Tag Archiv für Kirche

Abschied vom Pfarrhaus

Der Trend geht zur Multifunktions-Kirche

Welche Räume eine Kirchengemeinde braucht, hängt immer auch mit dem gesellschaftlichen Umfeld zusammen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert stand das Pfarrhaus im Zentrum des evangelischen Gemeindelebens. Vorbild war dabei das Wittenberger Heim des Reformators Martin Luther und seiner Ehefrau, Katharina von Bora.

Glaubt man den zahlreichen Beschreibungen in der Belletristik, so lebten die Pfarrersleut’ früher in einer geradezu biedermeierlichen Idylle. Ihr Haus wurde zum Beispiel für eine christliche Lebenskultur. Dort war der Ort für Hausandachten, für diakonische Tätigkeiten wie die Speisung von Armen – meist durch die Frau des Pfarrers – und Bildungsveranstaltungen, etwa dem Konfirmandenunterricht. Wie selbstverständlich war die ganze Pfarrfamilie im Gemeindeleben engagiert. Selbst in Sachen des Gemüseanbaus war der Pfarrgarten beispielgebend.

In der Folge wurde das evan­gelische Pfarrhaus, so der Schriftsteller Rolf Schneider, „für Deutschland eine Institution, ein fester zivilisatorischer Topos.“ Das protestantische Pfarrhaus in Deutschland ist demnach „streng patriarchalisch organisiert und kinderreich. Die Räume sind dunkel. Im Bücherschrank stehen die gesammelten Musterpredigten aus dem Hause Bertelsmann. Der Nachwuchs tut fleißig mit im Kirchenchor. Die Frau Pastor ist eine graue Maus, die das Gewürzgärtlein bestellt und sonst wenig zu bestimmen hat. Der Hausherr selbst ist ein dauerlächelnder selbstverliebter Pfeifenraucher, umwimmelt von lärmenden Konfirmanden und demütigen Diakonissen.“

So wenig man heute noch junge Frauen bei den Diakonissen findet, so wenig gibt es noch das klassische evangelische Pfarrhaus, auch wenn die Pfarrwohnungen oft noch Amtszimmer und Konfirmandensaal aufweisen. Mit der Veränderung der Lebensräume entstanden am Anfang des 20. Jahrhunderts überall Gemeindehäuser. Neben neuen Gottesdienstorten für eine geradezu explodierende Stadtbevölkerung konnten so auch weitere Bedürfnisse abgedeckt werden. In den kleinen Stadtwohnungen gab es meist keinen Platz für größere Versammlungen. So wurden die Kirchengemeinden zu einem wichtigen Ort öffentlichen Lebens.

In den 1960er Jahren kamen weitere Aufgaben hinzu: Kirchen­ musikalische Arbeit, Frauenkreise, Gruppen der Familien- und Erwachsenenbildung, Jungschar, Jugendkreis, Pfadfinder oder Theaterkreise fanden hier ihre Heimat. Oft wurden diese Angebote initiiert und unterstützt von Gemeindepädagoginnen und -pä­ dagogen, die in den 70er Jahren in großer Zahl angestellt wurden.
Heute zeichnet sich hingegen eine Konzentration auf eher funktional genutzte Kirchen ab. Gemeinden stellen wieder stärker Gottesdienst und Seel­ sorge in den Mittelpunkt. Eine Renaissance des protestantischen Pfarrhauses im Stil des 19. Jahrhunderts dürfte allerdings ausgeschlossen sein. Da gibt es wohl keinen Bedarf.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Sept 2007

Lebendig, kräftig und schärfer

Kommentar

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Religion ist scheinbar wieder gefragt. Die Medien verweisen auf die Großereignisse in Köln. Erst der katholische Weltjugendtag und jetzt der evangelische Kirchentag, zu dem insgesamt auch mehr als eine Million Besucherinnen und Besucher kamen. Tatsächlich scheint der Kirchentag die Talsohle durchschritten zu haben: Die Teilnahmezahlen steigen wieder, die Präsenz in den Medien war nahezu perfekt, und die Botschaft gewinnt an Profil. Spiritualität und Weltverantwortung gehören untrennbar zusammen, das betonte auch Kirchentagspräsident Reinhard Höppner. Auch ihm ist es zu verdanken, dass der Kirchentag seinem Motto „Lebendig und kräftig und schärfer“ gerecht wurde.

Aber ist dies alles wirklich Indiz für eine Renaissance der Religion? Richtig ist, dass der Religion wieder vorurteilsfreier begegnet wird. Die Generation mit den Problemen eines Tilmann Moser, der von „Gottesvergiftung“ sprach, ist nicht mehr prägend. Auch die „Gott ist tot-These“ hat sich überlebt. Heute findet man zum Beispiel im evangelischen Kindergarten Eltern, die beobachten, zuhören und Fragen stellen. Das ist zwar keine neue Gläubigkeit, aber doch eine neue Offenheit für Glaubensfragen.

In den Medien ist Ähnliches zu beobachten. Das Wort der Kichen findet wieder Gehör. Die christliche Meinung ist gefragt – ob es um Gentechnik oder Ehescheidung geht. Man billigt den christlichen Kirchen bei solchen ethischen Fragen eine moralische Kompetenz zu. Ohne Zweifel sind das erfreuliche Entwicklungen.

