mehr den Übergang vom Kind zum Erwachsenen wie noch im 18. Jahrhundert, als sich die Konfirmation in Deutschland flächendeckend durchsetzte. Aber es ist doch ein Lebenseinschnitt. Den Heranwachsenden wird nun mehr Entscheidungsspielraum zugebilligt und zugemutet.

Gerne nehmen die Jugendlichen das an. Sie wollen jetzt ihre eigenen Erfahrungen machen, Unbekanntes ausprobieren – und lehnen sich folgerichtig gegen das Alte auf. Allerdings gibt es durchaus Verbesserungsbedarf. Die Evangelische Kirche in Deutschland stellte kürzlich selbstkritisch fest: „Viele Jugendliche gewinnen nicht den Eindruck, dass die Kirche Antworten auf die Fragen hat, die für ihr eigenes Leben wirklich relevant sind.“

Trotz organisatorischer Schwierigkeiten durch die Ausweitung des Schulunterrichts auf den Nachmittag sind der Konfirmandenunterricht und die Konfirmation immer noch zentrale Bestandteile evangelischen Lebens. Mit dem nötigen Grundwissen und der Erfahrung des Konfirmandenunterrichts ausgestattet kann auch eine spirituelle Suchbewegung beginnen.

Doch diese Suche wird meist außerhalb der Heimatgemeinde stattfinden – und das ist auch nicht schlimm. Ob es nun die Mitwirkung in einem Gospelchor ist oder die Lan-Party in der Jugendkulturkirche oder auch eine zeitweilige Distanz zu kirchlichen Angeboten generell, ist egal. Erfolgreicher Konfirmationsunterricht zeigt sich nicht in der Größe gemeindlicher Jugendgruppen, sondern darin, ob die Basis für die spätere Lebensbewältigung an Stabilität gewonnen hat. Und dafür lohnt sich jede Mühe.

Kirchenvorstände zum Mitbestimmen

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 22. Oktober 2014

Mitbestimmung muss man einüben. Nur so kann der abstrakte Begriff „Demokratie“ auch mit Leben gefüllt werden. Die evangelische Kirche hat jetzt einen weiteren Schritt getan: In den neuen Kirchenvorständen, die im kommenden Frühjahr gewählt werden, können erstmals auch Jugendliche mitarbeiten.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser

Schon immer zeichnet sich der Protestantismus durch ein klares demokratisches Kirchenprinzip aus. Ausgehend von der reformatorischen Überzeugung des „Priestertums aller Gläubigen“ haben nicht Pfarrer und Pfarrerinnen das letzte Sagen, sondern vielfältige Gremien, in denen in der Regel die Ehrenamtlichen in der Mehrheit sind. Im deutschlandweiten Vergleich ist die hessen-nassauische Kirche noch einmal besonders demokratisch geprägt. Ihr erster Kirchenpräsident war der NS-Widerstandskämpfer Martin Niemöller. Aus der Erfahrung mit einem autoritären Staat heraus war es ihm wichtig, die Kirche strikt von unten her aufzubauen.

Momentan sind viele Gemeinden in Frankfurt auf der Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten für die Kirchenvorstandswahlen am 26. April 2015. Der Kirchenvorstand ist das oberste Leitungsorgan jeder Gemeinde. Je nach Gemeindegröße besteht er aus sechs bis zwanzig Personen plus den Pfarrern und Pfarrerinnen. Er entscheidet über die Finanzen, vertritt die Gemeinde in rechtlichen Dingen, trägt die Mitverantwortung für Seelsorge und Gottesdienstgestaltung und beschließt sämtliche Personalangelegenheiten, auch bei einer Neubesetzung der Pfarrstelle.

Der Kirchenvorstand wählt außerdem Delegierte für die Synode des Frankfurter Stadtdekanats, und diese wiederum entsendet Delegierte in die Synode der Landeskirche, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). In diesen Kirchenparlamenten wird über überregionale Belange entschieden, wobei zahlreiche Ausschüsse und Kommissionen in diese Entscheidungen einbezogen werden. Das ist zwar mühsam und zuweilen auch langwierig, allerdings können so auch keine Alleingänge einzelner „Kirchenfürsten“ passieren. Die Finanzhaushalte von Gemeinde, Dekanat und Landeskirche werden zudem öffentlich ausgelegt.

