Tag Archiv für Kirche

Die Illusion von Gerechtigkeit

Kaum ein Wort wird in der aktuellen politischen Auseinandersetzung so verlässlich beschworen und zugleich so gründlich entwertet wie der Begriff der Gerechtigkeit. Ob Steuerreformen, Sozialleistungen oder Beitragsanpassungen – jede politische Maßnahme sieht sich heute dem Anspruch ausgesetzt, einem mystifizierten „Gerechtigkeitscheck“ standzuhalten. Doch was als moralischer Maßstab des gesellschaftlichen Zusammenhalts gedacht war, droht in einer Kultur der individuellen Befindlichkeiten zu verkommen. In einem grundlegenden Diskurs hinterfragen der Publizist Kurt-Helmuth Eimuth und der Experte Conny von Schumann in ihrem Podcast die Mechanik dieses inflationär gebrauchten Begriffs und legen offen, wie aus dem Streben nach gesellschaftlichem Ausgleich eine verdeckte Neiddebatte geworden ist.

1. Die Inflation eines Kampfbegriffs
Gerechtigkeit wird in der modernen Debatte zusehends zu einer subjektiven Projektionsfläche degradiert. Wie Conny von Schumann darlegt, herrscht in der öffentlichen Arena eine umfassende Entwertung des Begriffs: Jeder Einzelne misst politischen Entscheidungen einen ganz individuellen Wert bei und definiert Gerechtigkeit primär aus der eigenen Verteilungsposition heraus. Was für den einen als hochgradig gerecht erscheint – etwa die gezielte Entlastung bestimmter Einkommensgruppen –, wird vom anderen als unzumutbare Benachteiligung empfunden.

Diese Subjektivierung führt dazu, dass Politik nicht mehr als Aushandlungsprozess des Gemeinwohls verstanden wird, sondern als Reparaturbetrieb für individuelle Unzufriedenheiten. Wenn politische Reformen pauschal an einem absolut gesetzten Gerechtigkeitsmaßstab gemessen werden sollen, ignoriert dies die Tatsache, dass es den einen, objektiv messbaren Zustand der Gerechtigkeit nicht geben kann. Vielmehr prallen in der Realität konkurrierende Prinzipien aufeinander, die sich kaum ohne Zielkonflikte miteinander versöhnen lassen.

2. Das Verteilungstrilemma: Gleichheit, Bedarf und Leistung
Die Krux der Gerechtigkeitsdebatte offenbart sich in der Kollision dreier klassischer Grundprinzipien, die in der Praxis regelmäßig gegeneinander ausgespielt werden:

  • Das Gleichheitsprinzip: Es fordert die identische Behandlung aller Bürger:innen. Auf das System der Krankenhausreform angewendet, bedeutete dies eine absolut gleichmäßige Belastung aller Versicherten wie auch der Wirtschaftsakteure, beispielsweise der Pharmakonzerne.
  • Das Bedarfsprinzip: Es bricht mit der formalen Gleichbehandlung und verlangt, dass stärkere Schultern mehr tragen müssen als schwächere. So sichert das Gesundheitssystem ab, dass chronisch Kranke von kaskadierenden Zuzahlungen wie Rezeptgebühren ausgenommen werden. Auf der Beitragsseite führt dies jedoch zu strukturellen Spannungen: Wenn der Beitragshöhe für einige bei etwa 1.200 Euro monatlich liegt, erhalten sie Krankheitsfall exakt dieselbe medizinische Versorgungsleistung wie diejenigen, die nur 400 Euro zahlen.
  • Das Leistungsprinzip: Es belohnt den individuellen Einsatz, stößt jedoch an unüberwindbare Bewertungsgrenzen. Kurt-Helmuth Eimuth und Conny von Schumann illustrieren dies an der mangelnden Vergleichbarkeit menschlicher Arbeit: Kann von einem älteren Arbeitnehmer oder einem Menschen mit gesundheitlicher Einschränkung dieselbe messbare Leistung verlangt werden wie von einem gesunden Zwanzigjährigen?

Dass Leistung kein neutraler Wertmesser ist, zeigt sich im drastischen Gegenüber zweier Berufsrealitäten: Der Bauarbeiter, der sich Jahrzehnte physisch abrackert und im Alter unter Arthrose oder Bandscheibenschäden leidet, erwirtschaftet im klassischen Sinne eine unbestreitbare körperliche Leistung. Demgegenüber steht der Finanzinvestor, der im Sportwagen vorfährt und unter Dauerstress Aktienportfolios steuert – mit dem permanenten Risiko eines Herzinfarkts. Beide Erwerbsbiographien verkörpern völlig unterschiedliche Risiken und Anstrengungen, ohne dass der Markt oder der Staat eine objektive Formel für deren „gerechten“ Lohn liefern könnte.

