Tag Archiv für Diakonie

Humanitäre Hilfe braucht Neutralität

Die Diakonie Katastrophenhilfe

Das Leid ist unbegreiflich. Nicht vorstellbar. 850 Millionen Menschen gehen mit Hunger ins Bett. Das sind zehn Prozent der Weltbevölkerung. 50 Millionen Menschen stehen an der Schwelle zur Hungersnot. Die Hilfsorganisationen helfen, wo sie können. Conny & Kurt haben in ihrem Podcast den Chef der Diakonie Katastrophenhilfe Martin Kessler gefragt wie Hilfe rund um den Globus aussieht, wie die Diakonie arbeitet und ob das gespendete Geld auch wirklich bei den Betroffenen ankommt. Kessler begründet auch, warum es neben Brot für die Welt eine Katastrophenhilfe gibt. Während Brot für die Welt parteiisch sei, sein müsse, da sich die Organisation für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzt, müsse die Katastrophenhilfe dagegen streng neutral sein, damit sie auf beiden Seiten in einem Konfliktgebiet humanitäre Hilfe leisten könne. Insofern sei die evangelische Kirche mit dieser Aufteilung gut beraten.
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Flüchtlingen helfen, Bildungschancen eröffnen

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 10. September 2014

Beim Jahresempfang der Diakonie Hessen in der Peterskirche plädierte der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner für bessere Bedingungen für Flüchtlinge.

In der Diskussion mit Sozialminister Stefan Grüttner (2. von rechts): die stellvertretende hessen-nassauische Kirchenpräsidenton Ulrike Scherf (rechts) und Katrin Wienold-Hocke, Pröpstin des Sprengels Kassel (2. von links). Holger Weinert (links) vom hr-Fernsehen moderierte das Gespräch. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Eine kurze Verweildauer in den Erstaufnahmeeinrichtungen und einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt für Flüchtlinge forderte der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner beim Jahresempfang der Diakonie Hessen in der Frankfurter Peterskirche. Erstens könne der Arbeitsmarkt einige der Qualifikationen gut gebrauchen, zum anderen stärke Arbeit das Selbstvertrauen der Flüchtlinge. Grüttner betonte, dass „niemand sein Heimatland freiwillig verlässt“. Hessen habe sich auf die steigenden Flüchtlingszahlen gut vorbereitet und die Anzahl der Plätze von 578 im Oktober 2012 auf über 3000 gesteigert.

Zufrieden mit der Fusion der beiden hessischen diakonischen Werke zur Diakonie Hessen zeigte sich der Vorstandsvorsitzende Pfarrer Wolfgang Gern. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Die stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Ulrike Scherf, berichtete, dass die Kirchengemeinden sich an vielen Stellen in der Flüchtlingshilfe engagierten. „Die Hilfsbereitschaft Flüchtlingen zu helfen ist riesengroß“, pflichtete Grüttner der Kirchenvertreterin bei.

Als Beispiel für die Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit verwies Grüttner auf den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan für 0 bis 10 Jahre, der inzwischen etabliert sei. Das Land habe verstärkte Anstrengungen gerade in der frühkindlichen Bildung unternommen. Hier investiere man jährlich 435 Millionen Euro. Schließlich hätten selbst führende Kirchenvertreter im Land das in diesem Jahr in Kraft getretene Kinderförderungsgesetz gelobt.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 10. September 2014 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe Web.

„Sicherheit und Wertschätzung“

Evangelisches Frankfurt September 2009

„Sicherheit und Wertschätzung“

Seit 100 Jahren wird Frauen in sozialen Notlagen am Zoo geholfen

„Die Arbeit ist absolut notwendig und verdient Anerkennung“ konstatierte die Chefredakteurin des ZDF-Magazins Mona Lisa, Sybille Bassler, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Hauses „Lilith – Wohnen für Frauen“, das in Not geratenen Frauen Hilfe bietet. Als Teil des Zentrums für Frauen am Alfred-Brehm-Platz unterstützt die Einrichtung Frauen, die wohnungslos sind.

