Archiv für Interview

Vom Umgang mit dem Männer-Krebs

Leben & Alltag

von Kurt-Helmuth Eimuth 26. Juli 2021

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 60.000 Männer an Prostatakrebs. Und plötzlich spielt im Leben anderes eine Rolle als bisher. Auch dem Theologen und Berater Wolfgang Weinrich ist das so gegangen. In seinem neuen Buch lässt er andere an seinen Erkenntnissen teilhaben.

Wolfgang H. Weinrich: Sex geht jetzt anders. Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs. Books on Demand, 91 Seiten, 16,80 Euro (E-Book 8,49 Euro).
Wolfgang H. Weinrich: Sex geht jetzt anders. Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs. Books on Demand, 91 Seiten, 16,80 Euro (E-Book 8,49 Euro).

Männer werden nicht krank. Jedenfalls ihrem eigenen Gefühl nach. Auch Wolfgang Weinrich war so ein Mann. Bis zur Diagnose Prostatakrebs hielt er sich für „unkrankbar“ – mit diesem Wort beschreibt der Theologe diese Haltung. Er war der Macher, der kreative Kopf für die Kommunikationsprojekte der hessen-nassauischen Landeskirche. Er organisierte Auftritte beim Hessentag, erfand eine Lichtkirche und ein neues Kirchen-Logo, das Facettenkreuz. Dann ging er frühzeitig in den Ruhestand, um in aller Freiheit neu Projekte zu planen. Und dann das: Prostatakrebs.

Männer gehen nicht zur Vorsorge, jedenfalls nicht so häufig. Kein Wunder, dass ihn der Urologe fragte, warum er nicht schon früher gekommen sei – doch ist es müßig, darüber weiter nachzudenken. Die Situation bedurfte einer radikalen Änderung, nicht nur des Alltags, sondern auch der inneren Einstellung. Wolfgang Weinreich krank. Das passte nicht zum Selbstbild. Er musste sich zurückziehen. Meist in seinen Sessel. Zum Nachdenken. Auch über so Fragen wie: „Was war in meinem Leben und ist es jetzt vorbei? Es gibt viele Abschiedsmomente in so einer Situation“, erinnert sich Weinrich.

An seinem Glauben hat er allerdings nicht gezweifelt. Er, der sich schon von Berufs wegen mit dem Tod auseinandergesetzt hat, war vertraut mit der Frage: Warum gerade ich? „Das ist Schicksal“, sagt Weinrich. „Gott ist nicht der, der direkt in mein Leben hineingeht. Es kann halt jedem Menschen passieren.“ Geholfen haben ihm viele Gespräche, auch mit Ärzten. Ergebnis eines langen Prozesses: „Ich will leben. Ich werde weiter leben. Punkt.“

Nach Weinrichs Beobachtung ist die größte Sorge bei Männern die vor Inkontinenz und Impotenz. „Aber man kann lernen, damit umzugehen, und das macht auch Spaß.“ Offen spricht Weinrich über diese Tabuthemen und wundert sich, dass nur für Inkontinenzeinlagen bei Frauen geworben wird. Dabei ist das auch bei Männern ein Problem, insbesondere nach Prostataoperationen. Beckenbodenübungen beispielsweise auch, zur Stärkung der Schließmuskulatur.

Inzwischen ist Weinrich wieder zurück im Leben, unterwegs mit seiner Band und auch mit Lesungen: Über seinen Kampf mit dem Krebs hat er ein Buch geschrieben. Locker, fast fröhlich, aber auch mit aller Ernsthaftigkeit berichtet er darin von Zweifeln, Arztgesprächen und Reha. Erstaunlicherweise gibt es Reaktionen von vielen Frauen auf sein Buch. Sie sagen: „Gut, dass Du darüber sprichst. Wie kann ich denn mit meinem Mann umgehen, denn er spricht nicht darüber, auch nicht mit mir.“ Für alle Männer hat Weinrich aber nur eine Empfehlung: „Mann, geh‘ zur Vorsorge.“

Wolfgang H. Weinrich
Sex geht jetzt anders
Persönliches und Versöhnliches vom MännerKrebs
ISBN 9783 752 689 143
WolfgangWeinrich.de

Weniger Pfarrstellen, mehr Teamarbeit: die Kirche in 2030 – Das Interview

Propst Oliver Albrecht (links) im Gespräch mit Kurt-Helmuth Eimuth.
Propst Oliver Albrecht (links) im Gespräch mit Kurt-Helmuth Eimuth.

von Kurt-Helmuth Eimuth 28. Mai 2021

Bis zum Jahr 2030 wird die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) laut aktuellen Prognosen 300.000 Mitglieder verlieren, das ist ein Fünftel ihrer derzeitigen Stärke. Ein Reformprozess unter der Überschrift „ekhn 2030“ will nun die Strukturen entsprechend anpassen.

Noch im laufenden Jahrzehnt sollen die Ausgaben der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) von derzeit 700 Millionen Euro im Jahr auf 560 Millionen reduziert werden. Aber wo sparen? Es gelte, gemeinsam herauszufinden, „was wir weiter tun wollen, was wir neu beginnen wollen und was seine Zeit gehabt hat und nicht mehr weitergeführt werden soll“, sagt Kirchenpräsident Volker Jung.

Geld ist dabei aber nicht das einzige Problem. Die Zahl der Pfarrstellen wird bis 2030 sogar überproportional schrumpfen, von derzeit 1.600 auf 1.000, was vor allem an einer großen bevorstehenden Pensionierungswelle und fehlendem Nachwuchs liegt. Unter dem Stichwort „Professionenmix“ sollen daher in Zukunft auch andere Berufe eine stärkere kommunikative Rolle übernehmen, etwa Pädagogen und Kirchenmusikerinnen. Die Zeit der „traditionellen Pfarrherrlichkeit“ sei ohnehin vorbei, sagt Propst Oliver Albrecht.

Kita-Leiterin Birte Hansen: „Die Tests bringen etwas Sicherheit in den Alltag“

von Kurt-Helmuth Eimuth 3. März 2021

Birte Hansen leitet die ökumenische Kita Kaleidoskop im Frankfurter Mertonviertel. | Foto: Rolf Oeser
Birte Hansen leitet die ökumenische Kita Kaleidoskop im Frankfurter Mertonviertel. | Foto: Rolf Oeser

Erzieher:innen gehören während der Corona-Pandemie zu den am meisten infektionsgefährdeten Berufsgruppen. Doch so langsam bessert sich die Situation – durch regelmäßiges Testen und die Aussicht auf baldige Impfungen. Ein Interview mit der Kita-Leiterin Birte Hansen.

Frau Hansen, Sie leiten die ökumenische Kita Kaleidoskop im Mertonviertel. In Ihrem Team herrschte große Angst vor Infektion. Wie haben Sie Ihr Team geschützt?

Ich habe bereits Anfang Februar Tests gekauft. Eine Mutter, die Ärztin ist, testet uns einmal die Woche. Psychologisch hatte das einen Supereffekt für‘s Team. Ob ich die Tests bezahlt bekomme, ist unklar. Aber das ist mir auch egal.

Ihr Team ist jetzt beruhigt?

Beruhigt vielleicht nicht, aber es hat die Stimmung extrem verbessert. Die Tests bringen etwas Sicherheit in den Alltag.