3. Die Erbschaft als gesellschaftliche Trennlinie
Besonders unversöhnlich stehen sich die Positionen bei der Frage des ererbten Vermögens gegenüber. Hier kollidieren zwei tief verwurzelte Gerechtigkeitsempfindungen unmittelbar miteinander.

Auf der einen Seite steht das Argument des familiären Leistungstransfers: Eltern haben ihr Vermögen über Jahrzehnte hinweg erarbeitet und bereits regulär versteuert. Der Wunsch, den eigenen Kindern durch Schenkungen oder ein Erbe ein besseres Leben zu ermöglichen, entspringt einer legitimen Fürsorge. Aus dieser Perspektive erscheint jede zusätzliche steuerliche Zugriffsabsicht des Staates als ungerechte Doppelbestrafung.

Auf der anderen Seite verkörpert das Erben für Verfechter der Chancengleichheit die reinste Form der Ungerechtigkeit. Wie Conny von Schumann betont, erhält der Erbe Vermögenswerte, für die er selbst keinerlei eigene Leistung erbracht hat; sie fallen ihm ohne eigenes Zutun zu. Gegenüber denjenigen, deren Eltern nichts zu vererben haben, vergrößert dies die Startungleichheit beträchtlich. Wenn schon Schenkungen und Erbschaften staatlich besteuert werden, so der Schluss, handelt es sich nicht um eine Schikane, sondern um den Versuch, exzessive Vermögenskonzentrationen abzufedern und etwas für die Chancengleichheit zu tun.

4. Die Überforderung von Staat und Kirche
In der Unfähigkeit der Gesellschaft, diese Zielkonflikte auszuhalten, wächst eine gefährliche Anspruchshaltung gegenüber den öffentlichen Institutionen heran. Sowohl an den Staat als auch an die Kirche wird die absurde Erwartung gerichtet, für jede individuelle Härte vollumfänglich geradezustehen und absolute Gerechtigkeit herzustellen.

Kurt-Helmuth Eimuth erinnert in diesem Kontext an eine fundamentale staatsbürgerliche Wahrheit: „Der Staat sind wir.“ Ebenso wie die Kirche ist der Staat keine von der Bürgerschaft losgelöste Versorgungsanstalt mit unendlichen Mitteln. Seine Aufgabe kann ausschließlich darin bestehen, über Steuergesetzgebung und Sozialrecht einen pragmatischen Ausgleich zu schaffen. Eine hundertprozentige Gerechtigkeit ist eine Illusion, weil subjektive Interessen und individuelle Prioritäten stets divergieren werden.

Zugleich wird mit zweierlei Maß gemessen, wenn staatliche Prioritäten hinterfragt werden: Während bei Reformen der Grundsicherung um vergleichsweise kleine Beträge hart gerungen wird, fließen an anderer Stelle – etwa in Form von Steuervergünstigungen für Mineralölkonzerne – Milliardenbeträge. Wenn die jeweilige Regierungsmehrheit Klientelpolitik betreibt, verstärkt dies bei den übrigen Bürgergruppen das Gefühl, systematisch benachteiligt zu werden.

5. Wenn Neid als Moral maskiert wird
Die wohl schärfste Diagnose der beiden Diskutanten betrifft den Verfall der Debattenkultur selbst. Ein Großteil der heutigen „Gerechtigkeitsdebatten“ ist in Wahrheit eine verklausulierte Neiddebatte. Ungerecht wird in der Praxis meist schlicht das genannt, was dem Einzelnen etwas wegnimmt oder den eigenen Vorteil beschneidet, während der Nachbar verschont bleibt.

Politiker nutzen diesen Reflex nur zu gerne, da der Vorwurf der Ungerechtigkeit ein leicht zu handhabender, emotional mobilisierender Hebel ist. Anstatt das gesellschaftliche Miteinander durch eine Rückbesinnung auf Grundwerte zu stärken, wird der Vorwurf des Unrechts als rhetorische Waffe missbraucht.
Gegen diese Entwicklung hilft nicht noch mehr Regulierung, sondern eine gesellschaftliche Haltung, die das rheinische Lebensgefühl auf den Punkt bringt: „Man muss auch gönnen können.“ Ein intakter moralischer Kompass und ein Mindestmaß an gegenseitiger Empathie sind unersetzlich. Ohne die Bereitschaft, anderen ihren Erfolg oder ihre Unterstützung zu gönnen, wird jede Debatte über soziale Sicherheit im Sumpf von Missgunst und Eigeninteresse ersticken. Eine gerechtere Gesellschaft entsteht nicht durch das Pochen auf das eigene Anrecht, sondern durch das gemeinsame Einüben von Ausgleich und Solidarität im Kleinen.