Wer teilhaben will an den Entscheidungen der evangelischen Kirche, sollte also für den Kirchenvorstand kandidieren. Und genauso braucht Partizipation Wählerinnen und Wähler. Auch bei der Kirchenvorstandswahl gilt darum: Wählen gehen!

Der Übergang zu etwas Neuem

Konfirmation und was dann? Oft wünschen sich Pfarrer und Pfarrerinnen oder auch die Eltern, dass die Jugendlichen nach der Konfirmandenzeit weiter in der Kirche aktiv bleiben. Doch dies klappt, trotz vieler attrak tiver Angebote, in den wenigsten Fällen.
Früher erfüllte die Konfirmation einen klaren gesellschaftlichen Zweck: Jungen und Mädchen wurden zunächst im Katechismus unterwiesen und dann in die Gemeinde aufgenommen. Die Konfirmation stand also für den Übergang vom Kindes- in das Erwachsenenalter. Sie ist ein so genannter „Passageritus“, bei dem die feierlich gekleideten Kinder mit einem Rosmarinsträußchen am Kragen aus der Schule „ins Leben hinaus konfirmiert“ wurden. Das zeigte sich zum Beispiel in einer neuen Kleiderordnung: Von nun an trugen die Jungen lange Hosen, die Mädchen die ersten Schuhe mit höheren Absätzen, in ländlichen Gebieten durften sie zum ersten Mal die ortsübliche Tracht der Ledigen anziehen. Und: Seit der Konfirmation wurde man mit „Sie“ angesprochen.
Für die Paten war der Übergang vom Kind zur Frau oder zum Mann oft teuer: mit Goldschnitt verzierte Bibeln, fein gestickte Hemden oder auch lebende Tiere, die den Grundstock für das spätere Auskommen bilden sollten, gab es als Geschenk. Noch immer gehören Geschenke zur Konfirmation – auch wenn es heute nicht mehr die Ziege ist. Und es gibt ein großes Fest: In manchen Gemeinden konfirmiert man inzwischen sogar samstags. Das entfernt zwar die Konfirmation von der Gemeinde, ist aber enorm praktisch für die große Familienfeier.
Doch die Konfirmandinnen und Konfirmanden werden immer jünger und die Ausbildung junger Menschen dauert immer länger. Deshalb markiert dieser Passageritus heute in den allermeisten Fällen nicht mehr den Eintritt in das Berufsleben, sondern fällt mit einer anderen Lebensphase zusammen: der Pubertät. Die Konfirmation ist also zwar immer noch ein öffentliches Signal dafür, dass die Kindheit nun vorbei ist. Aber das heißt nicht mehr, dass man dann erwachsen ist. Gerade zu dieser Entwicklungsphase der Pubertät gehört nämlich die Absetzbewegung von allem, was etabliert ist. Jugendliche mit 13, 14 Jahren wollen anders sein als die Erwachsenen, sie kleiden sich anders, haben „null Bock“, wollen eigene, neue Wege finden. In dieser Lebensphase hat es die Kirche als etablierte Institution extrem schwer.
Es kommt deshalb gar nicht so sehr darauf an, die jungen Leute nach der Konfirmation irgendwie in der Kirche zu halten. Wichtiger ist, ihnen Raum zu geben für ihre Suche nach einem eigenen Lebensstil. Evangelische Jugendhäuser sind zum Beispiel solche Orte. Wenn junge Menschen nach der Konfirmation erst einmal auf Distanz gehen, heißt das nicht, dass sie aus der Kirche „hinauskonfirmiert“ werden. Denn viele junge Erwachsene engagieren sich nach einer Zeit der Distanz später doch wieder.
Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt: Juni 2003 · 27. Jahrgang · Nr. 4