Tag Archiv für Pausch

Deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer

Ein Theologe im Sozialministerium

In einem Alter, in dem sich andere bereits auf den Ruhestand vorbereiten, hat Eberhard Pausch einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Der ehemalige Oberkirchenrat und Studienleiter der Evangelischen Akademie wechselte aus dem kirchlichen Dienst direkt in das Hessische Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales. Dort leitet der Theologe nun das Grundsatzreferat unter Ministerin Heike Hofmann (SPD), die er bereits aus dem kirchenpolitischen Beirat der Partei kannte. Im Podcast Conny&Kurt spricht er über seine Erfahrungen.

Pausch, der in seiner Zeit bei der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover früher Reden auch für Ratsvorsitzende wie Wolfgang Huber schrieb, empfindet sich in der von Juristen geprägten Landesverwaltung als „Unikum“ oder „unregelmäßiges Verb“. Die Arbeit in Wiesbaden unterscheide sich signifikant von kirchlichen Strukturen: Sie sei „deutlich juristischer, deutlich bürokratischer, deutlich hierarchischer“ und stärker digitalisiert, so Pausch. Unter Verweis auf die Rechtsphilosophie von Habermas und Luhmann diagnostiziert er eine fortschreitende „Verrechtlichung“ der Gesellschaft. Während Theologen im Dual von Gesetz und Evangelium dächten, sei im Ministerium das Gesetz „in seiner ausdifferenziertesten Form“ präsent, während das Evangelium als visionäres Korrektiv fehle.

In seiner Rolle fungiert Pausch als „Flaschenhals“ zwischen den Fachabteilungen und der im Lande einmaligen, rein weiblichen Hausleitung,. Er übersetzt bürokratische Fachsprache in „eingängige Metaphern“, um das Regierungshandeln verständlich zu machen. Dabei verfolgt er einen „sozialen Pragmatismus“. In zentralen Themenfeldern wie der Inklusion, der Gleichstellung oder der Fachkräftegewinnung aus dem Ausland – etwa aus Indien oder Kenia – gehe es ihm darum, durch politisches Handeln in schwierigen Zeiten ein Stück weit „Hoffnung zu produzieren“.

Zur Person

Dr. Eberhard Martin Pausch, geboren 1961 in Frankfurt am Main, wurde an der Philipps-Universität Marburg im Fach Evangelische Theologie promoviert. Von 1992 bis 2000 war er Gemeindepfarrer in Frankfurt, danach bis 2012 Oberkirchenrat im Kirchenamt der EKD in Hannover. Von 2012 bis 2016 wirkte er in der Kirchenverwaltung der EKHN als Beauftragter für die Reformationsdekade. Seit 2016 war er Studienleiter für Religion und Politik an der Evangelischen Akademie Frankfurt. Zu seinen Ehrenämtern zählen der Co-Vorsitz im Kirchen- und Religionspolitischen Beirat der SPD Hessen, der Vorsitz im Sozialverband VdK Frankfurt-Rödelheim sowie das Vorstandsmandat im Bund für Freies Christentum. Eberhard Pausch ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

„Wer sich engagiert, findet Heimat“

Eberhard Pausch mit seiner Oma Elise im Jahr 1964.

Elise Raschig war in den 1970er und 1980er Jahren in Rödelheim vielfältig engagiert, auch in der Kirchengemeinde. Ihr Enkel, Pfarrer Eberhard Pausch, hat jetzt ihre Biografie geschrieben.

Herr Pausch, Sie haben ein Buch über Ihre Großmutter Elise Raschig geschrieben. Wie kam es dazu?

Als meine Großmutter im Jahr 2000 starb, hinterließ sie mir Briefe, Gedichte und ein Tagebuch der Jahre 1944 bis 1947, das sie selbst ein „Zeitdokument“ nannte. Ich war neugierig auf die Verbindung zwischen ihrem persönlichen Schicksal und der großen Zeitgeschichte, denn ich merkte: Das ist nicht nur Vergangenheit, das ist eine Botschaft für unsere Zeit. Sie lautet: Setze dich ein für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie! Und: Wer sich engagiert, findet Heimat!

Der Zeitraum umfasst das Ende der NS-Diktatur und die ersten Jahre der Bundesrepublik. Auch Ihre Großmutter musste „entnazifiziert“ werden.

Ja, meine Großmutter war Mitglied in der NSDAP gewesen. Sie war früh zum BdM, dem „Bund deutscher Mädchen“ gekommen und dann zur Partei. Ämter hatte sie keine, aber sie glaubte lange den Lügen der Nazis. Die Wahrheit zu erfahren, etwa über die Konzentrationslager, hat sie sehr erschüttert. Da sie persönlich nie jemandem geschadet hatte, wurde sie 1948 amnestiert.

Welchen Bezug zur Kirche hatte Ihre Großmutter?

In der NS-Zeit war sie gegen den Willen ihrer Eltern ausgetreten, wohl im Zuge der Kirchenaustrittskampagne der Nazis. 1946 trat sie dann aus Anlass der Taufe meiner Mutter wieder in die Kirche ein. Zunächst engagierte sie sich aber in anderen Bereichen wie im Sozialverband VdK, in der Gewerkschaft und im Betriebsrat. Erst in den 1970er, 1980er Jahren wurde sie ein aktives Gemeindemitglied. Dafür war vor allem die Freundschaft mit der damaligen Rödelheimer Pfarrerin Elke Klee ausschlaggebend. Später empfand sie die Kirche als ein Stück Heimat.

Elise Raschig – Portrait einer engagierten Rödelheimer Bürgerin
Elise Raschig – Portrait einer engagierten Rödelheimer Bürgerin

Wie kommt man als Pfarrer und Studienleiter an der Evangelischen Akademie dazu, Stadtteilhistoriker zu sein?

Für Geschichte habe ich mich schon als Schüler sehr interessiert. Mit diesem Projekt konnte ich gleichzeitig mein Hobby pflegen, meine Omi ehren und unserem Gemeinwesen nützen.


Eberhard Pausch: Elise Raschig – Portrait einer engagierten Rödelheimer Bürgerin, 10 Euro.

Der Vertrieb erfolgt ausschließlich über den Papierwaren- und Buchladen Pappmarché, Alexanderstraße 27, 60489 Frankfurt, Telefon 069 78 36 25.

Kurt-Helmuth Eimuth