Warum wir wieder in Zukünften denken müssen

ALTHOLSTEIN. In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung neigen viele Menschen zum Beharren. Zukunftsangst und das Verlangen, den Status quo zu konservieren, prägen die soziale Debatte. Doch gegen diese Lähmung regt sich Widerstand: Der Theologe und Organisationsentwickler Lars Klehn vom Kirchenkreis Altholstein plädiert im Podcast Conny&Kurt dafür, die Zukunft nicht länger im Singular zu denken, sondern die Vielfalt möglicher Entwicklungen in den Blick zu nehmen.

„Es gibt eben nicht die eine festgelegte Zukunft, sondern sie könnte so oder so aussehen“, erklärt Klehn. Um das Spektrum zu veranschaulichen, nutzt er das Bild eines Trichters. Innerhalb dieses Modells gelte es zwischen wahrscheinlichen, möglichen und wünschenswerten Szenarien zu unterscheiden. Für entscheidend hält er die aktive Gestaltungskraft: „Wer keine Zukünfte entwickelt und über diese Zukünfte spricht, der überlässt das den anderen und wird dann letztlich zum Konsumenten der Zukünfte anderer.“

Wie hoch der Handlungsdruck ist, zeigt der Blick auf die evangelische Kirche. Während der jährliche Mitgliederschwund vor gut einem Jahrzehnt noch bei 1,2 Prozent lag, beschleunigte er sich auf dramatische 3,7 Prozent. Die Halbierung der Mitgliederzahl, die 2018 erst für 2060 prognostiziert wurde, dürfte bereits 2040 eintreffen.

Klein verweist auf den Zukunftsforscher Robert Jungk, der 1952 schrieb: „Das Morgen ist schon im heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos.“ Gedankliche Entwürfe können Realität werden, wie historische Beispiele von Leonardo da Vinci bis Aldous Huxley zeigen.

Auf kirchlicher Ebene hebt Klein das Reformmodell Pforzheim hervor: Dort wurde das Parochialprinzip zugunsten einer Großgemeinde abgelöst, die sich strikt an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und sogar Nicht-Mitgliedern Stimmrechte einräumt. Auch in städtischen Räumen wie Neumünster gelte es, Hürden abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Solche Ansätze seien wie ein Senfkorn keimhaft im Heute angelegt – man müsse sie pflegen.

Zur Person: Pastor Lars Klehn, Personal- und Organisationsentwicklung im Evangelischen Kirchenkreis Altholstein

Der AfD-Erfolg bedroht auch die Kirchen

Die AfD fordert in ihren Programmen erhebliche Einschränkungen der kirchlichen Finanzierung, darunter die Abschaffung der Kirchensteuer sowie das Ende staatlicher Ablösungsleistungen. Zugleich versucht die Partei, ein eigenes religiöses Profil aufzubauen: Während Kirchenvertreter von Akteuren der AfD als „Staatskirche“ diffamiert werden, inszenieren sich Vertreter des Rechtspopulismus im Schulterschluss mit pietistischen Gruppierungen als die eigentlichen Verwahrer christlicher Werte. So die Analyse im Podcast Conny&Kurt.

Den Versuchen der Vereinnahmung setzen Vertreter der evangelischen Kirche eine deutliche Abgrenzung entgegen. So haben sich etwa die vier Vorstände des größten diakonischen Gesundheitskonzerns in Deutschland Agaplesion an alle der rund 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem offenen Brief gewandt: „Wir wissen, dass die Ergebnisse der Wahl Sorgen und Unsicherheit auslösen. Vor allem Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder anderer persönlicher Merkmale Ausgrenzung oder Benachteiligung erfahren oder befürchten, können sich von den aktuellen Entwicklungen besonders betroffen fühlen. Hier möchten wir ein deutliches Zeichen setzen.“ Man wolle „jedweder Form von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Menschenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“.