Das Haus bietet 28 Einzelzimmer und 4 Notbetten, sodass auch Frauen in akuten Krisen mit ihren Kindern aufgenommen werden können. Es gelingt den Frauen, eine neue Perspektive zu entwickeln, da die ärgste Not wie Obdachlosigkeit entfällt. Ergänzend zur individuellen Hilfe bietet Lilith das Leben in einer Wohngruppe an. Hier hören die Frauen, wie andere Frauen in ähnlichen Situationen gehandelt haben.

1909 eröffnete der Verein „Weibliche Stadtmission“ das Haus „für hilfs- und ratbedürftige, ferner für gefährdete sowie für verwahrloste oder gefallene Personen weiblichen Geschlechts.“ Übrigens sehr zum Ärger der Anwohner und des Frankfurter Magistrats, der den Betrieb in dieser wohlsituierten Wohngegend nicht zulassen wollte. 1944 wurde das Haus durch einen Bombenangriff zerstört. Alle Bewohnerinnen sowie zwei Betreuerinnen kamen dabei ums Leben. 1952 konnte man das Haus wieder aufbauen.

In den 1970er Jahren kam es im Zuge der Neuausrichtung der Heimpädagogik zu einem radikalen Wandel. Der Evangelische Regionalverband übernahm das Haus. Frauen konnten jetzt bis zu sechs Monaten hier verweilen. Im Zuge der weiteren Professionalisierung und Arbeitsteilung entstand am Alfred-Brehm-Platz noch die Beratungsstelle für Frauen, später kamen „Tamara – Beratung und Hilfe für Prostituierte“ und „17 Ost – Tagesstreff für Frauen“ hinzu.

Heute ist Lilith ein Haus, das in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe bietet. Ein Haus, in dem Frauen „Sicherheit, Halt und Vertrauen und vor allem Wertschätzung erfahren“, wie Karin Kühn, Leiterin des Hauses, betont. „In den Anfängen war der moralische Anspruch hoch und man hat diese Frauen entmündigt. Heute stehen Privatsphäre, Selbstbestimmung und individuelle Hilfestellung im Mittelpunkt.“

Pfarrerin Esther Gebhardt, die Vorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, dessen Diakonie das Haus betreibt, wies darauf hin, dass sich zwar die Notlagen der Frauen verändert hätten, es aber immer noch strukturell benachteiligte Frauen gebe. Sybille Bassler benannte in ihrer Festrede zahlreiche Beispiele: Frauen verdienen in Deutschland ein Viertel weniger als Männer. Ursache sei, dass zahlreiche Frauen in Frauenberufen wie Krankenschwester, Friseurin oder in Teilzeit arbeiteten. Auch das Elterngeld habe trotz anfänglicher Euphorie weder mehr Männer zur Elternzeit ermutigt noch eine erhöhte Geburtenrate gebracht. Armut sei immer noch weiblich. 6,8 Millionen Menschen lebten von Hartz IV, davon seien zwei Millionen Kinder.

Kurt-Helmuth Eimuth

Stiftungen helfen schon seit 1531

Evangelisches Frankfurt Februar 2009

Stiftungen helfen schon seit 1531

Die erste Frankfurter Stiftung, der heute noch existierende „Almosenkasten“, wurde bereits 1531 gegründet. Wie vielen mittelalterlichen Stiftungen lag ihm der Gedanke des Almosens zugrunde. Der Name deutet auch auf die Form des Spendens hin: Vermutlich stand tatsächlich eine Truhe in einer Kirche, in die man seine Gabe hineinwarf.

Nach der Trennung von Staat und Kirche blieb dieser „allgemeine Almosenkasten“ bei der Stadt. Noch heute werden aus diesem Vermögen Mittel für soziale Zwecke aufgewandt. Die evangelisch-lutherische Kirche gründete dann 1828 ihren eigenen, den Evangelischen Almosenkasten. Im Beschluss des Gemeindevorstands heißt es: „Dieser neu errichtete Almosenkasten bildet eine Sektion des Evangelisch-Lutherischen Gemeindevorstands und hat die von letzterem im Betreff der Einrichtung und Verbesserung des lutherischen Armenwesens gefassten Beschlüsse zum Vollzug zu bringen.“ Man wollte also die Unterstützung bedürftiger Personen für die evangelisch-lutherischen Gemeindemitglieder weiterführen. Die Katholiken und die Reformierten gründeten in der Stadt ähnliche Stiftungen.