Wie arbeiten Sie im sogenannten eingeschränkten Regelbetrieb?

Wir haben das Konzept über den Haufen geschmissen und arbeiten jetzt in festen Gruppen. Sowohl die Kinder als auch die Erzieherinnen sind fest zugeordnet.

Eine Abkehr von Ihrem pädagogischen Konzept der offenen Arbeit?

Es ist eben ein Kompromiss. Wir wollen für die Kinder da sein. Dieses Setting beruhigt auch die Erzieherinnen, da sie jetzt nur mit 20 statt mit 60 Kindern arbeiten. Das ist kein Optimum, weder was unsere pädagogische Überzeugung betrifft, noch in epidemiologischer Hinsicht. Aber andere Lösungsansätze finden wir derzeit nicht. Es ist kein großer Unterschied zur vorherigen Notbetreuung, denn da war das Haus fast so voll wie jetzt. Dass es keine Regelung gab, wer Anspruch hat, war schlecht.

Ist die jetzige Regelung zufriedenstellend?

Ich sehe auch, was die Kinder für eine Last haben, wenn sie ihr soziales Leben nicht leben können. Das ist nicht gesund. Bisher hatten wir nur zwei Corona-Fälle bei Kindern in der Einrichtung. Wir hatten also Glück.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Gut, dass wir jetzt geimpft werden können. Lasst es doch zu, dass Impfärzte in die Einrichtung kommen und wir nicht einzeln in das Impfzentrum müssen.

„Mir geht es darum, dem Phänomen Religion gerecht zu werden“

Dreißig Jahre lang hat Meinhard Schmidt-Degenhard die Sendung „Horizonte“ im Hessenfernsehen moderiert, nun lief die letzte Sendung, und Ende September geht der 59-Jährige in Altersteilzeit. Kurt-Helmuth Eimuth hat ihn zum Abschied interviewt.

Sie haben im Hessenfernsehen dreißig Jahre lang Sendungen zu religiösen Themen verantwortet und moderiert. Was hat sich in den drei Jahrzehnten verändert?

Abgenommen hat die Bedeutung von ‚Kirche‘ für das gesellschaftliche Miteinander hierzulande, aber auch für das je persönliche Leben; gewachsen ist hingegen die Bedeutung von Religion für das politische und soziale Miteinander auf diesem Planeten. Die These vom allmählichen Verschwinden der Religion, der wir in den achtziger Jahren erlegen sind, trifft nicht zu: Religion ist global nie wirklich zurückgegangen! Wir Menschen in der westlichen Welt sind spätestens durch die Ereignisse um 9/11 daran erinnert worden, dass Religion eine entscheidende und treibende Kraft ist für das menschliche Zusammenleben. Meine Grundthese nach 30 Jahren: „Du kannst die Welt nicht verstehen ohne die Religion(en) – ohne um das zu wissen, was die Menschen zu ihrem Gott erklären.“

Geht es heute nicht um das Miteinander der Religionen?

Mir geht es bei alldem zunächst darum, dem Phänomen Religion gerecht zu werden. Das, was diesen Planeten durcheinanderwirbelt, kann ich nicht begreifen, wenn ich nicht um das weiß, was den Menschen heilig ist. In einem zweiten Schritt versuche ich das Gespräch zwischen den Religionen zu verstehen: Was läuft da gerade ab? Welche Themen kristallisieren sich heraus? Wir Journalisten sind kritische Beobachter des Dialogs oder de facto des Trialogs der Religionen. Die Kernfrage lautet schlicht: Wenn’s denn einen Gott gibt, dann kann es doch eigentlich nur einen geben … oder? Wie aber dann umgehen mit den realen kulturellen Unterschiedlichkeiten? Was kann man daraus lernen, um das globale wie lokale Miteinander besser zu verstehen?

Sie gehören keiner Kirche an. Das ist ungewöhnlich für einen Kirchenredakteur.

Das hat zugegeben eine Menge frommer Geister verwirrt – kann ich sogar verstehen. Für mich war es eine persönliche Entscheidung. Das heißt aber nicht, dass Religion für mich keine Rolle spielt: Die Ebene der Transzendenz, die religiös-philosophischen Fragen sind mir für mein Leben unverzichtbar. Aber je mehr ich mich – auch beruflich bedingt – bei aller kritischen Sympathie mit dem Phänomen ‚Kirche‘ beschäftigt habe, umso mehr bin ich auf Distanz gegangen.

Die Kirchen sind privilegiert. Auch in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, beispielsweise mit einer Kirchenredaktion. Ist das noch zeitgemäß?

Wenn wir in die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems schauen, so stellten sich die Kirchen für die Alliierten nach 1945 als wichtige Vertrauenspartner dar. Sie galten, wenn auch nicht immer zu recht, als jene Institutionen, die in den Jahren der Nazi-Diktatur Horte des Widerstands waren. In den Jahren des demokratischen Wiederaufbaus kam den Kirchen wie den öffentlich-rechtlichen Anstalten qua Gesetz eine besondere Bedeutung haben. Rundfunkpolitisch waren und sind (!) die Kirchen einflussreiche Player. Aber beide Institutionen – Kirche wie öffentlich-rechtlicher Rundfunk – müssen zugleich einen immensen Vertrauensverlust vergegenwärtigen, müssen sich selbstkritisch auf die Ursachen hin befragen. Unsere Programmarbeit hat sich in den vergangenen Jahren geöffnet, weg von explizit kirchlichen hin zu allgemein religiösen, religionspolitischen Themen, aber auch hin zu muslimischen Partnern. Aber de facto sind die Kirchen immer auch noch privilegierte Lobbyisten im Rundfunk, in diesem Land – das prägt schon die Republik. Die Kirchen tun gut daran, darüber nachzudenken, ob all diese gesellschaftlichen Privilegien noch gerechtfertigt sind, wenn die Zahl der Kirchenmitglieder eines Tages unter 50 Prozent sinkt – und dieser Tag ist absehbar. Auf der anderen Seite möchte ich als Journalist aber auch der Gesellschaft die Frage stellen: Was wird das für eine Gesellschaft sein, in der die Kirchen keine oder nur noch eine geringere Bedeutung haben? Wie steht es um die soziale Realität, um den ethisch-moralischen Diskurs in der Gesellschaft, wenn wir die Institutionen der Kirchen nicht mehr haben, egal wie auch immer wir ihre Privilegien beurteilen?

Sie haben in der Sendung im Wesentlichen den Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft, zwischen Gesellschaft und Philosophie dargestellt und nicht die Berichterstattung über Kirche.

Die Medienforschung hat uns nüchtern gezeigt, dass die Menschen ganz selten an Themen aus dem direkten kirchlich-religiösen Leben interessiert sind. Ob und welche der großen Kirchen mal wieder einen Finanz-Fehler begangen hat, ob es in Limburg oder Nordhessen mal wieder einen Skandal gibt … oder auch nicht – das nutzt sich ab, hat kein wirkliches Erregungspotenzial mehr. Was die Menschen tief drinnen interessiert, sind die Grundfragen unseres Zusammenlebens, die Grundfragen unserer individuellen wie kollektiven Existenz. Und da kommen wir rasch an die religiösen Grundfragen heran, an das, was wirklich zählt im Leben. Die Kirchenkrisen sind nicht das Problem unserer Zeit – es geht letztlich um die Gotteskrise: Wie buchstabieren die Menschen heute die religiösen Fragen? Was stellen sie sich unter dem Synonym ‚Gott‘ vor? Wie sind Wissenschaft und tradierter Glaube vereinbar?

