Tag Archiv für Pflege

Es geht um Menschen nicht um Pakete

SHZ 9.10.2026

Pflege ist kein SparschweinStellungnahme von „wir pflegen SH“ zum Tag der Pflegenden Angehörigen am 8. September 2026

„Die Pflege eignet sich nicht zum Sparen“. Mit diesem Appell von Kurt-Helmuth Eimuth vom Vorstand des Selbsthilfeverein wir pflegen SH e.V. macht er auf den bundesweiten Tag für pflegende Angehörige am Dienstag, dem 8. September 2026 aufmerksam. Mit Blick auf das geplante Pflegeneuordnungsgesetz erneuert der Selbsthilfeverein seine zentralen Forderungen nach einer stärkeren finanziellen und sozialen Absicherung der häuslichen Pflege. Immerhin arbeiten alleine in Schleswig-Holstein rund 200.000 Menschen unentgeltlich in der Pflege. Als pflegende An- und Zugehörige stehen sie in der Regel täglich 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche zur Verfügung. Die geplante Pflegereform dürfe nicht zu Lasten der Familien gehen, sondern müsse die häusliche Pflege finanziell aufwerten, absichern und entlasten, so Eimuth weiter. Da die Pflegeversicherung erhebliche Defizite aufweist, wirft der Verein der Politik vor, die finanzielle Sanierung des Systems einseitig auf Kosten der ohnehin stark belasteten häuslichen Pflege auszutragen, die eigentlich das Fundament des deutschen Pflegesystems bildet.

Die zentralen Forderungen sind:
Keine Verschärfung bei den Pflegegraden: Die geplanten Pläne sehen vor, die Punktwerte bei der Begutachtung für die Pflegegrade 1 bis 3 anzuheben. Es wird also schwieriger, überhaupt Unterstützung zu erhalten oder in einen höheren Pflegegrad eingestuft zu werden. Der Verein kritisiert dies als rein finanzgetriebene Hürde, die insbesondere Menschen mit hohem Grundpflegebedarf schlechter stellt.

Einschränkung von Flexibilität: Der Wegfall bestehender Umwandlungsmöglichkeiten (wie der unbürokratische Tausch von Sachleistungen in Entlastungsangebote) wird bemängelt, da er die Selbstbestimmung der Familien im Pflegealltag beschneidet.

Keine Lohnersatzleistung: Seit Jahren fordert „wir pflegen SH e.V.“ eine verlässliche finanzielle Absicherung analog zum Elterngeld (eine 36-monatige Lohnersatzleistung für Pflegende), um Pflege und Beruf vereinbaren zu können. Solche strukturellen Hilfen fehlen in den Entwürfen weiterhin weitgehend.

Komplexe Budgetierung: Die Aufteilung in starre Teilbudgets (wie das Entlastungs-, Sachleistungs- und Sozialraumbudget) führt aus Sicht des Verbandes eher zu mehr Bürokratie und Intransparenz statt zu der dringend benötigten einfachen, flexiblen Handhabung.

Vernachlässigung besonderer Gruppen: Der Verband kritisiert in gemeinsamen Stellungnahmen, dass die spezifischen Bedarfe von pflegenden Eltern sowie pflegenden Kindern und Jugendlichen (Young Carers) im Gesetzgebungsprozess fast vollständig ignoriert werden.

Obwohl der designierte Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann bereits ankündigte, die geplanten Kürzungen der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige zurücknehmen zu wollen, bleibt Eimuth skeptisch und meint „Was wir brauchen ist eine Pflegereform, die die Bedarfe der pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. Für mehr Wertschätzung dieser systemrelevanten Arbeit soll auch der bundesweite Tag der pflegenden Angehörigen dienen“.

80 Jahre Schleswig-Holstein: wir pflegen gratuliert und fordert mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Möge das Land Schleswig-Holstein nur kein Pflegefall werden. Denn in einem solchen Fall sind die Aussichten derzeit nicht rosig. Mit diesem Wunsch gratuliert der Landesverein „wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.“ herzlich zum 80. und nutzt den Jahrestag, um auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die den Alltag im Land seit Jahrzehnten mitträgt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber selten vorkommt: pflegende Angehörige.

