Archiv für 28. August 2026

in memoriam Gerlinde Lindemann

2906079915 Frankfurt: Verabschiedung Frau Lindemann Foto vom 29.06.07 Foto: Rolf Oeser


Die prägende Fachfrau der evangelischen Kita-Pädagogik Gerlinde Lindemann verstarb am 15. August im Alter von 84 Jahren. Die Sozialpädagogin kam als Leiterin der Kita der Gethsemanegemeinde in die Fachberatung Kindertagesstätten der Diakonie des Evangelischen Regionalverbandes, deren Leitung sie übernahm. Ende der1990er Jahre entwickelte sie ein Konzept für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Dabei lehnte sie sich an die Überlegungen der ungarischen Ärztin Emmi Pikler an. Die Erwachsenen sollten auf Augenhöhe mit den Kindern kommunizieren. Die Bedürfnisäußerungen auch der ganz Kleinen sollten ernst genommen werden, so ihre Überzeugung. In diesem Sinne baute sie die ersten acht Krabbelstuben für die evangelische Kirche in Frankfurt auf und entwickelte die Fachberatung zum Arbeitsbereich Kindertagesstätten. Sie vertrat die evangelische Kirche in zahlreichen Gremien von Kirche und Stadt. Bei ihrer Versetzung in den Ruhestand im Jahre 2007 dankte die Vorsitzende des Vorstandes des Evangelischen Regionalverbandes, Pfarrerin Esther Gebhardt, Gerlinde Lindemann für die „stets ruhige, sachliche und kompetente Arbeit“. Ihr Nachfolger in der Arbeitsbereichsleitung Kurt-Helmuth Eimuth schildert Gerlinde Lindemann als eine Frau, „der es stets um die Sache, um die Pädagogik und somit stets um die Kinder ging. Darüber hinaus war sie eine kluge, verlässliche zugewandte Kollegin ohne jede Eitelkeit.“ Auch nach ihrer Versetzung in den Ruhestand war sie als Ratgeberin gefragt.

Islamismus: Zwischen Bedrohung und Zuschreibung. Die verhinderte Normalität.

In der deutschen Debatte über den Islamismus offenbart sich eine folgenschwere Unschärfe, die den gesellschaftlichen Frieden empfindlich stört. Im Podcast Conny&Kurt diskutieren der Islambeauftragte der Nordkiche Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring und Matthias Schmidt, Religions- und Islamwissenschaftler, vom Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Matthias Schmidt ist seit 2015 in der Prävention gegen religiös begründeten Extremismus tätig.

Während Sicherheitsbehörden unter dem Begriff oft ein undifferenziertes Spektrum zusammenfassen, fordert die Praxis der Extremismusprävention eine präzise Trennung zwischen demokratiefeindlichen Haltungen und akuter Gewaltbereitschaft. Die politische Neigung, komplexe Radikalisierungsprozesse – die empirisch hochgradig individuell und multifaktoriell verlaufen – auf simple Schablonen zu reduzieren, verstellt den Blick auf die eigentliche Dynamik.

Dabei gerät eine entscheidende Absicht des terroristischen Kalküls in Vergessenheit: die bewusste Beseitigung der gesellschaftlichen Grauzone. Organisationen wie der IS zielen programmatisch darauf ab, das Leben für Muslime im Westen durch polarisierende Stimmungen unerträglich zu machen, um sie in existenzielle Loyalitätskonflikte zu zwingen. Tragischerweise greift der hiesige Diskurs diese Dynamik oft auf, wodurch die Spaltung weiter vertieft wird. Statt Terrorismus als universelle Bedrohung für alle Bürger zu begreifen, werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und nach Anschlägen in kollektive Rechtfertigungszwänge genommen. Diese Pauschalisierung reicht bis in die parlamentarische Mitte: Wenn politische Konzepte reflexhaft die Ausweisung ausländischer Gefährder fordern, ignoriert dies die Realität, dass jüngste Täter oft deutsche Jugendliche waren.

Besonders schmerzhaft wirkt diese Ausgrenzung auf junge Muslime, deren Identität im Alltag ständig problematisiert und auf ihre Religion reduziert wird. Deutschland versäumt es, eine integrative Identifikationsfläche anzubieten, wie sie etwa das britische Modell kennt. Stattdessen wird ihnen die Zugehörigkeit verwehrt, selbst wenn sie einen lokalen Patriotismus entwickeln und sich stolz etwa als Hamburger begreifen.

