Archiv für 26. Februar 2026

Kälte als Waffe: Im Gespräch mit Andrij Waskowycz, Kiew

KIEW/BERLIN – Während der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine in sein viertes Jahr geht, offenbart dieser Winter eine humanitäre Krise von beispiellosem Ausmaß. Im Podcast Conny & Kurt berichtet Andrij Waskowycz, Büroleiter der Diakonie Katastrophenhilfe in Kiew. Die klimatischen Bedingungen, mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad, treffen auf eine durch ständigen Beschuss systematisch geschwächte zivile Infrastruktur. In Städten wie Kiew harren Menschen in Hochhäusern ohne Strom und Wasser bei Temperaturen von lediglich drei Grad in ihren Wohnungen aus. Besonders dramatisch ist die Lage für Ältere in den oberen Stockwerken: „Der Aufzug fährt ja auch nicht, wenn kein Strom da ist. Und die sind quasi eingeschlossen“, beschreibt die Lage vor Ort die Not derer, die ohne fremde Hilfe kaum überleben könnten.

Andrij Waskowycz, zeichnet ein Bild, das über die üblichen Fernsehberichte hinausgeht. Er spricht von Kindern, die in eiskalten Wohnungen unter mehreren Schichten Kleidung versuchen, am Online-Unterricht teilzunehmen. Um dieser Not zu begegnen, setzt die Organisation verstärkt auf Bargeldhilfe und Gutscheine. „Sie beachtet vor allen Dingen die Würde der Menschen. Die Menschen bleiben selbständig“, so Waskowycz. Mit diesen Mitteln beschaffen sich die Betroffenen das Nötigste: Heizgeräte, Brennstoffe, warme Decken oder Lebensmittel.

Trotz einer beachtlichen Spendenbereitschaft, – seit 2022 flossen allein über die Diakonie Katastrophenhilfe fast 79 Millionen Euro – bleibt die Hilfe angesichts der schieren Masse an Bedürftigen oft nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“, so Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. Die staatlichen Strukturen sind nach Jahren des Krieges finanziell überfordert.

Erschwerend kommt die Lage der rund 3,7 Millionen Binnenvertriebenen hinzu. Viele von ihnen kehren mangels Perspektive in unsichere, umkämpfte Gebiete zurück. Neben der materiellen Not wiegt die psychische Last schwer: Schätzungsweise 15 Millionen Ukrainer benötigen psychosoziale Betreuung. Experten warnen, dass das Versäumnis intensiver humanitärer Hilfe weitreichende Folgen haben könnte. Sollte die Versorgung kollabieren, drohe eine neue, massive Fluchtbewegung gen Westen. Bisher dominiert jedoch oft das Gefühl einer verzögerten Unterstützung: „Zu wenig, zu spät, das gilt eigentlich ja für die ganzen vier Jahre“, so Kurt-Helmuth Eimuth.

Spendenkonto der Diakonie Katastrophenhilfe

Evangelische Bank
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02
BIC: GENODEF1EK1

Religionswissenschaft trifft Regionalkrimi: Monika Tworuschka präsentiert „Eifel-Ritter“

Monika Tworuschka, bekannt als Religionswissenschaftlerin und Herausgeberin des Longsellers „Die Weltreligionen Kindern erklärt“, festigt ihren Ruf als Krimiautorin. In ihrem neuesten Werk „Eifel-Ritter“ verbindet sie ihre Wahlheimat, die Eifel, mit ihrer langjährigen Erfahrung im Spannungsgenre. Tworuschka, die bereits vor über 20 Jahren für den WDR Konzepte entwickelte, um „Religionsinhalte über Krimis zu vermitteln“, widmet sich in ihrem aktuellen Roman einem besonderen Phänomen der Region.

Die Geschichte spielt im Kreis Euskirchen, einer „enorm burgenreichen Region“, in der die Autorin seit über 40 Jahren lebt. Ausgangspunkt der Handlung ist ein Mord im Eifeler Burgenmuseum, der die lokale Gemeinschaft erschüttert. Doch wer einen historischen Roman erwartet, irrt: „Eifelritter spielt nicht im Mittelalter“, so Tworuschka. Stattdessen beleuchtet das Buch die moderne Live-Rollenspiel-Szene (LARP). Es geht laut der Autorin vor allem um die „riesige Szene von Menschen, die Mittelalter begeistert und Ritter spielen“.

Zur Person: Monika Tworuschka ist freie Autorin und Islam-, Religions- und Politikwissenschaftlerin. Schwerpunkt ihrer Veröffentlichungen ist der Dialog der Religionen. Darüber hinaus ist sie Autorin von Jugendbüchern, Hörspielen und Abenteuergeschichten. Sie lebt in Bad Münstereifel und ist mit dem Religionswissenschaftler Udo Tworuschka verheiratet

Vom U-Boot-Kommandanten zum Friedenskämpfer: Das radikale Leben des Martin Niemöller im musikalischen Portrait

Martin Niemöller bleibt eine der schillerndsten und zugleich sperrigsten Figuren der deutschen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Lebensweg, der ihn vom stolzen U-Boot-Kommandanten des Ersten Weltkriegs zum radikalen Pazifisten und Atomwaffengegner führte, wird nun in einem musikalischen Porträt von Pfarrer Helwig Wegner und dem Komponisten Siegfried Fietz in 17 Liedern und Zwischentexten neu beleuchtet. Conny&Kurt unterhalten sich in ihrem Podcast mit dem Texter Helwig Wegner.

