Archiv für 29. April 2026

Zeitenwende bei der Militärseelsorge

In den Kasernen der Bundeswehr herrscht derzeit eine neue Ernsthaftigkeit. Der russische Angriff auf die Ukraine markiert nicht nur politisch, sondern auch seelsorgerlich eine fundamentale „Zeitenwende“, wie Militärbischof Bernhard Felmberg betont. Während die vergangenen Jahrzehnte vom internationalen Krisenmanagement in Ländern wie Afghanistan oder Mali geprägt waren, rückt nun die Landes- und Bündnisverteidigung in den Fokus – eine Aufgabe, die Soldaten und deren Familien in neuer „Qualität und Quantität“ belastet.

Felmberg begegnet dieser Herausforderung mit einer nüchternen Logik, die er als „Mathematik statt großer Theologie“ bezeichnet. Wenn die Bundeswehr auf über 200.000 Soldaten anwachse, müsse die Präsenz von Seelsorger: innen, Psychologen und Betreuungseinrichtungen proportional steigen, um die gewohnte Qualität der Begleitung zu gewährleisten. Erstaunlicherweise leidet die Militärseelsorge, anders als viele Landeskirchen, kaum unter Personalmangel. Die Attraktivität des Dienstes liegt für viele Geistliche im Fokus auf das Wesentliche: Verkündigung, Seelsorge und Unterricht stehen im Vordergrund, während administrative Lasten wie die Verwaltung von Friedhöfen oder Kindergärten entfallen.

Die Akzeptanz in der Truppe ist mit 96 Prozent bemerkenswert hoch, unabhängig von der konfessionellen Bindung. Während die Kirchen im zivilen Bereich mit massiven Austritten kämpfen, bleibt die Bindung unter Soldaten stabil. Zudem wird die Expertise der Militärgeistlichen im Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen und „moral injuries“ zunehmend von zivilen Gemeinden nachgefragt. Die Mauer zwischen Kaserne und Gesellschaft scheint angesichts der neuen Bedrohungslage wieder durchlässiger zu werden.

Zur Person:
Dr. Bernhard Felmberg: Evangelischer Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Eine besondere Band-Biographie: Fünfzig Jahre „Habakuk“

In der Mainmetropole Frankfurt, wo die Eintracht und das geschriebene Wort gleichermaßen zu Hause sind, feiert ein besonderes kirchenmusikalisches Phänomen sein Goldjubiläum. Eugen Eckert, Stadionpfarrer, Texter und Motor der Band Habakuk, blickt auf ein halbes Jahrhundert Bandgeschichte zurück, die weit über die Grenzen Hessens hinaus Strahlkraft entfaltet hat. Was 1975 mit einem Kirchenkredit begann, hat sich zu einer Chronik des deutschen Protestantismus entwickelt.

Anlässlich dieses Jubiläums hat Eckert ein Buch vorgelegt, das mehr ist als eine bloße Retrospektive. Es ist ein Experiment im Angesicht des technologischen Paradigmenwechsels. Da das Zeitalter der CD endet und das Streaming auf Plattformen wie Spotify für Musiker einer „Selbstausbeutung“ gleichkommt, setzt die Band auf ein hybrides Modell: Ein gedrucktes Buch, das via QR-Codes den Zugang zu Musik in Studioqualität ermöglicht. Es ist der Versuch, das Erbe von 17 Produktionen in die digitale Ära zu retten.

Die Geschichte von Habakuk ist untrennbar mit den großen Themen der Bundesrepublik und der Entwicklung der Kirchentage verbunden. Eckert erinnert sich an prägende Begegnungen, etwa mit der Theologin Luise Schottroff, die ihn einst vor dem Abbruch seines Studiums bewahrte, oder an die „legendäre“ Bibelarbeit mit der damaligen Kanzlerkandidatin Angela Merkel im Jahr 2005, die unter den strengen Augen von Spürhunden stattfand.

Doch der Rückblick ist getrübt von der Sorge um die Zukunft der populären Kirchenmusik. Eckert beklagt eine „kulturelle Abspaltung“ des Gottesdienstes vom Alltag. Während viele Kirchenmusiker das „Neue Geistliche Lied“ (NGL) als „platt und banal“ abtun oder den Einsatz von E-Pianos verweigern, verteidigt Eckert die Popmusik als die Sprache, mit der die Menschen aufgewachsen sind. Er mahnt, dass die Kirche charismatische Persönlichkeiten braucht, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und in neue Projekte zu investieren, statt sich in den „Nachbarschaftsraum“ zurückzuziehen.

