Tag Archiv für Geld

Die Armen bleiben arm, die Reichen wurden reicher

von Kurt-Helmuth Eimuth 3. Januar 2020

Zehn Prozent der Menschen in Deutschland sind überschuldet, das sind fast sieben Millionen. Trotz dem Konjunkturboom der vergangenen Jahre ist ihre Zahl gleich geblieben. Drei Maßnahmen, die man sofort ergreifen müsste.

jeder zehnte Mensch in Deutschland hat mehr Schulden als Vermögen. |Foto: Josh Appel / Unsplash
jeder zehnte Mensch in Deutschland hat mehr Schulden als Vermögen. |Foto: Josh Appel / Unsplash

Der Einzelhandel ist noch in erwartungsvoller Stimmung: Die ersten zwei Wochen eines neuen Jahres gelten als umsatzstark, die weihnachtlichen Gutscheine und Geldgeschenke müssen ausgegeben werden. Aber auch die Börse jubelt. Die Kurse steigen und steigen, schließlich gibt es kaum noch Zinsen, Aktien bleiben die Alternative. Das vergangene Jahrzehnt mit seiner positiven Entwicklung gilt schon als eine Art zweites deutsches Wirtschaftswunder.

Doch zehn Prozent der Deutschen haben ein ganz anderes Problem: Sie sind überschuldet, das heißt, sie haben mehr Schulden als Vermögen. Zum Stichtag 1. Oktober 2019 betrug die Überschuldungsquote bundesweit exakt 10 Prozent – das heißt, über 6,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger können ihre Schulden nicht mehr bezahlen und weisen „nachhaltige Zahlungsstörungen“ auf. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr praktisch unverändert.

Nicht alle von ihnen werden auf Dauer zahlungsunfähig sein. Viele werden ihre persönliche Misere wieder in den Griff bekommen. Aber rund vier Millionen Menschen bleiben in einer harten und damit tieferen Überschuldungsspirale gefangen. Von 2006 bis 2019 ist die Zahl der Überschuldungsfälle insgesamt um 611.000 gestiegen.

Auch in Hessen geht die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander, und zwar stärker als in anderen Bundesländern, wie dem im Dezember veröffentlichten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zu entnehmen ist. Der Frankfurter Jugendring weist zudem auf das Problem der Kinderarmut hin: Seinen Erkenntnissen nach lebt jedes vierte Kind in Frankfurt von Hartz IV.

Frauen (12,5 Prozent) sind insgesamt häufiger verschuldet als Männer (7,65 Prozent). Im Vergleich zum Vorjahr ist zudem die Zahl der verschuldeten Rentnerinnen und Rentner über 70 Jahre um 45 Prozent gestiegen, auf insgesamt 381.000 Fälle. Allerdings sind alte Menschen immer noch deutlich seltener überschuldet als Jüngere: Ihr Überschuldungsquote liegt nur bei knapp 3 Prozent.

Der langjährige Konjunkturboom in Deutschland hat also offensichtlich nicht dazu beigetragen, dass die Armutsgefährdungs- und Überschuldungsquoten zurückgegangen sind: Die Armen bleiben arm, die Reichen wurden reicher. Diese Kluft steht einer Gesellschaft, deren Werte Solidarität und Gemeinschaft sind, nicht gut an.

Drei Dinge gilt es jetzt zu tun und staatlich zu fördern:

Erstens darf kein Kind in der Schule zurückgelassen werden. Dass jährlich 70.000 Kinder ohne Schulabschluss und damit ein Leben lang in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, ist nicht tragbar.

Zweitens muss die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpft werden. Wir dürfen uns nicht an Millionen Arbeitslose gewöhnen, zumal davon häufig auch deren Familien betroffen und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt sind.

Drittens schließlich muss der Altersarmut vorgebeugt werden. Es sollte für alle Menschen eine Mindestrente geben – die Nachbarländer Schweiz und Österreich machen vor, dass das geht.

