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Die Kraft des Aufbruchs: Pfingsten als gesellschaftlicher Gegenentwurf

In der aktuellen politischen Diskussion gerät der Pfingstmontag immer wieder als entbehrlicher Feiertag in die Kritik. Doch für Ulrike Scherf, die stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ist dieses Fest weit mehr als eine bloße arbeitsfreie Lücke im Kalender. Während Weihnachten und Ostern durch feste Rituale im kollektiven Bewusstsein verankert sind, gilt Pfingsten oft als das „unbekannte“ Fest. Dabei markiert es nicht nur den „Geburtstag der Kirche“, sondern steht für das Wirken der sogenannten „Geistkraft“ – ein Begriff, der sich an das hebräische Ruach anlehnt.

Scherf begreift diesen Geist als eine Energie, die den Einzelnen zur Tat befähigt: „Dass Menschen von einer Kraft ergriffen sind, die sie befähigt (…) in diesem Geist zu handeln“. In einer Zeit, die von zunehmendem Nationalismus und extremistischen Tendenzen geprägt ist, fungiere die Pfingstbotschaft als notwendige „Gegengeschichte“. Während die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel von der Entfremdung der Menschen handelt, stehe Pfingsten für das Wunder der Verständigung über Grenzen hinweg. Scherf betont: „Ihr gehört alle zusammen und es geht um Verständigung und dieser Geist wirkt“.

Über die rein theologische Dimension hinaus verteidigt Scherf die zwei Pfingstfeiertage als soziale Räume des Innehaltens. Feiertage seien essentiell, um zu spüren, dass das Leben mehr ist als Leistung. Sie ermöglichen ein „soziales Miteinander“, das in einer Gesellschaft der Einsamkeit einen hohen Stellenwert habe.

Zudem sieht Scherf in Pfingsten einen Impuls für Innovation innerhalb und außerhalb der Kirche. Der Geist wirke wie ein frischer Wind, der Türen öffnet: „Nichts bleibt, wie es ist. (…) Der Geist motiviert ja und inspiriert auch nach vorne zu gehen“. Projekte wie die „Pop-up Church“ oder „Segen auf der Zeil“ seien moderne Ausdrucksformen dieses Aufbruchs, die zeigen, dass die Kirche die verängstigten Mauern verlassen müsse, um dorthin zu gehen, „wo die Menschen sind“. Pfingsten ist somit ein Plädoyer gegen die Angst vor Veränderung und für den Mut, neue Schritte in die Zukunft zu wagen.

Zur Person:
Ulrike Scherf wurde 1964 in Wiesbaden geboren und ging dort bis zum Abitur zur Schule. Sie studierte Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau (Bayern) und an den Universitäten in Bern und Heidelberg. Nach dem Ersten Theologischen Examen wurde sie Vikarin in Mümling-Grumbach (Odenwald) und arbeitet nach ihrer praktisch-theologischen Ausbildung als Assistentin am Theologischen Seminar in Friedberg.  Als Pfarrerin wurde Ulrike Scherf 1999 auch zur Dekanin des Dekanats Zwingenberg und später zur kommissarischen Dekanin des neu formierten Dekanats Bergstraße gewählt. 2007 wählte sie das Evangelische Dekanat Bergstraße mit Sitz in Heppenheim zur hauptamtlichen Dekanin. Im November 2012 wurde Ulrike Scherf von der Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum ersten Mal in das Amt der Stellvertretenden Kirchenpräsidenten gewählt und trat es im Februar 2013 an. Ihre erste Amtsperiode endet nach acht Jahren am 31.01.2021. Im November 2019 wurde sie für weitere acht Jahre bis 2029 in ihrem Amt bestätigt. Ulrike Scherf ist Mitglied im Aufsichtsrat der Diakonie Hessen – Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck, im Vorstand des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands, im Kuratorium des Konfessionskundlichen Instituts, im Kuratorium der Evangelischen Hochschule Darmstadt, im Kuratorium der Kinder- und Jugendstiftung der EKHN sowie im Beirat der Hospiz-Stiftung Bergstraße.