Trotzdem kämpfen beide Kirchen mit Mitgliederschwund und zurückgehenden Kirchensteuereinnahmen. Die Religion als sinnstiftendes System verliert weiter an Einfluss. Denn der eigentliche Wert einer Gesellschaft, die sich im globalen Konkurrenzkampf befindet, heißt „Gewinn“, heißt „Geldmaximierung“.

Nicht die Religion, sondern die Hoffnung auf harte Euros gewinnt im Weltbild der Menschen an Einfluss. Das gilt übrigens auch für Migrantenfamilien, wo man diesem Trend zuweilen nur mit einer unerbittlichen Rückbesinnung auf die Tradition vermeint entgegenwirken zu können.

Nur wenn sich die Kirche lebendig, kräftig und schärfer in die Debatte über Mindestlöhne, Renten und Gesundheitsreform einmischt und gleichzeitig ihre Spiritualität glaubhaft lebt, wird sie sich dem Trend zur Säkularisierung entgegen stemmen können. Dann können lebendige Gottesdienste wie der zum Abschluss des Kirchentages Lust machen auf mehr Kirche.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Juli 2007

Kirche für verschiedene Welten und Milieus

Wie wird sich die evangelische Kirche in den nächsten zehn, zwanzig Jahren verändern? Was bedeuten die gegenwärtigen Reformdebatten konkret für die Stadt Frankfurt? Ein Gespräch mit Pfarrerin Esther Gebhardt und Professor Wolfgang Nethöfel.

Welche Bedeutung haben die gegenwärtigen Reformdebatten (siehe unten) für die evangelische Kirche in Frankfurt?

Gebhardt: In allen Papieren wird zum ersten Mal die besondere Situation der Großstadt gewertet und gewichtet. In Frankfurt hatten wir es immer schwer, zu vermitteln, dass wir eigene Arbeitsschwerpunkte bilden müssen und dass wir die Notwendigkeit zur Veränderung oft schon viel früher erleben und erkennen. Das klassische Gemeindemodell greift hier schon längst nicht mehr so, wie es vielleicht in ländlicheren Gebieten noch vorhanden ist.

Nethöfel: Frankfurt hat als Stadt ja auch eine europaweite Bedeutung. Entwicklungen zeigen sich hier nicht nur besonders schnell, sie verdichten sich auch stärker. Ich bin Kirchenvorsteher im Bahnhofsviertel, und das ist mit all seinen Problemen ein besonderer Stadtbezirk, wie er eigentlich nur mit Berlin und mit New York vergleichbar ist. Wir haben also eine Modellfunktion, und wir können mit guten Gründen sagen, dass wir hier in Frankfurt andere und teilweise auch mehr Ressourcen brauchen.

Foto: Rolf Oeser

Foto: Rolf Oeser

Hat sich die klassische Ortsgemeinde in Frankfurt überlebt?

Nethöfel: Das kann man so nicht sagen. Man kann aber in Frankfurt besonders gut zeigen, dass die traditionelle Ortsgemeinde nicht die einzige Gemeindeform sein kann. Wir brauchen unterschiedliche Gemeindeformen, und dafür muss man kirchenorganisatorisch einen Rahmen finden.

Gebhardt: In der Vergangenheit ist die Diskussion meist als ein Entweder-Oder geführt worden – auf der einen Seite die Ortsgemeinde, die sich verunsichert fühlt, auf der anderen Seite die Spezialpfarrämter, etwa in der City-Seelsorge oder in der Notfallseelsorge, die immer das Gefühl hatten, sie müssten sich legitimieren. Aber das ist eine falsche Blickrichtung. Die Differenziertheit großstädtischen Lebens zeigt ja gerade, dass es unterschiedliche Welten und Milieus gibt. Wir haben vor allem am Stadtrand Gemeinden, die dörflich strukturiert sind und ihren traditionellen Gemeindepfarrer brauchen, und wir haben Innenstadtgemeinden, in denen dörfliche Sehnsüchte und städtische Mobilität nebeneinander existieren.

Frau Gebhardt, Sie haben eine Idee aufgegriffen, die schon seit gut zwanzig Jahren in Frankfurt diskutiert wird, nämlich dass am
Wochenende verschiedene Gottesdienste zu unterschiedlichen Uhrzeiten und für unterschiedliche Zielgruppen angeboten werden müssten. Warum kriegt die Kirche das immer noch nicht hin?

Gebhardt: Weil noch immer jede Gemeinde glaubt, alle Angebote vorhalten zu müssen. Aber das wird eine einzelne Gemeinde in Zukunft nicht mehr leisten können. Sie wird sich mit ihren Nachbargemeinden zusammensetzen müssen und fragen: Wer kann was anbieten, damit möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen angesprochen werden? Junge Familien wollen heute häufig nicht sonntags früh zum Gottesdienst gehen, sondern sie wollen lieber in Ruhe gemeinsam frühstücken. Aber möglicherweise würde ihnen ein gemeinsamer Gottesdienstbesuch nachmittags gut passen.

Esther Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben gehört es, die notwendigen Strukturveränderungen vor Ort in konkrete Projekte zu fassen. | Foto: Rolf Oeser

Esther Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben gehört es, die notwendigen Strukturveränderungen vor Ort in konkrete Projekte zu fassen.
Foto: Rolf Oeser

Brauchen wir auch besonders hervorgehobene Kirchen, zum Beispiel die Katharinenkirche an der Hauptwache?