Dieser evangelische „Almosenkasten“ existiert ebenfalls noch heute als eine Stiftung und wendet Mittel auf, um bedürftigen Menschen, die die Gemeinden benennen, eine einmalige oder regelmäßige Unterstützung zukommen zu lassen. Das Kapital beträgt etwa 500000 Euro, sodass etwa fünfzig Personen durch die ausgeschütteten Zinsen Unterstützung erfahren können. Der Gemeindebezug ist für Michael Frase, den Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt, besonders wichtig, da der Pfarrer oder die Pfarrerin die tatsächliche Notlage bestätigen können.

Im Lauf der Jahrhunderte haben sich die Motive für die christliche Unterstützung der Bedürftigen verändert, betont Frase: „Mitleid und Barmherzigkeit gab es selbstverständlich zu allen Zeiten, aber viele Stiftungen sind aus dem Verständnis einer Werkgerechtigkeit entstanden – man wollte sich mit guten Werken den Himmel verdienen.“ Es sei eine Errungenschaft von Humanismus und Reformation, diesen Verdienstgedanken überwunden zu haben. „Soziales Handeln wurde auf die Ursprünge gelebter Nächstenliebe und auf die sozialen Normen und Werte einer humanistischen Idealen verpflichteten Gesellschaft hingeführt.“

Kurt-Helmuth Eimuth

Soziale Arbeit für Zukunft sichern

Evangelisches Frankfurt Februar 2009

Soziale Arbeit für Zukunft sichern
Evangelische Diakoniestiftung ins Goldene Buch eingetragen

„In einer Zeit, da selbst Banken als Bettler auftreten, wagt es der Evangelische Regionalverband, Geld auf Dauer für bestimmte wohltätige Zwecke festzulegen“, freute sich Stadtrat Christof Warnke aus Anlass der Eintragung einer neuen Frankfurter Diakoniestiftung ins Goldene Buch der Stiftungen im Frankfurter Römer. Die Stiftung soll dazu beitragen, die soziale Arbeit der evangelischen Kirche in Frankfurt langfristig zu sichern und vom Kirchensteueraufkommen unabhängiger zu machen.

Stadtrat Christof Warnke - sitzend - freut sich über eine weitere Stiftung in Frankfurt: Pfarrerin Esther Gebhardt, Karsten von Köller und Pfarrer Michael Frase vom Stiftungsvorstand der neuen Diakoniestiftung sowie Pfarrer Burkhard Sulimma von deren Verwaltungsrat - stehend von links nach rechts - bei der Eintragung ins Goldene Buch der Stiftungen im Römer. | Foto: Rolf Oeser

Stadtrat Christof Warnke – sitzend – freut sich über eine weitere Stiftung in Frankfurt: Pfarrerin Esther Gebhardt, Karsten von Köller und Pfarrer Michael Frase vom Stiftungsvorstand der neuen Diakoniestiftung sowie Pfarrer Burkhard Sulimma von deren Verwaltungsrat – stehend von links nach rechts – bei der Eintragung ins Goldene Buch der Stiftungen im Römer.
Foto: Rolf Oeser

Der Regionalverband überträgt ihr dafür ein Barvermögen in Höhe von 1,5 Millionen Euro und hofft auf weitere Zustiftungen engagierter Bürgerinnen und Bürger. „Die Stiftung soll dazu beitragen, Schwerpunkte in der Arbeit der Kinder-, Jugend- und Familienbetreuung zu setzen sowie Hilfeleistungen für Menschen in Lebenskrisen, für Menschen mit Behinderungen, für Menschen, die auf medizinische Hilfe und Pflege angewiesen sind, zu erbringen“, erläuterte Pfarrer Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt. „Des Weiteren will sie die Möglichkeit eines selbst bestimmten Lebens im Alter sowie in der letzten Lebensphase schaffen.“

Aus Erbschaften der evangelischen Blindenarbeit, die eine Zweckbindung haben, werden Hilfen für blinde und sehbehinderte Menschen finanziert. Frase kündigte an, dass auch eine Unterstiftung zur Förderung der Hospizarbeit in der evangelischen Kirche eingerichtet werden soll.

Nach Überzeugung von Stadtrat Warnke zeigt der Evangelische Regionalverband mit seiner Initiative ein Vertrauen, nach dem heute allenthalben Ausschau gehalten werde. Er wies darauf hin, dass Frankfurt die „Stiftungshauptstadt“ Deutschlands sei. Immerhin verwalten am Main 470 Stiftungen den Betrag von sechs Milliarden Euro, was mehr als das Doppelte des Frankfurter Jahresetats ist.

Für Frase ist die Diakoniestiftung eine moderne Organisationsform für diakonisches Handeln: „Man kann sagen, dass sie die moderne zeitgemäße Interpretation der Ausrichtung des Handelns auf die Not des Nächsten ist, wie sie uns im Neuen Testament grundlegend erklärt und als Aufgabe aufgegeben wird.“

Kurt-Helmuth Eimuth

Kitas vermitteln Wissen kreativ

Evangelisches Frankfurt Oktober 2008

Kitas vermitteln Wissen kreativ
Fortbildung für Erzieherinnen zu projektbezogenem Lernen

„Unsere Aufgabe als Erzieherinnen war es, den Kindern, die auf ein Forschungsgebiet gestoßen waren, immer wieder Material zur Verfügung zu stellen und sie dann machen zu lassen“, erzählt Petra Lauer, Leiterin der Kindertagesstätte Sternenreich in der Martinusgemeinde in Schwanheim. Soviel Vertrauen in kindliche Entdeckerfreude und Forschergeist löste eine Welle der Begeisterung und Schaffensfreude aus, die auch 19 andere evangelische Kindertagesstätten erreichte: Zwei Jahre lang hatten sie an der Fortbildungsreihe „Der Zeit auf der Spur – Bildung von Anfang an – Lernwerkstätten zum Bildungsplan“ teilgenommen, die von ihrer Fachberatung initiiert worden war. Angeregt und begleitet wurden die Erzieherinnen dabei von zwei Referenten der Fortbildungsstätten für pädagogische Praxis in Hessen, die„intelligent, kreativ und einrichtungsspezifisch“ arbeiteten, wie Fachberaterin Magdalena Lagemann in der abschließenden Präsentation hervorhob.

„Die Fortbildung war glücklicherweise zunächst ganz praktisch und auf Materialien bezogen“, lobte Christine Funk-Geissler, die die Villa Kunterbunt in der Regenbogengemeinde in Sossenheim leitet. „Das hat bei uns eine Lawine ausgelöst. Wir haben vier Räume in unserer Kita neu gestaltet, in denen wir den Kindern jetzt verschiedene Materialen zur Verfügung stellen.“ In der eigentlichen Projektarbeit beschäftigten die Kinder sich dann zunächst mit Steinen, bevor sie auf das Thema Dinosaurier stießen. Die Erzieherinnen stellten Materialien zum Basteln, Begreifen und Formen, Sachbücher und Internetseiten zur Verfügung, die Kinder fragten immer weiter und bastelten ganze Dinosaurierlandschaften.

Die Kita der Wicherngemeinde in Praunheim präsentierte große Höhlen, in die die Kinder Bären und Fledermäuse aus Pappmaschee gesetzt hatten. Die Thomas-Kita aus Heddernheim dokumentierte, wie die Kinder zunächst an einem Haus in der Nachbarschaft mitbauten und sich mit Architektur beschäftigten, bevor sie auf die Römerstadt aufmerksam wurden: Das führte zu archäologischen Grabungen, Geschichtsfragen, Töpferwerkstatt, Besuchen im Denkmalsamt und auf der Saalburg sowie einer ersten Berührung mit Latein.

„Wie man an diesem Projekt sieht, kann Bildung Spaß machen“, unterstrich Kurt-Helmuth Eimuth, der Leiter des Arbeitsbereiches Kindertagesstätten im Diakonischen Werk für Frankfurt.
Bildung nach evangelischem Verständnis meine dabei ein ganzheitliches Geschehen der Persönlichkeitsbildung, die sich an der Einsicht ausrichtet, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist, und das Seele, Verstand und Körper gleichermaßen umfasst.

Stephanie von Selchow

Kita als Bildungsinstitution

Merkel besuchte evangelische Kita

Andacht, Kita Bildung

Kurt-Helmuth Eimuth

8-9-2008 Heiliggeistkirche, Frankfurt

Orgel

Lied: EG 447, 1-3, 7+8

Votum:

Im Namen Gottes kommen wir zusammen

Gott nimmt uns an, wie wir sind.

Jesus gibt unserem Leben Richtung und Sinn.

Gottes Geist ruft uns auf den richtigen Weg. Amen.

Psalm: 145, Nr. 756

Lied: EG 621, 1-3

Ansprache:

Vor gut zwei Wochen besuchte Bundekanzlerin Angela Merkel eine Bildungsinstitution. Sie besuchte in Begleitung des Ministerpräsidenten, der Sozialministerin und der Oberbürgermeisterin den Kindergarten der Friedensgemeinde. Beim anschließenden Gespräch mit den Erzieherinnen, den Eltern und dem Träger zeigte sie sich tief beeindruckt von der Arbeit. Sie habe verstanden, was Sprachförderung schon mit eineinhalb Jahren bedeutete. Und sie zeigte sich als „evangelische Christin“ wie sie hervorhob beeindruckt von der interreligiösen Bildung im Kindergarten.

Die christliche Kirche, insbesondere in ihrer evangelischen Gestalt, ist ihrem Wesen nach eine Bildungsinstitution. Dabei meint Bildung nicht einen auf das Kognitive begrenzten Prozess des Wissenserwerbs, sondern ein ganzheitliches Geschehen der Persönlichkeitsbildung, das sich an der Einsicht ausrichtet, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist. Bildung heißt, um eine von der Mystik Meister Eckarts über die Theologie Martin Luthers bis hin zu zeitgenössischen Autoren reichende Tradition aufzunehmen, die Ausrichtung des inneren Menschen an der Entsprechung zu Gott. Bildung in diesem Sinne ist zuerst und zuletzt „Herzensbildung“. Es ist spannend wahrzunehmen, dass ein solcher Hinweis heutzutage schon nicht mehr als so altväterlich und überholt angesehen wird wie noch vor wenigen Jahren. Der ganzheitliche Zugang zum Verständnis von Bildung gewinnt vielmehr wieder an Resonanz. Ganzheitliche Bildung aber schließt neben den kognitiven auch affektive Aspekte ein.

Um welche Bildung geht es? Was ist mit Bildung gemeint, wenn im christlichen Verständnis von ihr die Rede ist? Das christliche Verständnis von Bildung ist nicht primär ein kognitives oder kumulatives, das auf die Anhäufung und Addition von Bildungsgütern setzen würde. Vielmehr geht es um ein lebendiges Geschehen der Persönlichkeitsentwicklung, genauer gesagt, um die Orientierung des Menschen an seiner Entsprechung zu Gott im Kernbereich seiner Existenz. Bildung heißt, dieser Entsprechung zu Gott zu folgen, also bestimmungsgemäß zu Gottes Ebenbild zu werden. Martin Luther schreibt in seiner für diesen Zusammenhang in der zentralen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ im Jahr 1520:

„Darum soll das billig aller Christen einziges Werk und einzige Übung sein, dass sie das Wort und Christus wohl in sich bilden, um solchen Glauben stetig zu üben und zu stärken. Und kein anderes Werk kann einen Christen machen.“

Im nahezu zeitgleich entstandenen „Sermon von den Guten Werken“ heißt es bei Luther:

„Sieh, so musst Du Christus in Dich hineinbilden und sehen, wie in ihm Gott dir seine Barmherzigkeit vorhält und anbietet, ohne alle deine zuvor kommenden Verdienste. Und aus solchem Bild seiner Gnade musst du den Glauben schöpfen und die Zuversicht der Vergebung all deiner Sünden.“

Im Christsein als einer durch Freiheit gekennzeichneten Existenzform kommen nach Martin Luther drei Faktoren zusammen: Die christliche Freiheit lebt aus Christus, bildet sich im Glauben und befähigt zur Liebe.

Bildung bestimmt und prägt die menschliche Existenz von Anfang an. Es ist durchaus damit zu rechnen, dass es auch schon vorgeburtliche Bildungsprozesse gibt. Wenn ein ungeborenes Kind im Bauch seiner Mutter daran teilnimmt, wie sie Musik hört, darf man vermuten, dass hier ein pränatales Bildungserlebnis im Spiel ist.

In jedem Fall steht deshalb fest, dass ein Mensch spätestens mit seiner Geburt in den Raum der Bildung eintritt. Von daher hat die Taufe von Neugeborenen ihre anthropologische Begründung. Weil die christliche Kirche die Praxis der Kindertaufe kontinuierlich seit zwei Jahrtausenden praktiziert, versteht sie Kinder als bildungsfähige, aber auch bildungsbedürftige Menschen. Sie plädiert von daher für eine Bildung von Anfang an, für Bildung im Elementarbereich, für Elementarbildung.

Vor dem Hintergrund antiker Philosophien und Weltanschauungen stellte das christliche Verständnis vom Wert jedes Kindes als Geschenk Gottes eine geistige und kulturelle Revolution dar. Jesus, so erzählt die Bibel, segnete die Kinder, legte ihnen die Hände auf und küsste sie. Er empfahl den Erwachsenen, zu werden wie die Kinder, denn nur so, mit dem Eingeständnis ihrer Bedürftigkeit und ohne den Aufweis eigener Verdienste, könnten sie das Reich Gottes erlangen. In diesem Zusammenhang ist auch der Taufauftrag wichtig, der am Ende des Matthäus-Evangeliums überliefert ist (Matthäus 28,19f). Dieser Auftrag verknüpft das sakramentale Zeichen der Taufe eng mit Erziehung und Bildung; das Lehren und das Taufen gehören zusammen.

Die Reformatoren, allen voran Martin Luther und Philipp Melanchthon, haben den engen, unauflöslichen Zusammenhang von Glaube und Bildung betont, der vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende besteht. Was damals noch nicht in einer gesonderten Weise in den Blick kam, war der Bereich der Elementarbildung; denn sie gehörte in den Bereich des Hauses und war an den Zusammenhang der Familie gebunden. Dass Familien auch in dieser Phase auf Unterstützung angewiesen sind, ist eine vergleichsweise neue Einsicht. Christliche Kindertagesstätten, in denen 3 bis 6 Jahre alte Kinder erzogen, betreut und gebildet werden, gibt es der Idee nach erst seit knapp zwei Jahrhunderten und in größerer, nennenswerter Anzahl erst seit dem 19. Jahrhundert.

Christliche Kindertagesstätten als Orte der Bildung von Anfang an

Erste Anfänge der Kindergartenidee findet man bei den so genannten „Mährischen Brüdern“, bei Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) im Elsass, bei Theodor Fliedner (1800-1864) in Kaiserswerth sowie bei Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852). Fröbel formulierte als erster eine ausführliche pädagogische Grundlegung für die Arbeit in Kindergärten, die diese nicht als bloße Bewahr- oder Betreuungsanstalten definierte, sondern sie als Orte der individuellen altersgemäßen Bildung für Kinder verstand. In Verbindung mit dem missionarischen Diakoniekonzept von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) breiteten die Kindergärten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen evangelischen Landeskirchen aus. Schon der damals häufig verwandte Begriff „Kleinkinderschule“ deutet an, dass der Bildungsgedanke mindestens von ebenso großer Wichtigkeit war wie der soziale Aspekt der Betreuung.

Gerade aus der Sicht des christlichen Glaubens geht es darum, durch die Arbeit der christlichen Kindertagesstätten einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit zu leisten. Ausgehend von dem Gedanken, dass jedem Menschenleben der gleiche Wert und die gleiche Würde vor Gott zukommen, engagiert sich die Kirche in ihrem Bildungshandeln dafür, dass Menschen im Alltag ihres Lebens auch tatsächlich gleiche Chancen erhalten.

Chancengerechtigkeit muss sich weiterhin konkretisieren an der Qualität der Begegnung zwischen unterschiedlichen Nationen, Religionen und Kulturen, die sich in der alltäglichen Praxis vieler Kindertagesstätten auf vielfältige Weise vollzieht. Ein evangelisches Bildungsverständnis schließt den Respekt vor anderen Religionen ein. Für evangelische Kindertagesstätten können Kinder, die in ihrem Leben prägende Erfahrungen mit Migration gemacht haben, eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung sein. Oft ist die Sicht leider durch Defizitzuschreibungen bestimmt. Dem sollte der Blick auf die von diesen Kindern erworbenen Fähigkeiten im Umgang mit kulturellen Herausforderungen gegenüber gestellt werden.