Was raten Sie den Kirchen angesichts des Traditionsabbruchs und einer verstärkt säkular aufwachsenden Generation?

Den Menschen auch intellektuell ernstnehmen! Es führt kein Weg vorbei an der  Aufklärung – konkret das Kant’sche Quartett: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Und da sind wir mitten drin in den existentiell berührenden Fragen. Und diese Fragen erst einmal nur auszuhalten statt mit frommen Phrasen daherzukommen, kann den Kirchen und somit den Menschen nutzen.

Und was machen Sie jetzt nach dem Ausscheiden aus dem Hessischen Rundfunk?

Ich habe jetzt recht früh mit 59 Jahren aufgehört, dank der Möglichkeiten, die der HR mir bot. Aber ich habe aufgehört, um Neues zu beginnen. Ich werde in den nächsten Jahren mit Stiftungen und Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten, als Moderator, aber auch als Coach und Interviewtrainer. Und das Thema Religion bleibt in jeder Hinsicht mein Lebensthema.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 18. August 2016 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe 2016/5 – September, Web.

„Familien brauchen Rückhalt – unabhängig von ihrer Form“

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 28. Juli 2015

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung ist einer der Vorkämpfer für die kirchliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften. Das ist nicht einfach nur dem Zeitgeist geschuldet, sondern dahinter stehen theologische Überlegungen über die Grundlagen des christlichen Familienbildes und die Auslegung der Bibel. Kurt-Helmuth Eimuth befragte ihn zu den Details. 

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Kirchenpräsident Volker Jung. Foto: EKHN

Herr Kirchenpräsident, Sie gehören zu den Verfassern der Orientierungshilfe Familie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dieses Papier hat Furore gemacht, da hier nicht nur Vater, Mutter, Kind als Familie gesehen werden?

Die Orientierungshilfe nimmt zunächst die Wirklichkeit von Familien in Deutschland in den Blick. Und die zeigt: Es gibt inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Formen des familiären Zusammenlebens. Dazu gehören die sogenannte „klassische“ Familie ebenso wie das kinderlose Ehepaar, das Verwandte pflegt, und das gleichgeschlechtliche Paar, das in einer eingetragenen Partnerschaft mit Kindern lebt, und manches mehr. Es ist ein Grundanliegen der Orientierungshilfe zu sagen, dass Familien gesellschaftlichen Rückhalt brauchen – unabhängig davon, in welcher Form Familie gelebt wird.

Die Ehe als “göttliche Stiftung” und traditionelle Geschlechterrollen lassen sich nicht biblisch begründen?

Es gibt eine lange theologische Tradition, in der aus der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und der Rollenzuschreibung aus neutestamentlichen Texten die Ehe mit traditionellen Geschlechterrollen gleichsam als „göttliche Ordnung“ begründet wurde. Das lässt außer Acht, dass die biblischen Vorstellungen selbst zeitbedingt sind, und andere Texte über diese Rollenmuster hinausweisen. Außerdem hat sich unsere Wahrnehmung – insbesondere der homosexuellen Prägung von Menschen – verändert. Biblisch begründen lässt sich aber sehr wohl, dass es in Ehe und Familie darum geht, dass Menschen dauerhaft, verbindlich, verlässlich, partnerschaftlich und gerecht Verantwortung füreinander übernehmen.

Welche Formen von verlässlicher Beziehung kennt die Bibel?

In der Bibel finden wir ganz unterschiedliche Familienkonstellationen. Da wird von den Urvätern erzählt, dass sie mehrere Frauen hatten. Und es reicht hin bis zum Hausstand, in dessen Zentrum Mann und Frau stehen, zu dem aber auch Sklaven gehören. Auch die Ehelosigkeit wird gewürdigt und gewissermaßen eingefügt in den Zusammenhalt von Gemeinden. Das alles zeigt: Es kann nicht darum gehen, zeitbedingte Formen in den Rang einer überzeitlichen Norm zu erheben.

Und Homosexualität? Ist die in der Bibel nicht verpönt?

Homosexualität wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament in den wenigen Stellen, in denen davon die Rede ist, klar abgelehnt. Das ist sicher ein Grund dafür, warum Homosexualität lange als Krankheit oder Sünde betrachtet wurde. Es war ein langer Weg zu erkennen, dass Homosexualität eine Prägung von Menschen ist, die nicht veränderbar ist, und dass es sehr wohl möglich ist, diese sexuelle Veranlagung – wie auch die heterosexuelle – zwischen gleichberechtigten Partnern verantwortlich zu leben. Auch hier geht es darum zu erkennen, dass die Bibel in zeitbedingten Sichtweisen nicht normativ sein kann. Sie ist aber normativ darin, dass Menschen in allem, was sie tun, Verantwortung haben und einander nicht schaden dürfen.

Welche Funktion hat Familie in einer erweiterten Form heute noch für die Gesellschaft?

Es bleibt der wichtige Grundgedanke, dass verlässliche Partnerschaften und mit ihnen Familien nach wie vor für eine Gesellschaft außerordentlich wichtig sind. Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen verbindlich und dauerhaft füreinander da sind und füreinander sorgen. Heute geht es darum, dass der zu Recht gewährte besondere Schutz für Ehe und Familie über die traditionelle Form der Familie, die natürlich nach wie vor von vielen gern und gut gelebt wird, hinaus ausgeweitet wird.

Was brauchen Familien in ihrer vielfältigen Erscheinungsform heute?

Sie brauchen zunächst gesellschaftliche Akzeptanz und politische Anerkennung in all ihren Formen. Für mich ist gegenwärtig besonders der der Blick auf die Situation von Alleinerziehenden wichtig. Sie muss dringend verbessert werden – finanziell aber auch mit konsequent weiter ausgebauten Unterstützungs- und Betreuungsangeboten.

Die evangelische Kirche will Familien gerade im Bereich der Erziehung und Bildung stützen. Wie kann sie das?

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bietet selbst eine ganze Menge an: Von 600 Kindertagesstätten mit fast 40.000 Plätzen über vier Schulen in kirchlicher Trägerschaft und Familienbildungsstätten bis hin zur Unterstützung für  Familienzentren.

Die Orientierungshilfe fordert familienfreundliche Arbeitszeiten. Die Kirche ist selbst ein großer Arbeitgeber. Gibt es in der Kirche besondere Anstrengungen um diesen Anspruch umzusetzen?

Im Sommer 2015 ist die Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beispielsweise für ihr Engagement zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Berlin ausgezeichnet worden. Mit dem Stabsbereich Chancengleichheit versuchen wir dafür zu sorgen, dass wir uns hier weiterentwickeln. Aber wir müssen auch zugeben: da gibt es noch viel zu tun – in unseren Gemeinden und Einrichtungen in Kirche und Diakonie. Manches lässt sich aber auch nur verwirklichen, wenn die gesamte Gesellschaft sich hier verändert.

Nirgends wird die Solidarität der Generationen so sichtbar wie in der Familie. Wie können Kirchengemeinden dieses wahrnehmen und unterstützen.