Über 175.000 Menschen im Land sind pflegebedürftig. Über 80 Prozent von ihnen werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt, mit oder ohne ambulante Pflegedienst. Pflegende Angehörige, meist Frauen, pflegen häufig neben Erwerbstätigkeit und ohne ausreichende Entlastung.

„Pflegende Angehörige haben dieses Land in den vergangenen 80 Jahren mitgetragen, ohne dass es dafür bislang die notwendige Anerkennung und Unterstützung gab“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth, Mitglied des Landesvorstands von wir pflegen Schleswig-Holstein. „Zum Landesgeburtstag wünschen wir uns von der Landesregierung ein klares Bekenntnis: mehr wohnortnahe Beratung, spürbaren Bürokratieabbau sowie verlässliche Entlastungsangebote in der Fläche.“

Der Verein fordert die Landesregierung auf, die Interessen pflegender Angehöriger bei der Weiterentwicklung der Landespflegepolitik stärker zu berücksichtigen. Bund und Länder verhandeln derzeit über eine Reform der sozialen Pflegeversicherung. Der Verein erwartet, dass sich Schleswig-Holstein dabei aktiv für pflegende Angehörige einsetzt, etwa für eine volle rentenrechtliche Anerkennung der Pflegejahre, den Erhalt der Einstufung in die Pflegegrade oder eine wirksame Entlastung bei den Eigenanteilen. Und damit meint der Verein nicht nur die gestiegenen Eigenanteile in der stationären Versorgung. Bewertet man die unbezahlte Pflegearbeit der Angehörigen monetär, liegt die häusliche Eigenbelastung bei über der Hälfte der Betroffenen bei über 2.000 Euro und erreicht bei hohem Pflegebedarf mehr als 7.000 Euro im Monat – ein Vielfaches des vergleichbaren Heim-Werts von rund 2.200 Euro, welches dem Heim-Eigenanteil abzüglich Unterkunft und Verpflegung entspricht.

Über wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.

wir pflegen SH e.V. vertritt die Interessen sorgender, pflegender und begleitender An- und Zugehöriger auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Acht von zehn pflegebedürftigen Menschen werden in Schleswig-Holstein von Angehörigen und Freunden versorgt. Bisher wurde diese wertvolle Arbeit viel zu wenig gewürdigt. Das wollen wir ändern.

Zu unseren Zielen gehört die Stärkung der Selbsthilfe. Außerdem setzen wir uns für mehr Wertschätzung und Mitspracherecht der häuslich Pflegenden in Gesellschaft und Politik ein.

Das größte Pflegeheim der Nation: Zwischen Renditedruck und Bürokratie-Wanst

Die deutsche Pflegepolitik steht vor einem Trümmerhaufen aus ungelösten Strukturproblemen und einer Reformunfähigkeit, die zunehmend zulasten der Schwächsten geht. Während die öffentliche Debatte oft um die Zustände in Heimen kreist, wird die Realität der Versorgung meist übersehen: „Das größte Pflegeheim ist sozusagen der eigene Haushalt“, stellt Kurt-Helmuth Eimuth, Vorstandsmitglied von „Wir Pflegen Schleswig-Holstein“, im Podcast Conny&Kurt nüchtern fest. Über 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – eine Herkulesaufgabe, die größtenteils von Frauen und Angehörigen ohne nennenswerte Lobby geleistet wird.

Der Kern des Übels liegt in einem systemimmanenten „Webfehler“: der Privatisierung. Wo Investoren Renditen zwischen 6 und 10 Prozent erwarten, wird das Pflegebudget zur Beute von Kapitalinteressen. „Privatisierung kostet uns heute richtig Geld“, so die Kritik an den Strukturen, die den Fokus von der Menschlichkeit auf die Bilanz verschoben haben. Die Pflegeversicherung, einst von Norbert Blüm als Teilkasko-System eingeführt, erweist sich heute als unzureichend, während eine notwendige Vollkasko-Lösung an den massiven Kosten scheitert.

