Archiv für 1. April 2007

Kirche sucht Perspektiven

„Leuchtfeuer“ sollen in die Gesellschaft ausstrahlen

Die evangelische Kirche will ihre Strukturen und Arbeitsfelder besser den heutigen Herausforderungen anpassen. In der Evangelischen Kirche in Deutschland sorgt vor allem der Vorschlag für Aufregung, die Zahl der Landeskirchen zu verringern. Zudem soll stärker exemplarisch gearbeitet werden, was wohl bedeutet, dass das Geld für eine exzellente Arbeit in der Breite nicht mehr reicht. Durch sogenannte „Leuchtfeuer“, also Arbeit, die weit in die Gesellschaft hinein ausstrahlt, will die evangelische Kirche Kontur gewinnen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat einen Prozess „Perspektive 2025“ eingeleitet. In der Frühjahrssynode im April will das Kirchenparlament dazu eine „Richtungsentscheidung“ treffen, so Öffentlichkeitsreferent Dietmar Burkhardt. Insgesamt fühle man sich auf dem eingeschlagenen Reformweg bestätigt. Allerdings sollen sich Stadt und Land künftig unterschiedlich entwickeln können. Bisher gab es gerade zwischen der Metropole Frankfurt und der Landeskirche häufig Streit um die Verwendung der Kirchensteuer.

Ob diese Perspektive aber bedeutet, dass die kirchliche Präsenz in der Großstadt stärker gefördert wird, ist fraglich. Wie die Kirchenstrukturen dem Bedarf einer Volkskirche in der Minderheit angepasst werden, darüber wird wohl auch am Main weiter heftig diskutiert.

Kurt-Helmut Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007

Paul Gerhardt

O Haupt voll Blut und Wunden

Andacht

28.03.07, Heiliggeistkirche

Kurt-Helmuth Eimuth

Orgelvorspiel

Lied: 341, 1-4 Nun freut euch lieben

Psalm Nr. 751

Ansprache:

O Haupt voll Blut und Wunden

„Die Soldaten packten Jesus und führten ihn auf einen Hügel vor der Stadt. Dort nagelten sie ihn an ein Kreuz. Gleichzeitig wurden auch zwei Verbrecher gekreuzigt, einer auf jeder Seite von Jesus.“

Ist das eine Geschichte für Kinder? Kann man wirklich eine so grauenhafte Handlung Kindern erzählen?

Vor gut einer Woche befragte ich hier in der Heiliggeistkirche den Religionspädagogen Frieder Harz. In seiner Antwort betonte er, dass wir ja schon den Ausgang des Geschehens kennen. Erträglich wird der Karfreitag also durch Ostern. Und genau so kann und darf man es weitererzählen. Erst durch die Auferstehung wird Jesu Tod aushaltbar.

Auch das eben gesungene Lied von Paul Gerhardt leugnet den Schmerz und das Leid nicht. Im Gegenteil. Der Anblick eines gefolterten Menschen schmerzt. Er ist schwer auszuhalten.

Der Dichter identifiziert sich mit dem Schicksal Jesu, der sein Leben am Kreuz für andere hingibt. Er fühlt sich in seiner Vorstellung in das qualvolle Leiden und Sterben Jesu ein. So wird er auf eine Wirklichkeit gestoßen, die wir normalerweise eher verdrängen, um in unserer Gemütsruhe nicht gestört zu werden.

Paul Gerhardt weiß, wovon er spricht, wenn er vom Leiden spricht. Das hört man in jedem Wort. Man hört, dass er das Leiden und die Schuld, die Todesangst und die Sehnsucht nach Erlösung mit eigenen Augen gesehen hat. Man hört, dass er selbst empfunden hat, wovon er spricht.
Man hört, dass jedes Wort das Ergebnis eines langen Kampfes ist.
Er spricht ganz einfach vom Leiden und mit einer innigen, unvergesslichen, Jahrhunderte haltbaren Wärme.
Das Leiden von uns Menschen, so meint Paul Gerhardt, fasst sich zusammen ein für alle mal im Leiden des Menschensohns, im Leiden des Mannes, dem man sein Leben genommen hat, obwohl er niemandem etwas Böses getan hatte. Den man vom Angesicht der Erde getilgt hat, obwohl er doch die Menschheit retten will.

Die meisten Lieder von Paul Gerhardt sind Passionslieder und dieses eine, „O Haupt voll Blut und Wunden“, das ist das Passionslied unter den Passionsliedern.