Kirchengemeinden spielen mit ihren vielen Angeboten von der Krabbelgruppe bis zum Seniorenkreis schon jetzt eine ganz wichtige Rolle. Derzeit läuft mit der Diakonie zusammen eine spannende Initiative zur stärkeren Vernetzung von Hilfsmöglichkeiten vor Ort. Ziel des Projektes „Drin“, das wir mit drei Millionen Euro fördern, ist es, die Gemeinwesenarbeit zu stärken. Dazu gehört eben auch, Lebensbedingungen für Familien zu verbessern. Etliche Kirchengemeinden sind auch beim Aufbau von Familienzentren engagiert. Auch das unterstützen wir. Insgesamt geht es auch darum, noch mehr als bisher die unterschiedlichen Familienkonstellationen wahrzunehmen und ihnen vorurteilsfrei zu begegnen.

Die häusliche Pflege ist nicht nur gesellschaftlich notwendig, sondern intensiver Ausdruck der Verlässlichkeit von Beziehung. Doch gelegentlich überfordern sich die Pflegenden. Kann die Kirchengemeinde hier helfend tätig werden?

Eine menschenwürdige Pflege von älteren Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hier braucht es gute unterstützende Angebote. Es kommt auf ein gutes Zusammenspiel von Pflegediensten, ärztlicher Unterstützung und seelsorgerlicher Begleitung von Pflegebedürftigen und Pflegenden an. Kirchengemeinden können hier mithelfen, sie können aber bei weitem nicht alles leisten, was nötig wäre. Ganz wichtig ist auch hier, Möglichkeiten zu eröffnen, durch die Pflege und Beruf miteinander vereinbart werden können.

In der Orientierungshilfe wird auch die Schattenseite von Familie angesprochen: familiäre Gewalt.

Ja, das war eine wichtige Sichtweise, die vor allem Praktikerinnen immer wieder eingebracht haben. Dazu kam, dass die Arbeit an der Orientierungshilfe mit den großen Skandalen um sexuellen Missbrauch zusammenfielen. Die Vorsitzende der Ad-Hoc-Kommission Ehe und Familie, die ehemalige Bundesministerin Christine Bergmann, war in dieser Zeit Beauftragte der Bundesregierung für Opfer sexuellen Missbrauchs. Das hat uns noch einmal besonders sensibel auf die Gewaltproblematik schauen lassen. Dazu gehört, sich einzugestehen, dass Familie nicht immer ein idyllischer Hort des Friedens ist, sondern eben auch ein sehr konfliktreicher Ort und manchmal auch ein Ort entsetzlichen Leidens sein kann. Das nicht zu verheimlichen und mit den Schattenseiten offen umzugehen, war uns wichtig.

Familie stärkt die Gesellschaft, doch gleichzeitig sind Alleinerziehende von Armut bedroht. Wie kann hier umgesteuert werden?

Das ist ein besonders trauriges Kapitel. Die Armutsgefährdung in diesem Bereich ist seit Jahren erschreckend hoch, zumal alleinerziehende Frauen auch weit über dem Durchschnitt in Niedriglohnbereichen arbeiten. Hier hilft nur der konsequente weitere Ausbau von guten Betreuungsmöglichkeiten. In der Orientierungshilfe haben wir zudem die Hoffnung geäußert, dass der Mindestlohn vielleicht dazu beiträgt, die sogenannten Ein-Eltern-Haushalte künftiger weniger oft in die Armut abrutschen zu lassen.

Im Zusammenleben mit anderen Religionen und Kulturen begegnen uns auch andere Familientraditionen. Gerade der Umgang mit Homosexualität dürfte eher trennend wirken. Eine Herausforderung für die einheimische Gesellschaft?

Homosexualität ist ja schon innerhalb der christlichen Glaubensrichtungen und Traditionen ein heikles Thema. Natürlich spielt das auch beim Dialog mit anderen Religionen eine Rolle. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen friedvoll zu gestalten  ist eine große Zukunftsaufgabe. Dazu gehört auch, gute Wege zu finden, schwierige religiöse und kulturelle Fragen zu bearbeiten.

Familienpolitik ist längst nicht mehr “Gedöns”. Sie sei, so die Orientierungshilfe, ein wesentlicher Faktor für die allgemeine Wohlfahrt und den gesellschaftlichen Reichtum.

Es hat sich einiges getan. Aber meistens ist es in der politischen Praxis doch immer noch so, dass das Finanzministerium oder auch das Verteidigungsministerium anders beachtet wird als das Familienministerium. Eine gute Politik für die Menschen muss aber noch viel stärker von der Sozial- und Familienpolitik aus bestimmt sein als bisher. Die skandinavischen Länder haben hier eine führende Rolle. Und das hat ganz praktische Folgen – etwa in der größeren Bereitschaft, Kinder zu bekommen.

Diakonie und Kirche sollen Familie stark machen. Wie können sie das?

Wir können Familien stark machen, indem wir sie mit vielfältigen Angeboten unterstützen. Und auch dadurch, dass wir uns für eine andere politische Gewichtung der Familienpolitik einsetzen. Die Orientierungshilfe Familie versucht dies und hat gerade auch im politischen Raum eine bemerkenswerte Beachtung gefunden.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 28. Juli 2015 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe Web.

„Die harte Trennung von Staat und Kirche gefällt mir nicht“

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 28. Mai 2015

Oberbürgermeister Peter Feldmann will die Stadt sozialer gestalten. Dabei baut er auch auf die Kirchen. Ein Gespräch mit Kurt-Helmuth Eimuth.

Frankfurt: Interview Eimuth mit Peter Feldmann, dem Frankfurter Oberbürgermeister, in seinem Amtszimmer im Römer Foto aufgenommen am: 22.04.2015 Foto: Rolf Oeser

Oberbürgermeister Peter Feldmann im Gespräch mit Evangelisches Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Herr Oberbürgermeister, Sie haben bei mancher Gelegenheit betont, dass Sie selbst einmal Mitarbeiter des Evangelischen Regionalverbandes waren.

Das ist wahr. Und das war eine sehr gute Zeit, in der ich viel gelernt habe, gerade im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Es ging nicht um Sozialstatistiken oder Organigramme, sondern es ging um Menschen. Ich habe gelernt, dass Sozialarbeit immer ein Wertefundament braucht. Das trägt meine Arbeit bis heute.

Was erwarten Sie als Oberbürgermeister von der evangelischen Kirche?

Dass das Heimatgefühl, das ich damals als Mitarbeiter erlebt habe, nicht nur nach innen, sondern auch gesamtgesellschaftlich trägt. Das heißt, dass die Kirchen insgesamt zu ihrem Wertefundament stehen und es keinem allzu modernen Zeitgeist opfern sollten. Die Botschaft, die wir aus dem Weihnachtsfest mit der Nähe von Mensch zu Mensch mitnehmen, ist eine Aufgabe für das ganze Jahr.

Viele nehmen heute Religion als etwas wahr, das Unfrieden stiftet.

Die Religionen stehen ja erst einmal für Frieden. Schwierig sind nur die, die glauben, sie wissen alleine, wie der Weg zum Frieden auszusehen hat, die keine anderen Ansichten neben der eigenen gelten lassen Das bringt die Konflikte. Sobald zumindest im Umfeld der drei Buch-Religionen, Judentum, Christentum und Islam die Ur-Botschaft der zehn Gebote ernst genommen wird, sind harte, aggressive, gewalttätige Konflikte undenkbar.

