Archiv für 26. März 2026

Der zerbrochene Spiegel: Kahlschlag in der evangelischen Publizistik

In den Gremien der bayerischen Landeskirche regiert derzeit der Rotstift, und sein bevorzugtes Ziel scheint ausgerechnet jenes Gut zu sein, das sich die Kirche nach 1945 als demokratisches Korrektiv mühsam auferlegt hat: die unabhängige Publizistik. Während die klassische Öffentlichkeitsarbeit – jenes Instrumentarium, mit dem die Institution ihre eigenen Wohltaten ins rechte Licht rückt – unangetastet bleibt oder gar gestärkt wird, droht den kirchennahen, aber redaktionell eigenständigen Medien das finanzielle Aus.

Gerd-Matthias Hoeffchen, Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“, warnt im Podcast Conny&Kurt vor einer fatalen Verwechslung: Publizistik ist keine PR. Während die Öffentlichkeitsarbeit das Selbstbild der Kirche pflegt, fungiert die unabhängige Presse als „kritisch-loyaler“ Spiegel. Dieser Blick von außen, der die Perspektive der Kirchenmitglieder und Leser einnimmt, ist eine Lehre aus den Erfahrungen des Dritten Reiches. Man wollte nach dem Krieg eine Instanz schaffen, die eben nicht in die hierarchische Weisungskette eingegliedert ist, um eine erneute Gleichschaltung zu verhindern.

Doch die Synoden und Kirchenleitungen scheinen das Gespür für diesen feinen, aber systemrelevanten Unterschied verloren zu haben. In Bayern, einer traditionell wohlhabenden Landeskirche, sollen die Zuschüsse zum Jahresende massiv gekürzt werden. Damit steht die Existenz renommierter Blätter wie des Sonntagsblatts auf dem Spiel. Das Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit greift hierbei zu kurz. Zwar steckt der Printsektor in einer Krise, doch die gedruckte Kirchenzeitung ist oft das einzige Medium, für das Mitglieder noch bereitwillig bezahlen. Ein digitaler Ersatz, der sich wirtschaftlich trägt, ist in der Fläche nicht in Sicht.

Besonders schmerzhaft ist die Kurzsichtigkeit dieses Vorgehens im Hinblick auf den kirchlichen Strukturwandel. Anstatt landeskirchliche Egoismen zu überwinden und gemeinsame, EKD-weite Lösungen für die Publizistik zu finden, agiert jede Teilkirche für sich. „Wenn die unabhängige Stimme im innerkirchlichen Diskurs erstirbt, verliert die Kirche nicht nur ihre „vierte Gewalt“ zur internen Qualitätssicherung, sondern auch ihre Relevanz in einer zunehmend säkularen Gesellschaft“. Es ist paradox: Während die Kirche öffentlichkeitswirksam die Bedeutung freier Medien für die Demokratie beschwört, zerbricht sie im eigenen Haus den Spiegel, den sie so dringend nötig hätte.

Gerd-Matthias Hoeffchen, 1962 in Castrop-Rauxel geboren, hat Theologie in Bochum und Bielefeld studiert. Nach einem Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Westfalen und Lippe arbeitete er dort zunächst als Redakteur für den Evangelischen Pressedienst (epd) im Landesdienst Niedersachsen-Bremen. 2005 wechselte der leidenschaftliche E-Gitarrist und Motorradfahrer zur evangelischen Wochenzeitung »Unsere Kirche«, seit 2013 ist er deren Chefredakteur. Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland

Wir gratulieren Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay zum Grimme-Preis. Dankenswerterweise sprach Agnes Lisa Wegner im Juni 2024 mit uns über ihren Film.

Der Begründung der Grimme-Jury ist nichts hinzuzufügen:

„Das leere Grab“ von Agnes Lisa Wegner und Cece Mlay ist ein Film von großem Engagement, der ein filmisch bislang kaum beleuchtetes Kapitel deutscher Kolonialgeschichte aufarbeitet. Der Film gibt der oft abstrakten Restitutionsdebatte ein zutiefst menschliches Gesicht und macht das transgenerationale Trauma sichtbar, das in den Familien fortwirkt.

Bemerkenswert ist die konsequent starke tansanische Perspektive. Die Passagen in Tansania überzeugen in besonderem Maße, weil sie das Leben, die Geschichte und die Biografien der Menschen vor Ort realistisch und würdevoll darstellen. Die Kamera beobachtet geduldig, wie die Familien Mbano und Kaaya mit dem transgenerationalen Trauma der Kolonialzeit leben, wie Cesilia im Klassenzimmer die schmerzhafte Geschichte ihrer Familie erzählt und wie die Dorfgemeinschaften sich am Grab von Nduna Songea Mbano versammeln. Der Film zeigt, lokal verankert und kulturell sensibel, Rituale, Trauer und Träume der Betroffenen, ohne sie zu exotisieren.

