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Warum wir wieder in Zukünften denken müssen

ALTHOLSTEIN. In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung neigen viele Menschen zum Beharren. Zukunftsangst und das Verlangen, den Status quo zu konservieren, prägen die soziale Debatte. Doch gegen diese Lähmung regt sich Widerstand: Der Theologe und Organisationsentwickler Lars Klehn vom Kirchenkreis Altholstein plädiert im Podcast Conny&Kurt dafür, die Zukunft nicht länger im Singular zu denken, sondern die Vielfalt möglicher Entwicklungen in den Blick zu nehmen.

„Es gibt eben nicht die eine festgelegte Zukunft, sondern sie könnte so oder so aussehen“, erklärt Klehn. Um das Spektrum zu veranschaulichen, nutzt er das Bild eines Trichters. Innerhalb dieses Modells gelte es zwischen wahrscheinlichen, möglichen und wünschenswerten Szenarien zu unterscheiden. Für entscheidend hält er die aktive Gestaltungskraft: „Wer keine Zukünfte entwickelt und über diese Zukünfte spricht, der überlässt das den anderen und wird dann letztlich zum Konsumenten der Zukünfte anderer.“

Wie hoch der Handlungsdruck ist, zeigt der Blick auf die evangelische Kirche. Während der jährliche Mitgliederschwund vor gut einem Jahrzehnt noch bei 1,2 Prozent lag, beschleunigte er sich auf dramatische 3,7 Prozent. Die Halbierung der Mitgliederzahl, die 2018 erst für 2060 prognostiziert wurde, dürfte bereits 2040 eintreffen.

Klein verweist auf den Zukunftsforscher Robert Jungk, der 1952 schrieb: „Das Morgen ist schon im heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos.“ Gedankliche Entwürfe können Realität werden, wie historische Beispiele von Leonardo da Vinci bis Aldous Huxley zeigen.

Auf kirchlicher Ebene hebt Klein das Reformmodell Pforzheim hervor: Dort wurde das Parochialprinzip zugunsten einer Großgemeinde abgelöst, die sich strikt an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und sogar Nicht-Mitgliedern Stimmrechte einräumt. Auch in städtischen Räumen wie Neumünster gelte es, Hürden abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Solche Ansätze seien wie ein Senfkorn keimhaft im Heute angelegt – man müsse sie pflegen.

Zur Person: Pastor Lars Klehn, Personal- und Organisationsentwicklung im Evangelischen Kirchenkreis Altholstein

Warum die kleine Buchhandlung unersetzlich bleibt

KIEL. Der Befund ist ernüchternd: Zahlreiche unabhängige Buchhandlungen sind in den vergangenen Jahren vom Markt verschwunden oder von großen Konzernen übernommen worden. Was wie eine ökonomische Randnotiz wirkt, bedroht das kulturelle Gefüge. Denn mit dem Buchladen vor Ort schwindet die wichtigste Präsentationsfläche für unabhängige Kleinverlage und literarische Entdeckungen.

„Das ist wirklich eine ganz traurige Entwicklung, dass tatsächlich Buchhandlungen […] langsam immer mehr verschwinden“, warnt Hauke Harder im Podcast Conny&Kurt. Hauke Harder ist Buchhändler aus Leidenschaft in Kiel-Friedrichsort. Im Netz agiert er „Leseschatz“. Wenn große Ketten den Markt beherrschen, entscheide deren rein wirtschaftliche Einkaufspolitik, was überhaupt noch gelesen werden kann, so Harder. Die literarische Vielfalt gerate dadurch in akute Gefahr.

Doch die Krise ist nicht nur ökonomisch, sondern berührt das menschliche Wahrnehmungsvermögen. Wer nur digital liest, verliert das sinnliche Fundament der Lektüre. Das Wort „Erfassen“ komme nicht von ungefähr vom Fassen, betont Harder: „Das Körpergedächtnis, den Sinneseindruck, den nehmen wir unseren Jugendlichen und unseren Kindern komplett weg“. Das Rascheln der Seiten, der Geruch des Papiers und das spürbare Gewicht schulen die Konzentration. Beim schnellen Konsum am Bildschirm gehe die Fähigkeit verloren, sich auf lange Texte einzulassen.