Hier in Frankfurt haben wir ja den Rat der Religionen. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Das ist eine wunderbare Plattform für den gemeinsamen Diskurs. Ich wünsche mir allerdings mehr gemeinsame Auftritte der Konfessionen in den Kindergärten und Schulen. Damit die nächste Generation weiß, der Jude, der Muslim ist nicht der Feind, sondern auch einer der Guten. Das geht nur, wenn sich die zentralen Vertreter der Religionsgemeinschaften nicht scheuen, auch gemeinsam in Schulen zu gehen und sich gegenseitig unterstützen. Das hat große Symbolkraft. Da bin ich als Oberbürgermeister immer dabei.

Viele rufen aber nach einer stärkeren Trennung von Staat und Kirche.

Diese absolute Säkularität, diese harte Trennung, gefällt mir nicht. Ich finde es sehr schön, wenn beispielsweise der RMV gemeinsam mit den Kirchen für ein Weihnachtsticket wirbt. Das ist eine Zeit der Besinnung, da sollte man seine Familien und Freunde besuchen, das sollte nicht am Geld scheitern. Ich wünsche mir mehr Projekte dieser Art.

Soll der Sonntag als arbeitsfreier Tag weiter geschützt werden?

Absolut. Nicht nur als Sozialdemokrat und Gewerkschafter bin ich dafür. Das Gebot des siebten Tages soll nicht an die Seite gelegt werden.

Sie sind angetreten, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Das Thema ist endlich in unserer Stadt zum zentralen Thema geworden. Das hängt natürlich nicht alleine von mir ab. Aber ich bin schon sehr stolz, dass wir die Budgets der Stadt um hundert Prozent gesteigert haben. Geld baut noch keine Wohnungen, ist aber eine Grundlage dafür. Jetzt müssen wir alles tun, um die leidige Diskussion über leer stehenden Büroraum in konkrete Projekte einfließen zu lassen. In der Adickesallee im Februar dieses Jahres oder in der Hahnstraße in der Bürostadt Niederrad im März durfte ich jeweils einen „Baggerbiss“ machen. Baggerbiss bedeutet: Wir reißen Gewerberaum ab, um daraus Wohnraum zu machen!

Es gibt die ersten Projekte im Umland, wo wir auch gemarkungsübergreifend bauen und beispielsweise Studenten Wohnraum außerhalb Frankfurts anbieten. Aber auch mit unserer Nachbarstadt Offenbach sind wir einen Schritt nach vorne gekommen: Die Hafeninsel ist ein tolles Projekt unserer beider Städte.

Welche Pläne verfolgen Sie außerdem noch?

Ein Weg ist eine vorsichtige, sensible Verdichtung. Aber ich möchte auch nicht, dass jeder Hinterhof zugebaut wird. Deshalb trete ich für ein Wohngebiet im Frankfurter Norden ein. Unsere Grünflächen wollen wir nicht aufgeben, doch bei fünfundzwanzig Prozent agrarischen Flächen in der Stadt bestehen Möglichkeiten.

Die Stadt wird immer reicher, aber die Spaltung zwischen arm und reich wird immer größer. Sie haben die Kinderarmut als Skandal bezeichnet.

Ja, da bin ich sehr geprägt von meiner Jugendhauszeit beim Evangelischen Regionalverband. Wenn man erlebt, wie Kinder es empfinden, wenn Gleichaltrige mit besseren Berufs- oder Bildungschancen an ihnen vorbeiziehen, welches Erniedrigungsgefühl, manchmal auch Wut oder Hass daraus entsteht, weiß man, wovon ich spreche.

Bei fünfundzwanzig Prozent armen Kindern bleibt es eine zentrale Aufgabe der Stadt, daran etwas zu ändern. Kinderarmut ist aber auch Elternarmut. Eltern müssen Arbeit bekommen. Hier müsste die Arbeitsmarktpolitik eindeutigere Prioritäten setzen.

Es kommen 1600 Flüchtlinge im Jahr nach Frankfurt. Wie wollen Sie ihnen helfen?

Erst einmal ein großes Kompliment an die Kirchen, die uns beispielsweise mit der Unterbringung in der Gutleutkirche geholfen haben. Das beweist, welch wichtige Rolle die Kirchen in solchen konfliktreichen Situationen haben. Die Menschen, die herkommen, wollen auch Arbeit haben. Hier müssen wir bürokratische Hürden abbauen.

Dann müsste das Arbeitsverbot für Flüchtlinge doch aufgehoben werden.

Absolut. Da bin ich radikal. Wer arbeiten will, soll die Möglichkeit dazu bekommen.

Ihr Thema in diesem Jahr ist die älter werdende Gesellschaft. Warum?

Alles, was die Älteren heute erkämpfen, wird auch in jüngeren Generationen wirksam. Ich habe ein schönes Beispiel. Unsere Wohnungsbaugesellschaften wollen Haltegriffe oder automatisches Licht bei Neu- und Umbauten mit einplanen. Die erste Reaktion kam von Studenten, die das auch für sich ganz praktisch fanden.

Wir werden mit dem Deutschen Seniorentag Anfang Juli ein klares Zeichen setzen: Diese Stadt ist für Senioren nicht nur offen, sondern gehört ihnen auch.

Herr Oberbürgermeister, herzlichen Dank für das Gespräch.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 28. Mai 2015 in der Rubrik Menschen, erschienen in der Ausgabe 2015/3 – Mai, Web.

„So eine Art unregelmäßiges Verb“

Die Evangelische Akademie Frankfurt soll ein Ort sein, wo die Kirche mit gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch kommt, die ihr sonst eher fern stehen. Aber wie kann das funktionieren? Und welche Themen sind dabei wichtig? Fragen an den neuen Akademiedirektor Thorsten Latzel.

Von – 6. Mai 2013

„So eine Art unregelmäßiges Verb“

Die Evangelische Akademie Frankfurt soll ein Ort sein, wo die Kirche mit gesellschaftlichen Gruppen ins Gespräch kommt, die ihr sonst eher fern stehen. Aber wie kann das funktionieren? Und welche Themen sind dabei wichtig? Fragen an den neuen Akademiedirektor Thorsten Latzel.

Thorsten Latzel ist seit Februar Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt. Der 42 Jahre alte promovierte Theologe war zuvor im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover tätig. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Thorsten Latzel ist seit Februar Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt. Der 42 Jahre alte promovierte Theologe war zuvor im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover tätig. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Herr Latzel, willkommen in Frankfurt. Was gefällt Ihnen am besten in dieser Stadt?

Frankfurt ist eine quirlige Stadt – mobil, lebendig, pulsierend. In ihr ist viel in Bewegung: Menschen, aber auch Ideen, Geld. Sie ist ein Knotenpunkt für die Region und weit darüber hinaus.

Aus einer Fusion der Stadtakademie Römer 9 und der Akademie Arnoldshain ist die neue Evangelische Akademie Frankfurt geworden. Sie sind der neue Direktor. Was haben Sie sich vorgenommen?