Es reiche jedoch nicht aus, sich lediglich an der AfD abzuarbeiten. Vielmehr gelte es, aktiv für demokratische Werte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzustehen, meinen auch Conny von Schumann und Kuert-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast. Der evangelische Landesbischof von Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer, stellte klar: „Gemeinsam mit allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern werden wir uns weiterhin für die Menschenwürde jedes einzelnen Menschen einsetzen, für Nächstenliebe und für ein solidarisches Miteinander.“

Neben der kirchlichen Debatte treten sozioökonomische Faktoren deutlich hervor. Viele Bürger in Ostdeutschland fühlen sich von der Politik isoliert und im Stich gelassen. Erschwerend kommt hinzu, dass im Osten seltener Betriebsrenten gezahlt werden und Erbschaften geringer ausfallen als im Westen. Um den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenzuwirken, fordern Kirchengemeinden positive Reformerzählungen statt verkürzter Debatten und Einsparungstiraden.

Die jüngsten Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt haben weit über die Landesgrenzen hinaus Besorgnis ausgelöst. Während politische Beobachter das Ergebnis als Bestätigung verfestigter gesellschaftlicher Umbrüche werten, greift die Bezeichnung der Wahlergebnisse als bloßer „Warnschuss“ für viele Kritiker zu kurz. Das veränderte Wählerverhalten offenbart tief sitzende strukturelle Versäumnisse, die sich insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands niedergeschlagen haben.

Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.

Hubertus Heils Plädoyer gegen die gesellschaftliche Sprachlosigkeit: Die „laute Kirche“ als demokratischer Anker

In Zeiten einer zunehmenden Polarisierung und schwindender Bindekräfte traditioneller Institutionen stellt sich die Frage nach der Rolle der christlichen Kirchen neu. Hubertus Heil, religionspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, positioniert sich hierbei eindeutig: Er fordert eine Kirche, die sich nicht ins Private zurückzieht, sondern aktiv in die politischen Debatten einmischt. „Ich wünsche mir eine laute Kirche, die sich einmischt, die in der Gesellschaft ist, die mitten unter uns ist“, so Heil. Angesichts der Kritik, die Kirche solle sich aus der Politik heraushalten, betont er, dass sie für die „ethische Orientierung unserer Gesellschaft“ unerlässlich sei.

Heil sieht die Kirche dagegen als notwendiges Korrektiv zu einer rein technokratischen Politik. Insbesondere bei sozialen Reformen dürfe die Kirche ihre Stimme erheben, orientiert an der „Botschaft der Bergpredigt“ oder der „katholischen Soziallehre“. Reformen dürften keine bloßen „Kürzungen zu Lasten der Schwächsten“ sein. Er kritisiert in diesem Zusammenhang auch aktuelle Weichenstellungen der Koalition, etwa Kürzungen bei Integrationskursen, die er als „widersprüchlich“ bezeichnet, da sie Probleme lediglich in die Zukunft verschieben.

Für Heil ist die Krise der Institutionen – sowohl der Kirchen als auch der Volksparteien, die beide in den letzten 25 Jahren rund 30 Prozent ihrer Mitglieder verloren haben – kein Grund zur Resignation. Vielmehr müsse die Demokratie „revitalisiert“ werden. Unter Berufung auf das Böckenförde-Diktum erinnert er daran, dass der liberale Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Hier könne die Kirche als „gesellschaftlicher Ort“ fungieren, der über das Seelenheil hinausgeht und als Plattform für eine „anständige Debatte“ dient, in der man sich nicht verfeindet.

In einer Welt, in der rechtsextreme Kräfte mit Leidenschaft agieren, dürften Demokraten die emotionale Sprache nicht den Rändern überlassen. Die Kirche könne helfen, die Debatte über gesellschaftliche Ziele „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Es gehe darum, „nachzuweisen, dass wir Dinge ändern“, um nachfolgenden Generationen eine friedliche Gesellschaft zu hinterlassen. Die Kirche bleibe dafür ein entscheidender Ort der Begegnung, an dem Menschen „aushalten, dass Menschen anderer Meinung sind“.

Deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer

Ein Theologe im Sozialministerium

In einem Alter, in dem sich andere bereits auf den Ruhestand vorbereiten, hat Eberhard Pausch einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Der ehemalige Oberkirchenrat und Studienleiter der Evangelischen Akademie wechselte aus dem kirchlichen Dienst direkt in das Hessische Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Dort leitet der Theologe nun das Grundsatzreferat unter Ministerin Heike Hofmann (SPD), die er bereits aus dem kirchenpolitischen Beirat der Partei kannte. Im Podcast Conny&Kurt spricht er über seine Erfahrungen.

