Es ist eine Erkenntnis, die in den Fluren des Bildungsministeriums im Jahr 2026 wie eine Neuigkeit gehandelt wird, in der Fachwelt jedoch seit Jahrzehnten für besorgtes Nicken sorgt: Die Bildungsschere schließt sich nicht erst in der Schule, sie öffnet sich bereits ab der Geburt und verfestigt sich bis zum sechsten Lebensjahr. Sabine Herrenbrück, Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), blickt im Podcast Conny&Kurt mit einer Mischung aus Bestätigung und Skepsis auf diese späte politische Einsicht. Während die Politik die Bedeutung der ersten drei Lebensjahre nun priorisiert, stellt sich in den Kitas längst eine fundamentalere Frage: Kann der Staat kompensieren, was im Elternhaus verloren geht?
Die Diagnose ist ernüchternd. Experten beobachten eine zunehmende „Verantwortungsverschiebung“. Wo früher das Vorlesen oder das Binden der Schuhschleife als natürliche Aufgabe der Eltern galt, wird heute die Kita zunehmend als Reparaturbetrieb für versäumte Erziehung in die Pflicht genommen. Herrenbrück skizziert das Bild einer überforderten Elterngeneration, die zwischen Erwerbsdruck, digitaler Reizüberflutung und dem Wunsch nach einer „bedürfnisorientierten“, oft jedoch grenzenlosen Erziehung zerrieben wird. Die Folge sind Kinder, die „entgrenzt“ in die Institutionen kommen und dort auf Systeme treffen, deren Regeln sie überfordern.
Dabei geht es um mehr als nur pädagogische Nuancen. Eine „vergeigte Bildungsbiografie“, so die Warnung, lasse sich später kaum noch einfangen und zeitige massive volkswirtschaftliche Effekte. Die Diskussion müsse daher ehrlich geführt werden: Ist die Kita lediglich „familienergänzend“ oder muss sie dort, wo das familiäre Fundament bröckelt, zunehmend „kompensatorisch“ wirken?,
Der Ausweg scheint in einer Transformation der Institutionen zu liegen. Das Stichwort lautet „Elternbildung“: Kitas müssen sich zu Familienzentren weiterentwickeln, die Eltern nicht nur beteiligen, sondern aktivierend in die Pflicht nehmen – etwa nach dem Modell der „Early Excellence Center“. Dass der Fachkräftemangel durch sinkende Kinderzahlen mancherorts leicht abebbt, bietet eine Chance, Ressourcen für diese Qualitätsentwicklung im System zu belassen. Doch klar ist: Wenn die Hälften der Bildungsschere wieder zusammengeführt werden sollen, braucht es mehr als nur staatliche Förderprogramme. Es braucht eine Rückbesinnung auf die Erziehungsverantwortung der Familie, bevor das Kind das erste Mal eine Kita betritt.

Schreibe einen Kommentar