Die evangelische Kirche entwickelt die Idee der Akademien weiter, indem sie in die Metropole hineingeht und den Puls einer Stadt wie Frankfurt fühlt. Als erstes setzen wir den Fusionsprozess der beiden Einrichtungen fort. Zweitens steht das große Projekt an: Umbau des Gebäudes am Römerberg. Hier soll neuer Raum geschaffen werden, um gemeinsam mit anderen an der Zukunft von Kirche, Gesellschaft, Stadt zu arbeiten. Dazu gehören viele konzeptionelle Fragen: Welche Themen sollen wir fortführen, welche neu aufnehmen? Welche Formate braucht es? Wie können wir auch solche Zielgruppen erreichen, die prägend für die Gesellschaft sind, aber keinen besonderen Bezug zur Kirche haben?

Können Sie da von der katholischen Kirche lernen? Sie hat ja mit dem „Haus am Dom“ einen Punkt in dieser Stadt gesetzt.

Wir sind froh, dass es das „Haus am Dom“ als Kooperationspartner gibt, mit dem wir in einem engen Austausch stehen. Da können wir voneinander und auch miteinander lernen. Denn die Frage, wie wir als Kirche andere Zielgruppen erreichen, ist eine dauerhafte Frage. Insofern sind wir sehr froh, wenn wir Partner haben.

Heißt das, die Akademie wendet sich an Gruppen, die die evangelische Kirche derzeit nicht so gut erreicht, die Gebildeten, die Erfolgreichen, die, die in der Gesellschaft den Ton angeben?

Akademiearbeit ist ein spezielles Feld von Kirche. Unsere Aufgabe ist es, als eine Art „unregelmäßiges Verb“ der Kirche an der Grenze zur Gesellschaft zu agieren. Wir kommunizieren mit wichtigen Zielgruppen über Gegenwarts- und Zukunftsfragen: Wie können wir in Zukunft leben? Was braucht es angesichts der großen Transformation, die sich gegenwärtig in allen sozialen Bereichen vollzieht? Was können wir von evangelischer Seite dazu beitragen? Aber auch andersherum: Was können wir als Kirche von anderen lernen? Ich würde nicht sagen, dass die Erfolgreichen unsere Zielgruppe sind, sondern die Menschen, die zu diesen Fragen etwas beizutragen haben und an Verantwortungspositionen sitzen. Dazu gehören genauso junge Menschen wie Künstler, Politiker, Wissenschaftler. Ein buntes Spektrum von ganz unterschiedlichen Menschen.

Neue Erzählformen und Wahrnehmungen

Was sind denn die Themen? Die klassischen Themen wie soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, oder an was denken Sie noch?

Gewisse Themen stellen sich schon mit dem Standort. Frankfurt heißt natürlich: Thema Wirtschaft. Wie kann eine Form von Wirtschaften aussehen, die wirklich dauerhaft verlässlich ist und zur sozialen Gerechtigkeit beiträgt? Frankfurt heißt auch: Thema „Stadt“, Zukunft von Mobilität, Wohnen, öffentlichem Raum. Ein weiteres Schlüsselthema ist natürlich der Bereich Religion: Interreligiosität, das Zusammenleben der Religionen. Aber auch die Frage nach einer „öffentlichen Theologie“ ist wichtig. Was haben wir von unserem Glauben her beizutragen zu den großen Zukunftsthemen? Wie kommt Gott da eigentlich ins Spiel? Dafür ist es nötig, neu an der Sprachfähigkeit christlichen Glaubens zu arbeiten.

Wie könnte denn eine solche Sprache aussehen?

Predigten finden bei den Gemeinden einen guten Anklang. Trotzdem haben wir ein Imageproblem. Wir sind stark präsent in einigen sozialen Gruppen, in anderen gibt es häufig nur ein Außenbild. Lernen können wir mit Sicherheit von anderen kulturellen Bereichen – Stichwort Film etwa. Hier haben wir in der Akademie eine große Tradition, um von neuen Erzählformen und Wahrnehmungen zu lernen. Predigten sind keine kleinen Vorträge mehr, sondern arbeiten mit Schnitten, Sequenzen, Symbolen.

Wo will sich die Akademie in dieser Stadt einmischen?

Frankfurt ist eine Bürgerstadt und lebt davon, dass man sich ständig einmischt. Das wollen wir gut „frankfurterisch“ tun. Religion ist nicht eine Behinderung von Zusammenleben, sondern eine Ermöglichung. Wir wollen das in den verschiedenen sozialen Diskursen einbringen. Wir erreichen je nach Thema, nach Format ganz unterschiedliche Zielgruppen. Das Grundziel ist es dabei, das Gemeinwesen zu stärken.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir hatten vor kurzem eine Ausstellung zum Thema „Der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß“. Da haben wir sehr stark die iranische Community und die Künstlerszene erreicht, weil es eine iranische Künstlerin war. Anders ist dies etwa bei den Veranstaltungen zu unseren aktuellen Schwerpunktthemen Europa und Freiheit.

Römer 9, dieser prominente Standort am Römerberg, soll ausgebaut werden.

Römer 9 ist ja ein Torhaus, ein 50er Jahre-Haus, sehr transparent mit viel Licht. Es ist ein schwebendes Haus zwischen Himmel und Erde. Die Umbaupläne zielen darauf, das Haus als einen öffentlichen Ort für lebendige Diskurse auszubauen. Dazu werden unterschiedliche Räume geschaffen, damit wir verschiedene Formate von Veranstaltungen anbieten können. Auch müssen die Mitarbeitenden der beiden bisherigen Einrichtungen ausreichend Büroraum finden.

In der Umbauphase wollen Sie ja mobil arbeiten. Auf was können wir uns da einstellen?

Da verraten wir noch nicht alles. Aber es wird eine Form sein, wo das Thema „Raum“ eine wichtige Rolle spielt. Raum ist eines der Schlüsselthemen in der Metropole – Stichwort Pendlerbewegungen, Wohnungsknappheit, Veränderung von öffentlichen und kulturellen Räumen. Wir nutzen die Umbauphase, um mit anderen in einer Art Stadt-Odyssee neue kulturelle Räume zu entdecken. Zudem finden längere Formate weiterhin in Arnoldshain statt.

Wann wird gebaut?

Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr starten und dann 2015 wieder einziehen können. Unser Bürositz in der Interimszeit wird in der Eschersheimer Landstraße 567 sein.

Beitrag von , veröffentlicht am 6. Mai 2013 in der Rubrik Kultur, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

Herr Latzel, willkommen in Frankfurt. Was gefällt Ihnen am besten in dieser Stadt?

Frankfurt ist eine quirlige Stadt – mobil, lebendig, pulsierend. In ihr ist viel in Bewegung: Menschen, aber auch Ideen, Geld. Sie ist ein Knotenpunkt für die Region und weit darüber hinaus.

Aus einer Fusion der Stadtakademie Römer 9 und der Akademie Arnoldshain ist die neue Evangelische Akademie Frankfurt geworden. Sie sind der neue Direktor. Was haben Sie sich vorgenommen?

Die evangelische Kirche entwickelt die Idee der Akademien weiter, indem sie in die Metropole hineingeht und den Puls einer Stadt wie Frankfurt fühlt. Als erstes setzen wir den Fusionsprozess der beiden Einrichtungen fort. Zweitens steht das große Projekt an: Umbau des Gebäudes am Römerberg. Hier soll neuer Raum geschaffen werden, um gemeinsam mit anderen an der Zukunft von Kirche, Gesellschaft, Stadt zu arbeiten. Dazu gehören viele konzeptionelle Fragen: Welche Themen sollen wir fortführen, welche neu aufnehmen? Welche Formate braucht es? Wie können wir auch solche Zielgruppen erreichen, die prägend für die Gesellschaft sind, aber keinen besonderen Bezug zur Kirche haben?