Nethöfel: Wenn wir der evangelischen Kirche in Frankfurt ein erkennbares Profil geben wollen, müssen wir aus der Katharinenkirche so etwas machen wie den Berliner Dom oder den Hamburger Michel. Es ist eine Riesenchance, dass wir diese prominente Kirche haben, und die müssen wir nutzen.

Das Thema im Hintergrund ist auch die Ausdifferenzierung in verschiedene Milieus, gerade in der Stadt. Welche Antworten kann eine Volkskirche da finden?

Nethöfel: Die Daten, die uns da von Soziologen geliefert werden, legen den Kurzschluss nahe, wir müssten für alle Milieus in gleicher Weise und in gleicher Stärke da sein. Aber das ist nicht richtig. Sondern wir sind für diejenigen da, die uns am meisten brauchen. Trotzdem müssen wir aufmerksam schauen, wen wir mit unserem derzeitigen Angebot wirklich erreichen, und überlegen, ob wir das so wollen. Wir sprechen als Kirche eine sehr bürgerliche Schicht an, und das wird sowohl vom Angebot als auch von der Nachfrage her immer enger.

Gebhardt: Wer Unterhaltung oder Event haben will, muss dafür nicht zwingend zur Kirche gehen. Sinnvoll finde ich den Ansatz, Orte auch vorübergehender Begegnungen zu schaffen, wie etwa Citykirchen, wo man sich nicht gleich verpflichtet, aktiv mit in das kerngemeindliche Leben einzutreten. Noch viel spannender finde ich es, zu sehen, wo die Schnittpunkte sind, an denen viele Menschen der Kirche begegnen, also im Kindergarten, bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Ich treffe immer wieder Menschen, die die Kirche bei solchen Gelegenheiten negativ oder positiv erlebt haben und zwanzig Jahre später noch darüber reden und sagen, diese Beerdigung oder diese Erfahrung war für sie so prägend, dass sie sich entweder von der Kirche ab- oder ihr neu zugewendet haben. Diese Kontakte müssen mit Sorgfalt gestaltet werden.

Könnte es also in Zukunft spezialisierte Pfarrerinnen und Pfarrer geben, weil der eine besonders gut beerdigen, die andere besonders gut predigen kann?

Nethöfel: Ein Großraum wie Frankfurt hat tatsächlich besondere Chancen, durch eine gute Personalpolitik die Menschen dorthin zu bringen, wo sie ihre Talente und Gaben auch besonders gut entfalten können. Aber dahinter steht ja noch ein anderes Problem: Religiöse Bedürfnisse äußern sich nicht nur in Formen, für die wir bereits kirchliche Angebote haben. Die Menschen gehen zum Teil ins Kino oder zu bestimmten Events, um sich dort religiös zu orientieren. Wie beantworten die Menschen denn faktisch die Frage: Woher komme ich, wo geht das Ganze hin, welchen Sinn hat es, und wie soll ich mich daher hier verhalten? Solche religiösen Kernfragen werden teilweise von den Kirchen nicht mehr zufriedenstellend beantwortet. Wir müssen uns mit unserem Angebot auch immer wieder kritisch selber in Frage stellen: Sind wir denn wirklich da, wo wir als Kirche tatsächlich gebraucht werden?

Gebhardt: Da komme ich auch noch mal zu einem Kernproblem dieser ganzen kirchlichen Reformpapiere: Wir arbeiten im Wesentlichen immer noch an der Findung neuer Strukturen vor dem Hintergrund zurückgehender Kirchensteuereinnahmen. Das ist aber nicht das Thema, mit dem wir die Herzen der Menschen gewinnen, sondern eigentlich eine Hausaufgabe, die wir stillschweigend zu erledigen hätten. Die große Herausforderung ist, wie wir auf die religiösen Fragen der Menschen antworten und wie wir ihnen überhaupt wieder helfen, ihre religiösen Fragen und ihre Suche neu zu entdecken. Was bedeutet denn die Auferstehung? Was sind die Dinge, die uns im Leben und im Sterben tragen? Was bedeutet die Trinität, der dreieinige Gott, für uns heute? Diesen Fragen sind wir in den letzten Jahrzehnten zu oft aus dem Weg gegangen. Aber hier setzt glücklicherweise auch eine Neubesinnung der Kirche ein.

Nethöfel: Ich halte es auch für eine Falle, wenn wir unseren Erfolg als Kirche von dem klassischen Kernangebot her definieren. Dieses Angebot ist ja oft fast wie ein Club organisiert, wo sich immer dieselben Leute zu immer demselben Ereignis treffen. Erfolg heißt dann: Wir finden mehr Leute, die da mitmachen. Aber eine solche Sichtweise führt, glaube ich, in eine Spirale hinein, wo der Misserfolg vorprogrammiert ist.

Wolfgang Nethöfel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor für Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg teilgenommen. | Foto: Rolf Oeser

Wolfgang Nethöfel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor für Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg teilgenommen.
Foto: Rolf Oeser

Zumal ja in dieser Frage, welche Antworten es auf grundlegende Sinnfragen gibt, die Kirche mittlerweile in Konkurrenz steht zu anderen Religionen, der katholischen Kirche, dem Islam, der Esoterik.

Gebhardt: Wir müssen uns angesichts dieser Konkurrenz gar nicht so sehr beängstigen lassen. Früher war mal die Esoterik das ganz große Thema, jetzt sind es vielleicht andere. Ich glaube, wir sollten einfach bei unserer Linie bleiben. Die viel größere Herausforderung sehe ich darin, was wir denen entgegensetzen, die sagen, dass sie gar keine Transzendenz brauchen, dass sie auch ohne eine religiöse Antwort oder eine religiöse Lebensdeutung leben können. Das finde ich viel spannender.