Pausch, der in seiner Zeit bei der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover früher Reden auch für Ratsvorsitzende wie Wolfgang Huber schrieb, empfindet sich in der von Juristen geprägten Landesverwaltung als „Unikum“ oder „unregelmäßiges Verb“. Die Arbeit in Wiesbaden unterscheide sich signifikant von kirchlichen Strukturen: Sie sei „deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer“ und stärker digitalisiert, so Pausch. Unter Verweis auf die Rechtsphilosophie von Habermas und Luhmann diagnostiziert er eine fortschreitende „Verrechtlichung“ der Gesellschaft. Während Theologen im Dual von Gesetz und Evangelium dächten, sei im Ministerium das Gesetz „in seiner ausdifferenziertesten Form“ präsent, während das Evangelium als visionäres Korrektiv fehle.

In seiner Rolle fungiert Pausch als „Flaschenhals“ zwischen den Fachabteilungen und der im Lande einmaligen, rein weiblichen Hausleitung,. Er übersetzt bürokratische Fachsprache in „eingängige Metaphern“, um das Regierungshandeln verständlich zu machen. Dabei verfolgt er einen „sozialen Pragmatismus“. In zentralen Themenfeldern wie der Inklusion, der Gleichstellung oder der Fachkräftegewinnung aus dem Ausland – etwa aus Indien oder Kenia – gehe es ihm darum, durch politisches Handeln in schwierigen Zeiten ein Stück weit „Hoffnung zu produzieren“.

Zur Person

Dr. Eberhard Martin Pausch, geboren 1961 in Frankfurt am Main, wurde an der Philipps-Universität Marburg im Fach Evangelische Theologie promoviert. Von 1992 bis 2000 war er Gemeindepfarrer in Frankfurt, danach bis 2012 Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover. Von 2012 bis 2016 wirkte er in der Kirchenverwaltung der EKHN als Beauftragter für die Reformationsdekade. Seit 2016 war er Studienleiter für Religion und Politik an der Evangelischen Akademie Frankfurt. Zu seinen Ehrenämtern zählen der Co-Vorsitz im Kirchen- und Religionspolitischen Beirat der SPD Hessen, der Vorsitz im Sozialverband VdK Frankfurt-Rödelheim sowie das Vorstandsmandat im Bund für Freies Christentum. Eberhard Pausch ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

So oder so: „Wir werden schuldig.“Altpräses Manfred Rekowski zu Gast bei Conny&Kurt

Angesichts globaler Krisen fordert Manfred Rekowski, der von 2013 bis 2021 als Präses (Bischof) die Geschicke der Rheinischen Kirche leitete, im Podcast Conny&Kurt eine Rückbesinnung auf die Friedensethik, ohne in naiven Pazifismus zu verfallen. Mit Verweis auf die Barmer Erklärung und Dietrich Bonhoeffer spricht er von notwendiger „Schuldübernahme“. Wer Gewalt anwende, um Opfer zu schützen, werde schuldig – wer sie jedoch unterlasse und die Opfer den Aggressoren überlasse, ebenso. „Jede Anwendung von Gewalt ist eben Schuldübernahme“, so Rekowski, der mahnt, stets eine opferorientierte Perspektive einzunehmen, da es in kriegerischen Konflikten letztlich nur Verlierer gebe.

Manfred Rekowski,, ist ein Wanderer zwischen den Welten. Geboren in Masuren, geprägt durch den Umzug ins Ruhrgebiet und schließlich ins Rheinland, sieht er sich heute als jemanden, der früh „gelernt hat, mit Veränderung zu leben“. Der „Altpräses“ blickt auf eine Institution, die sich zwischen Mitgliederschwund und technologischem Wandel neu erfinden muss.

Rekowski mahnt zur Gelassenheit gegenüber zentralistischen Reformen. Fusionen seien keine Patentlösung: „Bindungskraft entwickeln nach meiner Wahrnehmung nicht neu entstehende Rechtsträger (…), sondern Bindungskraft haben Menschen oder Gebäude oder Themen“. Statt „normierter Einheitsgemeinden“ fordert er Lösungen, die dem lokalen Kontext gerecht werden. Auch bei der Digitalisierung warnt er vor bürokratischem Größenwahn. Statt teurer, eigens entwickelter Finanzsoftware plädiert er für handelsübliche Programme: „Die ganz großen Lösungen, die sind auch manchmal ganz schön teuer“.

