Archiv für 25. Juni 2026

Das größte Pflegeheim der Nation: Zwischen Renditedruck und Bürokratie-Wanst

Die deutsche Pflegepolitik steht vor einem Trümmerhaufen aus ungelösten Strukturproblemen und einer Reformunfähigkeit, die zunehmend zulasten der Schwächsten geht. Während die öffentliche Debatte oft um die Zustände in Heimen kreist, wird die Realität der Versorgung meist übersehen: „Das größte Pflegeheim ist sozusagen der eigene Haushalt“, stellt Kurt-Helmuth Eimuth, Vorstandsmitglied von „Wir Pflegen Schleswig-Holstein“, im Podcast Conny&Kurt nüchtern fest. Über 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – eine Herkulesaufgabe, die größtenteils von Frauen und Angehörigen ohne nennenswerte Lobby geleistet wird.

Der Kern des Übels liegt in einem systemimmanenten „Webfehler“: der Privatisierung. Wo Investoren Renditen zwischen 6 und 10 Prozent erwarten, wird das Pflegebudget zur Beute von Kapitalinteressen. „Privatisierung kostet uns heute richtig Geld“, so die Kritik an den Strukturen, die den Fokus von der Menschlichkeit auf die Bilanz verschoben haben. Die Pflegeversicherung, einst von Norbert Blüm als Teilkasko-System eingeführt, erweist sich heute als unzureichend, während eine notwendige Vollkasko-Lösung an den massiven Kosten scheitert.

Was die Politik derzeit als Reform verkauft, wird von Experten als reines Sparprogramm entlarvt. „Reform bei uns heißt einfach nur Einsparung“, kritisiert Eimuth. Besonders drastisch zeigt sich dies bei der geplanten Erhöhung der Hürden für die Pflegestufe 1. Diese Stufe sollte ursprünglich prophylaktisch wirken, um Schlimmeres zu verhindern; nun droht dieser Präventionsgedanke dem Rotstift zum Opfer zu fallen. Gleichzeitig werden pflegende Eltern behinderter Kinder durch Kürzungen bei der Rentenversicherung zusätzlich belastet – ein Vorgang, der als „völlig irre“ bezeichnet wird.

Über allem thront ein „Bürokratie-Wanst“, der den Alltag der Betroffenen lähmt. 16 verschiedene Landesverordnungen regeln beispielsweise den Entlastungsbetrag, was das System für Laien nahezu undurchdringlich macht. Dies führt zu einer tiefen sozialen Ungerechtigkeit: Nur wer wortgewaltig ist und die bürokratischen Hürden überwinden kann, erhält die ihm zustehende Unterstützung.

Ein Blick über die Grenze, etwa auf dänische Modelle wie den „Altersbauernhof“ oder inklusive Konzepte in Südeuropa, zeigt, dass andere Wege möglich sind. Doch in Deutschland fehlt bisher die Fantasie für echte Reformen, die über bloße Verwaltung und Kürzung hinausgehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit ihren behinderten und pflegebedürftigen Mitgliedern umgeht. Ein Maßstab, an dem die aktuelle Politik zu scheitern droht.

Hinweis: Auf Seite 13 wird ie Pflegesituation bei Eimuths beschrieben:
https://mitglieder.diakonie-hessen.de/fileadmin/user_upload/Brosch%C3%BCren_Flyer/broschure_2020_web.pdf Seite 13

Hoffnung gegen die Trümmer: Die zeitlose Resonanz des Paul Gerhardt

Es ist ein Paradox der deutschen Literatur- und Kirchengeschichte: Die lichten, lebensbejahenden Verse eines der bedeutendsten protestantischen Lieddichters entstanden inmitten einer Epoche der totalen Verwüstung. Paul Gerhardt, dessen 350. Todestag Anlass zur Rückbesinnung gibt, schuf ein Werk, das heute als allgemeines Volksgut gilt. Doch hinter Klassikern wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ verbirgt sich eine Existenz, die von unfassbarem Leid gezeichnet war. Darauf weist der Liedtexter und Pfarrer Eugen Eckert im Podcast Conny&Kurt hin.

Gerhardts Lebensweg war untrennbar mit den Ausläufern des Dreißigjährigen Krieges verknüpft. Als er im Alter von 48 Jahren seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde antrat, bot sich ihm ein Bild des Grauens: Von einst 243 Häusern waren nur noch 43 bewohnt; die Bevölkerung war durch Plünderungen und Gewalt dezimiert worden. Auch privat blieb er nicht verschont. Von seinen fünf Kindern starben vier im frühen Kindesalter, und auch seine Ehefrau Anna überlebte die psychischen und physischen Belastungen nicht lange, erzählt Eckert.

Trotz dieser traumatischen Erfahrungen entwickelte Gerhardt eine literarische Strategie, die der Experte Eugen Eckert als ein „Anschreiben gegen den Augenschein“ beschreibt. Anstatt in Verzweiflung zu versinken, richtete Gerhardt den Blick auf die Regenerationskraft der Schöpfung: „Guckt euch an, wie alles wieder wächst und grünt und blüht und es gibt etwas, was diese schmerzlichen Wunden heilen kann“. Seine Dichtung fungierte als kollektive Ermutigung für eine traumatisierte Gesellschaft.