Was ist Ihre Prognose: Wie sieht die evangelische Kirche in Frankfurt in zehn, zwanzig Jahren aus?

Gebhardt: So wesentlich anders als heute wird sie nicht aussehen. Prozesse in der Kirche gehen nicht revolutionär oder eruptiv vonstatten, sondern sehr langsam. Wir werden größere Zusammenschlüsse von Gemeinden haben, die Kleinteiligkeit der derzeit sechzig evangelischen Gemeinden in Frankfurt wird sich nicht aufrecht erhalten lassen. Wir werden weniger Gebäude haben, wir werden weniger Hauptamtliche haben, dafür wird das Ehrenamt an Bedeutung und auch an Einfluss gewinnen. Die Kirche wird ärmer und wohl auch älter, wenn wir auf die demografische Entwicklung schauen. Bestimmte Schwerpunktbildungen haben wir in Frankfurt ja auch schon vorgenommen, etwa bei der Jugendkulturkirche oder der Diakoniekirche. Aber es wird auch in zwanzig Jahren noch Gemeindepfarrämter geben, und ich glaube, wir tun auch gut daran, Themen, Orte, Menschen und auch Feiertage und Feste zu profilieren und herauszustellen und weiter unsere eigenen Themen zur Sprache zu bringen. Wir werden kleiner – aber wir müssen deswegen ja nicht auch Geist-loser werden.

Nethöfel: In der Tat schwimmt da ein Tanker, und die Prozesse werden langsam und zögerlich ablaufen, etwa wie Frau Gebhardt sie beschreibt. Ich denke aber, dass in den kommenden zehn Jahren, also in einer Zeit, wo zunächst noch scheinbar alles weiter seinen Gang geht, Entscheidungen fallen, die sich dann in zwanzig Jahren erheblich auswirken werden. Ich zweifle nämlich daran, dass die rechtliche Rahmensituation, in der unsere Kirche sich heute noch befindet, als eine durch Kirchensteuer finanzierte Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Personal im Beamtenstatus, langfristig Bestand haben wird. Wie es danach weiter geht, das hängt von den Entscheidungen ab, die in nächster Zeit fallen. Das ist die spannende Herausforderung, vor der wir stehen.

Interview: Kurt-Helmuth Eimuth und Antje Schrupp

Evangelisches Frankfurt Juli 2007

Kirche sucht Perspektiven

„Leuchtfeuer“ sollen in die Gesellschaft ausstrahlen

Die evangelische Kirche will ihre Strukturen und Arbeitsfelder besser den heutigen Herausforderungen anpassen. In der Evangelischen Kirche in Deutschland sorgt vor allem der Vorschlag für Aufregung, die Zahl der Landeskirchen zu verringern. Zudem soll stärker exemplarisch gearbeitet werden, was wohl bedeutet, dass das Geld für eine exzellente Arbeit in der Breite nicht mehr reicht. Durch sogenannte „Leuchtfeuer“, also Arbeit, die weit in die Gesellschaft hinein ausstrahlt, will die evangelische Kirche Kontur gewinnen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat einen Prozess „Perspektive 2025“ eingeleitet. In der Frühjahrssynode im April will das Kirchenparlament dazu eine „Richtungsentscheidung“ treffen, so Öffentlichkeitsreferent Dietmar Burkhardt. Insgesamt fühle man sich auf dem eingeschlagenen Reformweg bestätigt. Allerdings sollen sich Stadt und Land künftig unterschiedlich entwickeln können. Bisher gab es gerade zwischen der Metropole Frankfurt und der Landeskirche häufig Streit um die Verwendung der Kirchensteuer.

Ob diese Perspektive aber bedeutet, dass die kirchliche Präsenz in der Großstadt stärker gefördert wird, ist fraglich. Wie die Kirchenstrukturen dem Bedarf einer Volkskirche in der Minderheit angepasst werden, darüber wird wohl auch am Main weiter heftig diskutiert.

Kurt-Helmut Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007

Mit ihm muss man rechnen

Volker Stein ist als provokanter Mahner auch kirchenpolitisch aktiv

Man kennt ihn in Frankfurt aus der Politik: Volker Stein, Fraktionsvorsitzender der FDP im Römer. Weniger bekannt ist sein jahrzehntelanges Engagement für die evangelische Kirche. Dabei hat der 56-Jährige die klassische Sozialisation durchlaufen: Jungschar, Kindergottesdienst, Heiland-Pfadfinder und dann seit 1973 Mitglied im Kirchenvorstand der Festeburggemeinde in Preungesheim. Er folgte in diesem Amt seinem Vater Paul Stein.

Foto: Oeser

Foto: Oeser

Doch was nach glattem Übergang aussieht, war eher kämpferisch. Die Jugend setzte Volker Stein damals nachträglich in der Gemeindeversammlung auf die Kandidatenliste. Volker Stein ist eben einer, mit dem man rechnen muss. Seit 1999 ist er Vorsitzender des Kirchenvorstandes. Die kleine Gemeinde in Preungesheim hat sich unter seiner Führung für die Zukunft fit gemacht. Pfarr- und Gemeindehaus wurden der schwedischen Gemeinde verkauft, um mit dem Erlös einen Anbau für den eigenen Bedarf zu finanzieren. Die Kirche wird man gemeinsam nutzen. „Eine Kirche, die rund um die Uhr genutzt wird, ist mir lieber als eine, die tageweise genutzt wird“, sagt Stein. Auch werde die Kooperation mit der schwedischen Gemeinde nach Steins Einschätzung „unproblematisch sein, da sie aus unserem Kulturkreis kommt“.

