Tag Archiv für Kirchenpräsident

Die Schwerpunkte als Kirchenpräsident: Sexualisierte Gewalt, Diakonie und lokale Verantwortung

Falls er im Herbst von der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Kirchenpräsidenten gewählt wird, will Oberkirchenrat Martin Mencke vor allem in der

Frage der sexualisierten Gewalt nicht nachlassen. „Das hat für mich eine hohe Priorität“, sagt Mencke, der derzeit der Beauftragter der Evangelischen Kirchen am Sitz der Landesregierung ist, im Podcast Conny&Kurt. Das werde weiterhin eine Daueraufgabe für die Kirche sein. Ferner will er dazu ermutigen, dass jede Kirchengemeinde und jeder Nachbarschaftsraum ein diakonisches Projekt durchführe. Die Kirche sei nicht nur eine Glaubens- sondern auch eine Handlungsgemeinschaft. Mencke spricht von der Diakonie als „zweites Bein unseres christlichen Glaubens.“ In den Strukturprozessen möchte er, dass die „lokalen Verantwortungsträger so viel Verantwortung wie nur irgend möglich bekommen“. Da möchte er eine Dynamisierung hinbekommen, um Innovationskraft freizusetzen.

Für das Amt des Kirchenpräsidenten, der Kirchenpräsidentin, der EKHN kandidieren drei Personen: Pröpstin Henriette Crüwell, Pfarrer Martin Mencke, Professorin Christiane Tietz. Gewählt wird am 28. September.

Kulturwandel in der Kirche gefordert

Henriette Crüwell, Pröpstin (Regionalbischöfin) für Rheinhessen, möchte einen Kulturwandel in der Kirche anstoßen. Die Bewerberin für das Amt der Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau will, dass man mit „Zutrauen und Wohlwollen“ allen begegnet, die in der Kirche arbeiten. „Wir sind Kirche im Plural“, sagt sie im Podcast Conny&Kurt. Dies meine, dass jede Gemeinde an ihrem Ort ihren Weg zu den Menschen finden muss. „Wir müssen weg von der McDonalds-Haltung, wo man in jeder Filiale das gleiche Menü bekommt“. Dabei komme es im Sozialraum auch auf die Identitätsmarker an. Dies könnten Pfarrpersonen und andere Mitarbeiter:innen sein, die Diakonie oder auch die Gebäude. Den derzeitigen Prozess der Gebäudereduzierung in der Kirche kritisierte Crüwell. Es werde zu wenig gefragt, welchen Zweck sie künftig erfüllen sollten. Die Kirchensteuer bezeichnete die Pröpstin als einen Schatz, der es ermögliche, Volkskirche zu bleiben. Aber schon jetzt solle man über andere Finanzierungsmodelle nachdenken.

Für das Amt des Kirchenpräsidenten, der Kirchenpräsidentin, kandidieren drei Personen: Pröpstin Henriette Crüwell, Pfarrer Martin Mencke, Professorin Christiane Tietz. Gewählt wird am 28. September.

„Familien brauchen Rückhalt – unabhängig von ihrer Form“

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 28. Juli 2015

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung ist einer der Vorkämpfer für die kirchliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften. Das ist nicht einfach nur dem Zeitgeist geschuldet, sondern dahinter stehen theologische Überlegungen über die Grundlagen des christlichen Familienbildes und die Auslegung der Bibel. Kurt-Helmuth Eimuth befragte ihn zu den Details. 

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Kirchenpräsident Volker Jung. Foto: EKHN

Herr Kirchenpräsident, Sie gehören zu den Verfassern der Orientierungshilfe Familie des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dieses Papier hat Furore gemacht, da hier nicht nur Vater, Mutter, Kind als Familie gesehen werden?

Die Orientierungshilfe nimmt zunächst die Wirklichkeit von Familien in Deutschland in den Blick. Und die zeigt: Es gibt inzwischen eine Vielzahl unterschiedlicher Formen des familiären Zusammenlebens. Dazu gehören die sogenannte „klassische“ Familie ebenso wie das kinderlose Ehepaar, das Verwandte pflegt, und das gleichgeschlechtliche Paar, das in einer eingetragenen Partnerschaft mit Kindern lebt, und manches mehr. Es ist ein Grundanliegen der Orientierungshilfe zu sagen, dass Familien gesellschaftlichen Rückhalt brauchen – unabhängig davon, in welcher Form Familie gelebt wird.

Die Ehe als “göttliche Stiftung” und traditionelle Geschlechterrollen lassen sich nicht biblisch begründen?

Es gibt eine lange theologische Tradition, in der aus der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und der Rollenzuschreibung aus neutestamentlichen Texten die Ehe mit traditionellen Geschlechterrollen gleichsam als „göttliche Ordnung“ begründet wurde. Das lässt außer Acht, dass die biblischen Vorstellungen selbst zeitbedingt sind, und andere Texte über diese Rollenmuster hinausweisen. Außerdem hat sich unsere Wahrnehmung – insbesondere der homosexuellen Prägung von Menschen – verändert. Biblisch begründen lässt sich aber sehr wohl, dass es in Ehe und Familie darum geht, dass Menschen dauerhaft, verbindlich, verlässlich, partnerschaftlich und gerecht Verantwortung füreinander übernehmen.

Welche Formen von verlässlicher Beziehung kennt die Bibel?

In der Bibel finden wir ganz unterschiedliche Familienkonstellationen. Da wird von den Urvätern erzählt, dass sie mehrere Frauen hatten. Und es reicht hin bis zum Hausstand, in dessen Zentrum Mann und Frau stehen, zu dem aber auch Sklaven gehören. Auch die Ehelosigkeit wird gewürdigt und gewissermaßen eingefügt in den Zusammenhalt von Gemeinden. Das alles zeigt: Es kann nicht darum gehen, zeitbedingte Formen in den Rang einer überzeitlichen Norm zu erheben.

Und Homosexualität? Ist die in der Bibel nicht verpönt?

Homosexualität wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament in den wenigen Stellen, in denen davon die Rede ist, klar abgelehnt. Das ist sicher ein Grund dafür, warum Homosexualität lange als Krankheit oder Sünde betrachtet wurde. Es war ein langer Weg zu erkennen, dass Homosexualität eine Prägung von Menschen ist, die nicht veränderbar ist, und dass es sehr wohl möglich ist, diese sexuelle Veranlagung – wie auch die heterosexuelle – zwischen gleichberechtigten Partnern verantwortlich zu leben. Auch hier geht es darum zu erkennen, dass die Bibel in zeitbedingten Sichtweisen nicht normativ sein kann. Sie ist aber normativ darin, dass Menschen in allem, was sie tun, Verantwortung haben und einander nicht schaden dürfen.

Welche Funktion hat Familie in einer erweiterten Form heute noch für die Gesellschaft?

Es bleibt der wichtige Grundgedanke, dass verlässliche Partnerschaften und mit ihnen Familien nach wie vor für eine Gesellschaft außerordentlich wichtig sind. Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen verbindlich und dauerhaft füreinander da sind und füreinander sorgen. Heute geht es darum, dass der zu Recht gewährte besondere Schutz für Ehe und Familie über die traditionelle Form der Familie, die natürlich nach wie vor von vielen gern und gut gelebt wird, hinaus ausgeweitet wird.

Was brauchen Familien in ihrer vielfältigen Erscheinungsform heute?

Sie brauchen zunächst gesellschaftliche Akzeptanz und politische Anerkennung in all ihren Formen. Für mich ist gegenwärtig besonders der der Blick auf die Situation von Alleinerziehenden wichtig. Sie muss dringend verbessert werden – finanziell aber auch mit konsequent weiter ausgebauten Unterstützungs- und Betreuungsangeboten.

Die evangelische Kirche will Familien gerade im Bereich der Erziehung und Bildung stützen. Wie kann sie das?

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bietet selbst eine ganze Menge an: Von 600 Kindertagesstätten mit fast 40.000 Plätzen über vier Schulen in kirchlicher Trägerschaft und Familienbildungsstätten bis hin zur Unterstützung für  Familienzentren.

Die Orientierungshilfe fordert familienfreundliche Arbeitszeiten. Die Kirche ist selbst ein großer Arbeitgeber. Gibt es in der Kirche besondere Anstrengungen um diesen Anspruch umzusetzen?

Im Sommer 2015 ist die Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beispielsweise für ihr Engagement zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Berlin ausgezeichnet worden. Mit dem Stabsbereich Chancengleichheit versuchen wir dafür zu sorgen, dass wir uns hier weiterentwickeln. Aber wir müssen auch zugeben: da gibt es noch viel zu tun – in unseren Gemeinden und Einrichtungen in Kirche und Diakonie. Manches lässt sich aber auch nur verwirklichen, wenn die gesamte Gesellschaft sich hier verändert.

Nirgends wird die Solidarität der Generationen so sichtbar wie in der Familie. Wie können Kirchengemeinden dieses wahrnehmen und unterstützen.

Kirchengemeinden spielen mit ihren vielen Angeboten von der Krabbelgruppe bis zum Seniorenkreis schon jetzt eine ganz wichtige Rolle. Derzeit läuft mit der Diakonie zusammen eine spannende Initiative zur stärkeren Vernetzung von Hilfsmöglichkeiten vor Ort. Ziel des Projektes „Drin“, das wir mit drei Millionen Euro fördern, ist es, die Gemeinwesenarbeit zu stärken. Dazu gehört eben auch, Lebensbedingungen für Familien zu verbessern. Etliche Kirchengemeinden sind auch beim Aufbau von Familienzentren engagiert. Auch das unterstützen wir. Insgesamt geht es auch darum, noch mehr als bisher die unterschiedlichen Familienkonstellationen wahrzunehmen und ihnen vorurteilsfrei zu begegnen.

Die häusliche Pflege ist nicht nur gesellschaftlich notwendig, sondern intensiver Ausdruck der Verlässlichkeit von Beziehung. Doch gelegentlich überfordern sich die Pflegenden. Kann die Kirchengemeinde hier helfend tätig werden?

Eine menschenwürdige Pflege von älteren Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hier braucht es gute unterstützende Angebote. Es kommt auf ein gutes Zusammenspiel von Pflegediensten, ärztlicher Unterstützung und seelsorgerlicher Begleitung von Pflegebedürftigen und Pflegenden an. Kirchengemeinden können hier mithelfen, sie können aber bei weitem nicht alles leisten, was nötig wäre. Ganz wichtig ist auch hier, Möglichkeiten zu eröffnen, durch die Pflege und Beruf miteinander vereinbart werden können.

In der Orientierungshilfe wird auch die Schattenseite von Familie angesprochen: familiäre Gewalt.

Ja, das war eine wichtige Sichtweise, die vor allem Praktikerinnen immer wieder eingebracht haben. Dazu kam, dass die Arbeit an der Orientierungshilfe mit den großen Skandalen um sexuellen Missbrauch zusammenfielen. Die Vorsitzende der Ad-Hoc-Kommission Ehe und Familie, die ehemalige Bundesministerin Christine Bergmann, war in dieser Zeit Beauftragte der Bundesregierung für Opfer sexuellen Missbrauchs. Das hat uns noch einmal besonders sensibel auf die Gewaltproblematik schauen lassen. Dazu gehört, sich einzugestehen, dass Familie nicht immer ein idyllischer Hort des Friedens ist, sondern eben auch ein sehr konfliktreicher Ort und manchmal auch ein Ort entsetzlichen Leidens sein kann. Das nicht zu verheimlichen und mit den Schattenseiten offen umzugehen, war uns wichtig.

Familie stärkt die Gesellschaft, doch gleichzeitig sind Alleinerziehende von Armut bedroht. Wie kann hier umgesteuert werden?

Das ist ein besonders trauriges Kapitel. Die Armutsgefährdung in diesem Bereich ist seit Jahren erschreckend hoch, zumal alleinerziehende Frauen auch weit über dem Durchschnitt in Niedriglohnbereichen arbeiten. Hier hilft nur der konsequente weitere Ausbau von guten Betreuungsmöglichkeiten. In der Orientierungshilfe haben wir zudem die Hoffnung geäußert, dass der Mindestlohn vielleicht dazu beiträgt, die sogenannten Ein-Eltern-Haushalte künftiger weniger oft in die Armut abrutschen zu lassen.

Im Zusammenleben mit anderen Religionen und Kulturen begegnen uns auch andere Familientraditionen. Gerade der Umgang mit Homosexualität dürfte eher trennend wirken. Eine Herausforderung für die einheimische Gesellschaft?

Homosexualität ist ja schon innerhalb der christlichen Glaubensrichtungen und Traditionen ein heikles Thema. Natürlich spielt das auch beim Dialog mit anderen Religionen eine Rolle. Das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen friedvoll zu gestalten  ist eine große Zukunftsaufgabe. Dazu gehört auch, gute Wege zu finden, schwierige religiöse und kulturelle Fragen zu bearbeiten.

Familienpolitik ist längst nicht mehr “Gedöns”. Sie sei, so die Orientierungshilfe, ein wesentlicher Faktor für die allgemeine Wohlfahrt und den gesellschaftlichen Reichtum.

Es hat sich einiges getan. Aber meistens ist es in der politischen Praxis doch immer noch so, dass das Finanzministerium oder auch das Verteidigungsministerium anders beachtet wird als das Familienministerium. Eine gute Politik für die Menschen muss aber noch viel stärker von der Sozial- und Familienpolitik aus bestimmt sein als bisher. Die skandinavischen Länder haben hier eine führende Rolle. Und das hat ganz praktische Folgen – etwa in der größeren Bereitschaft, Kinder zu bekommen.

Diakonie und Kirche sollen Familie stark machen. Wie können sie das?

Wir können Familien stark machen, indem wir sie mit vielfältigen Angeboten unterstützen. Und auch dadurch, dass wir uns für eine andere politische Gewichtung der Familienpolitik einsetzen. Die Orientierungshilfe Familie versucht dies und hat gerade auch im politischen Raum eine bemerkenswerte Beachtung gefunden.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 28. Juli 2015 in der Rubrik Ethik, erschienen in der Ausgabe Web.

„Wir brauchen eine Erweiterung des Horizonts“ Interview mit Gebhardt und Jung

Evangelisches Frankfurt Juni 2011

Esther Gebhardt und Dr. Volker Jung. Foto: Rolf Oeser 

In den Gremien der Frankfurter evangelischen Kirche wird derzeit eine neue parlamentarische Struktur erarbeitet. An die Stelle von vier Dekanaten und dem Regionalverband soll ein gemeinsames „Stadtdekanat“ treten. Ein guter Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen: Was macht Kirche in der Großstadt heute aus? Die Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“ lud dazu den hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten, Volker Jung, und die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, Esther Gebhardt, zu einem Redaktionsgespräch ein.

Herr Jung, Sie haben kürzlich einige Einrichtungen des Evangelischen Regionalverbandes in Frankfurt besucht. Was war Ihr Eindruck?

Jung: Die Situation in Frankfurt ist natürlich ausgesprochen vielfältig. Mir lag sehr daran, die Sozialarbeit kennen zu lernen. Zum Beispiel das Engagement in der Ausbildung von Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben. Es ist ein Charakteristikum der Kirche hier in Frankfurt, dass so eine Arbeit hier über Jahre hinweg ausgesprochen professionell weiter entwickelt wurde. Das ist ein richtiges Markenzeichen, eine ganz große Stärke.

Eine Besonderheit ist sicher auch, dass in Frankfurt 90 oder 95 Prozent derer, die diese Angebote nutzen, gar nicht der evangelischen Kirche angehören.

Jung: Wir machen das eben nicht in erster Linie um unserer selbst willen, sondern wir haben einen Auftrag, der sich an alle Menschen richtet. Wir wollen helfen, dass das Leben gelingt.

Pfarrerin Esther Gebhardt ist die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich die Frankfurter Gemeinden und Dekanate zusammengeschlossen haben. Foto: Rolf Oeser 

Viele dieser Einrichtungen sind überwiegend aus öffentlichen Geldern finanziert. Bei den Kindertagesstätten ist der Kirchensteueranteil inzwischen von 30 auf 15 Prozent zurückgegangen.

Gebhardt: Bei den neuen Krabbelstuben in Frankfurt liegt er sogar bei null Prozent. Der Kirchensteueranteil am Haushalt des Evangelischen Regionalverbandes insgesamt liegt zwischen 20 und 30 Prozent.

Jung: Bei den Kindertagesstätten steuern wir in Hessen und Nassau im Moment etwa 35 Millionen Euro im Jahr aus Kirchensteuern bei. Ein hoher Betrag angesichts der Tatsache, dass Kinderbetreuung eine kommunale Pflichtaufgabe ist.

Gebhardt: Der Punkt, den ich daran spannend finde, ist: Wie gelingt es, die eigentliche Botschaft von Kirche zu leben in Arbeitsfeldern, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden? Dazu braucht man vor allem die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und es wird immer schwieriger, sie zu finden. Vor allem, wenn wir­ erwarten, dass sie schon christlich sozialisiert sind, wenn sie zu uns kommen. Hier sollten wir uns öffnen und überlegen, wie wir sie fördern oder entwickeln können. Dann kann man aber auch mit fremdem Geld eine richtig gute, kirchliche Arbeit machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Gebhardt: Nehmen Sie den Täter-Opfer-Ausgleich, bei dem außergerichtliche Einigungen zwischen Straftätern und Opfern gesucht werden. Es ist von der Grundidee her originär christlich, auf der Grundlage von Buße, Vergebung und Neuanfang Lösungen zu finden. Obwohl wir für diese Einrichtung kaum eigenes Geld in die Hand nehmen.

Jung: Wir sind herausgefordert darüber nachzudenken, wie wir mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern evangelisch arbeiten können, die einer anderen Kirche oder auch gar keiner Kirche angehören. „Kirche mit anderen“ muss dabei nicht bedeuten, evangelische Identität aufzugeben, sondern es kann bewusst Teil des evangelischen Profils sein. Diese Herausforderung stellt sich natürlich insbesondere in so einer Stadt wie Frankfurt.

Zumal hier auch der atheistische Gegenwind stärker weht. Viele Leute fragen, warum die Kirche überhaupt staatliche Gelder bekommt.

Jung: Die bekommt sie, wie andere übrigens auch, weil sie Dienstleistungen für den Staat erbringt. Wir leisten einen Dienst an der Gesellschaft, weil wir sehen, da gibt es Menschen, denen diese Arbeit gut tut.

Reicht das, um die Kritiker zu überzeugen?

Jung: Ich glaube, die bekenntnismäßigen Atheisten sind gar nicht so sehr viele. Viele, die in der Statistik als nichtkonfessionell geführt werden, sind zum Beispiel Christinnen und Christen aus anderen Ländern, die nicht der Landeskirche angehören.

Gebhardt: Hier in Frankfurt treten die Atheisten nicht stark als politisch formierte Organisation in Erscheinung. Sie machen mir viel weniger zu schaffen als die freundlich Desinteressierten, die es leider auch unter unseren Mitgliedern gibt.

Jung: In Studien wurde seit den 70er Jahren prognostiziert, dass die Kirchenmitgliedschaft immer weiter abbröckeln wird. Wenn es so gewesen wäre, dann wären wir als Kirche schon weg. Also muss die Frage eigentlich eher umgekehrt lauten: Warum ist die Kirchenmitgliedschaft so stabil, wie sie ist? Ich denke, es gibt vieles, was nach wie vor an unserer Kirche geschätzt wird, und zwar auch von denen, die nach unserem Urteil eher zu den weniger Verbundenen zählen. Und dazu gehört ganz wesentlich, dass die Kirche sozial-diakonisch engagierte Arbeit leistet.

Gebhardt: Da kommen wir zu einem Punkt, über den ich gerne sprechen würde. Unsere Kirchenstruktur geht von der traditionellen Form der Parochie, der Ortsgemeinde aus. Dafür gibt es einen Rahmen, Mitgliedschaft, Kirchenvorstände, Wahlgesetze. Und dann gibt es dieses große, breite andere Feld der übergemeindlichen Arbeit. Momentan arbeiten wir ja an einer neuen Struktur für Frankfurt, und was mich dabei sehr beschäftigt ist: Woraus speist sich diese Struktur? Wenn weiterhin das Nadelöhr für demokratische Beteiligung an Gremien die „Ochsentour“ durch die Gemeinde ist, dann führt das meines Erachtens in eine Verengung. Weil man dieses große Feld an Engagement in den Fördervereinen, diakonischen Ehrenamtsgruppen, der Hospizarbeit und so weiter nicht einbindet. Diese Menschen bringen uns ganz viele Gedanken und Ideen, die wir aus rein gemeindlicher Perspektive so vielleicht gar nicht sehen.

Jung: Im Moment gehen wir davon aus, dass diejenigen, die in den Gemeinden die Kirchenvorstände wählen, diese Felder im Blick haben. Zurzeit überarbeiten wir unsere Kirchengemeindeordnung. Dies ist eine Gelegenheit, auch andere Gemeindeformen zu ermöglichen, die es ja zum Teil schon gibt, etwa Anstalts- und Personalkirchengemeinden. Doch wenn man Beteiligungsformen zu thematisch und interessenbezogen ausrichtet, besteht die Gefahr einer Zersplitterung. Das ist eine sehr schwere Systemfrage.

Volker Jung ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, zu der auch Frankfurt gehört. Das Kirchengebiet reicht von Oberhessen bis zum Odenwald, vom Westerwald bis in den Rodgau und umfasst große Teile Hessens, aber auch Gebiete von Rheinland-Pfalz. Foto: Rolf Oeser 

Aber ist nicht der moderne Mensch eher projektbezogen engagiert? Es kann doch zum Beispiel sein, dass eine Frau, die in Bad Homburg wohnt, sich hier in Frankfurt im Hospiz engagiert und dort sehr aktiv ist. Warum sollen nur diejenigen, die in einer klassischen Gemeinde aktiv sind, eine demokratische Stimme haben?

Jung: In der momentanen Struktur gibt es dafür die Berufungsplätze, sowohl in den Kirchenvorständen als auch in den Synoden. Die Gegenfrage wäre aber: Wenn die Menschen sich nur projektbezogen engagieren, brauchen wir nicht zugleich verlässliche Strukturen?

Gebhardt: Ja, das ist genau die entscheidende Frage. Viele engagierte Leute wollen sich bewusst nicht in strukturelle Verbindlichkeiten hineinbegeben, sondern konkret etwas für andere Menschen tun. Aber trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass man zum Beispiel sagt: Alle Ehrenamtlichen aus dem Bereich der Diakonie können eine Anzahl von Delegierten wählen und in das Kirchenparlament entsenden.

Jung: Ich will das überhaupt nicht ausschließen. Es kann aber nicht nur ein spontanes Zusammenkommen sein. Es wird immer viel über Milieuverengung in den Gemeinden geredet, also dass sich dort nur eine bestimmte Gruppe von Menschen trifft. Und das mag hier und da auch der Fall sein. Aber man darf nicht unterschätzen, welche breite Repräsentanz es auch in den Kirchenvorständen gibt. Wo haben Sie sonst ein Gremium, wo eine Managerin neben einem Rentner sitzt, oder die 18-Jährige neben dem 70-Jährigen? Da muss man lange suchen.

Gebhardt: Ich erlebe durchaus Kirchenvorstände, wie Sie sie beschreiben, die wirklich einen weiten Blick haben. Ich erlebe aber leider auch Kirchenvorstände, in denen kleine, sehr auf sich selbst bezogene Gruppen mit viel Kraft versuchen, Prozesse aufzuhalten. Einer der markantesten Sätze, der mir begegnete, als wir in einer Gemeinde darüber sprachen, dass es doch längst Zeit sei, mit der Nachbargemeinde zu kooperieren, war: „Aber warum denn jetzt, das kann man doch auch in zehn Jahren noch machen!“

Jung: Ja, die gibt es, das ist unbestritten. Und ich wünsche mir natürlich, dass wir offener werden und bereit sind, Strukturen zu verändern. Sie haben das ja bei der Einweihung des neuen Kirchenhauses auf dem Riedberg so schön beschrieben: Etwas Neues kann nur entstehen, wenn wir an anderer Stelle bereit sind, auch Dinge aufzugeben.

Herr Jung, sie haben vorhin auf die Gefahr der Zersplitterung hingewiesen. Es gibt ja tatsächlich inhaltliche Konflikte zwischen den verschiedenen Milieus. Etwa die Haltung zur Homosexualität.

Jung: Die Kirche ist immer auch Spiegelbild der Gesellschaft, und dass wir darin die unterschiedlichsten Positionen vertreten haben, gehört dazu. Ein Thema wie Homosexualität ist wahrscheinlich nie ausdiskutiert. Ich bin aber sehr froh, dass die evangelische Kirche in dieser Sache eine sehr offene Haltung hat, die meiner Ansicht nach auch eine Mehrheitsauffassung ist.

Diese Haltung ist innerhalb des interreligiösen Dialogs ja auch ein echtes evangelisches Alleinstellungsmerkmal.

Gebhardt: Und es ist die Frage, die uns von den anderen Kirchen am meisten trennt. Auch das muss man sehen. Eine andere innerkirchlich umstrittene Frage ist, wie viel Offenheit im Dialog mit dem Islam wir brauchen und uns aus evangelischem Verständnis leisten.

Bei solchen Themen gibt es auch deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land. Der frühere Limburger Bischof Kamphaus hat bei der Einweihung des katholischen Hauses am Dom gesagt, dass das Wort Gottes immer auch über die Städte weiter getragen wurde. Welche Bedeutung hat für die EKHN eine Stadt wie Frankfurt?

Jung: Wenn ich die EKHN vorstelle, stelle ich sie gern immer genau mit diesen zwei Seiten vor: Sie ist ganz stark geprägt durch das Rhein-Main-Gebiet, wo sich Entwicklungen viel schneller zeigen als anderswo, hat auf der anderen Seite aber auch diese starke ländliche Prägung. Schwierig wird es, wenn das zu einem Gegensatz wird, der dann in Verteilungskämpfen gegeneinander ausgespielt wird.

Gebhardt: Ich hätte mir in der Vergangenheit manchmal schon gewünscht, dass die EKHN mehr Verständnis dafür aufbringt, dass Frankfurt einen eigenen Raum braucht, um Dinge auszuprobieren. Wir verstehen ja, dass wir sparen müssen wie alle anderen auch, aber wie wir sparen, das würden wir doch gerne vor Ort nach unseren eigenen Maßstäben und Bedingungen entscheiden, die sich aus der besonderen Situation ergeben. Da muss man auch mal etwas ausprobieren dürfen und nicht immer hören, dass endlich alle Frankfurter Sonderwege beendet werden müssen.

Jung: Ich habe ja schon signalisiert, dass ich das gerne unterstütze. Ich wünsche mir, dass es gelingt, dafür eine gute Struktur zu finden. Da muss es dann unter Umständen so etwas wie ein „Frankfurt-Gesetz“ geben. Es gibt ja auch in anderen großen Städten den Versuch, die Dinge etwas anders zu regeln. Mein Wunsch ist, dass das von ländlicher Seite gesehen und mitgetragen wird.

Kurt-Helmuth Eimuth, Antje Schrupp

„Ich gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu“

Evangelisches Frankfurt Juli 2009

„Ich gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu“

Kirchenpräsident Volker Jung spricht mit „Evangelisches Frankfurt“ über die Aufgabe der Kirche in globalen Krisenzeiten und die Chancen für den Dialog der Religionen.

Herr Jung, Sie kommen aus dem Vogelsberg und arbeiten jetzt in Darmstadt, dem Sitz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – verbindet Sie auch etwas mit Frankfurt?

Ich finde Frankfurt hoch spannend und bin gerne hier. Ganz abgesehen davon, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr Eintracht Frankfurt-Fan bin und mir diese Stadt daher schon immer emotional etwas bedeutet hat.

Volker Jung beim Redaktionsgespräch. Der 49-Jährige ist seit Anfang dieses Jahres Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Amtszeit beträgt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach und Dekan im Vogelsbergkreis. | Foto: Rolf Oeser

Volker Jung beim Redaktionsgespräch. Der 49-Jährige ist seit Anfang dieses Jahres Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Amtszeit beträgt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach und Dekan im Vogelsbergkreis.
Foto: Rolf Oeser

In guten wie in schlechten Zeiten?

In guten wie in schlechten Zeiten, davon bin ich nie abgewichen! Eine sehr schöne Sache für mich war es auch, den Pfingstgottesdienst auf dem Römerberg mitzufeiern. Da sind sicher viele Menschen gewesen, die ansonsten gar nicht in die Kirche gehen. In einer Großstadt hat die Kirche schon tolle Chancen.

Welche Impulse sollten denn von Frankfurt für die Landeskirche insgesamt ausgehen?

Wir brauchen offene, einladende Kirchen, wo Menschen aus unterschiedlichen Milieus erreicht werden. Die Stadt bietet da besondere Möglichkeiten für experimentelle Projekte und kann eine Vorreiterrolle haben. Aber ich würde den Gegensatz von Stadt und Land gar nicht so groß machen. Es gibt ja auch in Frankfurt Stadtteile, in denen noch das traditionelle Gemeindeleben in einem durchaus dörflichen Sinn gelebt wird. Das darf nicht kaputt gehen.

Sie sind angetreten als ein Kirchenpräsident, der die Kirche nicht nur verwalten, sondern auch geistliche Impulse setzen will. Welche Impulse braucht eine von Finanzkrisen und Klimawandel bedrohte Welt?

Die Welt braucht erstens eine geistlich begründete Gelassenheit. Wer sich von Gott getragen weiß, ist hoffentlich vor hektischem Krisenaktivismus etwas besser gefeit. Und zweitens braucht sie ein Krisenmanagement, das auf das langfristige Wohl aller bedacht ist. Auf Krisen reagieren viele mit Entsolidarisierung. Plötzlich geht es nur noch darum, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die Welt braucht aber Entwicklungen, die das Leben in den heutigen globalen Beziehungen ernst nimmt, und das gilt sowohl für das Klima als auch für die Wirtschaft. Unser Glaube ruft uns nicht zum Kampf der Starken gegen die Schwachen, sondern er ruft uns in eine globale Solidarität. Dabei geht es nicht nur um die großen politischen Fragen, sondern auch um unsere Glaubwürdigkeit als Christen und als Kirche, um die Frage nach dem persönlichen Lebensstil: Was mache ich selber? Es geht darum, das Glaubensleben und das wache Aufnehmen gesellschaftlicher Fragen zusammenzubringen.

In die Schlagzeilen geraten ist im Streit um den Hessischen Kulturpreis das Verhältnis der Kirche zum Islam. Wie steht es aus Ihrer Sicht um den Dialog?

Ich würde mir wünschen, dass man sich gerade im Blick auf die Fragen der Weltverantwortung, die ja in jeder Religion vorkommen, verständigt und gemeinsam fragt, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Vielleicht ist die Orientierung an ethischen Fragen dabei dialogfähiger als die Orientierung an den dogmatischen Fragen. Wobei natürlich beides zusammengehört. Es muss auch Platz sein, sich die dogmatischen Glaubensauffassungen gegenseitig zu sagen und sie nebeneinander stehen zu lassen.

Sind Allah und Gott letztlich nicht dasselbe?

Auf eine einfache Form gebracht würde ich sagen: Wir glauben zwar an einen Gott, aber wir beschreiben ihn in unterschiedlicher Weise.

Zur gesellschaftlichen Verantwortung gehört auch, Kinder im Sinne des friedlichen Zusammenlebens zu erziehen. Da hat die Kirche mit ihren vielen Kindertagesstätten ein großes Betätigungsfeld. Wa­rum beharrt die evangelische Kirche darauf, nur christliche Erzieherinnen einzustellen?

Diese Frage wird bei uns kontrovers diskutiert. Einerseits haben wir als Kirche den verständlichen Wunsch, dass in unseren Einrichtungen ein deutliches evangelisches Profil erkennbar ist. Aus meiner Sicht kann das bei einer Kindertagesstätte, in der viele muslimische Kinder sind, aber auch so erfüllt werden, dass man überlegt, ob eine muslimische Erzieherin dem Team und den Kindern gut tun würde. In diesem Sinn denkt die Synode über eine Änderung der Richtlinien nach.

Ihr Vorgänger im Amt, Peter Steinacker, vertrat im Interview mit „Evangelisches Frankfurt“ die Auffassung, dass der Buddhismus für das Christentum eigentlich eine größere Herausforderung darstellt als der Islam. Gerade in Zusammenhang mit dem Besuch des Dalai Lama ist das ein spannendes Thema. Wie sehen Sie das?

Natürlich haben wir so etwas wie einen Markt der Religionen, und darin gibt es viele Mitbewerber. Aber ob man das gewichten kann? Ich glaube, dass jedes religiöse Gespräch dazu führt, das Eigene deutlicher zu erkennen. Da kann man sich durchaus fragen, warum es manche Menschen zum Buddhismus zieht oder andere den Islam attraktiv finden. Ein guter religiöser Dialog gibt beidem Raum: dem gegenseitigen Befragen und dem kritischen Nachfragen an das Eigene.

Und warum ist für Sie das Christentum attraktiv?

Der Glaube, in dem man großgeworden ist, hat eine tiefe, lebensgeschichtliche Verankerung und eine große Prägekraft, sodass man immer mit der eigenen Religion eine höhere Identifikation empfindet als mit einer anderen Religion. Ich schätze am christlichen Glauben sehr, dass der Mensch als Individuum gesehen wird und zugleich auch als gesellschaftliches Wesen. Und dass der Begriff der Freiheit, die in Liebe begründet wird, eine große Rolle spielt. Aber niemand kann in einem absoluten Sinn sagen: Ich kenne die einzige Wahrheit. Sicher, ich habe subjektiv meine Glaubenswahrheit, aber ich gestehe jedem, mit dem ich rede, seine eigene Glaubenswahrheit zu. Auf dieser Ebene können Wahrheitsansprüche dann durchaus auch konkurrieren.

Im Zuge der Finanzkrise ist ja auch die finanzielle Situation der Kirche wieder angespannter. Wie sehen Sie da die Perspektiven für die Zukunft?

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat glücklicherweise in den zurückliegenden Jahrzehnten eine gute Finanzpolitik gemacht. Das heißt, wir haben Rücklagen, die uns in die Lage versetzen, zwei oder drei schwierige Jahre ungefähr auf dem jetzigen Haushaltsniveau durchzuhalten. Dass wir uns perspektivisch auf Zeiten einstellen müssen, in denen uns weniger Finanzkraft zur Verfügung steht, das ist ja längst in unseren Sparbemühungen mit drin. Ich glaube allerdings nicht, dass wir eine Zielperspektive entwickeln können, die bedeutet, dass wir einzelne Arbeitsbereiche völlig brachlegen. Insgesamt werden wir wohl in allen Bereichen kürzen müssen. Aber wir hoffen natürlich sehr, dass die Krise überwunden werden kann und es dann auch wieder einmal in eine andere Richtung geht.

Interview: Antje Schrupp und Kurt-Helmuth Eimuth

„Der Religion geht es nicht um Gefühle, sondern um die Wahrheit”

Evangelisches Frankfurt Dezember 2008

Der scheidende Kirchenpräsident Peter Steinacker spricht mit „Evangelisches Frankfurt“ über das Wesen der Religion, künftige Probleme für die Kirche und die Herausforderung, die der Islam und der Buddhismus für das westliche Christentum bedeuten.

Herr Steinacker, Ihre Amtszeit war von einem großen Neustrukturierungsprozess und letztlich dem Zurückgehen der Kirchensteuern geprägt. Auch wenn im Moment die Kassen voll sind, wie sieht die Zukunft der Kirche aus?

Unsere größte Problematik ist die demografische Entwicklung. Daran können wir nichts ändern. Das andere ist eine neue Form von Religiosität, die nicht mehr nach Inhalten und nach Wahrheit fragt, sondern sich mit der subjektiven Präsentation des eigenen Glaubens beruhigt. Dagegen ist es unsere traditionelle Überzeugung, dass es im christlichen Glauben und in der Religion überhaupt um Wahrheit geht. Das heute plausibel zu vermitteln, ist eine schwierige geistliche Aufgabe.

Sehen Sie ein Wiedererstarken einer gewissen Religiosität, die aber keine Kirchlichkeit ist?

Ja. Und diese Religion sieht anders aus als die Religion, die ich noch als Junge von meinen Eltern oder von meinen Pfarrern oder auch von gesellschaftlichen Diskursen her gewohnt war.

Ist das eine Religion der Selbstinszenierung, der Selbstvergewisserung?

16 Jahre lang war Peter Steinacker Kirchenpräsident in Hessen und Nassau, der Landeskirche, zu der auch Frankfurt gehört. Im Januar geht er in den Ruhestand. | Foto: Rolf Oeser

16 Jahre lang war Peter Steinacker Kirchenpräsident in Hessen und Nassau, der Landeskirche, zu der auch Frankfurt gehört. Im Januar geht er in den Ruhestand.
Foto: Rolf Oeser

Das ist richtig. Selbstvergewisserung ist zunächst ein positives Stichwort, denn ohne Gewissheiten kann kein Mensch handeln. Auch der christliche Glaube ist dazu da, das Selbst eines Menschen zu stärken. Problematisch wird es, wenn diese persönliche Bestärkung dann genug sein soll. Und wenn das einzige Kriterium für die Echtheit oder die Wahrheit einer Religion die Form der Präsenta­ tion ist. Gegen diesen Trend muss die Kirche argumentieren und auch Menschen prägen, vom Kindergarten an.

Ist denn eine Konsumgesellschaft wie die unsere nicht zwangsläufig eine der Selbstinszenierung? Es werden in Wahrheit nicht Waren, sondern Gefühle verkauft?

Ja. Aber das Problem dabei ist, dass auch Gefühle zu Waren werden. Das habe ich schon im Studium bei Adorno gelernt: Der Warencharakter prägt sich tief bis in die Verästelungen unserer Seelen ein. Dagegen hilft nur theologische Kritik.

Eine andere große Herausforderung ist sicherlich der Islam. Ist der Islam eine Gefahr für das Christentum?

Ja und Nein. Die Integration des Islam ist gesellschaftlich eine große Herausforderung, denn viele seiner Traditionen sind in eine säkulare Gesellschaft, wie sie das Grundgesetz voraussetzt, nicht einfach übertragbar. Die Menschen, die auf Dauer bei uns und mit uns in Europa leben wollen, müssen sich in vielerlei Hinsicht verändern. Zugleich muss sich auch unsere Gesellschaft dauerhaft verändern, damit Integration überhaupt gelingt.

Wir werden lernen, mit Menschen anderer Religionen in neuartiger Weise zusammenzuleben. Das sind wir nicht gewohnt. Aber das ist unsere Zukunft, denn die Menschen islamischen Glaubens haben Religionsfreiheit wie wir, und man darf sie ihnen nicht vorenthalten. Theologisch kommt es sehr darauf an, wie man miteinander tolerant umgeht. Bei den fundamentalistischen Gruppierungen sowohl im Islam als auch im Christentum wird man dabei nichts erreichen. Anders ist es mit den gesprächsbereiten Muslimen. Hier plädiere ich dafür, dass wir mit ihnen in einem offenen und zugewandten Dialog bleiben, der die Differenzen klar benennt und von gegenseitiger Achtung lebt.

Für viel schwieriger halte ich aber die stille und fast unmerkliche Mission seitens des östlichen Buddh­ ismus im Westen. Beim Islam erkennt man schnell die Differenzen. Beim Buddhismus ist das viel komplizierter, weil er sich in seinen Schattierungen viel leichter mit anderen Religionen verbinden kann, so dass Differenzen gar nicht auffallen. Jürgen Klinsmann stellt Buddha-Statuen in die Kabine von Bayern München und erwartet davon „Good Vibrations“. Das ist fernöstliche Magie im postsäkularen Westen! Schon ein starkes Stück! Und es zeigt, was da Neues passiert. Ein anderes Beispiel sind die Verschiebungen in der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Viele Menschen halten mittlerweile die östliche Vorstellung von einer Reinkarnation für viel plausibler als die christliche Hoffnung von der Auferstehung der Toten, und sie halten sie manchmal sogar für eine christliche Denkmöglichkeit.

Wobei diese Vorstellung falsch ist, da die Wiedergeburt im Buddhismus keine Erlösung ist, sondern eine Strafe.

Hier zeigt sich, wie Versatzstücke verschiedener Religionen und Weltdeutungen zu etwas Neuem verknüpft werden. Bei der Wiedergeburt ist der Einfluss der Anthroposophie erkennbar. Sie hat diese fernöstliche Vorstellung in die eigene Welttheorie integriert und umfunktioniert. Bei ihr wird die Welt zur Schule, die Seelenwanderung zum Erziehungsmodell. Früher haben wir mit Schulen (Bildung), Krankenhäusern (Heilung) und Gottesdiensten den Osten missioniert. Jetzt kommen diese Missionsmethoden im Gewand der östlichen Religionen zu uns zurück. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Damit werden wir noch viel zu tun haben.

Wir haben in Frankfurt zu viele kirchliche Gebäude. Die Auseinandersetzung um die Matthäuskirche erfährt bundesweites Interesse. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Den vom Evangelischen Regionalverband in Frankfurt eingeschlagenen Weg, die Zahl kirchlicher Gebäude zu verringern, halte ich für leider nicht zu vermeiden. Als ich in Frankfurt aufgewachsen bin, waren wir 440000 Evangelische. Jetzt sind wir knapp 140000, haben aber nahezu die gleiche Zahl an Gemeinden und Kirchen. Wir müssen vermutlich einige Kirchen aufgeben. Neue Gemeindestrukturen können ja auch eine Chance sein und neuen Schwung bringen. Was ich dabei vermeiden möchte, ist die Abgabe von Kirchen an andere Religionsgemeinschaften, denn die Gebäude haben eine Geschichte und eine theologische Ästhetik, die man ihnen ansieht, und die dann für Irritationen sorgen würden.

Die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland ist glasklar: Lieber abreißen als eine Kirche in eine Moschee umwandeln.

Diese Auffassung teile ich. Nicht, weil ich den Muslimen keine Moscheen gönnen würde, sondern weil es für alle besser ist, wenn sie wirklich eigene Moscheen bauen.

Interview: Kurt-Helmuth Eimuth

Gemeindenähe gab den Ausschlag

Evangelisches Frankfurt Oktober 2008

Kommentar:
Gemeindenähe gab den Ausschlag

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Eine Sensation war die Wahl des Lauterbachers Pfarrers und Dekans Volker Jung zum neuen Kirchenpräsidenten nicht. Eine Überraschung schon. Er war eher als Außenseiter gestartet und, anders als seine Mitbewerber, für viele ein unbeschriebenes Blatt.

Inhaltlich waren bei den drei Kandidaten kaum Unterschiede auszumachen. Alle betonten, dass sie die Gemeindearbeit stärken, dialogisch arbeiten und das „Leitende Geistliche Amt“ als kollegiales Führungsorgan erhalten wollten. Die Entscheidung für Jung war so betrachtet keine Richtungsentscheidung. Und doch drückt sich in ihr die Sehnsucht nach mehr Anerkennung gemeindlicher Arbeit und nach höherer Wertschätzung des Gemeindepfarramtes aus.

Dem Pfarrer und Dekan aus dem Vogelsberg traut man dies offenbar eher zu als seinen Mitbewerbern, die schon lange in hohen kirchlichen Leitungsämtern sind. Und Jung, der Sohn eines Metzgers und Gastwirtes, kennt die Stimmung an der Basis. Die ständigen Reformen, die immer mit Einsparungen einher gehen, haben mürbe gemacht. Die Stimmung ist auch geprägt von der Reduzierung der Gemeindepfarrstellen bei gleichzeitigem Ausbau gemeindeübergreifender Ämter. Beim Stichwort „Profilstellen“, wie die zusätzlichen Stellen bei den Dekanaten genannt werden, fragt sich mancher, ob nicht der alltägliche Einsatz der Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer das eigentliche „Profil“ einer Kirche sein sollte.

Der zukünftige Kirchenpräsident hat diese Stimmung in seinem Bild vom Hausbau aufgegriffen: „An unserem Haus wird sicher immer gebaut. Ich werde aber darauf achten, dass nicht an zu vielen Stellen gleichzeitig gebaut wird. Es lebt sich nicht gut in einem Haus, das eine einzige Baustelle ist.“

Volker Jung muss nun ein Bauleiter werden, der behutsam die Sanierung weiter betreibt und den radikalen Kahlschlag vermeidet. Die Aufgaben, vor der er und die Kirche stehen, sind gewaltig. Die Mitgliederzahlen gehen aufgrund des demografischen Wandels massiv zurück, vor allem in den ländlichen Gegenden. Hier gilt es, die gemeindliche Versorgung aufrecht zu erhalten, die Gebäude zu unterhalten und sich dem zu spürenden Traditionsabbruch entgegenzustellen.

Dem neuen Mann an der Spitze der EKHN ist zu wünschen, dass er den Erwartungen der Basis gerecht wird. So gesehen war die Wahl doch eine Richtungsentscheidung. Eine Entscheidung für die Kirchengemeinden, für eine Kirche, die vor Ort präsent und nahe bei den Menschen ist.

Kurt-Helmuth Eimuth

Überraschende Wahlentscheidung

Evangelisches Frankfurt Oktober 2008

Überraschende Wahlentscheidung
Landessynode wählt Volker Jung zum Kirchenpräsidenten

Zum neuen Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) wählte die Synode im Frankfurter Dominikanerkloster den Lauterbacher Pfarrer und Dekan Volker Jung. Der promovierte Theologe übernimmt zum Jahreswechsel das Amt von Peter Steinacker, der aus Altersgründen ausscheidet. Der 48-Jährige setzte sich überraschend gegen seine Mitbewerber, den Vorstandsvorsitzenden des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau, Wolfgang Gern, und den Propst für Süd-Nassau, Sigurd Rink, durch.

Volker Jung - links - wird der neue Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Zum Jahreswechsel löst er Peter Steinacker - rechts - ab. | Foto: Rolf Oeser

Volker Jung – links – wird der neue Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Zum Jahreswechsel löst er Peter Steinacker – rechts – ab.
Foto: Rolf Oeser

Vor dem hessen-nassauischen Kirchenparlament hatte Jung ausgeführt, dass Kirchengemeinden künftig intensiver zusammenarbeiten sollten. Das „normale Gemeindeleben“ bezeichnete er als „großen Schatz“. In der Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer solle künftig mehr die Teamarbeit gefördert werden. Jung betonte, dass man sich besonders um Kinder und Jugendliche kümmern müsse. „Sie sind nicht erst unsere Zukunft, sie sind unsere Gegenwart.“

Jung hob hervor, dass seine Vision von einer Kirche im Jahr 2025 nicht an Finanzen scheitern müsse. „Wir werden auch im Jahr 2025 eine der reichsten Kirchen der Welt sein“, betonte der künftige Kirchenpräsident.

Im Vorfeld der Wahlsynode war es zu einer Kontroverse über Pläne gekommen, den Kirchenpräsidenten künftig Bischof zu nennen und das „Leitende Geistliche Amt“ (LGA), dem neben dem Kirchenpräsidenten auch die sechs Pröpstinnen und Pröpste angehören, als kollegiales Bischofsamt abzuschaffen. Höhepunkt der Kontroverse war die Absage der ehemaligen Pröpstin für Rhein-Main, Helga Trösken, gewesen, an einer Diskussionsveranstaltung im hessichen Fernsehen teilzunehmen. Sie habe sich von Seiten der Kirche „unter Druck“ gesetzt gesehen. Zehn ehemalige Pröpstinnen und Pröpste hatten öffentlich die Pläne zur Umstrukturierung der Führungsstruktur kritisiert. Jung hob hervor, dass er auch künftig mit dem LGA zusammenarbeiten will.

Kurt-Helmuth Eimuth