Können Sie da von der katholischen Kirche lernen? Sie hat ja mit dem „Haus am Dom“ einen Punkt in dieser Stadt gesetzt.

Wir sind froh, dass es das „Haus am Dom“ als Kooperationspartner gibt, mit dem wir in einem engen Austausch stehen. Da können wir voneinander und auch miteinander lernen. Denn die Frage, wie wir als Kirche andere Zielgruppen erreichen, ist eine dauerhafte Frage. Insofern sind wir sehr froh, wenn wir Partner haben.

Heißt das, die Akademie wendet sich an Gruppen, die die evangelische Kirche derzeit nicht so gut erreicht, die Gebildeten, die Erfolgreichen, die, die in der Gesellschaft den Ton angeben?

Akademiearbeit ist ein spezielles Feld von Kirche. Unsere Aufgabe ist es, als eine Art „unregelmäßiges Verb“ der Kirche an der Grenze zur Gesellschaft zu agieren. Wir kommunizieren mit wichtigen Zielgruppen über Gegenwarts- und Zukunftsfragen: Wie können wir in Zukunft leben? Was braucht es angesichts der großen Transformation, die sich gegenwärtig in allen sozialen Bereichen vollzieht? Was können wir von evangelischer Seite dazu beitragen? Aber auch andersherum: Was können wir als Kirche von anderen lernen? Ich würde nicht sagen, dass die Erfolgreichen unsere Zielgruppe sind, sondern die Menschen, die zu diesen Fragen etwas beizutragen haben und an Verantwortungspositionen sitzen. Dazu gehören genauso junge Menschen wie Künstler, Politiker, Wissenschaftler. Ein buntes Spektrum von ganz unterschiedlichen Menschen.

Neue Erzählformen und Wahrnehmungen

Was sind denn die Themen? Die klassischen Themen wie soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, oder an was denken Sie noch?

Gewisse Themen stellen sich schon mit dem Standort. Frankfurt heißt natürlich: Thema Wirtschaft. Wie kann eine Form von Wirtschaften aussehen, die wirklich dauerhaft verlässlich ist und zur sozialen Gerechtigkeit beiträgt? Frankfurt heißt auch: Thema „Stadt“, Zukunft von Mobilität, Wohnen, öffentlichem Raum. Ein weiteres Schlüsselthema ist natürlich der Bereich Religion: Interreligiosität, das Zusammenleben der Religionen. Aber auch die Frage nach einer „öffentlichen Theologie“ ist wichtig. Was haben wir von unserem Glauben her beizutragen zu den großen Zukunftsthemen? Wie kommt Gott da eigentlich ins Spiel? Dafür ist es nötig, neu an der Sprachfähigkeit christlichen Glaubens zu arbeiten.

Wie könnte denn eine solche Sprache aussehen?

Predigten finden bei den Gemeinden einen guten Anklang. Trotzdem haben wir ein Imageproblem. Wir sind stark präsent in einigen sozialen Gruppen, in anderen gibt es häufig nur ein Außenbild. Lernen können wir mit Sicherheit von anderen kulturellen Bereichen – Stichwort Film etwa. Hier haben wir in der Akademie eine große Tradition, um von neuen Erzählformen und Wahrnehmungen zu lernen. Predigten sind keine kleinen Vorträge mehr, sondern arbeiten mit Schnitten, Sequenzen, Symbolen.

Wo will sich die Akademie in dieser Stadt einmischen?

Frankfurt ist eine Bürgerstadt und lebt davon, dass man sich ständig einmischt. Das wollen wir gut „frankfurterisch“ tun. Religion ist nicht eine Behinderung von Zusammenleben, sondern eine Ermöglichung. Wir wollen das in den verschiedenen sozialen Diskursen einbringen. Wir erreichen je nach Thema, nach Format ganz unterschiedliche Zielgruppen. Das Grundziel ist es dabei, das Gemeinwesen zu stärken.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir hatten vor kurzem eine Ausstellung zum Thema „Der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß“. Da haben wir sehr stark die iranische Community und die Künstlerszene erreicht, weil es eine iranische Künstlerin war. Anders ist dies etwa bei den Veranstaltungen zu unseren aktuellen Schwerpunktthemen Europa und Freiheit.

Römer 9, dieser prominente Standort am Römerberg, soll ausgebaut werden.

Römer 9 ist ja ein Torhaus, ein 50er Jahre-Haus, sehr transparent mit viel Licht. Es ist ein schwebendes Haus zwischen Himmel und Erde. Die Umbaupläne zielen darauf, das Haus als einen öffentlichen Ort für lebendige Diskurse auszubauen. Dazu werden unterschiedliche Räume geschaffen, damit wir verschiedene Formate von Veranstaltungen anbieten können. Auch müssen die Mitarbeitenden der beiden bisherigen Einrichtungen ausreichend Büroraum finden.

In der Umbauphase wollen Sie ja mobil arbeiten. Auf was können wir uns da einstellen?

Da verraten wir noch nicht alles. Aber es wird eine Form sein, wo das Thema „Raum“ eine wichtige Rolle spielt. Raum ist eines der Schlüsselthemen in der Metropole – Stichwort Pendlerbewegungen, Wohnungsknappheit, Veränderung von öffentlichen und kulturellen Räumen. Wir nutzen die Umbauphase, um mit anderen in einer Art Stadt-Odyssee neue kulturelle Räume zu entdecken. Zudem finden längere Formate weiterhin in Arnoldshain statt.

Wann wird gebaut?

Wir hoffen, dass wir in diesem Jahr starten und dann 2015 wieder einziehen können. Unser Bürositz in der Interimszeit wird in der Eschersheimer Landstraße 567 sein.

Beitrag von , veröffentlicht am 6. Mai 2013 in der Rubrik Kultur, Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .

„Nur wenige lehnten den NS-Staat ab“

„Nur wenige lehnten den NS-Staat ab“

Vor 80 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt. Jürgen Telschow hat die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die evangelische Kirche in Frankfurt untersucht. Ein Interview.

Herr Telschow, Sie haben über den „Kirchenkampf“ in Frankfurt geforscht. Um was ging es denn dabei?

Wenn man den Begriff traditionell verwendet, ging es um eine Auseinandersetzung innerhalb der evangelischen Kirche zwischen den „Deutschen Christen“, die der Ideologie des Nationalsozialismus folgten, und einer kirchlichen Richtung, die sich „Bekennende Kirche“ nannte. Sie bestand auf einer theologischen und organisatorischen Eigenständigkeit gegenüber dem NS-Staat. Damit wird aber eigentlich verdeckt, dass meines Erachtens der Gegner der Bekennenden Kirche gar nicht die Deutschen Christen waren, sondern der NS-Staat. Die Bekennende Kirche hat zwar an einem ganz entscheidenden Punkt der Gleichschaltung widerstanden, aber sie hat mitgemacht oder toleriert oder sich weggeduckt bei all dem anderen, was dieser NS-Staat über Deutschland und die Welt gebracht hat. Mit dem Begriff „Kirchenkampf“ konnte sie ihr Bild von dem Kämpfer gegen das Unrecht schlagwortartig skizzieren.