Seit nunmehr 15 Jahren gehört Volker Stein – mit Unterbrechung – dem Vorstand des Evangelischen Regionalverbandes an und ist seit 1998 dessen stell­ vertretender Vorsitzender. Als gelernter Lehrer mit den Fächern Sport und evangelische Religion unterrichtete er fast zehn Jahre an der Paul-Hindemith-Schule, bevor er beruflich in die Politik wechselte. Seine wirtschaftspolitischen Vorstellungen will er auch in der Kirche umgesetzt wissen: „Man kann nur das verteilen, was man einnimmt.“

Steins Positionen klingen oft provokativ. Zum Beispiel wenn er sagt: „Die Kirche kann nicht nur für soziale Randgruppen da sein. Als Volkskirche hat sie in allen Generationen und Schichtungen ihren Stellenwert und ihre Aufgabe.“ Es mache keinen Sinn, die einkommensstarken Schichten aus der Kirche herauszudrängen und dann den fehlenden Kirchensteuermitteln nachzuweinen: „Man muss die Bedürftigen vor den Faulen schützen.“ Nicht alle, die sich für bedürftig hielten, seien es auch, meint Stein. Er prangert aber auch die fragwürdigen Praktiken von Unternehmen an. Wenn etwa die Vorstandsgehälter bei Fraport erhöht werden und gleichzeitig den Pensionären das Weihnachtsgeld gestrichen wird, dann ist das für ihn einfach „un­ anständig“. Es sei unabdingbar für den sozialen Frieden, dass Führungspersönlichkeiten mit gutem Beispiel vorangingen.

Bei aller Kritik und Auseinandersetzung sagt Stein: „Ich bin stolz auf meine Kirche.“ Und ist schon beim nächsten Thema: „Als Kirche haben wir uns immer mehr zurückgenommen. Wir haben gefragt, ob Mission im eigenen Land denn sein dürfe. Ich sage Ja. Und die katholische Kirche, die islamischen Glaubensgemeinschaften und auch Sekten praktizieren dieses seit Jahren.“ Stein formuliert schnell, markant und provokant. Aber es gibt auch die andere, die fürsorgliche Seite. Wenn seine siebenjährigen Zwillinge auf dem Fußballplatz Beistand benötigen, ist er da. „Dann sage ich auch schon mal offizielle Termine ab.“

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Nov 2006

Die Kirche braucht Streit

Kommentar

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Da rieben sich manche verwundert die Augen: Ungeschminkt und völlig undiplomatisch benannte die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, Pfarrerin Esther Gebhardt, Kritik an der Vorgehensweise der Kirchenleitung bei der Kürzung der Gemeindepädagogenstellen. Wohlgemerkt: Es ging nicht darum, dass gespart werden muss, es ging um das Wie: Hier eine Stadtkirche, die in demokratisch gewählten Gremien Prozesse zur Umsetzung notwendiger Sparbeschlüsse einleitet, und dort eine Kirchenverwaltung, die quasi per Dekret im Amtsblatt verlauten lässt, in welchem Dekanat wie viele Stellen übrig bleiben.

Kommentatoren, die selbst in der Versammlung gar nicht anwesend waren, wussten daraufhin von einer „Brandrede“ und von „schriller Tonlage“ zu berichten. Sollte denn nicht wenigstens in der Kirche Friede und Harmonie herrschen? Jetzt streiten sogar die Pfarrersleut’, lautete der Vorwurf. Und so mancher sehnt sich nach einer katholischen Struktur: Da kann der Bischof mit wenigen Sachverständigen übers Wochenende die Struktur einer ganzen Stadtkirche verändern. Oder es löst sich eine Gemeinde „auf Bitten des Bischofs“ ohne Widerspruch auf. Diskussionen halten sich in Grenzen, gewünschte Effekte können zeitnah ihre Wirkung erzielen. Zugegeben: In Zeiten großer Veränderungserfordernisse ist das eine verführerische Vorstellung.

Doch die evangelische Kirche hat eine andere Philosophie. Sie geht von der Gleichrangigkeit aller Gläubigen aus. Das „Priestertum aller Gläubigen“ meint, dass keiner einfach das Sagen hat. Auf diese Errungenschaft der Reformation waren die Protestantinnen und Protestanten lange stolz. Und so gehört eine offene und ehrliche Streitkultur zum Leitbild evangelischer Kirche.

Natürlich geht es zunächst ganz weltlich ums liebe Geld. Doch im Hintergrund geht es auch um die missionarische Strategie. Soll eine Frankfurter Gemeinde genauso behandelt werden wie eine Gemeinde in einem Dorf im Odenwald? Ist es sinnvoll, eine Stelle zu streichen, obgleich sie überwiegend von der Kommune bezahlt wird? Es wird von der gewählten Vertretung aller Gemeinden, von der Synode, zu entscheiden sein, ob dies wirklich das richtige Konzept ist. Bis dahin darf nicht nur, sondern muss in guter protestantischer Tradition die Vertretung der sechzig Frankfurter Gemeinden ihren Unmut über die Art und Weise des Umgangs und über die Bevormundung von Seiten der Zentrale lautstark artikulieren. Demokratie ist nun mal ohne Streit nicht zu haben – auch in der Kirche nicht.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt November 2006

Über uns

„Evangelisches Frankfurt wird nicht einseitig sein und sich nicht allein um den kirchlichen Nabel drehen“ – das versprach die Redaktion, als Ende 1976 die erste Ausgabe der neuen Mitgliederzeitung der Frankfurter Kirche erschien.