Niemöllers Biografie ist geprägt von tiefgreifenden Wandlungen und einer unermüdlichen Lernbereitschaft. Nach seinem Dienst als Marineoffizier schlug er die theologische Laufbahn ein und wurde Pfarrer in Berlin-Dahlem. In der Anfangsphase des Nationalsozialismus erhoffte er sich zunächst eine nationale Wiedergeburt Deutschlands. Doch als das Regime begann, massiv in kirchliche Belange einzugreifen und den „Arierparagraphen“ einzuführen, leistete Niemöller entschlossenen Widerstand. Er gründete den Pfarrernotbund und stellte die fundamentale Frage, ob Adolf Hitler oder Jesus Christus der Herr der Kirche sei. Diese Unbeugsamkeit führte 1937 zu seiner Verhaftung und schließlich zur Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau, wo er bis 1945 als „persönlicher Gefangener“ Hitlers verblieb.

Nach dem Krieg avancierte Niemöller zu einer internationalen Integrationsfigur für ein „anständiges Deutschland“. Er wurde der erste Kirchenpräsident der neu gegründeten Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Unter seinem Einfluss etablierte die EKHN ein kollektives Leitungsprinzip, das bewusst auf die hierarchische Macht eines Bischofsamtes verzichtete. Diese „bruderrätliche Kultur“ prägt die Landeskirche bis heute und ermöglichte oft mutige, gesellschaftspolitische Vorreiterrollen, etwa im Umgang mit der Ökumene oder der Aufarbeitung der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk.

In den 1950er Jahren wandelte sich Niemöller zum scharfen Kritiker der Wiederbewaffnung und der atomaren Aufrüstung. Sein Handeln leitete er stets von der schlichten, aber provokanten Frage ab: „Was würde Jesus dazu sagen?“. Diese Haltung brachte ihm massive Kritik ein, insbesondere nach seinen Reisen nach Moskau, die ihm den Vorwurf des Philokommunismus einbrachten. Ein Zeitgenosse beschrieb ihn treffend als jemanden, der „unablässig seinen eigenen Ruhm zerstört“, da er stets Positionen bezog, die weder der Politik noch seinen eigenen Kirchenkollegen genehm waren.

Das musikalische Porträt „Welch ein Leben“ greift diese Spannungsfelder auf und verbindet Lieder mit Originalzitaten. In einer Zeit, in der Begriffe wie „Kriegstüchtigkeit“ wieder Konjunktur haben, gewinnen Niemöllers pazifistische Provokationen eine neue, beklemmende Aktualität. Das Werk versteht sich nicht als fertige Antwort auf heutige Krisen, sondern als Anstoß, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen.

Deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer

Ein Theologe im Sozialministerium

In einem Alter, in dem sich andere bereits auf den Ruhestand vorbereiten, hat Eberhard Pausch einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Der ehemalige Oberkirchenrat und Studienleiter der Evangelischen Akademie wechselte aus dem kirchlichen Dienst direkt in das Hessische Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Dort leitet der Theologe nun das Grundsatzreferat unter Ministerin Heike Hofmann (SPD), die er bereits aus dem kirchenpolitischen Beirat der Partei kannte. Im Podcast Conny&Kurt spricht er über seine Erfahrungen.

Pausch, der in seiner Zeit bei der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover früher Reden auch für Ratsvorsitzende wie Wolfgang Huber schrieb, empfindet sich in der von Juristen geprägten Landesverwaltung als „Unikum“ oder „unregelmäßiges Verb“. Die Arbeit in Wiesbaden unterscheide sich signifikant von kirchlichen Strukturen: Sie sei „deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer“ und stärker digitalisiert, so Pausch. Unter Verweis auf die Rechtsphilosophie von Habermas und Luhmann diagnostiziert er eine fortschreitende „Verrechtlichung“ der Gesellschaft. Während Theologen im Dual von Gesetz und Evangelium dächten, sei im Ministerium das Gesetz „in seiner ausdifferenziertesten Form“ präsent, während das Evangelium als visionäres Korrektiv fehle.

In seiner Rolle fungiert Pausch als „Flaschenhals“ zwischen den Fachabteilungen und der im Lande einmaligen, rein weiblichen Hausleitung,. Er übersetzt bürokratische Fachsprache in „eingängige Metaphern“, um das Regierungshandeln verständlich zu machen. Dabei verfolgt er einen „sozialen Pragmatismus“. In zentralen Themenfeldern wie der Inklusion, der Gleichstellung oder der Fachkräftegewinnung aus dem Ausland – etwa aus Indien oder Kenia – gehe es ihm darum, durch politisches Handeln in schwierigen Zeiten ein Stück weit „Hoffnung zu produzieren“.

Zur Person

Dr. Eberhard Martin Pausch, geboren 1961 in Frankfurt am Main, wurde an der Philipps-Universität Marburg im Fach Evangelische Theologie promoviert. Von 1992 bis 2000 war er Gemeindepfarrer in Frankfurt, danach bis 2012 Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover. Von 2012 bis 2016 wirkte er in der Kirchenverwaltung der EKHN als Beauftragter für die Reformationsdekade. Seit 2016 war er Studienleiter für Religion und Politik an der Evangelischen Akademie Frankfurt. Zu seinen Ehrenämtern zählen der Co-Vorsitz im Kirchen- und Religionspolitischen Beirat der SPD Hessen, der Vorsitz im Sozialverband VdK Frankfurt-Rödelheim sowie das Vorstandsmandat im Bund für Freies Christentum. Eberhard Pausch ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.