Die alltägliche Praxis des Umgangs mit solchen Herausforderungen im Frankfurter Gallus beeindruckte. Sie ist christliche Bildung im besten Sinne.

Amen.

Lied: EG: 577, 1-3

Mitteilungen:

Gebet:

Gott, du bist die Quelle unseres Lebens.

Du hast uns unsere Würde gegeben,

du liebst und wie ein Vater,

du kümmerst dich um uns wie eine Mutter.

Manchmal spüren wir, dass wir dein Ebenbild sind.

Du willst, dass wir Leben in Fülle haben.

Wir bitten dich um deineKraft,

die uns ermutigt zum Leben,

die uns verbindet in Gemeinschaft untereinander

und uns freimacht für eigene Wege.

Du Gott ohne Grenzen,

vor dir wollen wir unsere Gedanken und Träume ernst nehmen.

Mit dir sehnen wir uns nach Gerechtigkeit und Frieden für unsere Welt und für unser Zusammenleben.

Damit aus Anklagen neues Leben wachsen kann.

Wenn du, Gott, uns hilfst,

dann werden wir uns nicht zerstreiten,

dann können wir als deine Töchter und Söhne auf dieser Erde den Himmel säen.

Dann wird aus unserer Wüste ein Garten des Lebens.

Gott, lass in unserem Tun und Reden,

in unseren Träumen und in unserem alltäglichen Leben

deine Kraft wirksam sein,

darum bitten wir dich.

Und gemeinsam beten wir

mit den Worten die Christus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:

Geht in diesen Tag, in diese Woche mit dem Frieden

unseres Gottes:

Der Herr segne dich und behüte dich,

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und

gebe dir Frieden. Amen.

Lied: EG 590

Umtriebiger Politiker- Armin Clauss

Evangelisches Frankfurt Mai 2008

Umtriebiger Politiker

Festschrift zum 70. Geburtstag von Armin Clauss

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Offizielle Feierlichkeiten und Lobreden wollte Armin Clauss, der am 16. März seinen 70. Geburtstag feierte, nicht. Der frühere hessische Sozialminister (1976-1987) und Fraktionsvorsitzende der Landtags-SPD ist auch nach seinem Abschied von der politischen Bühne im Jahr 2003 aktiv, vor allem als Funktionär in der Diakonie. Clauss leitet die Hauptversammlung des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau, führt die Gesellschafterversammlung der Frankfurter Diakoniekliniken und sitzt im Aufsichtsrat des kirchlichen Krankenhaus-Konzerns Agaplesion. Das Bockenheimer Markuskrankenhaus führte er 1993 aus der wirtschaftlichen Krise und war Mitbegründer der Frankfurter Diakoniekliniken.

Eben dieser Krankenhaus-Verbund widmet seinem ehrenamtlichen Funktionär nun eine Festschrift. Auf gut hundert Seiten wird das Leben des umtriebigen Mannes vor allem in Gewerkschaft und Politik geschildert. Da wird die hessische Politik lebendig. Schließlich gehörte Clauss dem ersten rot-grünen Kabinett an, und Joschka Fischer fühlte sich in jener Zeit von seinem Minister-Kollegen schlicht „überrumpelt“.

Dies und vieles andere ist nachzulesen in: Sabine Hock, 70 Mosaiksteine zur Biographie des hessischen Sozialpolitikers Armin Clauss, Frankfurt 2008. Die Festschrift ist kostenlos zu beziehen bei Agaplesion, Telefon 95332172, E-Mail info@agaplesion.de.

Kurt-Helmuth Eimuth

Mit dem Taxi zur Kita

Evamgelisches Frankfurt Mai 2008

Mit dem Taxi zur Kita
Wochenendbetreuung für Schausteller-Kinder

Etwas Besonderes war es schon, mit dem Taxi zur Kindertagesstätte gefahren zu werden. Dieses Privileg genossen ein Dutzend Kinder aus Schausteller-Familien während der diesjährigen Frankfurter Frühjahrs-Dippemess.