Zur Person:
Manfred Rekowski war von 2013 bis März 2021 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Dass er einmal oberster Repräsentant der zweitgrößten EKD-Gliedkirche werden würde, war dem am 11. Februar 1958 in Polen geborenen Wahl-Wuppertaler nicht in die Wiege gelegt. „Wahrscheinlicher war damals, dass ich Landwirt in den Weiten Masurens werde“, sagt Rekowski. Aber als der Junge fünf Jahre alt ist, verlässt seine Familie ihren Bauernhof und siedelt in die Bundesrepublik über. Erste Stationen dort sind Gladbeck und Honrath im Rhein-Sieg-Kreis.

„Ich habe erlebt, dass das Leben, das einem so vertraut erscheint, immer auch ganz anders sein kann – und das von jetzt auf gleich“, resümiert der frühere Präses. „Während wir auf dem kleinen Bauernhof in Polen gelebt haben, gehörten wir als Deutschstämmige zu einer Minderheit. Dann zogen wir nach Deutschland, wohnten mit sechs Personen in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, und ich erlebte auf der Straße und dem Schulhof, dass ich ob meines Dialekts doch wieder der Pole war. Diese Erfahrung hat sich mir sehr eingeprägt und mir jede strukturkonservative Grundhaltung ausgetrieben.“

Manfred Rekowski war seit dem Jahr 2011 hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung. Er leitete von 2011 bis zu seiner Wahl zum Präses 2013 als Oberkirchenrat die Personalabteilung im Landeskirchenamt.

Als Barmer Superintendent hat er daran mitgewirkt, dass durch die Schenkung eines Teils des Grundstücks der Gemarker Kirche an die Jüdische Kultusgemeinde der Neubau der Bergischen Synagoge möglich wurde – am historischen Ort der Barmer Theologischen Erklärung.

Die Umbrüche auch der Kirche in seiner strukturschwachen Heimatstadt Wuppertal haben ihn geprägt: „Aufgrund der stark rückläufigen Mitgliederentwicklung mussten wir deutlich sparen. Aber wir haben mehr gespart als wir mussten, damit wir auch neue Akzente setzen konnten“, beschreibt Rekowski zum Beispiel den Ausbau der Citykirchen-Arbeit. „Mir geht es darum, den Menschen neue Türen zum alten Haus Kirche zu öffnen.“

Wer mit Manfred Rekowski zusammenarbeitet, schätzt seine Verlässlichkeit, seine Bereitschaft, erst einmal zuzuhören, und seine seelsorgliche Nähe. Der Altpräses der Evangelischen Kirche im Rheinland gilt als zurückhaltend und ruhig. Wer aber einmal mit ihm bei einem Spiel von Borussia Dortmund war, weiß: Der Fußballfan, der seit den Zeiten von Tilkowski, Emmerich und Held „schwarz-gelb gefärbt“ und seit dem Jahr 2000 Mitglied beim BVB ist, kann auch anders…

Traditionsabbruch: Studie beleuchtet den Wandel religiöser Sozialisation

Ob Menschen religiös oder nicht-religiös werden, hängt in Zeiten des gesellschaftlichen Rückgangs von Religion nach einer internationalen Studie entscheidend von der Familie ab. Die Studie bestätigt einen massiven Traditionsabbruch, dem die Kirchen nicht einfach entgegenwirken können. Für die Zukunft erwartet Religionssoziologin Christel Gärtner von der Universität Münster einen weiteren kontinuierlichen Rückgang, schlussfolgert aber nicht, dass Religion verschwinden wird. Vielmehr wird sie in bestimmten Milieus und unter spezifischen Bedingungen weiter existieren, erläutert sie im Podcast Conny&Kurt. Die Bedingungen für die Weitergabe innerhalb der Familien werden jedoch schwieriger. Eltern, die ihren Kindern Religion vermitteln möchten, sehen sich manchmal mit Gemeinden konfrontiert, die so konservativ sind, dass sie befürchten, ihre Kinder könnten kein positives Gottesbild entwickeln. Dies birgt das Risiko weiterer Abbrüche.