Was die Politik derzeit als Reform verkauft, wird von Experten als reines Sparprogramm entlarvt. „Reform bei uns heißt einfach nur Einsparung“, kritisiert Eimuth. Besonders drastisch zeigt sich dies bei der geplanten Erhöhung der Hürden für die Pflegestufe 1. Diese Stufe sollte ursprünglich prophylaktisch wirken, um Schlimmeres zu verhindern; nun droht dieser Präventionsgedanke dem Rotstift zum Opfer zu fallen. Gleichzeitig werden pflegende Eltern behinderter Kinder durch Kürzungen bei der Rentenversicherung zusätzlich belastet – ein Vorgang, der als „völlig irre“ bezeichnet wird.

Über allem thront ein „Bürokratie-Wanst“, der den Alltag der Betroffenen lähmt. 16 verschiedene Landesverordnungen regeln beispielsweise den Entlastungsbetrag, was das System für Laien nahezu undurchdringlich macht. Dies führt zu einer tiefen sozialen Ungerechtigkeit: Nur wer wortgewaltig ist und die bürokratischen Hürden überwinden kann, erhält die ihm zustehende Unterstützung.

Ein Blick über die Grenze, etwa auf dänische Modelle wie den „Altersbauernhof“ oder inklusive Konzepte in Südeuropa, zeigt, dass andere Wege möglich sind. Doch in Deutschland fehlt bisher die Fantasie für echte Reformen, die über bloße Verwaltung und Kürzung hinausgehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit ihren behinderten und pflegebedürftigen Mitgliedern umgeht. Ein Maßstab, an dem die aktuelle Politik zu scheitern droht.

Hinweis: Auf Seite 13 wird ie Pflegesituation bei Eimuths beschrieben:
https://mitglieder.diakonie-hessen.de/fileadmin/user_upload/Brosch%C3%BCren_Flyer/broschure_2020_web.pdf Seite 13

Dem Pflegenotstand vor Ort begegnen

Kieler Sozialdezernent fordert Einbeziehung in die Pflegebedarfsplanung

Gerwin Stöcken, Kieler Sozialdezernent, fordert im Podcast Conny&Kurt eine „stärkere Verankerung der Kommunen in der Pflegebedarfsplanung“. Das bisherige System gehe davon aus, dass sich jede:r mit dem Pflegegeld die benötigte Pflegeleistung einkaufen könne. Das setze ein reichhaltiges Angebot voraus. Auch seien die Dienstleistungen von den Kassen stark reglementiert und hätten mit der Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun. Etwa wenn der Partner dement werde oder man seine Wohnung im zweiten Stock nicht mehr erreichen könne. Stöcken fordert eine stärkere Einbindung der Kommunen, denn sie kennen den Bedarf vor Ort. Als Beispiel führt er an, dass ein Träger etwa in Kiel für 200 junge zu Pflegende, unter 50 Jahre, eine Einrichtung bauen wolle. Nur in Kiel ist der Bedarf nach so vielen Plätzen nicht vorhanden. Die Folge wäre, dass zahlreiche Menschen von ihrem Heimatort nach Kiel verlegt werden und dadurch ihr soziales Umfeld verlieren. Außerdem entzöge eine solche in Kiel in dieser Größe nicht benötigte Einrichtung Fachkräfte dem Arbeitsmarkt und belastet dadurch die bestehenden Pflegeangebote. Kiel setzt schon lange auf die Förderung von Nachbarschaften und fördert etwa mit Netzwerktagen für die 55- bis 65-Jährigen das ehrenamtliche Engagement.

Zur Person:
Der Sozialpädagoge Gerwin Stöcken wurde 2014 zu Kiels hauptamtlichem Stadtrat für Soziales, Wohnen, Gesundheit und Sport gewählt.