Ein Ende der Ära Habakuk ist indes noch nicht in Sicht. Getreu dem Motto, dass man nicht vorzeitig die Bühne verlässt, solange das Publikum die Musik schätzt, stehen neue Projekte an. Am 9. Mai wird im Braunschweiger Dom ein neues Oratorium über den verlorenen Sohn uraufgeführt – ein Beweis dafür, dass die Saat, die Eckert vor 50 Jahren ausbrachte, weiterhin Früchte trägt.

Warum wahre Resilienz das Scheitern braucht

In einer Zeit, in der das Schlagwort „Resilienz“ zum universellen Bildungsziel und zur psychologischen Daueraufgabe avanciert, regt sich theologischer Widerstand gegen ein allzu glattes Verständnis von Widerstandsfähigkeit. Der Theologe und Publizist Georg Magirius plädiert im Podcast Conny&Kurt für eine Rückbesinnung auf die spirituellen Wurzeln der menschlichen Kraft, die sich gerade nicht in ständiger Funktionalität, sondern im Mut zur Klage und im Aushalten des Unabänderlichen zeigt.

Magirius äußert eine grundlegende „Skepsis gegenüber dem Wort Resilienz“. Wer heute fordert, bereits Kinder müssten zur Resilienz erzogen werden, verkenne oft die menschliche Realität des Scheiterns. Mit Blick auf die christliche Tradition stellt er die provokante Frage, ob etwa Jesus Christus im modernen Sinne resilient gewesen sei – angesichts eines Weges, der am Kreuz endete. Wahre Spiritualität zeichne sich dadurch aus, dass sie es erlaube, „auch nicht resilient sein zu müssen, durchgehend, sondern auch scheitern zu können, verzweifelt sein zu dürfen“.

Dabei bewegt sich Magirius im Spannungsfeld zweier Traditionen: dem „Weg zum Seelenfrieden“ einerseits und einer „wilden Tradition der Freiheit und der Klage“ andererseits. Letztere, tief verwurzelt in der Exodus-Erzählung und den Psalmen, betont das Recht des Menschen, sich eben nicht mit dem Leid zu arrangieren. „Ich darf wütend sein im Gebet“, so Magirius. Gott selbst stelle sich in der Bibel als einer vor, der das Elend und das Schreien seines Volkes gesehen und gehört hat. In der biblischen Figur des Hiob sieht er ein „unglaublich beeindruckendes Zeugnis“, das dem Menschen das Recht zuspricht zu sagen: „Hier stimmt es nicht“.

Diese Form der Klage sei keineswegs destruktiv, sondern besitze eine „therapeutische“ Qualität. Ohne den „Karfreitag“ – das Aushalten von Ohnmacht und Verletzung – bleibe die Suche nach innerem Frieden oberflächlich. Magirius warnt davor, Resilienz als eine Art „Leistungsreligion“ misszuverstehen, in der man sich von den Krisen anderer abschirmt, um selbst unversehrt zu bleiben. Stattdessen eröffne erst das Eingeständnis der eigenen Schwäche einen Raum, in dem die Seele wirklich still werden kann. Am Ende steht für ihn nicht die perfekte Selbstoptimierung, sondern die „Sehnsucht nach Freude“ und die Freiheit, trotz allem eine Haltung des Friedens einzunehmen.

Evangelische Zeitung berichtet (12. April 2026)

Überlebenskampf im Schatten der Weltöffentlichkeit: Die vergessene Krise im Sudan

Seit April 2023 versinkt der Sudan in einem verheerenden Machtkampf zwischen der regulären Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF). Was als gescheiterte Integration von Truppenteilen begann, hat sich zur derzeit größten humanitären Katastrophe weltweit ausgeweitet. Rund 13,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht, während strukturelle Armut und die Folgen des Klimawandels die Not massiv verschärfen.

Inmitten der Kämpfe, die das Land faktisch in einen von der Armee kontrollierten Norden und Osten sowie einen von der RSF dominierten Westen und Süden gespalten haben, bleibt der Zugang für internationale Helfer aufgrund bürokratischer Hürden und extremer Unsicherheit prekär. „Das Land ist weitgehend abgeschottet“, konstatiert Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe im Podcast Conny&Kurt. Angesichts dieser Blockaden setzt die Organisation auf einen „lokal geführten Ansatz“: die sogenannten Emergency Response Rooms.