Enkeltauglich und planetenschonend: Tipps für eine ethische Geldanlage

von Kurt-Helmuth Eimuth 21. November 2018

17 Millionen Deutsche spenden jedes Jahr und bewirken mit der gewaltigen Summe von über drei Milliarden Euro viel Gutes: Kinderkrebsstationen werden unterstützt, Obdachlosenarbeit oder die Katastrophenhilfe. Was macht man aber mit dem Geld, das man als Notgroschen oder zur Altersvorsorge behalten will? Tipps von Heinz-Thomas Striegler, Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

Heinz Thomas Striegler ist Finanzexperte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. | Foto: Bongard
Heinz Thomas Striegler ist Finanzexperte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. | Foto: Bongard

Bei den meisten Fonds hat man als Anleger keine Kontrolle darüber, was mit dem Geld finanziert wird. Viele Menschen möchten mit ihrem Ersparten aber weder Atomkraftwerke noch Kinderarbeit finanzieren. Kann ich als Kleinanleger mit fünf- oder zehntausend Euro eine Entwicklung nach ethischen Vorstellungen fördern?

Heinz Thomas Striegler: Zunächst bitte ich um Verständnis, dass ich keine konkreten Anlageempfehlungen geben kann. Aber ein paar grundsätzliche Tipps gebe ich gerne. Das Kapitalmarktangebot hält ein großes Spektrum an Anlageformen bereit. Die Maxime der EKHN ist es, zu mischen und zu streuen, um in turbulenten Zeiten gewappnet zu sein.

Als institutioneller Anleger investieren wir überwiegend in Spezialfonds mit aktivem Managementansatz. Für den Privatanleger, der ebenfalls an der Marktentwicklung eines breiten Anlageuniversums partizipieren will, bieten sich Publikumsfonds an. Die werden von Finanzdienstleistern vielfach mit vergünstigtem Ausgabeaufschlag angeboten. Auch Indexfonds, die sogenannten Exchange Traded Funds (ETFs) eignen sich. Sie bilden möglichst genau die Wertentwicklung einer Gruppe von Wertpapieren ab.

Rückzahlungstermine planen

Für Aktien oder Rentenfonds erfolgt über Angebot und Nachfrage täglich eine Preisbildung an der Börse. Gleiches gilt im Normalfall auch für ETFs. Wenn dann unvorhergesehen Liquidität benötigt wird, kann die Anlage rasch aufgelöst werden. Schwieriger wird das kurzfristige Kassemachen bei Immobilienfonds-Anteilen.

Generell gilt: Für einen kontinuierlichen Aufbau von Vermögen braucht es den langen Atem, denn auch Kursrückschläge und die Kosten des Einstiegs und der laufenden Verwaltung müssen durch Renditezugewinne refinanziert werden. Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, auch an positiven Phasen eines Marktzyklus teil zu haben, sollte der Einsatz in risikoreicheren Assetklassen (zum Beispiel weltweite Aktien ETFs) für mindestens fünf Jahre erfolgen, besser wäre ein noch längerer Zeithorizont

Nicht zu viel erwarten

„Die schwarze Null“ für 2018 – Dieses Anlageziel einiger Fondsmanager von risikoarmen, globalen Rentenanlagen erscheint vor der Negativzins-Kulisse für Kurzfristanlagen als ambitioniertes Ziel. Auf der Suche nach Alternativen zum volatilen Aktienmarkt schweift der konzertierte Blick der Marktteilnehmer zu Immobilienanlagen; ablesbar ist das in deren Preisanstieg. Aber am Ende gilt: Ganz gleich, welcher Anlageform Sie sich zuwenden: Schützen Sie sich vor unrealistischen Renditeversprechen; erwarten Sie nicht mehr als den Substanzerhalt. Zum richtigen Einstiegszeitpunkt sei angemerkt, dass sich der stets erst im Rückspiegel zeigt – und bei einer monatlichen Sparrate relativieren sich die Fehler im Timing.

Nachhaltig kritisch sein

Verantwortliches Investieren gehört inzwischen zum Mainstream, zumal wissenschaftliche Studien die Vermutung eines aus ökonomischer Sicht besseren Rendite-Risikoprofils belegen. Inzwischen finden sich die vom Arbeitskreis kirchlicher Investoren entwickelten ethisch-nachhaltigen Anlagekriterien in unterschiedlichster Ausprägung in Anlageprodukten der Finanzdienstleister. Vielleicht auch deshalb, weil sie seit Jahren die siebzehn Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 in einen Praxiskontext stellen. Wichtig ist es jetzt, das Angebotsdickicht zu lichten, um tatsächlich nachhaltigen Mehrwert zu generieren.