Wege zu einer Wirtschaft, die nicht zerstört

Selbst Ex-Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse zeigte sich beeindruckt. Der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Kessler zeige in seinem neuen Buch „Das Ende des billigen Wohlstands“ auf, wie wir der Zukunft gerecht werden könnten. Im Podcast Conny&Kurt kommt der Autor selbst zu Wort und benennt für viele Bereiche Lösungen. Dabei geht er von dem Dreiklang Ausbau (erneuerbare Energien), Veränderung (Kreislaufwirtschaft, Gesundheitswesen) und Rückbau (Verkehr) aus. Kessler schafft es auf 125 Seiten alle wesentlichen wirtschaftlichen Herausforderungen anzusprechen und Handlungsoptionen aufzuzeigen. So sollte die Privatisierung im Gesundheitswesen gestoppt, Kleidung länger getragen und nachhaltig produziert und – als Schlüssel zur Akzeptanz – der gesellschaftliche Reichtum gerecht verteilt werden.

Bischöfin Hofmann geht neue Wege in der Pflege

Beate Hofmann, Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) initiiert Modellprojekt in der Pflege, da dass jetzige System an seine Grenzen stößt. Dies hat die Bischöfin in der eigenen Familie erfahren wie sie im Podcast Conny&Kurt erzählt. Trotz großer Anstrengungen gelang es nicht eine ambulante Pflege für ihre Mutter zu organisieren. „Wir müssen ein Sorge-Netz knüpfen“, sagt Hofmann. „Wir brauchen ein neues Miteinader von dem was jemand selber kann, was die Familie kann, was die Nachbarschaft kann, was ich durch ehrenamtliches Engagement organisieren kann, was ich professionell organisieren kann und was ich technologisch organisieren kann. Dieses Miteinander müssen wir neu organisieren. Dafür brauchen wir Modellprojekte.“ Für Hofmann ist das neue Zusammenspiel verschiedener Player eine Art „Gemeindeschwester 2.0, denn die Gemeindeschwester wusste, was jemand braucht.“ Gerade die Kirchen hätten hier gute Voraussetzungen, da sie mit den Gemeinden eine gute Basis in den Sozialräumen hätten. Die Entwicklung im stationären Bereich sieht Hofmann, die vor ihrem Bischofsamt einen Lehrstuhl für Diakoniewissenschaften inne hatte, alarmierend. „Es macht mich atemlos, dass die Situation in der Politik nicht wirklich wahrgenommen wird“, sagt Hofmann. Der Grundfehler bei der Einführung der Pflegeversicherung sei die Einführung der Ökonomisierung gewesen. Die Konzernbildung werde verstärkt und „die Kleinen kommen unter die Räder“. Ihr Fazit: „Das bisherige Konzept kommt an sein Ende.“

Kurt in der Pflege

Kurt-Helmuth pflegt seit 6 Jahren seine Frau, die gelähmt ist und nicht sprechen kann. In Deutschland gibt es 4,1 Millionen Pflegebedürftige. Rund vier von fünf Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt. Meist erfolgt die Pflege durch pflegende Angehörige. Häufig unterstützt sie dabei ein ambulanter Pflegedienst. Offen spricht Kurt über die Situation und darüber, was sich verbessern muss.

Für einen Professor zu groß?

Die Impfpflicht scheiterte heute, 7. April 22, im Bundestag und damit ein Vorhaben von Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Doch, so meinen wir, die Aufgaben des klugen Professors sind viel, viel größer. Privatisierung, Konzentration und die Herausforderung der Pflege diskutieren wir. Immerhin werden hier über 500 Milliarden Euro und damit 13 Prozent des BIP umgesetzt. Diese Herkulesaufgabe konnte bisher niemand schultern. Lauterbach ist um diese Aufgabe nicht zu beneiden.