Antje Schrupp, Ralf Bräuer, Stephanie von Selchow, Kurt-Helmuth Eimuth, Gunda Höppner, Wilfried Steller - v.l.n.r. | Foto: Oeser

Antje Schrupp, Ralf Bräuer, Stephanie von Selchow, Kurt-Helmuth Eimuth, Gunda Höppner, Wilfried Steller – v.l.n.r.
Foto: Oeser

Und so war es dann auch: Sachkenntnis, Meinungsvielfalt, der Kontakt zur Stadt und ein Gespür für aktuelle religiöse Themen kennzeichnen „Evangelisches Frankfurt“ bis heute. Die Redaktion nimmt sich bei ihren wöchentlichen Treffen viel Zeit für engagierte Diskussionen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Frage: Was interessiert unsere Leserinnen und Leser?

  • Information: Wer Kirchensteuern bezahlt, hat ein Recht darauf, zu erfahren, was mit diesem Geld geschieht. Daher gibt es immer wieder Berichte über neue Einrichtungen, Projekte und Initiativen der Frankfurter Kirche.
  • Sachkenntnis: Journalistinnen, Pfarrer und kirchliche Medienexperten arbeiten in der Redaktion zusammen. Professionalität beim Zeitungsmachen ist daher genauso garantiert wie eine genaue Kenntnis kirchlicher Strukturen und theologischer Hintergründe.
  • Meinungsvielfalt: Heiße Eisen sind kein Tabu. „Evangelisches Frankfurt“ diskutiert aktuelle Themen kontrovers – hier kommen die verschiedenen Argumente zu ihrem Recht. Zum Beispiel auf der regelmäßigen Seite „Pro und Contra“.
  • Regionalbezug: Kirchliches Leben wird dort konkret, wo die Menschen leben, in der Stadt, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde. Kommunalpolitik, Stadtteilinitiativen und aktuelle Frankfurter Ereignisse sind daher wichtige Bezugspunkte für „Evangelisches Frankfurt“.

    Zahlen und Fakten

  • „Evangelisches Frankfurt“ erscheint sieben Mal im Jahr in einer Auflage von 120.000 Exemplaren.
  • „Evangelisches Frankfurt“ wird per Post an alle Haushalte verschickt, in denen mindestens ein Mitglied evangelisch ist, sowie an alle anderen Interessierten, die die Zeitung beziehen möchten. Außerdem liegt es an verschiedenen Stellen aus, zum Beispiel im Foyer des Dominikanerklosters oder in der Katharinenkirche.
  • „Evangelisches Frankfurt“ kostet, inklusive Druck, Porto und Redaktionskosten, nur rund 1,60 Euro pro Jahr und Kirchenmitglied – eine Investition, die sich lohnt.

vangelisches Frankfurt Okt 2006

„Kirchlicher Beitrag unverzichtbar“

Horst Hemzal übernimmt im neuen Magistrat das Amt des Kirchendezernenten – wie auch schon in der vergangenen Legislaturperiode. Das Amt hat in Frankfurt historische Wurzeln. „Evangelisches Frankfurt“ befragte den CDU-Politiker zu seinen Aufgaben.

Herr Hemzal, Sie sind Stadtkämmerer und Kirchendezernent. Sind die beiden Ämter in einer Person vereinigt, weil die Kirchen Geld brauchen?

Horst Hemzal

Horst Hemzal

Oberbürgermeisterin Petra Roth übertrug mir die Aufgaben des Kirchendezernenten 1999 zeitgleich mit den Aufgaben des Sozialdezernenten. Die Koppelung der Funktionen Stadtkämmerer und Kirchendezernent ist also nicht zwangsläufig. Aufgabe des Kirchendezernenten ist die Erfüllung der Pflichten der Stadt aus den Dotationsurkunden von 1829/ 1830. Mit den Zugeständnissen in diesen Urkunden sicherte die damalige Freie Reichsstadt Frankfurt die Überlebensfähigkeit von evangelischer und katholischer Kirche, die nach der Säkularisation den größten Teil ihres Vermögens verloren hatten. Den heutigen Geldbedarf der Kirchen deckt das bei weitem nicht.

Nur etwa jeder zweite Frankfurter gehört einer christlichen Kirche an. Braucht die Stadt da einen Kirchendezernenten?

Dass nur noch wenig mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, hat keine Auswirkung auf die Aufgaben des Kirchendezernenten. Der Kirchendezernent ist in erster Linie verantwortlich für die Bauunterhaltung der im städtischen Eigentum befind­ lichen Dotationskirchen. Diese sind – ich nenne die evangelischen Kirchen zuerst – die Alte Nikolaikirche, Dominikanerkloster mit Heiliggeistkirche, Dreikönigskirche, St. Katharinenkirche und St. Peters­ kirche. Die katholischen Dotationskirchen sind St. Bartholomäusdom, St. Leonhardskirche und Liebfrauenkirche. In den schon erwähnten Urkunden hat sich die Stadt unter anderem verpflichtet, diese Kirchengebäude – einschließlich Glocken und Orgeln – dauerhaft in gutem Zustand zu er­ halten und den jeweiligen Gemeinden zum kostenlosen Gebrauch zu überlassen. Für die Kirchen ist es nach meinem Eindruck sehr angenehm, einenfesten Gesprächspartner im Magistrat zu haben.