Der Rocker als Reformator: Udo Lindenbergs heimliche Theologie

Wenn man an Udo Lindenberg denkt, erscheinen Bilder von Eierlikör und dem ewigen Habitus des hanseatischen „Panikrockers“ vor dem geistigen Auge. Doch jenseits der Sonnenbrille und des schnoddrigen Jargons verbirgt sich eine spirituelle Tiefe, die weit über das bloße Showgeschäft hinausreicht. Anlässlich der „Udo-Festwochen“ rückt eine Seite des Künstlers in den Fokus, die man als seine ganz eigene, rockende Reformation bezeichnen könnte.

Der Theologe und Journalist Uwe Birnstein erinnert sich im Podcast Conny&Kurt an eine Begegnung vor 35 Jahren, in der Lindenberg einen erstaunlichen Satz prägte, der sein gesamtes Schaffen als moderner Prophet der Vernunft zusammenfasst. In einem Kellerstudio bekannte sich der Musiker zu einem Erbe, das man eher in der Wittenberger Schlosskirche als auf der Reeperbahn vermuten würde. Lindenberg zitierte Martin Luther: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Dieses Bekenntnis zur Hoffnung im Angesicht der Apokalypse zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Lindenbergs Religiosität ist dabei keine der rituellen Unterwerfung oder der „Halleluja-Frömmigkeit“. Er begreift den Glauben als einen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung – oder wie er es ausdrückt: den Frieden auf diesem „kleinen blauen zerbrechlichen Planeten“ endlich hinzukriegen. Es ist eine radikale Absage an religiösen Fanatismus und Fundamentalismus, die er bereits vor Jahrzehnten formulierte und die heute, angesichts globaler Konflikte, eine bittere Aktualität erfährt.

Seine Biografie ist tief im Protestantismus verwurzelt. Getauft mit neun Jahren auf Wunsch der Großmutter und geprägt durch eine Diakonisse im evangelischen Kindergarten, trägt Lindenberg den „Schatz der biblischen Grundgeschichten“ in sich. Er transformiert diese Geschichten in eine Sprache, die das Volk versteht – ganz im Geiste Luthers. Ob er die Zehn Gebote in monumentalen Gemälden visualisiert oder im Song „Interview mit Gott“ eine fast schon existenzialistische Theologie entwirft, in der Gott den Menschen klarmacht, dass sie sich selbst um ihren Planeten kümmern müssen: Lindenberg bleibt der „Jeremias“ des Deutschrock.

Für seine „Panikfamilie“ bietet er einen Raum ohne Verurteilung, eine Art säkulare Gnadenlehre. Sein Song „Ich ziehe meinen Hut“ mit der Zeile „Du hast mich niemals ausgebuht“ ist für Birnstein nichts Geringeres als eine volksnahe Übersetzung der Rechtfertigungslehre. Udo Lindenberg zeigt, dass Spiritualität nicht hinter dem Horizont endet, sondern hier und jetzt beginnt – mit einem Hut auf dem Kopf und einer Botschaft, die trägt.
Lindenberg kann am 17. Mai seinen 80. Geburtstag feiern.

Die erschöpfte Republik: Auf der Suche nach dem politischen Mut

In einem pointierten Dialog skizzieren Kurt-Helmuth Eimuth und Conny von Schumann ein ernüchterndes Bild der aktuellen bundesdeutschen Reformpolitik. Wo einst visionäre Kraft vermutet wurde, regiert heute nach Ansicht der Gesprächspartner das Prinzip der Verwässerung. Besonders deutlich wird dies an der Gesundheitsreform: Von den ursprünglichen Expertenvorschlägen in Höhe von 40 Milliarden Euro blieben nach politischen Verhandlungen lediglich 14 Milliarden Euro an Einsparungen übrig – ein Betrag, der laut Eimuth bereits in zwei Jahren verpufft sein wird.

Ein zentraler Kritikpunkt von Schumanns ist die fortschreitende Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Dass Kapitalgesellschaften in lukrativen Bereichen wie der Augenheilkunde oder Orthopädie hohe Renditen abschöpfen, widerspricht der notwendigen Gemeinwohlorientierung. Während junge Ärzte geregelte Arbeitszeiten suchen, drohe die medizinische Versorgung durch Gewinnmaximierung ausgehöhlt zu werden, finanziert aus den Beiträgen der Versicherten, was Schumann als „Unsegen“ bezeichnet.