Gegen die Monokultur hilft nur die bewusste Entscheidung der Leser. Die kleine Buchhandlung bietet eine kuratierte Auswahl und das persönliche Gespräch. „Bücher sind ja Portale, um die Welt verständlicher zu machen“, ruft Harder in Erinnerung. Wer diese Portale offenhalten will, muss den Mut haben, Neues zu entdecken – und den lokalen Buchhandel aufsuchen.

Zur Person: „Hauke Harder findet für jeden Kunden das passende Buch! Nicht nur in ihrer Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel wird nachgeforscht, sondern auch per Blog und auf YouTube“, so urteilt das Börsenblatt. Mehr zur Buchhandlung: https://www.youtube.com/watch?v=JpE7t52gHtY

„Es geht um Menschen nicht um Pakete“

Neue Osnabrücker Zeitung 10. Oktober 2026

Es geht um Menschen nicht um Pakete

SHZ 9.10.2026

Beitrag der SHZ 8. Oktober 2026

Filmfest Hamburg: Zwischen Glamour und spartanischem Arbeitsalltag

HAMBURG. Wer beim Filmfest Hamburg an Champagner, roten Teppich und Empfänge denkt, wird rasch ernüchtert. Für freie Berichterstatter wie Dr. Thomas Heuer und Anne-Elisabeth Eimuth von der Medienplattform Infomedia.SH besteht das Festival vor allem aus Terminnot, Arbeitsdruck und knappen Karten. »Ich habe keine Häppchen gesehen, weder gesehen noch gegessen«, resümiert Heuer den pragmatischen Festivalalltag jenseits des Prunks.

Der Zugang zu den Filmen gleicht einem digitalen Wettlauf. Jeden Morgen um Punkt acht Uhr müssen Akkreditierte im Online-System Karten sichern, die oft in Sekunden vergriffen sind. Für die Verleihung des Douglas-Sirk-Preises blieben 31 Sekunden, beim Historiendrama »Coward« vergingen gar nur neun Sekunden.

Dennoch bietet Hamburg Raum für große Momente. Die 81-jährige Helen Mirren wurde für ihr Lebenswerk geehrt und betonte in einer ergreifenden Rede, »wie schwierig es ist als Frau in der Filmbranche überhaupt noch Fuß zu fassen im Alter«. Regisseur Fatih Akin holte nach der Vorführung spontan 58 Teammitglieder auf die Bühne.

Im Unterschied zur Berlinale besitzt Hamburg keinen Filmmarkt. Obwohl Branchenvertreter bei den »Industry Days« zusammentreffen, hatten im Festivaljahr rund zwanzig gezeigte Filme keinen deutschen Verleih. Das inhaltliche Profil bleibt jedoch gesellschaftskritisch: Werke wie »Call me Queen« verhandeln den Kampf gegen Aids und Pharmamonopole in Afrika, während »Conversation with the Sea« nahöstliche Konflikte subtil spiegelt. Die Dokumentation »Everybody to Can Street« zeigt den Bürgerprotest gegen eine Abschiebung in Glasgow.

Das Engagement freier Beobachter bleibt dabei unverzichtbar. Die unabhängige Redaktion Infomedia.SH feiert ihr 25-jähriges Bestehen und begleitet das norddeutsche Filmgeschehen weiterhin mit Leidenschaft.

Zur Person
Anne-Elisabeth Eimuth, Redakteurin Infomedia.SH
Dr. Thomas Heuer, Medienwissenschaftler, Redakteur Infomedia.SH

Wenn der Warnschuss ungehört verhallt

Die beiden Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth haben eine tiefe Skepsis gegenüber der Reformfähigkeit von CDU und SPD. Neben handwerklichen Mängeln beklagen sie vor allem ein fehlendes Gesamtkonzept für die Krise.

