Tag Archiv für Nordkirche

Islamismus: Zwischen Bedrohung und Zuschreibung. Die verhinderte Normalität.

In der deutschen Debatte über den Islamismus offenbart sich eine folgenschwere Unschärfe, die den gesellschaftlichen Frieden empfindlich stört. Im Podcast Conny&Kurt diskutieren der Islambeauftragte der Nordkiche Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Matthias Schmidt, Religions- und Islamwissenschaftler, vom Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Matthias Schmidt ist seit 2015 in der Prävention gegen religiös begründeten Extremismus tätig.

Während Sicherheitsbehörden unter dem Begriff oft ein undifferenziertes Spektrum zusammenfassen, fordert die Praxis der Extremismusprävention eine präzise Trennung zwischen demokratiefeindlichen Haltungen und akuter Gewaltbereitschaft. Die politische Neigung, komplexe Radikalisierungsprozesse – die empirisch hochgradig individuell und multifaktoriell verlaufen – auf simple Schablonen zu reduzieren, verstellt den Blick auf die eigentliche Dynamik.

Dabei gerät eine entscheidende Absicht des terroristischen Kalküls in Vergessenheit: die bewusste Beseitigung der gesellschaftlichen Grauzone. Organisationen wie der IS zielen programmatisch darauf ab, das Leben für Muslime im Westen durch polarisierende Stimmungen unerträglich zu machen, um sie in existenzielle Loyalitätskonflikte zu zwingen. Tragischerweise greift der hiesige Diskurs diese Dynamik oft auf, wodurch die Spaltung weiter vertieft wird. Statt Terrorismus als universelle Bedrohung für alle Bürger zu begreifen, werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und nach Anschlägen in kollektive Rechtfertigungszwänge genommen. Diese Pauschalisierung reicht bis in die parlamentarische Mitte: Wenn politische Konzepte reflexhaft die Ausweisung ausländischer Gefährder fordern, ignoriert dies die Realität, dass jüngste Täter oft deutsche Jugendliche waren.

Besonders schmerzhaft wirkt diese Ausgrenzung auf junge Muslime, deren Identität im Alltag ständig problematisiert und auf ihre Religion reduziert wird. Deutschland versäumt es, eine integrative Identifikationsfläche anzubieten, wie sie etwa das britische Modell kennt. Stattdessen wird ihnen die Zugehörigkeit verwehrt, selbst wenn sie einen lokalen Patriotismus entwickeln und sich stolz etwa als Hamburger begreifen.

Die politische Konsequenz ist paradox: Erfolgreiche Präventionsprojekte, die von muslimischen Gemeinden selbst getragen werden, stehen vor dem finanziellen Aus. Anstatt Muslime als Teil der Lösung einzubinden, werden sie politisch zum Teil des Problems erklärt, was intrinsisch motivierte Akteure in den Rückzug treibt. Ein echter Dialog, der den Islam nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht, setzt voraus, den eigenen Rassismus zu reflektieren und echtes voneinander Lernen zuzulassen.

Pilgern ist religiöse Praxis – Die Nordkirche hat ein eigens Zentrum zur Unterstützung

Seit 1. März hat Karpa seinen Arbeitsplatz im Pilgerzentrum an der St. Jacobi-Kirche in Hamburg. Dort informieren sich Interessierte über geeignete Routen und bekommen Tipps von erfahrenen Pilgern. Das Pilger-Zentrum der Nordkirche bietet auch Pilgerstammtische außerhalb der Kirche an, wo man sich bei Currywurst und Bier locker austauschen kann. Das Angebot soll niedrigschwellig sein und auch Menschen ansprechen, die mit Kirche nicht viel am Hut haben. Im Podcast Conny&Kurt erläutert Karpa was Pilgern vom Wandern unterscheidet. Die Erfahrungen einer Pilgerreise seien einzigartig und tiefgehend. Auch für Pilger, die sich nicht als religiös bezeichneten, sei so eine Reise spirituell. „Man begegnet Gott, sich selbst, der Natur und neuen Menschen.“ Dabei muss Pilgern nicht lang sein. Auch auf kurzer Distanz gerät man in Bewegung.

Bischof Jeremias: „Angst ist ein Baustein für populistische Lösungen“

Dem völkischen Menschenbild der AfD widerspricht Bischof Tilman Jeremias im Podcast Conny&Kurt. Das sei mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar. Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche hält die Entlassung eines Pfarrers, der bei der Kommunalwahl für die AfD kandidierte, für richtig. Gleichwohl plädiert er dafür, mit den Menschen im Gespräch zu bleiben. Immerhin haben ein Drittel diese Partei jüngst gewählt. „Ich möchte hören, warum die Menschen so wählen.“ Als Ursache sieht Jeremias eine tiefe Verunsicherung und Angst. Die Unübersichtlichkeit lässt wohl auch die Sehnsucht nach der klaren, übersichtlichen Welt der DDR wiedererstarken.

Dem „Megatrend“ der zurückgehenden Mitgliederzahlen kann sich auch die Kirche in Pommern nicht entziehen. Der Austrittsgrund sei nicht der spontane Ärger. „Wir sehen, dass sich Menschen über Jahrzehnte von der Kirche entfremden, sagt Bischof Jeremias. Auch die wachsende Distanz zum Glauben seien Austrittsgründe. Doch auch im Osten wollen man eine Kirche bleiben, die offen ist für Menschen jeglicher Couleur.

Zur Person:
Tilman Jeremias ist seit dem 20. September 2019 Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Zu seinen zentralen Aufgaben gehört die geistliche Leitung des Sprengels, der den Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg und den Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis umfasst.

Pop Up Church

Über die Situation der evangelischen Kirche macht sich Pastorin Emilia Handke keine Illusionen. So lassen nur noch die Hälfte der Mitglieder in Hamburg ihre Kinder taufen. Sie geht mit Kolleginnen und Kollegen im Talar auf die Straße. Sinnlich wollen die jungen Pfarrerinnen und Pfarrer in den Dialog treten, aber auch Religion erfahrbar machen. Beispielsweise in dem sie im Einkaufstrubel Fußwaschungen anbieten oder beim CSD Paare segnen. Die Aktionen der Pop Up Church strahlen längst in andere Landeskirchen aus. Gute Ideen setzen sich eben durch.

Lebendig und anschaulich berichtet die promovierte Theologin im neuen Podcast von Conny&Kurt von ihren Erfahrungen. Die designierte Verantwortliche für die praktische Ausbildung des Theolog:innenachwuchses der Nordkirche fordert eine einfache Sprache: „Wir müssen komplizierte Dinge im Grunde in einem Satz sagen können. Man könne gar nicht Elementar genug sein. Der Umgang mit der Institution Kirche sei eben nicht mehr selbstverständlich, selbst für Mitglieder.