Archiv für 5. September 2026

Pflege ist kein SparschweinStellungnahme von „wir pflegen SH“ zum Tag der Pflegenden Angehörigen am 8. September 2026

„Die Pflege eignet sich nicht zum Sparen“. Mit diesem Appell von Kurt-Helmuth Eimuth vom Vorstand des Selbsthilfeverein wir pflegen SH e.V. macht er auf den bundesweiten Tag für pflegende Angehörige am Dienstag, dem 8. September 2026 aufmerksam. Mit Blick auf das geplante Pflegeneuordnungsgesetz erneuert der Selbsthilfeverein seine zentralen Forderungen nach einer stärkeren finanziellen und sozialen Absicherung der häuslichen Pflege. Immerhin arbeiten alleine in Schleswig-Holstein rund 200.000 Menschen unentgeltlich in der Pflege. Als pflegende An- und Zugehörige stehen sie in der Regel täglich 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche zur Verfügung. Die geplante Pflegereform dürfe nicht zu Lasten der Familien gehen, sondern müsse die häusliche Pflege finanziell aufwerten, absichern und entlasten, so Eimuth weiter. Da die Pflegeversicherung erhebliche Defizite aufweist, wirft der Verein der Politik vor, die finanzielle Sanierung des Systems einseitig auf Kosten der ohnehin stark belasteten häuslichen Pflege auszutragen, die eigentlich das Fundament des deutschen Pflegesystems bildet.

Die zentralen Forderungen sind:
Keine Verschärfung bei den Pflegegraden: Die geplanten Pläne sehen vor, die Punktwerte bei der Begutachtung für die Pflegegrade 1 bis 3 anzuheben. Es wird also schwieriger, überhaupt Unterstützung zu erhalten oder in einen höheren Pflegegrad eingestuft zu werden. Der Verein kritisiert dies als rein finanzgetriebene Hürde, die insbesondere Menschen mit hohem Grundpflegebedarf schlechter stellt.

Einschränkung von Flexibilität: Der Wegfall bestehender Umwandlungsmöglichkeiten (wie der unbürokratische Tausch von Sachleistungen in Entlastungsangebote) wird bemängelt, da er die Selbstbestimmung der Familien im Pflegealltag beschneidet.

Keine Lohnersatzleistung: Seit Jahren fordert „wir pflegen SH e.V.“ eine verlässliche finanzielle Absicherung analog zum Elterngeld (eine 36-monatige Lohnersatzleistung für Pflegende), um Pflege und Beruf vereinbaren zu können. Solche strukturellen Hilfen fehlen in den Entwürfen weiterhin weitgehend.

Komplexe Budgetierung: Die Aufteilung in starre Teilbudgets (wie das Entlastungs-, Sachleistungs- und Sozialraumbudget) führt aus Sicht des Verbandes eher zu mehr Bürokratie und Intransparenz statt zu der dringend benötigten einfachen, flexiblen Handhabung.

Vernachlässigung besonderer Gruppen: Der Verband kritisiert in gemeinsamen Stellungnahmen, dass die spezifischen Bedarfe von pflegenden Eltern sowie pflegenden Kindern und Jugendlichen (Young Carers) im Gesetzgebungsprozess fast vollständig ignoriert werden.

Obwohl der designierte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann bereits ankündigte, die geplanten Kürzungen der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige zurücknehmen zu wollen, bleibt Eimuth skeptisch und meint „Was wir brauchen ist eine Pflegereform, die die Bedarfe der pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. Für mehr Wertschätzung dieser systemrelevanten Arbeit soll auch der bundesweite Tag der pflegenden Angehörigen dienen“.

Verwalten statt verkünden: Die evangelische Kirche im Reformstau

Die evangelische Kirche befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Unter dem Schlagwort der „Transformation“ vollzieht sich in vielen Landeskirchen, wie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ein Strukturwandel, der an der Basis zunehmend für Enttäuschung, Müdigkeit und das Gefühl einer lähmenden Überregulierung sorgt. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur des dortigen Pfarrblatts „Das Magazin“, zeichnet in seinem vieldiskutierten Beitrag „Lost in Transformation“ das Bild einer Institution, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt und dabei den Kontakt zu den Menschen verliert. Im Podcast Conny&Kurt diskutiert Weinrich mit Conny von Schumann, der Mitglied der Synode, dem Parlament, der EKHN ist.

Seit Jahrzehnten steht das finanzielle Sparen im Vordergrund. Die Reaktion auf schwindende Ressourcen ist die Bildung immer größerer Verwaltungseinheiten, sogenannter Nachbarschaftsräume, und multiprofessioneller Verkündigungsteams. Doch diese von oben verordnete Strukturreform droht die traditionellen Ortsgemeinden und gewählten Kirchenvorstände schrittweise zu entmachten. Kritiker vergleichen diesen Rückzug mit einer Sparkasse, die ihre Filialen schließt und sich anschließend über den ausbleibenden Kundenzustrom wundert. Weinrich bringt dieses Paradoxon in seinem Artikel präzise auf den Punkt: „Weniger Präsenz vor Ort, was als Innovation verkauft wird, wird viele Orts ausschließlich als Schrumpfung erlebt.“

Zudem bemängeln Insider ein eklatantes Defizit an geistlicher Leitung und visionärer Orientierung. Anstelle von Hoffnung vermittle die Kirchenleitung oft nur das Bild einer „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“. Gesellschaftlich relevante Debatten – ob zur Friedensethik im Ukraine-Krieg oder zu drängenden Fragen wie der Leihmutterschaft – werden von den Verantwortlichen gemieden. Man verwalte sich zu Tode, während die inhaltliche Relevanz in der Mittelmäßigkeit versinke. Um den fortschreitenden Verlust von engagierten Ehrenamtlichen und Geldgebern aufzuhalten, bedarf es laut den Kritikern dringend eines Mutes zum Risiko und einer neuen Lust am unregulierten Experiment.