Auch bei der Altersvorsorge konstatieren die Diskutanten einen gefährlichen Stillstand. Während die Beamtenabsicherung bei bis zu 71 Prozent liegt, stagniert das Rentenniveau der gesetzlichen Beitragszahler bei lediglich 49 Prozent. Eimuth und Schumann diskutieren hierbei unpopuläre, aber systemisch notwendige Schritte: Eine Kopplung der Rentenerhöhungen an die Inflationsrate statt an die Lohnentwicklung für höhere Renten könnte Spielräume schaffen. Es herrscht Einigkeit darüber, dass der reale Wohlstandsverlust der Bevölkerung ehrlich kommuniziert werden muss. Die reale Kaufkraft befindet sich derzeit auf dem Niveau von 2019.

Die steuerliche Debatte erinnert Eimuth an vergangene Dekaden; der Hinweis auf einen Spitzensteuersatz von 56 Prozent unter dem „Sozialisten“ Helmut Kohl verdeutlicht die heutige Schieflage. Insbesondere die Erbschaftssteuer wird als Instrument sozialer Ungerechtigkeit angeführt.

Am Ende steht die bittere Erkenntnis: Es mangelt nicht an Lösungen, sondern am Willen zum überparteilichen Konsens. Die Forderung Schumanns nach einem „runden Tisch“ aller demokratischen Kräfte bleibt ein Desiderat in einer Zeit, in der sich die großen Parteien in Kleinigkeiten verhaken. Die Bereitschaft der Bürger zu schmerzhaften Einschnitten scheint vorhanden zu sein – sofern sie Teil eines großen, visionären Entwurfs sind. Ohne diesen „großen Wurf“ droht eine Frustration, die letztlich jenen Kräften in die Hände spielt, die selbst keine Antworten bieten

Zeitenwende bei der Militärseelsorge

In den Kasernen der Bundeswehr herrscht derzeit eine neue Ernsthaftigkeit. Der russische Angriff auf die Ukraine markiert nicht nur politisch, sondern auch seelsorgerlich eine fundamentale „Zeitenwende“, wie Militärbischof Bernhard Felmberg betont. Während die vergangenen Jahrzehnte vom internationalen Krisenmanagement in Ländern wie Afghanistan oder Mali geprägt waren, rückt nun die Landes- und Bündnisverteidigung in den Fokus – eine Aufgabe, die Soldaten und deren Familien in neuer „Qualität und Quantität“ belastet.

Felmberg begegnet dieser Herausforderung mit einer nüchternen Logik, die er als „Mathematik statt großer Theologie“ bezeichnet. Wenn die Bundeswehr auf über 200.000 Soldaten anwachse, müsse die Präsenz von Seelsorger: innen, Psychologen und Betreuungseinrichtungen proportional steigen, um die gewohnte Qualität der Begleitung zu gewährleisten. Erstaunlicherweise leidet die Militärseelsorge, anders als viele Landeskirchen, kaum unter Personalmangel. Die Attraktivität des Dienstes liegt für viele Geistliche im Fokus auf das Wesentliche: Verkündigung, Seelsorge und Unterricht stehen im Vordergrund, während administrative Lasten wie die Verwaltung von Friedhöfen oder Kindergärten entfallen.

Die Akzeptanz in der Truppe ist mit 96 Prozent bemerkenswert hoch, unabhängig von der konfessionellen Bindung. Während die Kirchen im zivilen Bereich mit massiven Austritten kämpfen, bleibt die Bindung unter Soldaten stabil. Zudem wird die Expertise der Militärgeistlichen im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen und „moral injuries“ zunehmend von zivilen Gemeinden nachgefragt. Die Mauer zwischen Kaserne und Gesellschaft scheint angesichts der neuen Bedrohungslage wieder durchlässiger zu werden.

Zur Person:
Dr. Bernhard Felmberg: Evangelischer Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Eine besondere Band-Biographie: Fünfzig Jahre „Habakuk“

In der Mainmetropole Frankfurt, wo die Eintracht und das geschriebene Wort gleichermaßen zu Hause sind, feiert ein besonderes kirchenmusikalisches Phänomen sein Goldjubiläum. Eugen Eckert, Stadionpfarrer, Texter und Motor der Band Habakuk, blickt auf ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte zurück, die weit über die Grenzen Hessens hinaus Strahlkraft entfaltet hat. Was 1975 mit einem Kirchenkredit begann, hat sich zu einer Chronik des deutschen Protestantismus entwickelt.