Worin sehen Sie den Beitrag der Kirchen zu einer bürgerlichen Gesellschaft?

Die bürgerliche Gesellschaft hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr verändert. Vorbei ist die Zeit, in der bürgerliche Gemeinde und kirchliche Gemeinde praktisch identisch waren. Die heutige Gesellschaft ist geprägt durch das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft. In Frankfurt leben derzeit Menschen, die etwa 170 Nationalitäten und mehr als 140 verschiedenen Religionsgesellschaften angehören. Den kirchlichen Beitrag zum friedlichen Miteinander und zur Integration dieser Menschen halte ich für unverzichtbar und für eine großartige Leistung.

Was bedeutet Ihnen persönlich dieses Amt?

Ich bin ein religiöser Mensch. Die Übernahme der Funktion des Kirchendezernenten war mir Freude und nicht Belastung. Ich nehme immer wieder an großartigen kirchlichen Veranstaltungen teil und kann so Eindrücke von der Qualität der Arbeit in einzelnen Gemeinden erlangen. Außerdem treffe ich häufig interessante Menschen aus dem kirchlichen Umfeld, was mir stets eine willkommene Bereicherung ist.

Fragen: Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Sept 2006

Dabeisein ist nicht alles

Es gibt viele Gründe, sich über die Fußball-Weltmeisterschaft zu freuen. Da wird es spannende Spiele geben, da werden die Apfelweinlokale in Sachsenhausen überlaufen. „Zu Gast bei Freunden“ heißt das ambitionierte Motto, und es schließt auch die Geschäftstüchtigkeit der Gastgeber mit ein. Jeder will mit verdienen oder doch wenigstens mit dabei sein. Auch die Kirche. Manche Aktion schießt dabei jedoch über das Ziel hinaus.

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Laufwunder, Himmelsstürmerin, Kabinenprediger: Die Aufschriften auf den T-Shirts des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik ziehen augenzwinkernd eine Parallele zwischen Fußball und Religion. – Foto: Hansisches Druck- und Verlagshaus

Man stelle sich vor: Hunderte von Schlachtenbummlern kommen in Trikots in die Stadien. Nein, nicht in Trikots ihrer Lieblingsmannschaft, sondern in weißen T-Shirts mit Aufschriften wie „Himmelsstürmerin“, „Laufwunder“ oder gar „Kabinenprediger“. Und damit man auch erkennt, dass sie alle zusammengehören, tragen sie nach dem Willen des solche Utensilien feilbietenden Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik auch noch eine Kappe mit der Aufschrift „Fangemeinde“.
Gemeinsam mit dem Magazin „Chrismon“ versucht die Evangelische Kirche in Deutschland auf den WM-Zug aufzuspringen und hat dafür unter www.fangemeinde-ekd.de sogar eine eigene Internetseite inklusive Online-shop eingerichtet. Weitere Fußballprodukte von Tassen bis zum Fußballmagnetspiel werden angeboten. Besonders praktisch und ganz ohne religiöse Doppeldeutigkeit ist etwa der „Soccer-Hocker“: Damit wird angeblich jeder Bierkasten zur „komfortablen Sitzgelegenheit“.
Fußball und Religion. Sie haben in der Tat ja so manches gemeinsam. Da sind vor allem die Rituale. Für manchen Fan beginnt der Spieltag mit dem feierlichen Anlegen der Kluft, die er aus einer Art Schrein holt. So gewandet schreitet er unter Absingen „heiliger“ Lieder quasi prozessionsartig in die Kathedrale des Sports, das nagelneue WM-Stadion.
Aber kann man daraus wirklich, wenn auch ironisch augenzwinkernd, auf inhaltliche Parallelen schließen? Zahlreiche Soziologen haben die Gemeinsamkeiten von Fußball und Religion beschrieben. Die Analyse ist eindeutig. Fußball ist eine Art Pseudoreligion. Pseudo deshalb, weil dem Fußball – anders als den echten Religionen – die befreiende Heilsbotschaft fehlt. Der Mainzer Weltanschauungsbeauftragte Eckhard Türk drückt es in einem Beitrag für „Publik Forum“ so aus: „Wirkliche Religionen wollen den Menschen mit einer ihn und die Welt restlos übersteigenden und unüberbietbaren Wirklichkeit in Beziehung bringen, die das wirkliche Heil für den Menschen bedeutet.“ Beim Fußball ist das aber anders. Bei diesem Kult geht es nicht darum, sich mit einer höheren Macht in Verbindung zu setzen. Vielmehr muss man das Heil erst selbst herstellen, um dann auf dieses zu vertrauen. Nur wer Tore schiesst, wird hier als Held gefeiert.
In der überschäumenden Freude auf die Weltmeisterschaft und angetrieben von dem Wunsch, bei diesem Mega-Event auch dabei zu sein, scheinen einige in der Kirche ihre eigene Heilsbotschaft aus den Augen und das rechte Maß verloren zu haben. So wird auf der Internetseite des hessen-nassauischen WM-Pfarrers, der für ein ganzes Jahr von seinen Gemeindepflichten frei gestellt wurde, das (Facetten-)Kreuz in einen Fußball eingepasst, ganz so, wie die Telekom den Berliner Funkturm als magentafarbenen Fußball hat dekorieren lassen. Und auch nur bedingt lustig ist das Wörterbuch auf der Startseite von www.kirche-spielt-mit.de: Da wird die Vereinshymne zum Choral, die Fans werden zu Gemeindemitgliedern und das Gebet zur Kommunikation mit höheren Mächten vor einem Elfmeter.
So werden die eigenen Inhalte banalisiert. Im Fußball heisst das Eigentor.
Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Mai 2006