Es ist das Lied, das für jeden, der es singt, ganz und gar unvergesslich bleiben wird, denn jeder, der es singt, malt im eigenen Inneren ein Bild. Das Bild eines ohnmächtigen, hilflosen, verratenen, gefolterten Menschen.

Ich muss ganz genau hinschauen auf das Bild der Ohnmacht, wenn ich dieses Lied singe, Strophe für Strophe. Der Poet zwingt mich dazu, ganz genau hinzuschauen.
Jeden Tag sterben auf dem Bildschirm unseres Fernsehers Hunderte von Menschen. Wir sehen ihre Fotos in den Nachrichten, wir sehen Leichen im Krimi und im Western.
Der Tod ist allgegenwärtig und er kommt schnell.


Junge Menschen, so sagen Wissenschaftler, bekommen heute den Eindruck, das mit dem Sterben sei doch eine ziemlich schnelle und schmerzfreie Sache. Junge Menschen, so die Wissenschaftler, die empfinden auch nicht viel, wenn einer auf dem Bildschirm Schmerzen hat oder in Todesgefahr gerät. Das Empfinden des Mitleids kann durch die Geschwindigkeit der Bilder im Fernsehen gar nicht geweckt werden. Man schaut weg, obwohl man hinschaut.


Ganz anders bei Paul Gerhardt. Sein Passionslied ist die geschaute, die gesungene Langsamkeit. Ganz langsam, Vers für Vers. Paul Gerhardt lehrt uns genau hinschauen. Er malt ein Bild, das wir im Inneren vervollständigen, er zeichnet einen Kopf, dem wir das Gesicht verleihen.
Wir malen unseren eigenen Christuskopf. Und es sind unsere Passionen, die beim Singen ein Gesicht bekommen.

Als erstes erscheint das Haupt: o Haupt voll Blut und Wunden voll Schmerz und voller Hohn.
Paul Gerhardt musste sich das Gesicht eines verhöhnten gefolterten Opfers nicht vorstellen. Der dreißigjährige Krieg, die Zeit in der er lebte, produzierte Millionen solcher Opfer.


Paul Gerhardt wollte, dass wir uns den leidenden Menschen mit Liebe nähern.
Weil wir uns auch dem leidenden Gottessohn singend mit Liebe nähern.


Paul Gerhardt war der Überzeugung, wenn wir das Gesicht des gekreuzigten Gottes in inneren Bildern abbilden, wächst die Liebe zu dem Gott, der wegen uns und für uns leidet und es wächst die Liebe zu den ohnmächtig unschuldigen Leidenden.
Paul Gerhardt hat Leidens-Liebeslieder geschrieben, sein Glaube war sinnlich, sein Christus war ein Gott zum anfassen, ein leidender Gott zum anfassen.
Wir sind ja da heute in der Regel etwas zögerlich. Kann das Gesicht eines Leidenden die Herzen der Menschen zu Liebe und Mitleid bewegen.

Da ist zuerst das Haupt.
Der Kopf des Leidenden. In Gedanken betrachtet der Sänger das Haupt des Gekreuzigten. Unter den Verletzungen erkennt er die Schönheit dieses Hauptes. Dieser gequälte Mensch hat etwas überirdisch Edles an sich. Er hat eine Würde, die kann auch der zerstörerische Hass der Folterer nicht vernichten.
Wer lange in das Gesicht eines gequälten und leidenden Menschen blickt, erkennt dessen Würde. Er erkennt den Menschen hinter der verzerrten Maske.
Gefühle wie Überlegenheit oder Ekel oder Verachtung verschwinden. Und es wächst das Empfinden der Zusammengehörigkeit: Dieser leidende Mensch, das könnte ich sein. Dieser leidende Mensch ist ein Mitglied meiner Spezies. Er steht für alle.
Das Gesicht des gekreuzigten Gottes verleiht den Leidenden dieser Welt eine Würde, die ihnen niemand nehmen kann.
Vielleicht steckt in dieser unzerstörbaren Würde das Mysterium des Kreuzes. Vielleicht erklärt das, warum über Jahrtausende das Kreuz das Zeichen der Christen geblieben ist.
Die christliche Botschaft endet ja nicht im Kreuz. Die Pointe des Christentums ist die Auferstehung. Also wäre das tragende Symbol vielleicht die aufgehende Sonne am Ostermorgen gewesen.
Es hat sich aber dieses Kreuz in den Seelen der Menschen fest gebrannt.
Das unüberbietbare Trostzeichen, in dem Generationen von Opfern ihr Schicksal geborgen haben. Das Trostzeichen an das unendlich viele Menschen ihre offenen Lebensrechnungen angeheftet haben.