Der kritische Anleger hinterfragt die Anlagestrategie des Fonds, die Kriterien für die Titelauswahl und die Inhalte der Vermögensaufstellung. Als Indikation kann auch gelten, dass der Anbieter selbst glaubwürdig und in der Vergangenheit als nachhaltiges Unternehmen in Erscheinung getreten ist.

Stöbern Sie doch einmal auf den Internetseiten der Kirchenbanken!

https://www.eb.de/privatkunden.html

Leitfaden für nachhaltig ethische Geldanlage in der evangelischen Kirche: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/ekd_texte_113.pdf

Gangster mit weißem Kragen: Wir müssen uns mehr über den Cum-Ex-Betrug empören

von Kurt-Helmuth Eimuth 23. Oktober 2018

Ein Netzwerk aus Anwälten, Investment-Bankern und superreichen Investoren hat mit den sogenannten Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäften die Staatskassen in ganz Europa ausgeplündert. Wo bleiben eigentlich all die Talkshows und Sondersendungen dazu?

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Sicher haben Sie sich auch schon einmal überlegt, was Sie mit einem Lotto-Gewinn von einer Million Euro machen würden: Ein Haus kaufen, den Kindern was geben, Reisen, vielleicht auch einen Teil einem karitativem Zweck spenden. Bliebe vermutlich immer noch was über. Eine Million ist viel Geld. Wenn Sie gut, sehr sehr gut verdienen, dauert es zehn Jahre, bis Sie soviel Geld zusammen haben. Ausgeben dürfen Sie in dieser Zeit leider nichts.

Und nun stellen Sie sich vor, was Sie mit 1.000 Millionen machen würden. Sicher nicht einfach, so viel Geld auszugeben. Da wird man schon lange überlegen müssen, was man damit machen kann. Den europäischen Staaten sind sagenhafte 55.000 Millionen Euro geklaut worden, davon allein Deutschland 31.800 Millionen Euro. Mit dieser unvorstellbaren Summe hätte man jeder Schule hierzulande eine Million Euro zur Verfügung stellen können. Oder etwa alle Dieselautos nachrüsten. Oder man könnte den Hunger in der Welt bekämpfen – denn immerhin leiden auf dieser so reichen Welt 705 Millionen Menschen Hunger.

Aber das Geld ist futsch: Ein Netzwerk aus Anwälten, Investment-Bankern und superreichen Investoren hat mit den sogenannten Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäften die Staatskassen auf dem ganzen Kontinent ausgeplündert. Und die Gangster mit weißem Kragen wussten, was sie tun: „Wer sich nicht damit identifizieren kann, dass in Deutschland weniger Kindergärten gebaut werden, weil wir solche Geschäfte machen, der ist hier falsch“ – ein Zitat, das so bei einem Meeting von Cum-Ex-Investoren in Frankfurt gefallen sein soll.

Die Vorstellung dieses Diebstahls sprengt offenbar unsere Phantasie. Denn alle Warnzeichen wurden übersehen und überhört. Schon vor 25 Jahren wurden die Finanzpolitiker von einem Staatskommissar gewarnt. Und noch 2017 wurde das wahre Ausmaß des Betruges klein geredet oder nicht gesehen. Rund eine Milliarde sei der Schaden groß wurde in einem Bundestagsausschuss behauptet.

Über den Steuersünder Uli Hoeneß wurde wochenlang öffentlich diskutiert. Dabei sind die von ihm hinterzogenen Steuern in Höhe von 28,5 Millionen Euro Peanuts im Vergleich zu diesem Betrug. Immerhin hat Hoeneß sich auch sozial engagiert und schien Reue zu zeigen. Dies ist bei den Herren (vermutlich kaum Damen) der Cum-Ex-Verbrechen kaum zu vermuten. Und doch bleibt die öffentliche Aufregung mau. Im ersten Halbjahr 2018 konnten wir schon neun Talkshows zum Thema „Flüchtlinge“ sehen, aber keine zum größten Betrugsfall der Geschichte.

Auch wenn das Ausmaß kaum fassbar ist, so müssen sich alle, die ein Interesse an einer solidarischen Gesellschaft haben, empören. Ja, etwas Wut gehört auch zur Empörung. Über die, die betrügen, und über die, die es nicht mit aller Macht bekämpfen.

Die Dotationsverträge gehören abgelöst

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 12. Oktober 2013

Obgleich es einen Verfassungsauftrag gibt, Dotationsverträge abzulösen, kommt seit über neun Jahrzehnten keine Bewegung in die Angelegenheit. Doch im Interesse der Glaubwürdigkeit sollten Staat und Kirche gemeinsam nach Regelungen suchen. Ein Kommentar von Kurt-Helmuth Eimuth.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser

Seien wir einmal ehrlich: Wer verzichtet schon gerne auf Geld? Dafür muss man nicht besonders raffgierig sein. Wenn man sich an erst einmal an regelmäßige Einkünfte gewöhnt hat, fällt der Verzicht darauf schwer. Erst recht, wenn man Gutes damit tut.

So kommt es nicht von ungefähr, dass die Kirchen sich mit der Aufgabe ihrer Privilegien aus alten Dotationsregelungen schwer tun. Die Übersicht der in den Haushaltsplänen der Bundesländer ausgewiesenen Staatsleistungen an die Kirchen ergibt für das Jahr 2012 insgesamt 475 Millionen Euro, die die deutschen Amtskirchen als Zuschüsse erhalten haben. Obgleich es einen Verfassungsauftrag gibt, diese Verträge abzulösen, kommt seit über neun Jahrzehnten keine Bewegung in die Angelegenheit. Als der kirchenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Linken dazu einen Gesetzentwurf einbrachte, stieß er auf taube Ohren. Nicht einmal eine Anhörung wollten die etablierten Parteien zulassen.

Ein Grund für das Zögern der Politik ist sicher, dass einmalige Entschädigungszahlungen ein laufendes Haushaltsjahr sehr stark belasten würden, während sich die Ablöse erst in den folgenden Jahren für den Staat „rechnet“. Doch es muss im Interesse der Kirche selbst liegen, die alten Dotationen neu zu regeln.

Entgegen der immer wieder geäußerten Hoffnung, dass die institutionalisierte Religion doch wieder an Bedeutung gewinnen könnte, ist es leider anders. Antikirchliche Strömungen nehmen zu. In Berlin wurden kürzlich per Verwaltungsakt Weihnachtsmärkte zu Wintermärkten umdeklariert und religiöses Engagement aus der Liste bürgerlichen Engagements gestrichen. Die Auseinandersetzung um das Tanzverbot an Karfreitag zeigt, dass solche Tendenzen längst in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen, auch in Frankfurt.

Historisch bedingte Privilegien, an denen die Kirche heute noch festhält, sind Wasser auf die Mühlen einer solchen Kirchenkritik. Deshalb sollte die Frage der Ablösung der Dotationsverpflichtungen kreativ und konstruktiv in Angriff genommen werden. Sicher wird man dabei sehr sorgfältig fragen müssen, welches Interesse eine Stadtgesellschaft etwa an bestimmten Gebäuden und Dienstleistungen hat. Die Hauptwache ohne Katharinenkirche, der Römerberg ohne Dom und Nikolaikirche wären doch kaum denkbar.

Im Interesse der Glaubwürdigkeit sollten Staat und Kirche hier gemeinsam nach Regelungen suchen. Denn jetzt gibt es noch Gestaltungsspielräume.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 12. Oktober 2013 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe 2013/6 – Oktober.

Nein, Herr Koch

Roland Koch, CDU

Kommentar

Der Vorgang ist ohne Beispiel: Da wird gestrichen und gekürzt nach Gutsherrenart. Was gestern noch gefördert wurde, ist heute überflüssig. Die „Giftliste“ trifft Bereiche, die der CDU schon immer eher ein Dorn im Auge waren: Frauenförderung oder die Arbeit mit Migranten. Wirklich überraschend ist das nicht.
Schon eher verwunderlich ist der Umgang der Christdemokraten mit den freien Trägern, mit der Kirche. Sie waren bisher der Garant für eine qualifizierte soziale Arbeit. Und sie verließen sich auf die staatlichen Zuwendungen. Diese Zuwendungen sind keine Subventionen kirchlicher Arbeit, sondern im Gegenteil: Das soziale Engagement gesellschaftlicher Gruppen, hier der Kirche, erspart es dem Staat, selbst tätig zu werden, und spart zudem Geld, denn die Kirche legt ja immer noch etwas dazu.
Doch dieses Prinzip funktioniert nur, wenn es eine vertrauensvolle Basis für die Zusammenarbeit gibt. Wer kurzfristig Kürzungen in diesem Ausmaß beschließt, zieht zahlreichen Trägern den Teppich unter den Füßen weg. Einige Einrichtungen werden schließen, andere ihr Angebot einschränken. Auf die Folgen wurde schon vielfältig hingewiesen. Tatsächlich steht nichts Geringeres als der soziale Frieden auf dem Spiel. Angesichts dieser Dimension sind die Folgen für die Kirche eher kleine, nichts desto trotz aber ärgerlich. Denn die Kirchen tragen das unternehmerische Risiko. Sie haben Räume angemietet und Personal eingestellt. Schließlich hat man auch eine Verantwortung der Mitarbeiterschaft gegenüber. Wie radikal die Regierung Koch vorgeht, zeigt sich am Flughafen. Der Vertrag zum Betrieb des Flughafensozialdienstes, den beide Kirchen gemeinsam betreiben, wurde zum Jahresende einseitig gekündigt. Nein, Herr Koch, so geht man nicht mit Partnern um!
Nach dieser Erfahrung wird die Kirche ihre Arbeit neu ausrichten müssen. Möglicherweise wird man sich davon verabschieden, mit Hilfe des Staates immer neue Projekte anzugehen und seine Arbeit ständig auszuweiten. Bisher schielte man auch auf die Refinanzierungsmöglichkeiten. Wird Erziehungsberatung gefördert, wird sie angeboten, wird Mediation gefördert, wird eben diese ins Programm genommen. Künftig wird man stärker exemplarisch arbeiten und sich verstärkt fragen: Was ist unser kirchlicher Auftrag, was kann nur die Kirche anbieten? Im Management nennt man einen solchen Prozess die Konzentration auf das Kerngeschäft. So gesehen liegt eben in jeder Krise auch eine Chance.

Kurt-Helmuth Eimuth
Evangelisches Frankfurt: Oktober/November 2003 · 27. Jahrgang · Nr. 7

Wenn's ums Geld geht

Ehrlich gesagt, so richtig habe ich mich noch nicht an den Euro gewöhnt. Immer noch rechne ich schnell in die gute alte Mark um. Die menschliche Vorstellungskraft ist eben doch an den eigenen Erfahrungshorizont gebunden. Dies ist wohl ein Grund, warum im öffentlichen Bereich so munter drauflos gewirtschaftet wird. Schließlich liegen die Summen jenseits des Vorstellungsvermögens, wenn es um Millionen, vielleicht auch Milliarden geht. Oder können Sie sich vorstellen, dass Militärtransporter für 7 Milliarden Euro, das sind 7000 Millionen, angeschafft werden? Bezogen auf unsere private Bezugsgröße könnten davon etwa 14.000 komfortable Reihenhäuser in Frankfurt gebaut werden.
Der öffentliche Umgang mit Geld scheint allzu sorgenlos. Die jetzigen Haushaltsberatungen in der Stadt zeigen es. Trotz schwindender Einnahmen versuchen die Parteien ihr Klientel zu bedienen. Herauskommen wird vor allem eines: ein Defizit. Nun könnte man auch als Bürger durchaus mal mit einem Kredit leben. Aber wenn die Neuverschuldung immer weiter steigt, stellt man auf Dauer einen ungedeckten Scheck aus, den die nächsten Generationen bezahlen müssen. Nein, so darf es nicht weitergehen. Wir können nicht ständig mehr ausgeben als wir zur Verfügung haben. Und es ist eben Aufgabe des Parlaments, darüber zu entscheiden, ob sich Frankfurt als Kulturhauptstadt Europas bewerben will (geschätzte Kosten 40 Millionen Euro) oder ob eine 12 Millionen teure Olympia-Bewerbung wirklich notwendig ist. Oder ob man dafür Spielplätze in den Kindertagesstätten renoviert. Denn es ist viel Geld in der Stadt: Allein der Kulturetat beträgt 204 Millionen Euro. Das ist ein Vielfaches dessen, was die evangelische Kirche insgesamt für ihre 70 Gemeinden mit ihren 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufwenden kann: 80 Millionen Euro. Auch die Kirche führt derzeit wieder eine Diskussion ums Geld. Es wird eine Rangfolge der Arbeitsbereiche aufgestellt, denn nicht alles, was wünschenswert ist, ist auch bezahlbar. Das Ergebnis dieser Beratungen wird dann auch in dieser Zeitung nachzulesen sein. Es werden Einrichtungen geschlossen, wie das Familienferiendorf Mauloff, oder Gebäude verkauft, wie die Matthäuskirche, aber es werden auch neue Projekte geplant und umgesetzt, wie etwa die Jugendkulturkirche St. Peters. Denn nur wer den Mut zur Entscheidung hat, kann die Weichen für die Zukunft stellen.
Kurt-Helmuth Eimuth
Evangelisches Frankfurt: Februar 2002 · 26. Jahrgang · Nr. 1

Jesu eigene Selbsthingabe, die uns zugute kommt.

8.3.1999, Heilig Geist

Kurt-Helmuth Eimuth

Orgelvorspiel

Eingangslied: EG 158, 1-4 O Christe, Morgensterne

Votum:

Im Psalm 25 heißt es:

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, möge Gott auch uns Augen geben für seine Wunder und Ohren für sein Wort.

Wir feiern diese Andacht im Namen Gottes, im Namen Jesu Christi und im Namen des Heiligen Geistes.

Pfarrerin: Psalm – 34

Lassen Sie uns gemeinsam Psalm 34 beten

Ich will den Herrn loben allezeit;

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,

daß es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den Herrn

und laßt uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir

und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des Herrn lagert sich um die her,

die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr

ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!

Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

Reiche müssen darben und hungern;

aber die den Herrn suchen, haben keinen

Mangel an irgendeinem Gut.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr

und errettet sie aus all ihrer Not.

Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen

Herzens sind,

und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt

haben.

Der Gerechte muß viel erleiden,

aber aus alledem hilft ihm der Herr.

Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,

und alle, die auf ihn trauen, werden frei von

Schuld.

Gebet

Gott im Himmel, wir sind deine geliebten Kinder, und du willst, daß wir in dieser Liebe leben. Du hast jede und jeden einzelnen beim Namen gerufen. So laß auch uns an unseren Mitmenschen nicht achtlos vorübergehen. Hilf uns, mit ihnen gemeinsam den aufrechten Gang zu üben, damit daraus Leben erwächst und Glück genug für alle. Das bitten wir dich im Namen deiner Sohnes Jesus Christus, der sich immer auf die Seite der Unterdrückten und Verachteten gestellt hat und im Namen deines Geistes, der uns antreibt zu einem Leben, in dem es gerecht zugeht. Amen.

Gemeinde: Lied: EG 96 1-3

Pfarrerin: Predigt:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Der gestrige Predigttext steht im Markusevangelium, Kapitel 12, 41-44. Es ist die Geschichte vom Scherflein der Witwe:

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein.

Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig.

Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.

Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluß eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir können es schon kaum noch hören. Es geht ums Geld. Selbst hier im Predigttext geht es schon wieder ums Geld.

Die Jüngerinnen und Jünger hatten wohl in der Nähe des Opferstockes gestanden und zugesehen, wie die Menschen Geld hineinwarfen. Jede und jeder, der an einem Gottesdienst teilnehmen wollte, kam dort vorbei und legte Geld ein.

Das Geld, das in den Gotteskasten eingelegt wurde, war für den Tempel, den Gottesdienst bestimmt.

Ursprünglich war angeordnet worden – man kann es im zweiten Buch Mose nachlesen -, daß jeder nur einen halben Schekel, eine kleine Münze also, einlegen sollte, der Reiche nicht mehr als der Arme. Das sollte wohl darauf hindeuten, daß vor Gott alle Menschen gleich sind und daß Reiche und Arme den Gottesdienst gleichermaßen brauchen.

Zur Zeit Jesu jedoch war dieser tiefe Sinn längst verloren gegangen. Oder war er von denen, die religiös oder politisch das Sagen hatten, verschwiegen worden? Man brauchte ja Geld! Viel Geld! Denn der dritte Tempel, den der König Herodes an Stelle des zerstörten zweiten Tempels im Jahre 20 vor Christus hatte bauen lassen, war noch nicht ganz fertig. Und vielen war er noch nicht pompös, noch nicht prächtig genug. Alle Israeliten, auch Jesu Jüngerinnen und Jünger, waren ja stolz auf ihren Tempel.

Nur – war dieses architektonische Wunderwerk wirklich allein zum Lobe Gottes errichtet worden? Oder diente es nicht mehr noch dem Ansehen der Mächtigen, die hinter Griechen und Römern und deren prächtiger Kultur nicht zurückstehen wollten?

Zur Zeit Jesu war es jedenfalls den Tempelobersten nicht unangenehm, wenn „viele Reiche viel einlegten“. Und die weniger bemittelten Gottesdienstbesucher werden das Auftreten der Reichen teils mit Anerkennung, teils mit Neid beobachtet haben. Und da ja jeder wußte, daß eine großzügige Spende einem Reichen kaum weh tut, fanden die meisten solchen Brauch wohl auch in Ordnung. Wer dachte schon daran, daß sich dahinter nicht selten ein handfester Interessentausch abspielte: Die Reichen vergrößerten ihr ohnehin beträchtliches Ansehen noch mehr, und die Tempelobersten erhöhten mit dem durch hohe Spenden ermöglichten Prunk nicht nur den Glanz der Gottesdienste, sondern auch ihren politischen Einfluß. In diesem Geschäft kam Gott kaum vor. Gebraucht wurde nur das Geld.

Die Frau, auf die Jesus seine Jüngerinnen und Jünger hinwies, hatte gewiß niemand sonderlich beachtet. Ihre Kleidung war die einer Witwe.

Keinen Mann zu haben bedeutete damals für eine Frau meist bittere Armut. Reichtum und Anerkennung und Einfluß bekam eine Israelitin nur über ihren Mann. Wir können annehmen, daß diese Frau, angewiesen auf wohltätige Angehörige oder Nachbarn, von der Hand in den Mund lebte, vergleichbar etwa Sozialhilfeempfängern heute. Solche werden ja auch bei uns kaum beachtet.

Doch Jesus sieht die Menschen, die im Schatten und am Rande der Gesellschaft leben. Er sah im Tempel die arme Frau. Er sah, daß sie erst eine, dann eine zweite Münze aus den Falten ihres Kleides hervorholte, offensichtlich ihr letztes Geld.

Nun kann man sagen: Das war ja nur ein Pfennigbetrag. Mit dem hätte die Frau ihre Situation ohnehin nicht ändern und auch sonst nichts unternehmen können. Man hätte damit auch keine Kirche unterhalten, keinen Kindergarten mitfinanzieren oder in der Diakonie spürbar helfen können. Da konnte man mit den Gaben der Wohlhabenden schon eher etwas anfangen. Aber doch lobt Jesus gerade dieses „Scherflein der Witwe“ als hervorragendes Opfer: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.“

Erwartet Jesus das so von uns? Sollen wir alles, was wir haben, einfach in den Opferkasten legen, nach der Devise Gott wird’s schon machen?

Aber Jesus sagt ja im Blick auf unser Geld gar nicht: „So geh hin und mach’s auch so!“ Vielmehr erinnert er uns an unsere Verantwortung, mit Reichtum und Geld gewissenhaft umzugehen und Gutes zu tun.

Wie selbstverständlich scheint es, diese Geschichte als Mahnung an die Reichen zu hören, als Aufforderung zur Verhaltensänderung. Aber dieses moralische, ja moralisierende Mißverständnis ist die bevorzugte Falle, in die wir bürgerlichen Christinnen und Christen tappen können. Dann macht uns die Geschichte bestenfalls ein schlechtes Gewissen, dann führt sie zu moralisch guten Vorsätzen, dann treibt sie hinein in den Teufelskreis von moralisch gutem Willen und doch immer wieder dem Versagen.