Anlässlich dieses Jubiläums hat Eckert ein Buch vorgelegt, das mehr ist als eine bloße Retrospektive. Es ist ein Experiment im Angesicht des technologischen Paradigmenwechsels. Da das Zeitalter der CD endet und das Streaming auf Plattformen wie Spotify für Musiker einer „Selbstausbeutung“ gleichkommt, setzt die Band auf ein hybrides Modell: Ein gedrucktes Buch, das via QR-Codes den Zugang zu Musik in Studioqualität ermöglicht. Es ist der Versuch, das Erbe von 17 Produktionen in die digitale Ära zu retten.

Die Geschichte von Habakuk ist untrennbar mit den großen Themen der Bundesrepublik und der Entwicklung der Kirchentage verbunden. Eckert erinnert sich an prägende Begegnungen, etwa mit der Theologin Luise Schottroff, die ihn einst vor dem Abbruch seines Studiums bewahrte, oder an die „legendäre“ Bibelarbeit mit der damaligen Kanzlerkandidatin Angela Merkel im Jahr 2005, die unter den strengen Augen von Spürhunden stattfand.

Doch der Rückblick ist getrübt von der Sorge um die Zukunft der populären Kirchenmusik. Eckert beklagt eine „kulturelle Abspaltung“ des Gottesdienstes vom Alltag. Während viele Kirchenmusiker das „Neue Geistliche Lied“ (NGL) als „platt und banal“ abtun oder den Einsatz von E-Pianos verweigern, verteidigt Eckert die Popmusik als die Sprache, mit der die Menschen aufgewachsen sind. Er mahnt, dass die Kirche charismatische Persönlichkeiten braucht, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und in neue Projekte zu investieren, statt sich in den „Nachbarschaftsraum“ zurückzuziehen.

Ein Ende der Ära Habakuk ist indes noch nicht in Sicht. Getreu dem Motto, dass man nicht vorzeitig die Bühne verlässt, solange das Publikum die Musik schätzt, stehen neue Projekte an. Am 9. Mai wird im Braunschweiger Dom ein neues Oratorium über den verlorenen Sohn uraufgeführt – ein Beweis dafür, dass die Saat, die Eckert vor 50 Jahren ausbrachte, weiterhin Früchte trägt.

Warum wahre Resilienz das Scheitern braucht

In einer Zeit, in der das Schlagwort „Resilienz“ zum universellen Bildungsziel und zur psychologischen Daueraufgabe avanciert, regt sich theologischer Widerstand gegen ein allzu glattes Verständnis von Widerstandsfähigkeit. Der Theologe und Publizist Georg Magirius plädiert im Podcast Conny&Kurt für eine Rückbesinnung auf die spirituellen Wurzeln der menschlichen Kraft, die sich gerade nicht in ständiger Funktionalität, sondern im Mut zur Klage und im Aushalten des Unabänderlichen zeigt.

Magirius äußert eine grundlegende „Skepsis gegenüber dem Wort Resilienz“. Wer heute fordert, bereits Kinder müssten zur Resilienz erzogen werden, verkenne oft die menschliche Realität des Scheiterns. Mit Blick auf die christliche Tradition stellt er die provokante Frage, ob etwa Jesus Christus im modernen Sinne resilient gewesen sei – angesichts eines Weges, der am Kreuz endete. Wahre Spiritualität zeichne sich dadurch aus, dass sie es erlaube, „auch nicht resilient sein zu müssen, durchgehend, sondern auch scheitern zu können, verzweifelt sein zu dürfen“.

Dabei bewegt sich Magirius im Spannungsfeld zweier Traditionen: dem „Weg zum Seelenfrieden“ einerseits und einer „wilden Tradition der Freiheit und der Klage“ andererseits. Letztere, tief verwurzelt in der Exodus-Erzählung und den Psalmen, betont das Recht des Menschen, sich eben nicht mit dem Leid zu arrangieren. „Ich darf wütend sein im Gebet“, so Magirius. Gott selbst stelle sich in der Bibel als einer vor, der das Elend und das Schreien seines Volkes gesehen und gehört hat. In der biblischen Figur des Hiob sieht er ein „unglaublich beeindruckendes Zeugnis“, das dem Menschen das Recht zuspricht zu sagen: „Hier stimmt es nicht“.