Es war Johann Sebastian Bach, der in seiner Matthäuspassion, das Sterben Gottes und mein eigenes Sterben für immer in einen Augenblick zusammengebunden hat. Das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ begleitet als Kantus Firmus die Matthäuspassion und in der Sterbeszene Christi fließt das Sterben Gottes mit meinem Sterben zusammen…

Da schrie Jesus abermals und verschied.

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür,
wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.

Und weil wir aus dieser Hoffnung schöpfen, weil wir wissen, dass nach Karfreitag Ostern kommt, kann man von daher auch das Leid, die Passion mit Kindern besprechen und vom Leid erzählen. Die Kinder wissen das Leiden zum Leben gehört. Doch es lässt sich ertragen, wenn man Hoffnung hat.

Fürbittengebet

Guter Gott,

Jesus, Bruder und Begleiter,

wir sehen dich aus der Ferne

und über den unendlichen Abstand der Zeit.

Wir hören dichj.

Wir versuchen dich zu verstehen,

zu begreifen, wer du bist.

Lass uns mit dir gehen.

Du bist anders al andere Menschen.

Stärker und Schwächer.

Erhabener und geringer.

Du verkündest die Ehre Gottes

Und begleitest die Verachteten unter den Menschen.

Du bringst die Kraft Gottes

Und bist schwach mit den Schwachen.

Du schaffst Freiheit

Und lässt dich binden für die Gebundenen.

Du stehst an Gottes Stelle

Und vertrittst doch die Schuldigen.

Du scheidest zwischen Wahrheit und Lüge

Und nimmst die Gescheiterten in Schutz

Vor dem Recht der Rechtschaffenen.

Du brauchst keine Gewalt

Und weichst dem Opfer nicht aus.

Meister des Lebens,

an dir sehen wir, was es heißt, Mensch zu sein.

Durch dein Antlitz hindurch

Schauen wir das Anlitz Giottes.

Wo du bist, verwandelt sich die Welt.

Gemeinsam beten wir:

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Friede Gottes,

der all unser Verstehen übersteigt,

sei ein Schutzwall und eine Wacht

um eure Herzen und Gedanken,

dass nichts euch trennen möge

von Jesus Christus,

Er umgebe euch mit auf seinem, auf eurem Weg Amen

Lied: 352, 1-4 Alles ist an Gottes

"Kinder müssen selbst aktiv werden“

Fachtag für Erzieherinnen über neue frühpädagogische Erkenntnisse

Die Frühpädagogik ist im Umbruch. Erzieherinnen in den Kindertagesstätten sollen die Kinder nicht nur beaufsichtigen, sondern fördern und bilden. Unter dem Motto „Bildung bewegt“ stand daher ein Fachtag für die Erzieherinnen und Erzieher in den 78 evangelischen Kindertagesstätten in Frankfurt, die täglich von fast 5000 Kindern besucht werden.

Erstmals waren auch die Grundschullehrerinnen und -lehrer eingeladen. Damit setzten die beiden Veranstalter, das Religionspädagogische Amt und das Diakonische Werk für Frankfurt, die Forderung des Hessischen Bildungsplans nach verstärkter Kooperation von Schule und Kindergarten um.

Die Freude an Büchern ist ganz wichtig für die frühkindliche Bildung. Bei den „Kinderlesetagen“ der Christuskirchengemeide in Nied konnten Kinder aller Altersstufen sich spannende Geschichten vorlesen lassen und in Büchern schmökern. | Foto: Oeser

Die Freude an Büchern ist ganz wichtig für die frühkindliche Bildung. Bei den „Kinderlesetagen“ der Christuskirchengemeide in Nied konnten Kinder aller Altersstufen sich spannende Geschichten vorlesen lassen und in Büchern schmökern.
Foto: Oeser

Die Bedeutung der frühen kindlichen Bildung hob Bernhard Kalicki vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München hervor. Die neuere Hirnforschung zeige, so der Hochschullehrer, dass die strukturelle Reifung des Gehirns bei der Geburt noch lange nicht abgeschlossen sei, sondern sich bis zur Pubertät fortsetze. Be­ einflusst von Sinnessignalen vollziehe sich ein stetiger Umbau von Nerven­ verbindungen, wobei nur ein Drittel der Verbindungen erhalten blieben. Deshalb gelte es, einen aktiven Konstruktionsprozess zu fördern. Die Kinder müssten selbst aktiv werden. Dies gelte für alle Bereiche des Lernens, für den Spracherwerb ebenso wie für motorische Fähigkeiten. Erzieherinnen müssten sich deshalb als „Moderatorinnen von aktiven Bildungsprozessen“ verstehen, so Kalicki.