Die Popularität seiner Texte verdankt er nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Johann Crüger, dem Kantor der Berliner Nikolaikirche. Crüger erkannte die „essentielle Tiefe“ in Gerhardts Worten. In einem fast modernen Sinne bildeten sie eine produktive Symbiose, die Kurt-Helmuth Eimuth pointiert mit „Lennon und McCartney“ vergleicht. Während Gerhardts Texte in Crügers Gesangbüchern rasche Verbreitung fanden, wurde „Geh aus, mein Herz“ erst durch die Vertonung von August Harder im 19. Jahrhundert zum populären Volkslied.

Technisch bestechen Gerhardts Werke durch ihre formale Meisterschaft, wie etwa das Lied „Befiehl du deine Wege“, das als Akrostichon angelegt ist. Die Anfangsbuchstaben der Strophen ergeben den Psalmvers: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen“. Diese Verbindung aus kunstvoller Struktur und tiefer, jenseitiger Hoffnung verleiht Gerhardts Liedern eine Substanz, die sie bis in die Gegenwart trägt – als ein „Trostwort“, das auch moderne Tragödien zu rahmen vermag.

Mehr zu Paul Gerhardt von unserem Interviewpartner in: Das Magazin https://pfarrverein-ekhn.de/die-geschichte-hinter-dem-lied

Zwischen Sportgeist und Profitgier – Die WM in den USA

Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA beginnt und löst eine Debatte über die zunehmende Kommerzialisierung aus. Mit 104 Spielen und 48 Nationen ist das Turnier zwar rekordverdächtig groß, wird jedoch von Kritikern wie Pfarrer Eugen Eckert im Podcast Conny & Kurt als reine „kommerzielle Show ohne Ende“ bezeichnet. Die FIFA versuche zwar, durch die Teilnahme kleiner Nationen wie Curaçao – die sympathisch mit einem uralten, offenen Bus anreisten – Volksnähe zu suggerieren, doch die Realität sieht oft anders aus.

Die finanziellen Barrieren sind so massiv, dass ein Großteil der Fans faktisch aus den Stadien ausgeschlossen wird. Enorme Eintrittspreise und Fahrtkosten machen die WM zu einer „Geldmaschine“, während leidenschaftliche Anhänger, wie ein berichteter Fan aus Jordanien, sogar ihr Auto verkaufen und Schulden machen, um dabei zu sein. Zudem wird die „Amerikanisierung“ des Events kritisiert: Statt des reinen Sports dominieren Barbecue-Zonen hinter dem Tor, Cheerleader und gezielte Werbeunterbrechungen, was im krassen Gegensatz zur traditionellen Fankultur steht.

Sportlich schmerzt besonders der verletzungsbedingte Ausfall des jungen Talents Leonard Karl, während Eintracht Frankfurt mit dem Linksverteidiger Brown zumindest einen Spieler im Turnier vertreten hat. Politisch bleibt das Event höchst umstritten, da FIFA-Präsident Infantino vorgeworfen wird, dem US-Präsidenten zur Aufbesserung seines angeschlagenen Images zu verhelfen. Am Ende bleibt die Sorge, dass die WM zu einer perfekt durchgestylten Show verkommt, bei der der eigentliche Fußball nur noch die Kulisse für den Kommerz bildet.

Mehr Würdigung der Verstorbenen, weniger Verkündigung gewünscht

In einer Gesellschaft, die den Tod weitgehend aus dem Alltag verdrängt hat, artikuliert sich ein wachsendes Bedürfnis nach einer neuen Kultur des Abschiednehmens. Andrea Hamm, gelernte Krankenschwester mit Erfahrung in der Hospizbewegung, markiert im Podcast Conny&Kurt diesen Wendepunkt in ihrer Arbeit als freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin. Ihr Weg führt weg von der klinischen Distanz hin zu einer Begleitung, die den Verstorbenen und die Hinterbliebenen in ihrer Einzigartigkeit in den Mittelpunkt stellt.

Hamm, die selbst der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) angehört, besetzt eine „Marktlücke“, die durch den Rückzug kirchlicher Präsenz und ein teils als zu dogmatisch empfundenes Zeremoniell entstanden ist. Während in der traditionellen kirchlichen Bestattung oft die Verkündigung des Glaubens über der Würdigung der individuellen Persönlichkeit stand, fordern Auftraggeber heute eine Fokussierung auf das gelebte Leben. Dabei verschwimmen die Grenzen: Auch in Hamms freien Reden finden religiöse Elemente wie das Vaterunser oder Segensworte auf Wunsch ihren Platz.

Wissenschaftlich vollzieht sich parallel ein Paradigmenwechsel: Das veraltete Modell starrer Trauerphasen weicht der Erkenntnis von „Trauerfacetten“. Trauer wird als dynamisches Kaleidoskop verstanden, in dem sich Gefühle ständig neu zusammensetzen und überlagern. Diese Komplexität erfordert eine Resilienz, die in der Nachkriegsgeneration oft durch das Gebot des „Anpackens“ unterdrückt wurde, heute jedoch Raum zur Entfaltung beansprucht.

Trauer, so betont Hamm, ist keine Wunde, die die Zeit einfach heilt, sondern eine „Narbe“, die jederzeit wieder aufbrechen kann. Diese Versehrtheit macht auch vor der Arbeitswelt nicht halt; die Integration von Trauerprozessen in den Unternehmensalltag wird zu einer unabdingbaren Aufgabe in einer leistungsverdichteten Welt. Letztlich geht es Hamm darum, den Tod wieder als integralen Bestandteil des Lebens zu begreifen und die Sprachlosigkeit im Angesicht des Verlusts zu überwinden