Man kann also nicht sagen, dass die Bekennende Kirche Widerstand geleistet hätte?

Nein. Es gab in der Bekennenden Kirche nur ganz wenige, die den NS-Staat grundsätzlich abgelehnt haben.

Sie schreiben, dass das protestantische Milieu eine Nähe zum Nationalsozialismus gehabt hätte. Wie erklärt sich das?

Von der Urchristenheit her sind die Christen aufgerufen worden, den Staat, ganz gleich wie er ausschaut, als von Gott gegeben anzusehen. Es gibt das bekannte Wort von Römer 13, wo es nicht nur heißt: „Seid Untertan der Obrigkeit“, sondern es geht weiter: „… denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott“. Und so haben die Christen über 2000 Jahre damit gelebt, dass man sich dem Staat zu unterwerfen hat. Dann hatten sie erhebliche Probleme, die Weimarer Republik als eine Obrigkeit von Gott anzusehen, weil die Regierung von Menschen gewählt war. Es fiel ihnen leichter, Hitler als von Gott Gesandten anzusehen und damit in die alten Denkmuster zu verfallen. Auch gehörten die Pfarrer als Teile des Bürgertums einer Bevölkerungsgruppe an, die dem Verlust der Monarchie nachtrauerte, schockiert über die Formen des Atheismus war, und die moderne Zeit mit der Liberalitiät in der Gesellschaft kritisch sah.

Sie schreiben, dass sich die Deutschen Christen die rassistische Ideologie zu Eigen gemacht hätten. Dies sei sogar konstitutiv gewesen.

Das ist das Erschreckende. Theologisch war ja die evangelische Kirche schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr gespalten – zwischen den pietistischen Traditionalisten und der so genannten liberalen Theologie, die Glauben mit Wissenschaft und Kultur vereinbaren wollte. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich mit Karl Barth eine theologische Richtung entwickelt, die den Liberalen vorwarf, dass sie theologische Fragen zu sehr mit kulturellen Fragen vermischten und nicht mehr nur aufs Evangelium schauten. Karl Barth hat dafür gekämpft, dass man ausschließlich das Evangelium als Richtschnur betrachtet und es nicht mit anderen Philosophien oder weltanschaulichen Elementen verbindet. Das Eigenartige ist, dass dann parallel dazu mit den Vorläufern der Deutschen Christen genau das Umgekehrte passierte: Jetzt war es nicht die Kultur und die Wissenschaft, denen man sich annäherte, sondern es waren plötzlich rassische Fragen oder das Führerprinzip.

Aber es gab in Frankfurt auch Widerstand gegenüber dem Beschäftigungsverbot von nicht „reinarischen“ Ärzten, zum Beispiel in evangelischen Krankenhäusern.

Die Frage, wie die evangelische Kirche mit Juden und insbesondere getauften Juden umgegangen ist, beschäftigt uns bis heute. Es ist nicht ganz zufällig, dass die Pfarrerschaft der Machtübernahme der Nationalsozialisten weitgehend zugestimmt hat. Erst in dem Moment, als auch in der Kirche der „Arierparagraph“ eingeführt wurde, also das Verbot, nicht „reinarische“ Menschen im kirchlichen Dienst zu beschäftigen, begann man, sich zu wehren. Es ist interessant, wenn man sich dazu die drei der Landeskirche nahestehenden Krankenhäuser in Frankfurt anschaut: das Diakonissenkrankenhaus, das St. Markuskrankenhaus und das Privatkrankenhaus Sachsenhausen. Auf alle drei ist Druck ausgeübt worden, sich von jüdischen Ärzten zu trennen. Aber die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Der Träger des Sachsenhäuser Krankenhauses, der Gemeinschaftsdiakonieverband in Marburg, lag auf der Linie der Deutschen Christen und der Nationalsozialisten und hat – sehr freundlich gesagt – überhaupt nicht den Versuch gemacht, sich vor seine jüdischen Ärzte zu stellen. Der Träger des St. Markuskrankenhauses, der Vorstand des Bockenheimer Diakonissenvereins, hat es versucht, auch mit juristischen Tricks, hat sich aber nicht durchsetzen können. Beim Diakonissenkrankenhaus schließlich hat der Vorstandsvorsitzende, Senatspräsident am Oberlandesgericht Dr. Heldmann, sofort gesagt: Hier gilt der Arierparagraph nicht. Und man konnte das durchhalten.

Wie war das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Richtungen in der Frankfurter Pfarrerschaft?

Zwischen 1933 und 1945 haben in Frankfurt 137 Pfarrer gearbeitet. Davon waren 60 Mitglieder der Bekennenden Kirche. Das ist ein enorm hoher Anteil. Den Deutschen Christen gehörten 29 Pfarrer an, 17 traten aber nach relativ kurzer Zeit wieder aus.

Heißt das, das protestantische Milieu war hier kritisch eingestellt war?

Ich habe nichts gefunden, was die Ausrichtungen der Gemeindemitglieder betraf. Es gab nur wenige Gemeinden, die sich eindeutig zuordnen lassen. Die Gemeinden waren gespalten. Einige Protagonisten der Bekennenden Kirche wie Otto Fricke und Wilhelm Fresenius hatten nicht einmal in ihren Kirchenvorständen die Mehrheit.

Warum sollte man sich heute noch mit Kirchenkampf beschäftigen?

Was zwischen 1933 und 1945 passiert ist, war ein ganz schrecklicher Irrweg Deutschlands, der aber doch weitgehend Zustimmung gefunden hatte. So richtig überzeugt sind die Menschen auch nach 1945 nicht davon abgerückt. Wir beschäftigen uns heute fast täglich mit den Rechtsradikalen. Wenn ich mich mit Geschichte befasse, geht es mir auch darum, den Menschen, die früher gelebt haben, gerecht zu werden. Auch bin ich jemand, der als Kind sehr darunter gelitten, was zwei Generationen angerichtet haben. Ich bin 1936 geboren, ein paar Bombenangriffe mit Todesangst, die letzten Kämpfe um Berlin, die Besatzung durch die russischen Truppen, dann in Berlin die Blockade, die Teilung Deutschlands und Europas. Das hat Spuren hinterlassen. Deshalb ist es mir nicht egal, was die Verantwortlichen damals gedacht haben.

Jürgen Telschow: Ringen und den rechten Weg – Die evangelische Kirche in Frankfurt zwischen 1933 und 1945, Hessische Kirchengesch. Vereinigung, 17,50 Euro.  Die Buchvorstellung ist am 31. Januar um 18 Uhr im Dominikanerkloster am Börneplatz.

Vortrag: Ein fatales Bündnis

Über „Das Bündnis von Nationalprotestantismus und Nationalsozialismus“ spricht der Kirchengeschichtler Günter Brakelmann am Donnerstag, 21. Februar, um 18 Uhr im Spenerhaus, Dominikanergasse 5. Brakelmann, der an der Ruhr-Universität in Bochum Christliche Gesellschaftslehre lehrte, hat in seinen Forschungen herausgearbeitet, wie sehr Protestantismus und Nationalsozialismus antiaufklärerische, antiliberale und antidemokratische Haltungen teilten.

Beitrag von , veröffentlicht am 30. Januar 2013 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .