Archiv für 30. Juli 2026

Das Sakrament des Innehaltens: Warum der Sonntag mehr als ein Werktag ist

Es geht um weit mehr als die Frage, ob der Bäcker nun drei oder acht Stunden öffnen darf; es geht um das letzte Refugium des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Sonntagsruhe. Während die Politik und Landesverordnungen die Ladenöffnungszeiten immer weiter dehnen und in nördlichen Gefilden gar Autowaschstraßen den siebten Tag okkupieren, offenbart sich eine schleichende Salami-Taktik der Entgrenzung, so die Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth, die sich zum Gespräch in einem Frankfurter Café trafen.

Das ökonomische Argument der Einzelhandelslobby, durch Sonntagsöffnungen das Geschäft zu beleben, erweist sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss: Der konsumierbare Kuchen vergrößert sich nicht, er wird lediglich auf sieben Tage verteilt. Was bleibt, ist die Gefahr, dass bald auch die Logistikströme globaler Warenlieferungen die sonntägliche Stille endgültig durchbrechen.

Besonders in einer Single-Metropole wie Frankfurt zeigt sich die soziologische Erosion: Wenn Fitnessstudios zum überfüllten Ersatzraum für Gemeinschaft werden, weil viele mit der plötzlich verfügbaren Zeit nichts anzufangen wissen, stellt sich die Sinnfrage. Ein funktionierendes Gemeinwesen benötigt jedoch die Synchronisation: einen verlässlichen Takt für Familie, Sportvereine und das rituelle Gespräch.

Selbst die Kirchen rütteln an ihren eigenen Fundamenten, indem sie den Gottesdienst auf den Samstagabend vorziehen und damit ein zentrales Strukturmerkmal der Woche aufgeben. Doch der Sonntag darf nicht zur bloßen „Versorgungskultur“ zwischen Tankstellen-Shops und Automaten-Läden verkommen. Er ist kein ökonomischer Ballast, sondern das notwendige Gegengewicht zu einer total verfügbaren Arbeitswelt. Der Rhythmus des Lebens braucht diesen Tag des Innehaltens.

„Ich bin ganz, gut und schön“: Das Erbe der Elisabeth Moltmann-Wendel

Wenn am 25. Juli der 100. Geburtstag von Elisabeth Moltmann-Wendel begangen wird, blickt die evangelische Kirche auf eine Pionierin zurück, deren Wirken weit über die Grenzen der akademischen Theologie hinausreichte. Die 2016 verstorbene Tübingerin gilt als die prägende Stimme der feministischen Theologie in Deutschland – einer Bewegung, die sie nicht als Nischendiskurs für Frauen versteht, sondern als einen umfassenden Gerechtigkeitsdiskurs für die gesamte Menschheit, gleich welchen Geschlechts.

In der heutigen Debatte erweist sich Moltmann-Wendels Denken als überraschend anschlussfähig. Dr. Nora Schmidt betont in einer aktuellen Würdigung im Podcast Conny&Kurt, dass Moltmann-Wendels Fokus auf die Körperlichkeit und das Unbewusste – beeinflusst durch die Psychoanalyse – heute eine neue Relevanz erfährt. In Zeiten von Social-Media-Zwängen und Selbstwertkrisen wirkt ihre radikale Bejahung des Individuums nach. Ihr berühmter Satz „Ich bin ganz, ich bin gut, ich bin schön“ war für sie nichts Geringeres als eine moderne Übersetzung der lutherischen Rechtfertigungslehre: Der Mensch ist angenommen, ohne sich erst beweisen oder einem Ideal entsprechen zu müssen.

Moltmann-Wendels Weg war von den strukturellen Hürden ihrer Zeit gezeichnet. Nachdem sie 1951 promoviert hatte, verlor sie mit der Heirat des ebenfalls berühmten Theologen Jürgen Moltmann alle kirchlichen Ämter – ein Schicksal, das damals viele qualifizierte Frauen traf. Doch Moltmann-Wendel blieb als freie Wissenschaftlerin und Publizistin tätig und wurde zu einer Identifikationsfigur, die besonders auf den Kirchentagen der 1970er und 1980er Jahre eine enorme öffentliche Wirksamkeit entfaltete.

Ein Kernstück ihrer Arbeit war die exegetische Neuentdeckung biblischer Frauenfiguren. Besonders prägnant ist ihre Deutung der Martha aus dem Johannesevangelium. Während die Tradition Martha oft auf die Rolle der dienenden Hausfrau im Schatten ihrer Schwester Maria reduzierte, arbeitete Moltmann-Wendel heraus, dass Martha es war, die ein volles Christusbekenntnis ablegte. Damit stellte sie Martha auf eine theologische Ebene mit Petrus, dessen Bekenntnis als Fundament des kirchlichen Amtes gilt. Durch solche Rückgriffe auf die „Urkirche“ zeigte sie auf, dass eine geschlechtergerechte Perspektive keine moderne Zutat ist, sondern im Ursprung der Jesus-Bewegung selbst angelegt war, bevor sie durch patriarchale Machtmechanismen verdeckt wurde.

Moltmann-Wendel ebnete den Weg für heutige Diskurse über Rassismuskritik und Traumagerechtigkeit in der Kirche. Ihr Erbe mahnt dazu, Theologie nicht als abgehobenen Fachdiskurs zu führen, sondern als eine Antwort auf die existenziellen Nöte und Fragen der Menschen.

Zwischen Teilhabe und Überlebenskampf: Die prekäre Lage der Frankfurter Jugendhilfe

In einer Metropole, die sich oft über ihre glänzende Skyline definiert, bleibt die soziale Realität vielerorts im Schatten der Hochhäuser verborgen. Katharina Hellwig, Geschäftsführerin des Vereins Junularo Frankfurt, zeichnet im Podcast Conny&Kurt ein Bild der städtischen Jugendhilfe, das von chronischer Unterfinanzierung und dem täglichen Kampf gegen Kinderarmut geprägt ist. Der Verein, der aus dem selbstverwalteten „Kaffee Müller“ und dem „Heimverein des Bundes Neudeutschland“ hervorging, trägt heute einen Namen, der Programm ist: Junularo bedeutet auf Esperanto schlicht „Jugend“ und soll Weltoffenheit sowie eine gewisse „Buntheit“ signalisieren.

Mit 13 Einrichtungen ist Junularo eine feste Größe in Frankfurt, doch die Arbeit findet unter erschwerten Bedingungen statt. Da die präventive Kinder- und Jugendarbeit im Gegensatz zu einzelfallbezogenen Hilfen keine Pflichtleistung der Kommune darstellt, gerät sie bei Sparmaßnahmen als Erste unter Druck. Zwar gab es 2024 nach jahrelangem politischem Protest, dem „Tag der geschlossenen Tür“, eine Anhebung der Zuschüsse, doch diese deckte kaum mehr als die inflationsbedingten Kosten und Tarifsteigerungen. Von den geforderten 29 Millionen Euro für den Sektor wurden lediglich 5,6 Millionen bewilligt – eine Summe, die Schließungen verhinderte, aber keine großen Sprünge erlaubte.

Besonders alarmierend ist Hellwigs Schilderung der Kinderarmut. Es sei ein Skandal, dass Kinder in einer wohlhabenden Stadt wie Frankfurt nachmittags hungrig in die Einrichtungen kommen. Die Bürokratie zwinge Familien dazu, ihre Armut akribisch nachzuweisen, was oft an die Grenzen der Menschenwürde stoße. Hellwig fordert daher ein kostenloses Mittagessen an Schulen, das unabhängig von der Zahlungsfähigkeit der Eltern garantiert wird.

Der Kern der Junularo-Philosophie bleibt jedoch die Partizipation. Diese wird nicht nur in Gremien gelebt, sondern reicht bis in den Vorstand, der fast ausschließlich aus ehemaligen Besucher:innen der Einrichtungen besteht. Dieser Ansatz der „Selbstwirksamkeit“ zeigt sich auch in jugendpolitischen Erfolgen wie dem Frankfurter Jugendparlament.

Für die Zukunft fordert Hellwig ein Umdenken in der Stadtplanung. Anstatt über Vandalismus zu klagen, müsse man Jugendliche als Experten für ihren Sozialraum begreifen und sie aktiv an der Gestaltung von Parks und Plätzen beteiligen. Nur durch Identifikation mit ihrem Umfeld könne eine nachhaltige Wertschätzung des öffentlichen Raums entstehen. Die Jugendhilfe fungiert hierbei als „Dritter Ort“ neben Elternhaus und Schule, der entscheidende biographische Weichenstellungen ermöglicht.

Aus technischen Gründen ist das vollständige Interview nur im Audio zu hören. Die Videofassung ist gekürzt.

Das späte Erwachen: Frühe Bildung als gesellschaftliches Nadelöhr

Es ist eine Erkenntnis, die in den Fluren des Bildungsministeriums im Jahr 2026 wie eine Neuigkeit gehandelt wird, in der Fachwelt jedoch seit Jahrzehnten für besorgtes Nicken sorgt: Die Bildungsschere schließt sich nicht erst in der Schule, sie öffnet sich bereits ab der Geburt und verfestigt sich bis zum sechsten Lebensjahr. Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), blickt im Podcast Conny&Kurt mit einer Mischung aus Bestätigung und Skepsis auf diese späte politische Einsicht. Während die Politik die Bedeutung der ersten drei Lebensjahre nun priorisiert, stellt sich in den Kitas längst eine fundamentalere Frage: Kann der Staat kompensieren, was im Elternhaus verloren geht?

Die Diagnose ist ernüchternd. Experten beobachten eine zunehmende „Verantwortungsverschiebung“. Wo früher das Vorlesen oder das Binden der Schuhschleife als natürliche Aufgabe der Eltern galt, wird heute die Kita zunehmend als Reparaturbetrieb für versäumte Erziehung in die Pflicht genommen. Herrenbrück skizziert das Bild einer überforderten Elterngeneration, die zwischen Erwerbsdruck, digitaler Reizüberflutung und dem Wunsch nach einer „bedürfnisorientierten“, oft jedoch grenzenlosen Erziehung zerrieben wird. Die Folge sind Kinder, die „entgrenzt“ in die Institutionen kommen und dort auf Systeme treffen, deren Regeln sie überfordern.

Dabei geht es um mehr als nur pädagogische Nuancen. Eine „vergeigte Bildungsbiografie“, so die Warnung, lasse sich später kaum noch einfangen und zeitige massive volkswirtschaftliche Effekte. Die Diskussion müsse daher ehrlich geführt werden: Ist die Kita lediglich „familienergänzend“ oder muss sie dort, wo das familiäre Fundament bröckelt, zunehmend „kompensatorisch“ wirken?,

Der Ausweg scheint in einer Transformation der Institutionen zu liegen. Das Stichwort lautet „Elternbildung“: Kitas müssen sich zu Familienzentren weiterentwickeln, die Eltern nicht nur beteiligen, sondern aktivierend in die Pflicht nehmen – etwa nach dem Modell der „Early Excellence Center“. Dass der Fachkräftemangel durch sinkende Kinderzahlen mancherorts leicht abebbt, bietet eine Chance, Ressourcen für diese Qualitätsentwicklung im System zu belassen. Doch klar ist: Wenn die Hälften der Bildungsschere wieder zusammengeführt werden sollen, braucht es mehr als nur staatliche Förderprogramme. Es braucht eine Rückbesinnung auf die Erziehungsverantwortung der Familie, bevor das Kind das erste Mal eine Kita betritt.