Die didaktische Anlage des Films, die Sachwissen und persönliche Geschichten klug miteinander verwebt, trägt in diesem Fall besonders gut. Szenen und Interviews sind so verknüpft, dass ein anregend dichtes, aber nie einengendes Geflecht aus Information und Emotion entsteht. Der Film unterscheidet sich wohltuend von vielen ähnlichen Dokumentarformaten. Auf deutscher Seite verschiebt sich der formale Ton zwar merklich, wenn beispielsweise die Musik einsetzt und sich die Erzählung verdichtet, doch gerade diese Verschiebung macht eine Spannung sichtbar, die dem Thema fundamental innewohnt.

Auf den ersten Blick scheint die Restitutionsfrage im Film beinahe einvernehmlich behandelt zu werden, was eine gewisse Romantisierung nahelegen könnte. Doch bei genauerer Betrachtung machen verschiedene Schlüsselmomente unmissverständlich klar, dass der Weg zur Aufarbeitung alles andere als einfach ist: Mnyaka Sururu Mboro, der seit über 40 Jahren in Deutschland lebt und Jahrzehnte für kleine Fortschritte wie eine Straßenumbenennung gebraucht hat. Ein Bundespräsident, der als erster deutscher Politiker überhaupt diese Entschuldigung ausspricht – und dennoch das leere Grab nicht mit den geraubten Gebeinen der Verstorbenen füllen kann. Dass die Museumsdebatten, die auf tansanischer Seite durchaus im Film präsent sind, auf deutscher Seite eine spürbare Leerstelle bilden, gehört zu den stillen, aber wirkungsvollen Aussagen des Films. Er benennt diese Asymmetrie nicht anklagend, sondern macht sie durch sein Erzählen sichtbar. Dem Film „Das leere Grab“ gelingt es, der globalen Debatte um Restitution eine zutiefst menschliche Dimension zu geben und zugleich die politische Komplexität des Themas nicht zu verschweigen. Ein wichtiger und überfälliger Film.

Das biblische „Nö“: Über die Entzauberung christlicher Familienideale

In kirchlichen Kreisen gilt das Thema Sexualität oft noch immer als verpönt, obwohl die Bibel an zahlreichen Stellen davon erzählt. Im Podcast Conny& Kurt berichtet die Berliner Pfarrerin Maike Schöfer von ihrem Buch „Nö. Eine Anstiftung zum Nein sagen“. Sie plädiert für eine neue Ehrlichkeit im Umgang mit Begehren, körperlichen Grenzen und traditionellen Lebensentwürfen.

Schöfer dekonstruiert dabei insbesondere das Bild der bürgerlichen Kleinfamilie als vermeintlich christliches Ideal. Ein Blick in die Quellen zeige vielmehr, dass dieses Modell biblisch so nicht existierte; stattdessen finden sich vielfältige Formen des Zusammenlebens in Sippen oder großfamiliären „Häusern“. Die Fixierung auf Vater, Mutter und Kind sei ein späteres kulturelles Konstrukt, das die Institution Ehe überhöht habe. Unter dem Schlagwort der „Amatonormativität“ Amatonormativität ist die gesellschaftliche Annahme, dass es allen Menschen in einer exklusiven Beziehung besser geht) kritisiert Schöfer zudem den gesellschaftlichen Druck, die gesamte emotionale Energie in eine einzige romantische Paarbeziehung zu investieren.

Stattdessen fordert sie eine Rückbesinnung auf die Gemeinschaft als tragendes Netz. In ihrer Gemeinde in Berlin-Adlershof erlebt sie die Kirche bereits als eine Art „Dorf“, das sich gegenseitig bei der Erziehung und Care-Arbeit unterstützt. Auch für queere Lebensrealitäten sieht sie biblische Anknüpfungspunkte, etwa in der Erzählung von Ruth und Noomi, die eine solidarische Versorgungsgemeinschaft jenseits klassischer Rollenbilder bildeten.

Ihr feministischer Ansatz zielt dabei nicht auf die Abschaffung konservativer Werte, sondern auf die Freiheit der individuellen Entscheidung. Schöfers Anliegen bleibt eine Kirche, die als geschützter Raum für ehrliche Fragen dient und starre Strukturen zugunsten lebendiger, vielfältiger Beziehungen überwindet.

Zur Person:
Maike Schöfer, Jahrgang 1989, ist Pfarrerin unter dem Himmel Berlins. Feministisch, queer und unbequem schreibt sie digital als @ja.und.amen und analog im Talar gegen Ungerechtigkeiten an – in der Gesellschaft und in ihrer Kirche. Sie engagiert sich im interreligiösen Dialog, unter anderem mit dem Podcast „331 – 3 Frauen, 3 Religionen, 1 Thema“, den sie gemeinsam mit einer Judaistin und einer islamischen Theologin betreibt und der 2023 mit dem Deutschen PR-Preis ausgezeichnet wurde.