Diese Form der Klage sei keineswegs destruktiv, sondern besitze eine „therapeutische“ Qualität. Ohne den „Karfreitag“ – das Aushalten von Ohnmacht und Verletzung – bleibe die Suche nach innerem Frieden oberflächlich. Magirius warnt davor, Resilienz als eine Art „Leistungsreligion“ misszuverstehen, in der man sich von den Krisen anderer abschirmt, um selbst unversehrt zu bleiben. Stattdessen eröffne erst das Eingeständnis der eigenen Schwäche einen Raum, in dem die Seele wirklich still werden kann. Am Ende steht für ihn nicht die perfekte Selbstoptimierung, sondern die „Sehnsucht nach Freude“ und die Freiheit, trotz allem eine Haltung des Friedens einzunehmen.

Überlebenskampf im Schatten der Weltöffentlichkeit: Die vergessene Krise im Sudan

Seit April 2023 versinkt der Sudan in einem verheerenden Machtkampf zwischen der regulären Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF). Was als gescheiterte Integration von Truppenteilen begann, hat sich zur derzeit größten humanitären Katastrophe weltweit ausgeweitet. Rund 13,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, während strukturelle Armut und die Folgen des Klimawandels die Not massiv verschärfen.

Inmitten der Kämpfe, die das Land faktisch in einen von der Armee kontrollierten Norden und Osten sowie einen von der RSF dominierten Westen und Süden gespalten haben, bleibt der Zugang für internationale Helfer aufgrund bürokratischer Hürden und extremer Unsicherheit prekär. „Das Land ist weitgehend abgeschottet“, konstatiert Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe im Podcast Conny&Kurt. Angesichts dieser Blockaden setzt die Organisation auf einen „lokal geführten Ansatz“: die sogenannten Emergency Response Rooms.

Dieses Netzwerk aus rund 700 Initiativen organisiert in Eigenregie Suppenküchen, Kliniken und psychosoziale Hilfe direkt in den Nachbarschaften. Durch dieses System der „gegenseitigen Hilfe“ (Mutual Aid) fließen Gelder direkt an lokale Freiwillige, was eine Effizienz von bis zu 95 Prozent ermöglicht. Dennoch droht dieses Engagement an schwindenden Mitteln zu scheitern: Während der Bedarf wächst, haben institutionelle Geber wie die USA und Deutschland ihre Budgets massiv gekürzt. Keßler warnt eindringlich vor einer „vergessenen Katastrophe“, während regionale Akteure wie Ägypten, die Emirate und Äthiopien den Konflikt durch eigene Machtinteressen weiter befeuern.

Spenden: Evangelische Bank | IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02

Zur Person:
Martin Keßler ist 1963 in Pforzheim geboren. Seit dem 1. August 2011 leitet er die Diakonie Katastrophenhilfe. Martin Keßler ist studierter Agraringenieur und arbeitete zunächst als Berater in der Abfallwirtschaft. Seit 2001 war er für verschiedene humanitäre Hilfsorganisationen in Afrika, Indien und Pakistan im Einsatz – zuletzt als Projektkoordinator der Welthungerhilfe in Kenia. Seit Anfang 2011 verantwortete er für die Diakonie Katastrophenhilfe Projekte im Sudan, Indonesien, auf den Philippinen und in Europa, bevor er Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe wurde.

Vom Weinen zum Werden: Die österliche Dialektik der Krise

In einer Zeit, die von multiplen globalen Erschütterungen geprägt ist, gewinnt das christliche Osterfest eine neue, fast säkulare Dringlichkeit als Chiffre für gesellschaftliche und persönliche Transformationsprozesse. Wie aus einem Gespräch zwischen Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast hervorgeht, ist die Osterbotschaft untrennbar mit dem Konzept des Neuanfangs aus der tiefsten Krise heraus verbunden.