Die politische Konsequenz ist paradox: Erfolgreiche Präventionsprojekte, die von muslimischen Gemeinden selbst getragen werden, stehen vor dem finanziellen Aus. Anstatt Muslime als Teil der Lösung einzubinden, werden sie politisch zum Teil des Problems erklärt, was intrinsisch motivierte Akteure in den Rückzug treibt. Ein echter Dialog, der den Islam nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht, setzt voraus, den eigenen Rassismus zu reflektieren und echtes voneinander Lernen zuzulassen.

80 Jahre Schleswig-Holstein: wir pflegen gratuliert und fordert mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Möge das Land Schleswig-Holstein nur kein Pflegefall werden. Denn in einem solchen Fall sind die Aussichten derzeit nicht rosig. Mit diesem Wunsch gratuliert der Landesverein „wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.“ herzlich zum 80. und nutzt den Jahrestag, um auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die den Alltag im Land seit Jahrzehnten mitträgt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber selten vorkommt: pflegende Angehörige.

Über 175.000 Menschen im Land sind pflegebedürftig. Über 80 Prozent von ihnen werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt, mit oder ohne ambulante Pflegedienst. Pflegende Angehörige, meist Frauen, pflegen häufig neben Erwerbstätigkeit und ohne ausreichende Entlastung.

„Pflegende Angehörige haben dieses Land in den vergangenen 80 Jahren mitgetragen, ohne dass es dafür bislang die notwendige Anerkennung und Unterstützung gab“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth, Mitglied des Landesvorstands von wir pflegen Schleswig-Holstein. „Zum Landesgeburtstag wünschen wir uns von der Landesregierung ein klares Bekenntnis: mehr wohnortnahe Beratung, spürbaren Bürokratieabbau sowie verlässliche Entlastungsangebote in der Fläche.

Der Verein fordert die Landesregierung auf, die Interessen pflegender Angehöriger bei der Weiterentwicklung der Landespflegepolitik stärker zu berücksichtigen. Bund und Länder verhandeln derzeit über eine Reform der sozialen Pflegeversicherung. Der Verein erwartet, dass sich Schleswig-Holstein dabei aktiv für pflegende Angehörige einsetzt, etwa für eine volle rentenrechtliche Anerkennung der Pflegejahre, den Erhalt der Einstufung in die Pflegegrade oder eine wirksame Entlastung bei den Eigenanteilen. Und damit meint der Verein nicht nur die gestiegenen Eigenanteile in der stationären Versorgung. Bewertet man die unbezahlte Pflegearbeit der Angehörigen monetär, liegt die häusliche Eigenbelastung bei über der Hälfte der Betroffenen bei über 2.000 Euro und erreicht bei hohem Pflegebedarf mehr als 7.000 Euro im Monat – ein Vielfaches des vergleichbaren Heim-Werts von rund 2.200 Euro, welches dem Heim-Eigenanteil abzüglich Unterkunft und Verpflegung entspricht.

Über wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.

wir pflegen SH e.V. vertritt die Interessen sorgender, pflegender und begleitender An- und Zugehöriger auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Acht von zehn pflegebedürftigen Menschen werden in Schleswig-Holstein von Angehörigen und Freunden versorgt. Bisher wurde diese wertvolle Arbeit viel zu wenig gewürdigt. Das wollen wir ändern.

Zu unseren Zielen gehört die Stärkung der Selbsthilfe. Außerdem setzen wir uns für mehr Wertschätzung und Mitspracherecht der häuslich Pflegenden in Gesellschaft und Politik ein.

Hitzewellen in Deutschland: Eine schleichende Gefahr mit wenig politischem Nachhall