Wie dies konkret umgesetzt werden kann, erfuhren die über 200 Teilnehmerinnen des Fachtages in zahlreichen Seminaren. So ist etwa die Hinführung zu den Naturwissenschaften und zur Mathematik in den Kindergärten keineswegs mehr exotisch. Allerdings staunten die Erzieherinnen, als der Hochschullehrer die Kindergruppengröße im internationalen Vergleich präsentierte: In Amerika sind 18 Kinder, in der Europäischen Union 12 bis 15 Kinder in einer Gruppe untergebracht; in Frankfurt dagegen sind es 21, in Hessen sogar 25 Kinder.

Als „ureigenste Aufgabe von Kirche“ bezeichnete Kurt-Helmuth Eimuth vom Diakonischen Werk für Frankfurt die Arbeit der Kindertagesstätten. Bildung gehöre zum Kerngeschäft der Kirche, denn mit der Geburt trete der Mensch in den Raum der Bildung ein. Der Pädagoge betonte, dass schon am Anfang der kirchlichen Kinderbetreuung im 17. Jahrhundert den Kindern eben nicht nur eine warme Suppe, sondern auch schon Bildung vermittelt wurde. Die damalige Bezeichnung „Kleinkinderschule“ weise darauf hin. Eimuth: „Bildung ist ein Markenzeichen des Protestantismus. Schon immer gehörten Diakonie und Bildung zusammen.“

truk

Evangelisches Frankfurt Feb 2007

Haus am Dom eröffnet

Kamphaus: „Christentum ist Stadtreligion“

Mit dem neu eröffneten „Haus am Dom“ ist es der katholischen Kirche gelungen, sich neu in der Stadt zu platzieren. Der Um- und Ausbau des ehemaligen Hauptzollamtes zwischen Braubachstraße und Dom kostete 22 Millionen Euro. Damit hat jetzt auch die katho­lische Kirche ein Gegenüber zum Dominikanerkloster am Börneplatz, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbandes.

Der scheidende Bischof Franz Kamphaus, der sich trotz aller Finanznöte persönlich für diesen Bau eingesetzt hat, sprach bei der Eröffnung von der „interkulturellen Diakonie“ als Kernaufgabe des neuen Begegnungszentrums. Der diakonische Dienst der Kirche in der Stadtkultur „besteht nicht zuletzt darin, Menschen füreinander erreichbar zu machen, die sich sonst in Subkulturen voneinander abschotten“, sagte der Bischof.

Kamphaus wies auf die Bedeutung der Stadt als Lebensraum hin. Das Christentum habe seinen Weg von den Städten her angetreten und sei von Anfang an Stadtreligion gewesen. Kamphaus erinnerte an die Bedeutung von Städten wie Jerusalem, Rom oder Byzanz. Die Kirche könne auch heute nicht auf dem Land überwintern. „Verschwindet die Kirche aus den Städten, dann verschwindet sie ganz“, prophezeite Bischof Kamphaus. Deshalb gelte es, die Stadt als Ort kirchlicher Präsenz neu zu entdecken. Mit dem Bau zeigt die katholische Kirche aber nicht nur Präsenz. Mit dem Steildach und dem Erhalt der Bauhaus-Architektur gibt sie auch buchstäblich einen Maßstab für die Neubebauung der Altstadt vor.

„Wes Herz voll ist, dem geht der Mund über“, sagt ein Sprichwort. Das Herz des Dezernenten für Bildung und Kultur des Bistums Limburg, Eckhard Nordhofen, war an diesem Tag verständlicher Weise voll, und er beförderte die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, Pfarrerin Ute Knie, gleich zur Präsidentin, sich wohl daran erinnernd, dass die evangelische Kirche keinen Bischof, aber einen Kirchenpräsidenten hat. Im neuen Miteinander wird man sicherlich auch mit den Konturen und Eigenarten der anderen Konfession vertrauter.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Feb 2007