Bereits die Etymologie des Gründonnerstags verweist auf diesen schmerzvollen Ursprung: Der Name leite sich nicht von der Farbe Grün ab, sondern vom althochdeutschen „kreinen“, dem Weinen über den bevorstehenden Kreuzigungstod Jesu. Dieser Fokus auf das Leid ist jedoch kein Selbstzweck. Vielmehr stecke, frei nach Hermann Hesse, in jedem Ende das Geheimnis eines Neuanfangs. Während Veränderungen in Phasen des Glücks selten initiiert werden, fungiere die Krise als notwendiger Katalysator für lebensverändernde Entwicklungen.

Diese theologische Beobachtung lässt sich bruchlos auf die aktuelle Weltlage übertragen. Die gegenwärtige Energiekrise – verschärft durch die Abhängigkeit von Drittstaaten – wird als ein solcher „Verstärkereffekt“ begriffen, der die Transformation zu erneuerbaren Energien beschleunigen könnte. Ähnlich wie die Corona-Pandemie etablierte Prozesse aufbrach, zwingt die Ressourcenknappheit nun zu einer politischen Neuausrichtung, die auch unpopuläre Debatten um Tempolimits oder die Suffizienz im Alltag, metaphorisch als „Waschlappen-Diskussion“ bezeichnet, neu entfacht.

Besonders eindringlich wird die Auseinandersetzung dort, wo sie die Grenze des Physischen berührt. Der Tod des eigenen Bruders dient Conny als Ausgangspunkt für eine Kritik an der modernen Apparatemedizin, die am Lebensende oft die Würde des Individuums hinter lebensrettende Maßnahmen zurückstelle. Dem entgegengesetzt wird die religiöse Hoffnung auf ein Fortbestehen der Existenz, ein „anderes Dasein“. Ob man dabei das Bild der 26 Gramm schweren Seele bemüht oder das ewige Leben als Fortwirken in der Erinnerung der Nachkommen begreift, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Letztlich leistet die Religion hier, was humanistische Ansätze nur bedingt vermögen: Sie bietet eine Antwort auf die finale Frage nach dem „Wohin“. Das Osterfest wird so zu einem Plädoyer für eine Hoffnung, die den Menschen nicht einengt, sondern ihn, wie es im Gespräch resümiert wird, „zum Leben befreit“. In einer Welt der Bedrohungen bleibt diese Befreiung die zentrale Verheißung der Feiertage.

Wir gratulieren Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay zum Grimme-Preis. Dankenswerterweise sprach Agnes Lisa Wegner im Juni 2024 mit uns über ihren Film.

Der Begründung der Grimme-Jury ist nichts hinzuzufügen:

„Das leere Grab“ von Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay ist ein Film von großem Engagement, der ein filmisch bislang kaum beleuchtetes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte aufarbeitet. Der Film gibt der oft abstrakten Restitutionsdebatte ein zutiefst menschliches Gesicht und macht das transgenerationale Trauma sichtbar, das in den Familien fortwirkt.

Bemerkenswert ist die konsequent starke tansanische Perspektive. Die Passagen in Tansania überzeugen in besonderem Maße, weil sie das Leben, die Geschichte und die Biografien der Menschen vor Ort realistisch und würdevoll darstellen. Die Kamera beobachtet geduldig, wie die Familien Mbano und Kaaya mit dem transgenerationalen Trauma der Kolonialzeit leben, wie Cesilia im Klassenzimmer die schmerzhafte Geschichte ihrer Familie erzählt und wie die Dorfgemeinschaften sich am Grab von Nduna Songea Mbano versammeln. Der Film zeigt, lokal verankert und kulturell sensibel, Rituale, Trauer und Träume der Betroffenen, ohne sie zu exotisieren.

Die didaktische Anlage des Films, die Sachwissen und persönliche Geschichten klug miteinander verwebt, trägt in diesem Fall besonders gut. Szenen und Interviews sind so verknüpft, dass ein anregend dichtes, aber nie einengendes Geflecht aus Information und Emotion entsteht. Der Film unterscheidet sich wohltuend von vielen ähnlichen Dokumentarformaten. Auf deutscher Seite verschiebt sich der formale Ton zwar merklich, wenn beispielsweise die Musik einsetzt und sich die Erzählung verdichtet, doch gerade diese Verschiebung macht eine Spannung sichtbar, die dem Thema fundamental innewohnt.