„Wenn Du hier wärest, würdest du die Hitze hören: Es singt kein Vogel mehr.“ Dies schrieb mir ein Freund aus Frankfurt, einem Hotspot der Hitzewellen. Der Rhein ist zum Rinnsal verkümmert. Bei einem Pegelstand von teils nur 18 Zentimetern in der Fahrrinne kommt der Schiffsverkehr am Mittelrhein faktisch zum Erliegen. Was wie ein lokales Wetterphänomen wirkt, ist Teil einer umfassenden Klimakrise, die Deutschland zunehmend unvorbereitet trifft. Während im Norden noch gelegentlich Regen fällt, leidet besonders das Rhein-Main-Gebiet unter Rekordtemperaturen und ausbleibender nächtlicher Abkühlung. Doch der Aufschrei fehlt, stellen Conny&Kurt in ihrem Podcast fest. Man stelle sich nur vor, es hätte 12.000 Tote bei einer Überschwemmungskatastrophe gegeben. Da würde alles mobilisiert. Die Medien würden pausenlos berichten, die Politik wäre vor Ort, Geld würde versprochen und die Bundeswehr wäre im Einsatz. Doch 12.000 Hitzetote sind nur eine kurze Nachricht wert. Im Gegensatz zu plötzlichen Flutkatastrophen wird die Hitze oft als individuelles Schicksal oder gar als angenehmes „Sommerwetter“ missverstanden.

Die ökologischen Folgen sind dramatisch: Im Frankfurter Stadtwald gelten über 90 Prozent der Bäume als krank. Auch der Artenschwund ist für den Bürger im Alltag greifbar – das massive Insektensterben zeigt sich an beinahe sauberen Windschutzscheiben nach langen Autobahnfahrten und dem Verstummen von Hummeln in den Gärten. Doch trotz einer geschätzten Übersterblichkeit von etwa 12.000 Hitzetoten bleibt der große gesellschaftliche Aufschrei bislang aus. I

Städtebaulich besteht dringender Handlungsbedarf. Experten fordern die konsequente Umsetzung von „Schwammstädten“, Fassadendämmung und massive Begrünungsmaßnahmen, um urbane Hitzeinseln wie Frankfurt, in denen die Luft buchstäblich steht, zu entlasten. Ein wesentliches Hindernis bleibt die Energiefrage: Der wachsende Ruf nach Klimaanlagen kollidiert mit dem immensen Strombedarf von Rechenzentren, während der Netzausbau für erneuerbare Energien von der Küste in den Süden stockt. Die Politik steht vor der Herausforderung, nicht länger nur die Wirtschaft kurzfristig zu priorisieren, sondern die rasant steigenden Kosten für künftige Klimareparaturen durch sofortiges, strukturelles Handeln zu begrenzen.

Die soziale Spaltung Deutschlands ist eine Gefahr für die Demokratie

In der wohlhabenden Metropole Hamburg lebt fast jeder fünfte Bürger in Armut – ein Zustand, den Paul Grabbe von der Diakonie Hamburg im Podcast Conny&Kurt als „unwürdig“ für die Gesellschaft bezeichnet. Während die Politik Rekordhaushalte verabschiedet, offenbart sich in der sozialen Sicherung ein eklatantes Verteilungsproblem.

Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör finde, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit drohe die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.

Anstatt den Reichtum durch höhere Steuern auf Vermögen zur Armutsbekämpfung heranzuziehen, zielen aktuelle Reformen der Grundsicherung darauf ab, die Schwächsten mit schärferen Vorgaben und Kürzungen, etwa bei der Mobilität, zu belasten.

Die Realität der Betroffenen ist von Mangel geprägt: Die Regelsätze von rund 536 Euro reichen kaum aus, um steigende Strompreise und die Inflation abzufedern. In Hamburg muss zudem ein Drittel der Leistungsbezieher Teile dieses Existenzminimums für die Miete aufwenden, da die staatlichen Kostensätze nicht mit dem Wohnungsmarkt schritthalten. Wer Hilfe sucht, gerät oft in eine Bürokratiefalle. Ein Leistungsantrag gleiche mittlerweile einem „Vollzeitjob“, bei dem Unterlagen mehrfach eingereicht werden müssen und das Vertrauen in den Sozialstaat durch mangelnde Transparenz erodiert.

Diese strukturelle Ohnmacht hat politische Folgen. Grabbe warnt, dass der wachsende Unmut und das Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Während die Lobby der Armen gegenüber mächtigen Wirtschaftsverbänden kaum Gehör findet, besetzt der Rechtspopulismus das Vakuum. Die AfD nutze die soziale Vernachlässigung und den Abbau öffentlicher Infrastruktur gezielt für ihre Narrative aus. Ohne eine fundamentale Kehrtwende hin zu einer gerechten Vermögensverteilung und einer effektiven sozialen Lobbyarbeit droht die gesellschaftliche Spaltung unumkehrbar zu werden.