Für die Kirche formulieren die Forscher:innen der internationalen Studie klare Empfehlungen: Sie müssen Orte bleiben, die Familien integrieren, Vergemeinschaftung und Kreativität ermöglichen und Diskursräume für die Fragen der Jugendlichen bieten, anstatt zu indoktrinieren. Kirchliche Dogmen werden heute kaum noch geglaubt oder verstanden. Das Angebot von Antworten und Räumen für die Reflexion der Adoleszenten wird als entscheidend für die Bindung der jungen Generation an die Kirche angesehen, da auch nicht-religiöse Jugendliche eine Sehnsucht nach solchen Auseinandersetzungsräumen zeigen. Eine theologische oder pädagogische Kompetenz in den Familien erleichtert die Vermittlung von Religion erheblich, da Zusammenhänge besser erläutert und erklärt werden können. Die länderübergreifenden Studie, an der auch Christel Gärtner mitgearbeitet hat, wirft ein Schlaglicht auf den tiefgreifenden Wandel der religiösen Sozialisation in Familien über mehrere Generationen hinweg. Die Untersuchung, die von der amerikanischen John Templeton Foundation gefördert wurde, analysiert die Weitergabe, Veränderung und den Abbruch von Religion in fünf Ländern mit christlichem Hintergrund: Deutschland, Finnland, Italien, Ungarn und Kanada. Die Ergebnisse zeichnen ein Bild eines fortlaufenden Rückgangs religiöser Praxis und Glaubensinhalte, warnen aber auch vor Verallgemeinerungen und zeigen unterschiedliche regionale Dynamiken auf.

Die Studie nutzte einen Mixed-Method-Ansatz, der repräsentative Fragebogenbefragungen und Familieninterviews umfasste, bei denen bis zu drei Generationen an einen Tisch gebracht wurden. Im Zentrum stand die Frage, wie Religion innerhalb von Familien über die Zeit tradiert wird.

Kindheit als Prägephase, Adoleszenz als Reflexionszeit

Ein zentrales Ergebnis ist die unterschiedliche Rezeption von Religion in verschiedenen Lebensphasen. Kinder nehmen demnach die Form der Religion an, die sie in der Familie erfahren, inklusive Glaubensinhalte, Werte und Rituale. Sie äußern sich oft positiv, wenn die Inhalte kindgerecht vermittelt werden. Mit der Adoleszenz setzt jedoch eine kritische Reflexionsphase ein. Jugendliche beginnen, Fragen an den Glauben und die vermittelten Werte zu stellen und entwickeln eine eigene Position.

Der Glaube schwindet, Rituale bleiben selektiv

Die Weitergabe des Glaubens selbst erweist sich als am schwierigsten. Während Werte und das Gefühl der Zugehörigkeit eine hohe Kontinuität aufweisen – mit Ausnahme Ostdeutschlands –, sehen die Forscher bei kirchlichen Praktiken und Glaubensinhalten einen deutlichen Bruch. Erfolgreich ist die Weitergabe von Religion heute vor allem dann, wenn die gesamte Familie an einem Strang zieht und in eine religiöse Gemeinschaft eingebunden ist, was eine Art Familienidentität schafft.

Die Feier des gesamten Kirchenjahres, wie sie in der Großelterngeneration noch präsent war, ist in der dritten Generation kaum noch zu finden. Stattdessen konzentrieren sich religiöse Praktiken oft auf einzelne Rituale und zentrale Feiertage wie Weihnachten und Ostern, die zunehmend als Familienfeste begangen werden. Rituale wie der St. Martins-Umzug existieren zwar weiter, werden aber oft als „Laternenlauf“ entkonfessionalisiert und über Kindergärten oder Schulen initiiert.

Regionale Unterschiede und die Rolle der Kirche

Der Säkularisierungsprozess verläuft nicht überall gleich. In Ostdeutschland war bereits in der Großelterngeneration ein scharfer Abbruch der kirchlichen Bindung festzustellen, der sich in der DDR durch Kirchenverfolgung und antikirchliche Politik massiv verstärkte. Dies führte dazu, dass Familien über Generationen hinweg eine Nichtreligion weitergaben. In Italien hingegen erfolgte dieser Prozess wesentlich später und kontinuierlicher. Finnland zeigt eine Besonderheit mit einer hohen Zahl an Konfirmationen, die oft als kulturelles Ritual wahrgenommen werden, selbst von nicht getauften Jugendlichen, und scheint den Rückgang zu verlangsamen. Kanada liegt dazwischen, mit regionalen Unterschieden, insbesondere in katholischen Gebieten wie Quebec, wo eine frühere Distanz zur Kirche aufgrund strenger Erziehung entstand. Mütter spielen rein statistisch gesehen in allen untersuchten Ländern die wichtigste Rolle bei der Vermittlung von Religion. Diese Rolle nimmt jedoch über die Generationen hinweg ab. Großmütter können eine vermittelnde Funktion einnehmen, insbesondere in der ersten und zweiten Generation, aber ihre Rolle kann den Rückgang der elterlichen religiösen Sozialisation nicht vollständig kompensieren. Enkel erinnern die religiöse Weitergabe durch Großmütter zudem weniger deutlich als die Elterngeneration.Gtnr, Christel/Hennig, Linda/Müller, Olaf (Hg.) (2025): Families and Religion. Dynamics of Transmission across Generations, Frankfurt a.M./New York. ISBN 978-3-593-51994-4.