Auf den ersten Blick scheint die Restitutionsfrage im Film beinahe einvernehmlich behandelt zu werden, was eine gewisse Romantisierung nahelegen könnte. Doch bei genauerer Betrachtung machen verschiedene Schlüsselmomente unmissverständlich klar, dass der Weg zur Aufarbeitung alles andere als einfach ist: Mnyaka Sururu Mboro, der seit über 40 Jahren in Deutschland lebt und Jahrzehnte für kleine Fortschritte wie eine Straßenumbenennung gebraucht hat. Ein Bundespräsident, der als erster deutscher Politiker überhaupt diese Entschuldigung ausspricht – und dennoch das leere Grab nicht mit den geraubten Gebeinen der Verstorbenen füllen kann. Dass die Museumsdebatten, die auf tansanischer Seite durchaus im Film präsent sind, auf deutscher Seite eine spürbare Leerstelle bilden, gehört zu den stillen, aber wirkungsvollen Aussagen des Films. Er benennt diese Asymmetrie nicht anklagend, sondern macht sie durch sein Erzählen sichtbar. Dem Film „Das leere Grab“ gelingt es, der globalen Debatte um Restitution eine zutiefst menschliche Dimension zu geben und zugleich die politische Komplexität des Themas nicht zu verschweigen. Ein wichtiger und überfälliger Film.

Das biblische „Nö“: Über die Entzauberung christlicher Familienideale

In kirchlichen Kreisen gilt das Thema Sexualität oft noch immer als verpönt, obwohl die Bibel an zahlreichen Stellen davon erzählt. Im Podcast Conny& Kurt berichtet die Berliner Pfarrerin Maike Schöfer von ihrem Buch „Nö. Eine Anstiftung zum Nein sagen“. Sie plädiert für eine neue Ehrlichkeit im Umgang mit Begehren, körperlichen Grenzen und traditionellen Lebensentwürfen.

Schöfer dekonstruiert dabei insbesondere das Bild der bürgerlichen Kleinfamilie als vermeintlich christliches Ideal. Ein Blick in die Quellen zeige vielmehr, dass dieses Modell biblisch so nicht existierte; stattdessen finden sich vielfältige Formen des Zusammenlebens in Sippen oder großfamiliären „Häusern“. Die Fixierung auf Vater, Mutter und Kind sei ein späteres kulturelles Konstrukt, das die Institution Ehe überhöht habe. Unter dem Schlagwort der „Amatonormativität“ Amatonormativität ist die gesellschaftliche Annahme, dass es allen Menschen in einer exklusiven Beziehung besser geht) kritisiert Schöfer zudem den gesellschaftlichen Druck, die gesamte emotionale Energie in eine einzige romantische Paarbeziehung zu investieren.

Stattdessen fordert sie eine Rückbesinnung auf die Gemeinschaft als tragendes Netz. In ihrer Gemeinde in Berlin-Adlershof erlebt sie die Kirche bereits als eine Art „Dorf“, das sich gegenseitig bei der Erziehung und Care-Arbeit unterstützt. Auch für queere Lebensrealitäten sieht sie biblische Anknüpfungspunkte, etwa in der Erzählung von Ruth und Noomi, die eine solidarische Versorgungsgemeinschaft jenseits klassischer Rollenbilder bildeten.

Ihr feministischer Ansatz zielt dabei nicht auf die Abschaffung konservativer Werte, sondern auf die Freiheit der individuellen Entscheidung. Schöfers Anliegen bleibt eine Kirche, die als geschützter Raum für ehrliche Fragen dient und starre Strukturen zugunsten lebendiger, vielfältiger Beziehungen überwindet.

Zur Person:
Maike Schöfer, Jahrgang 1989, ist Pfarrerin unter dem Himmel Berlins. Feministisch, queer und unbequem schreibt sie digital als @ja.und.amen und analog im Talar gegen Ungerechtigkeiten an – in der Gesellschaft und in ihrer Kirche. Sie engagiert sich im interreligiösen Dialog, unter anderem mit dem Podcast „331 – 3 Frauen, 3 Religionen, 1 Thema“, den sie gemeinsam mit einer Judaistin und einer islamischen Theologin betreibt und der 2023 mit dem Deutschen PR-Preis ausgezeichnet wurde.