Ausgegrenzt und ausgelacht

Tatort Büro: Immer mehr Menschen klagen darüber, dass die Arbeit sie krank macht - nicht wegen Überlastung, körperlicher Anstrengung oder sonstiger Gefahren, sondern wegen der schlechten Atmosphäre, weil sie sich von Kolleginnen und Kollegen oder auch vom Chef "gemobbt" fühlen.

Mobbing wird definiert als eine Häufung von „negativen kom- munikativen Handlungen am Arbeitsplatz, die systematisch und zielgerichtet betrieben werden, wobei über den oder die Angegriffene tiefer liegende, betriebliche Probleme ausgetragen werden.“ 1,5 Millionen Fälle soll es in Deutschland bereits geben – Grund genug für die Kirche, sich des Problems anzunehmen. Schließlich trägt sie nicht nur ethische und seelsorgerliche Verantwortung, sondern ist auch selbst ein großer Arbeitgeber.
Es begann ganz harmlos. Die einst geachtete Kollegin B. sitzt plötzlich immer alleine am Tisch in der Kantine. Das scheint sich ganz von selbst, wie von Geisterhand gelenkt, so zu ergeben. Sie merkt, dass sie über dienstliche Angelegenheiten nicht mehr informiert wird. Die Folge sind Konflikte mit Vorgesetzten, da sie bestimmte Aufgaben nicht mehr erfüllt. Anfangs bemüht sich Kollegin B. noch redlich. Selbst wenn es beim Geburtstagsumtrunk im Nachbarbüro hoch her geht, arbeitet sie. Sie hat sich schon lange damit abgefunden, dass sie zu solchen Anlässen nicht mehr eingeladen wird. Eine solche Ausgrenzung am Arbeitsplatz steckt auf Dauer niemand so einfach weg. Kollegin B. ist inzwischen wegen ihrer chronischen Magenbeschwerden häufig krank geschrieben.
Frau B. ist ein typisches Mobbingopfer. Mobbing leitet sich aus dem englischen Verb „to mob“ ab, was so viel heißt wie belästigen, anpöbeln oder auch manipulieren. Unter Mobbing wird ein längere, systematische Ausgrenzung eines Kollegen oder einer Kollegin verstanden. Allein in Deutschland sollen 1,5 Millionen Menschen Opfer solcher Verhaltensweisen sein. Krankheit und Kündigung sind oftmals die Folge. Die Kosten für die Wirtschaft sind enorm. Nicht nur die krankheitsbedingten Fehltage belasten die Unternehmen. Mobbing-Opfer leisten auch deutlich weniger. So fand eine deutsche Untersuchung heraus, dass Mobbing-Betroffene anfangs zwar mit erhöhter Leistung reagierten, dann aber, wenn sie die Sinnlosigkeit ihrer Bemühungen einsehen, die „innere Kündigung“ vollziehen.
Nun ist natürlich nicht jeder Konflikt mit dem Vorgesetzten, jede Dienstanweisung oder jede Versetzung gleich ein Fall von Mobbing. Erst wenn Konflikte nicht mehr offen benannt und einer Lösung zugeführt werden, ist der Nährboden für Mobbing gelegt. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) will solchem Verhalten vorbeugen. In einer kürzlich erschienenen Handreichung zeigt sie Wege auf, wie mit dem Thema Mobbing offen umgegangen werden kann. Die regelmäßige Information der Mitarbeiterschaft ist ebenso notwendig wie die Schulung und Ausweisung qualifizierter Konfliktbeauftragter. Ob und in welchem Ausmaß allerdings der Arbeitsplatz Kirche selbst auch ein Ort ist, an dem gemobbt wird, vermochte die zuständige Referentin der Kirchenverwaltung nicht zu quantifizieren.
Kurt-Helmuth Eimuth

Die kirchliche Handreichung zum Thema Mobbing kann bei der EKHN, Paulusplatz 1, 64285 Darmstadt, Telefon 06151/405420 angefordert werden. Die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) bietet in Frankfurt jeden Freitag von 8 bis 10 Uhr Telefonberatung für Betroffene unter der Nummer 71911613. Informationen rund um das Thema Mobbing gibt’s im Internet unter www.mobbing-net.de oder unter www.sozialnet-hessen.de/mobbing, dort wird von der DAG jeden Mittwoch von 18 bis 20 Uhr ein Chat für Betroffene angeboten. Um die Frage „Mobbing – ernstes Thema oder nur ein Modetrend?“ geht es auch beim nächsten Pro- und Contra-Chat von „Evangelisches Frankfurt“ am Donnerstag, 5. April, von 18 bis 19 Uhr.

Evangelisches Frankfurt, Ausgabe April 2001 · 25. Jahrgang · Nr. 2