Zur Person
Christel Gärtner ist Soziologin und seit 2014 außerplanmäßige Professorin am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie ist Mentorin der Graduiertenschule im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster und leitet dort das Projekt „Islam und Gender in Deutschland. Zur (De-)Konstruktion säkular und religiös legitimierter Geschlechterordnungen“.

Altersdiskriminierung und Generationenkonflikt: Soziologe fordert gesamtgesellschaftlichen Brückenschlag

Professor Reimer Gronemeyer, Soziologe, Theologe und Autor des Buches „Die Abgelehnten“, kritisiert, dass Altersdiskriminierung oft unterschätzt wird. Er definiert sie als eine tiefe, gesellschaftliche Benachteiligung, die nicht immer offensichtlich ist. Während die Debatte oft die Jungen zugunsten der Boomer benachteiligt sieht, warnt Gronemeyer vor einem „An den Randschieben“ der Alten, beispielsweise durch unbezahlbare Pflegeheimplätze.

Die Gesellschaft sei jugendlich geprägt, wodurch die Alten ihren traditionellen Wert als Träger von Wissen und Erfahrung verloren haben. Die Digitalisierung mache Ältere zu ständigen „Schülern“. Dies führe zu einem immer tieferen Bruch zwischen Jung und Alt, der beiden Generationen schade. Die Vorwürfe der Jugend an die Generation der Babyboomer bezüglich der Klimakrise und des Festhaltens an Führungspositionen seien völlig gerechtfertigt, da „alte weiße Männer“ maßgeblich an den heutigen Krisen beteiligt sind. Dieser Konflikt äußere sich auch in einer „giftigen“ Haltung gegenüber den Alten, da sie als Verursacher und Ressourcenverbraucher wahrgenommen werden.

Gleichzeitig sind traditionelle Begegnungsräume wie Kirchen, Parteien und Nachbarschaften zerbrochen, was zu Einsamkeit und Singularität führt. Die Rentendiskussion, in der sich die Generationen gegenseitig Vorwürfe machen, zeige diesen Gegenläufigen Konflikt deutlich.

Gronemeyer fordert einen gesamtgesellschaftlichen Austausch und betont, dass die Lösung nicht von Kabinetten, sondern von den Bürgern selbst kommen muss. Die Krisen müssten gemeinsam bewältigt werden. Die Kirchen könnten eine Rolle spielen, indem sie sich den wirklichen Nöten und Ängsten der Menschen widmen. Wichtiger sei es, gemeinsame Sehnsüchte zu erkennen und Wege zur Überwindung von Erschöpfung durch Stress zu finden, statt sich gegenseitig zu beschuldigen. Ein Lebensstil mit weniger Geld sollte als Chance begriffen werden.

Entscheidend sei die Wiederbelebung des Alltags durch bürgerschaftliches Engagement, etwa solidarische Landwirtschaft, und das Zurückerobern von Städten, Straßen und Plätzen durch Jung und Alt gemeinsam. Der Verlust lokaler Geschäfte, einst wichtige soziale Treffpunkte, verschärfe die Einsamkeit. Gronemeyer bleibt optimistisch: Es gebe bereits viele aufblühende kleine Gruppen, die alternative Lebensweisen praktizieren und Generationen zusammenbringen. Ziel sei ein intergenerationelles Miteinander, das jeden Einzelnen, unabhängig vom Alter, wertschätzt.

Zur Person
Reimer Gronemeyer studierte zunächst evangelische Theologie. 1971 wurde er mit einer Arbeit zu den Paulusbriefen promoviert und war danach Pfarrer in Hamburg. Danach studierte er Soziologie und wurde 1973 mit einer Arbeit zu Fragen der betrieblichen und gesellschaftlichen Partizipation promoviert.

Seit 1975 ist er Professor für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit den Fragen des Alterns in der Gesellschaft.

Digitale Kommunikation minderwertig?

Das Magazin, August 2024