Unser Podcast:

Fünf Punkte für eine dringend notwendige Pflegereform

von Kurt-Helmuth Eimuth 4. August 2021

Die größte Gruppe von Menschen, die in der Pflege tätig sind, gingen bei der jüngsten Reform leer aus: die Angehörigen. Unser Autor, selbst pflegender Angehöriger, nennt fünf Punkte, die dringend nötig wären, um die Situation kurzfristig zu verbessern.

Die Pflegeversicherung wurde in Deutschland 1995 eingeführt, gegen den Widerstand der Wirtschaft, die eine weitere Belastung durch Sozialabgaben ablehnte. Als Kompromiss wurde ein gesetzlicher Feiertag, der evangelische Buß- und Bettag abgeschafft. Heute profitieren rund 4,1 Millionen Menschen von ihr.

Doch Vorsicht: Die Pflegeversicherung ist anders als die Krankenversicherung nur eine Teilkaskoversicherung. Das heißt, ein erheblicher Teil der Pflegekosten muss selbst aufgebracht werden. So übersteigen zum Beispiel die Heimkosten den Zuschuss der Pflegeversicherung oft erheblich, und auch bei der ambulanten Pflege ist der Zuschuss der Pflegekasse schnell aufgebraucht.

Rund 3,3 Millionen pflegebedürftige Menschen werden derzeit zuhause versorgt, davon 2,1 Millionen ausschließlich von ihren Angehörigen. Die von der Regierung im Koalitionsvertrag vereinbarte Verbesserung und Entbürokratisierung der Pflege wurde im letzten Moment bei der Pflegereform im Juni wieder gestrichen. Das Diakonische Werk Hessen Nassau stellte fest: „Die notwendige, umfassende Reform des Pflegesystems ist nicht erreicht! Eine demografiefeste und für alle Menschen bezahlbare Pflege ist nicht in Sicht.“

Was wäre zu tun? Unser Autor, selbst pflegender Angehöriger, hat die wichtigsten fünf Punkte zusammengetragen:

Erstens: Die Pflegeversicherung muss die entstehenden Kosten in ähnlicher Höhe wie die Krankenversicherung abdecken. Für die Grundversorgung muss vollumfänglich gesorgt sein: Vollkasko statt Teilkasko.

Zweitens: Die Abrechnung muss entbürokratisiert werden. Eigentlich war bei der jüngsten Pflegereform geplant, Tages- und Nachtpflege, Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege zu einem Budget zusammenzufassen. Das wäre ein erster Schritt gewesen. So wie die Abrechnungsmodalitäten jetzt sind, verhindern sie, dass zahlreiche Anspruchsberechtigte die ihnen zustehenden Leistungen in Anspruch nehmen. Dies ist zutiefst unsozial.

Drittens: Das Pflegegeld ist jährlich an die Inflationsrate anzupassen. Der relativ neue Entlastungsbetrag (125 Euro monatlich) kann derzeit zur Bezahlung von zertifizierten Dienstleistern genutzt werden, dazu kann auch die Reinigung der Wohnung gehören. Allerdings: Es finden sich kaum Angebote hierfür bei den Anbietern. Hinzu kommt, dass die Ausführungsbestimmungen in den 16 Bundesländern unterschiedlich sind. Selbst Nachbar:innen müssen sich erst qualifizieren, wenn sie einen Obolus aus diesem Budget erhalten sollen. Einfacher und eine wirkliche Entlastung wäre es, wenn das Pflegegeld um den Entlastungsbetrag aufgestockt würde.

Viertens: Pflegende Angehörige sollten die Möglichkeit erhalten, ihre Berufstätigkeit vorübergehend einzuschränken oder aufzugeben, ohne zu verarmen und ihre Arbeitsstelle zu verlieren. Für entsprechende Regelungen könnte das Elterngeld Pate stehen.

Fünftens: Die derzeit je nach Pflegegrad verpflichtende halb- oder vierteljährliche Pflegeberatung ist sicher hilfreich und auch im Sinne der Pflegenden eine Kontrolle. Doch sollten die Berater:innen auch in Sachen Finanzierung kompetent sein. So könnte die Beratung wirklich einen Lotsendienst erfüllen.