Die Reichen werden hier von Jesus nicht gemaßregelt, weil sie lediglich von ihrem Überfluß abgeben. Fast anerkennend heißt es: „Und viele Reiche legten viel ein.“ Vielmehr geht es Jesus darum, seinen Jüngerinnen und Jüngern die Augen zu öffnen für jene arme Witwe, die so ganz ohne Absicherung aus Glauben und Vertrauen lebt, daß sie alles weggibt. Sie hat sich selbst gegeben. Es geht hier nicht um Reichtum oder Armut, sondern einzig darum, daß diese Frau sich und ihre Zukunft bedingungslos Gott anvertraut.

Es ist vor Gott nicht entscheidend, wie bedeutsam wir in der Welt sind und welchen Einfluß wir haben. Entscheidend ist, wie dankbar wir Gott antworten, wieviel Liebe wir ihm entgegenbringen.

Wir, die wir zu den Reichen dieser Erde zählen, sind dennoch in Gefahr, mit unserem Wohlstand das lebensnotwendige Vertrauen in Gott zu verspielen.

Unsere Lebensplanung gleicht zweifellos mehr der des reichen Mannes. Wir rechnen und kalkulieren, treffen Vorsorge, schließen Versicherungen ab. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn wir dabei nicht immer wieder Gott ausblenden würden.

Nur wenn etwas schiefgeht, wenn Unglück, Krankheit oder Tod uns treffen, sind wir schnell dabei, ihn anzuklagen, anstatt zu fragen: Von woher verstehe ich Ausrichtung, Wert und Sinn meines Lebens, von Gott oder von meinen Besitz her? Wem vertraue ich im Leben?

Es hängt alles mit der Botschaft von Gottes Weltherrschaft zusammen, mit dem Glauben an die Gegenwart seiner Güte.

Weil diese Witwe sich ganz geborgen weiß, kann sie alles geben, was sie hat.

Diese biblische Geschichte sollte uns den Blick schärfen für das kraftvolle Zeugnis der allzu oft Übersehenen: für die Großzügigkeit der kleinen Spenderinnen und Spender, für die treue gerade von Frauen in Diakonie und Gemeinde.

Mit der Geschichte vom „Scherflein der Witwe“ endet im Markusevangelium der Bericht vom Wirken Jesu; es folgt seine Abschiedsrede und seine Passion. Jesu selbst wird alles geben, was er hat. Seine Liebe zu den Menschen wird ihn das Leben kosten. Und so ist die Tat der Witwe nicht zuerst Vorbild für unser Tun, sondern Gleichnis für Jesu eigene Selbsthingabe, die uns zugute kommt. Er beschämt uns nicht, er beschenkt uns.

Amen.

Gemeinde: Lied: EG 400, 1-2, 5-7, Ich will dich lieben

Mitteilungen

Gebet

Gott, wir danken dir,

daß wir offen und ehrlich mit dir reden können

klagen und anklagen, aber auch danken und bitten.

Wir bitten dich für alle, die in deiner Gemeinde mitarbeiten

und oftmals an ihrer Arbeit leiden:

Gib ihnen Selbstvertrauen und Zivilcourage,

damit sie ihre Aufgaben erfüllen können

oder Möglichkeiten der Veränderung sehen lernen.

Und hilf uns dabei, Menschen in deiner Nachfolge zu sein,

die sich gegenseitig fördern und ermutigen.

Wir bitten dich für die Frauen und Mädchen,

die unter Gewalt und Mißbrauch leiden

und selbst als Opfer noch die Schuld bei sich suchen:

Gib ihnen Kraft und Stärke,

ihre eigene Würde wiederzugewinnen

und laß uns Menschen sein, die versuchen, zu trösten

Wir bitten dich für uns:

Komm zu uns mit deinem Geist und Wort;

gib uns Hoffnung,

eine Hoffnung, die alle und alles einbezieht

Frieden und Gerechtigkeit für die Welt

und Frieden und Trost für jeden und jede von uns.

Und was uns noch bedrängt bringen wir vor dich mit den Worten die Christus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:

Geht in diesen Tag, in diese Woche mit dem Frieden und Segen unseres Gottes:

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich

und gebe dir Frieden. Amen.

Lied: 421 Verleih uns Frieden