Dieses Netzwerk aus rund 700 Initiativen organisiert in Eigenregie Suppenküchen, Kliniken und psychosoziale Hilfe direkt in den Nachbarschaften. Durch dieses System der „gegenseitigen Hilfe“ (Mutual Aid) fließen Gelder direkt an lokale Freiwillige, was eine Effizienz von bis zu 95 Prozent ermöglicht. Dennoch droht dieses Engagement an schwindenden Mitteln zu scheitern: Während der Bedarf wächst, haben institutionelle Geber wie die USA und Deutschland ihre Budgets massiv gekürzt. Keßler warnt eindringlich vor einer „vergessenen Katastrophe“, während regionale Akteure wie Ägypten, die Emirate und Äthiopien den Konflikt durch eigene Machtinteressen weiter befeuern.

Spenden: Evangelische Bank | IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02

Zur Person:
Martin Keßler ist 1963 in Pforzheim geboren. Seit dem 1. August 2011 leitet er die Diakonie Katastrophenhilfe. Martin Keßler ist studierter Agraringenieur und arbeitete zunächst als Berater in der Abfallwirtschaft. Seit 2001 war er für verschiedene humanitäre Hilfsorganisationen in Afrika, Indien und Pakistan im Einsatz – zuletzt als Projektkoordinator der Welthungerhilfe in Kenia. Seit Anfang 2011 verantwortete er für die Diakonie Katastrophenhilfe Projekte im Sudan, Indonesien, auf den Philippinen und in Europa, bevor er Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe wurde.

Vom Weinen zum Werden: Die österliche Dialektik der Krise

In einer Zeit, die von multiplen globalen Erschütterungen geprägt ist, gewinnt das christliche Osterfest eine neue, fast säkulare Dringlichkeit als Chiffre für gesellschaftliche und persönliche Transformationsprozesse. Wie aus einem Gespräch zwischen Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast hervorgeht, ist die Osterbotschaft untrennbar mit dem Konzept des Neuanfangs aus der tiefsten Krise heraus verbunden.

Bereits die Etymologie des Gründonnerstags verweist auf diesen schmerzvollen Ursprung: Der Name leite sich nicht von der Farbe Grün ab, sondern vom althochdeutschen „kreinen“, dem Weinen über den bevorstehenden Kreuzigungstod Jesu. Dieser Fokus auf das Leid ist jedoch kein Selbstzweck. Vielmehr stecke, frei nach Hermann Hesse, in jedem Ende das Geheimnis eines Neuanfangs. Während Veränderungen in Phasen des Glücks selten initiiert werden, fungiere die Krise als notwendiger Katalysator für lebensverändernde Entwicklungen.

Diese theologische Beobachtung lässt sich bruchlos auf die aktuelle Weltlage übertragen. Die gegenwärtige Energiekrise – verschärft durch die Abhängigkeit von Drittstaaten – wird als ein solcher „Verstärkereffekt“ begriffen, der die Transformation zu erneuerbaren Energien beschleunigen könnte. Ähnlich wie die Corona-Pandemie etablierte Prozesse aufbrach, zwingt die Ressourcenknappheit nun zu einer politischen Neuausrichtung, die auch unpopuläre Debatten um Tempolimits oder die Suffizienz im Alltag, metaphorisch als „Waschlappen-Diskussion“ bezeichnet, neu entfacht.

Besonders eindringlich wird die Auseinandersetzung dort, wo sie die Grenze des Physischen berührt. Der Tod des eigenen Bruders dient Conny als Ausgangspunkt für eine Kritik an der modernen Apparatemedizin, die am Lebensende oft die Würde des Individuums hinter lebensrettende Maßnahmen zurückstelle. Dem entgegengesetzt wird die religiöse Hoffnung auf ein Fortbestehen der Existenz, ein „anderes Dasein“. Ob man dabei das Bild der 26 Gramm schweren Seele bemüht oder das ewige Leben als Fortwirken in der Erinnerung der Nachkommen begreift, bleibt eine individuelle Entscheidung.

Letztlich leistet die Religion hier, was humanistische Ansätze nur bedingt vermögen: Sie bietet eine Antwort auf die finale Frage nach dem „Wohin“. Das Osterfest wird so zu einem Plädoyer für eine Hoffnung, die den Menschen nicht einengt, sondern ihn, wie es im Gespräch resümiert wird, „zum Leben befreit“. In einer Welt der Bedrohungen bleibt diese Befreiung die zentrale Verheißung der Feiertage.