Schaustellerpfarrerin Christine Beutler-Lotz weiß, dass diese Familien spezielle Probleme und Bedürfnisse haben. Gerade an den Wochenend-Nachmittagen, wenn das Geschäft so richtig brummt und alle im Familienbetrieb mit anfassen müssen, sind die Kinder meist auf sich alleine gestellt. Deshalb organisierte die Seelsorgerin ehrenamtliche Helferinnen und Helfer und nahm mit Unterstützung des Diakonischen Werks für Frankfurt Kontakt mit der Kindertagesstätte der Nicolaigemeinde im Ostend auf.

Deren Leiterin Ruth Woody war sofort bereit zu helfen. Die Kita wurde an den Dippemess-Wochenenden für die Kinder und die Betreuerinnen der Schaustellerseelsorge geöffnet. Die zwei Kilometer zwischen Kita und Dippemess mussten sie allerdings mit einem „Kindergarten-Taxi“ überwinden. Für die Kinder eine Attraktion. Doch soll dies – wie das Diakonische Werk augenzwinkernd mitteilt – nicht zum Standard in evangelischen Einrichtungen erhoben werden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Kinderkrippen droht „Profit von Anfang an“

Evangelisches Frankfurt Mai 2008

Kommentar:
Kinderkrippen droht „Profit von Anfang an“

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Ohne Zweifel: Familienministerin Ursula von der Leyen gebührt Anerkennung. Sie hat die Kinderbetreuung in Deutschland nicht nur in den Mittelpunkt der Familienpolitik gestellt, sondern gegen viele Widerstände – auch in der eigenen Partei – den flächendeckenden Ausbau des Krippenangebots durchgesetzt. Doch mit ihrem jüngsten Vorschlag, auch private Anbieter von Kinderbetreuungsplätzen staatlich zu fördern, kehrt die CDU-Politikerin zurück in das Lager konservativer Ideologien.

Ohne Not sollen private Investoren mit öffentlichen Geldern geködert werden. Dem Argument, dass dieses womöglich die Qualität der Betreuung schmälert, begegnet die Ministerin mit dem Hinweis auf „Qualitätsstandards“. Doch die Erfahrung zeigt, dass dies immer nur Mindeststandards sein können. Auf dem ambulanten Pflegemarkt ist das längst zu sehen. Private Pflegedienste arbeiten mit Hilfs- statt mit Fachkräften, bezahlen geringere Löhne und können dadurch deutlich billiger sein.

Im Bereich der Betreuung von Kleinkindern ist die Sache noch einmal komplizierter. Wie kann bei so komplexen Bildungsprozessen, die von der Beziehung zwischen Kind und Erzieherin abhängen, Qualität objektiv gemessen werden? Sie lässt sich allenfalls beschreiben. Die wirkliche Zuwendung zum Kind entzieht sich aber jeder Mess-Skala. Messbar dagegen ist der Profit. Wenn Kapital eingesetzt wird, muss eine Rendite herauskommen. So funktioniert dieses Wirtschaftssystem nun einmal. Dagegen ist auch überhaupt nichts zu sagen. Doch es ist klar: Die private Kinderkrippe mit staatlicher Unterstützung wird nicht nur das Kind, sondern auch die Bilanz in den Mittelpunkt stellen. Das ist schlecht für die Steuerzahler, die private Gewinne subventionieren, und es ist schlecht fürs Kind, das Mittel zum Zweck der Profitmaximierung wird.

Die Stadt Frankfurt hat in einer einzigartigen Anstrengung vorgemacht, wie es anders gehen kann. Sie hat die Zahl der Erzieherinnen in den Kindertagesstätten gesteigert, und im Dialog mit den gemeinnützigen Trägern wird weiter an der Qualitätssteigerung gearbeitet. Dazu bedarf es weder elitärer noch privater Einrichtungen. Jeder in eine Kindertagesstätte investierte Euro bringt, volkswirtschaftlich betrachtet, ein Vielfaches an Nutzen für die Allgemeinheit. Es bleibt das Geheimnis von Ursula von der Leyen, warum sie einen Teil dieses so dringend benötigten Geldes privaten Investoren in den Rachen werfen will. Mit dem Motto „Bildung von Anfang an“ ist doch wohl nicht „Profit von Anfang an“ gemeint.

Kurt-Helmuth Eimuth