Die jüngsten Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hinterlassen in der politischen Debatte deutliche Spuren der Ernüchterung. Im Podcast Conny&Kurt ziehen die beiden eine scharfe Bilanz der Reaktionen aus den Parteienspitzen, insbesondere des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Dessen Auftritt nach den Wahlen wird als wirkungslos bewertet: Er habe „nur dahin geblubbert“ und Vorträge gehalten, die im Kern „hohl“ geblieben seien. Sein stures Beharren auf Reformen wirke wie das bloße Ankündigen schmerzhafter Kürzungen ohne verlässliche Zukunftsperspektive.

Die beiden sehen eine anhaltende Entfremdung der Volksparteien von der Wählerschaft. Dass die Bürger und Bürgerinnen „mit den Füßen abstimmen“, sei folgerichtig, da der Eindruck vorherrsche, „dass nur bei den Kleinen gekürzt wird“, während Vermögens- und Erbschaftsteuern unangetastet blieben. Zwar bestehe in der Bevölkerung durchaus das Bewusstsein, dass man „über unsere Verhältnisse“ lebe. Doch fehle es der Politik an einer ordnenden Idee. Unter Verweis auf den ehemaligen Siemens-Chef Joe Kaeser wird gemahnt, dass ein integriertes „Gesamtkonzept“ fehle, welches Klima, Wirtschaft und Soziales zusammenführe.

Zugleich geraten Entlastungen wie Preissenkungen beim Treibstoff als ungezielt bewertete „Gießkannenpolitik“ in die Kritik. Statt teurer Einzelmaßnahmen brauche es Transparenz über die realen Belastungen der Krise sowie die Kosten der Ukraine-Hilfen. Dass Politiker und Politikerinnen nach wie vor bloß von einem „Warnschuss“ sprächen, zeige die Distanz zur gesellschaftlichen Realität. Am Ende verbleibt der Aufruf nach Führungspersönlichkeiten bei den Parteien der Mitte, die wieder „für was kämpfen und nicht gegen was kämpfen“. Statt kurzfristiger Emotionen verlangen die Podcaster eine echten politische Vision.

Schleswig-Holstein Magazin 18. September 2026

Woche der pflegenden Angehörigen in Kiel. In Schleswig-Holstein arbeiten über 200.000 Menschen unentgeltlich in der Pflege. Und das in der Regel an sieben Tagen, täglich 24 Stunden. Es sind die An- und Zugehörigen. Sie leisten Großartiges. An sie und alle Interessierten richtet sich die Woche der pflegenden Angehörigen mit mehr als einhundert Veranstaltungen vom 14. bis 18. September in ganz Schleswig Holstein.

Das Schleswig-Holstein Magazin besuchte Marion und Kurt-Helmuth Eimuth, Bericht:Ezgi Demirbaş

Schosch zum Siebzigsten

Ökumene

Das Reimen ist zwar sonst nicht unser Metier,

doch für den Schorsch tut uns die Mühe nicht weh.

Ihm im Beruf und im Leben zu begegnen,

war ein wahrer Glücksfall auf all unseren Wegen.

Mit Humor und Kompetenz stand er stets zur Seite,

und half mit Rat und Tat durch manche Weite.

Obwohl er der anderen Fraktion angehört,

dachte er protestantischer als manch anderer, den man hörte.

(Dem Bistum verraten wir das aber nicht!)

Ganz besonders bleibt Brebbia in Erinnerung stehen,

kaum ein Lehrer wagt es noch, auf solche Fahrten zu gehen.

Es war einfach toll, dass wir dies durften erleben.

Was wir von der Trennung der Konfessionen halten,

ließ Schorsch selbst in eigenen Zeilen gestalten.

Er verfasste den Text, den wir gemeinsam sangen,

sodass wir im Geiste stets zusammen fanden.

Marion und Kurt-Helmuth

Der AfD-Erfolg bedroht auch die Kirchen

Die AfD fordert in ihren Programmen erhebliche Einschränkungen der kirchlichen Finanzierung, darunter die Abschaffung der Kirchensteuer sowie das Ende staatlicher Ablösungsleistungen. Zugleich versucht die Partei, ein eigenes religiöses Profil aufzubauen: Während Kirchenvertreter von Akteuren der AfD als „Staatskirche“ diffamiert werden, inszenieren sich Vertreter des Rechtspopulismus im Schulterschluss mit pietistischen Gruppierungen als die eigentlichen Verwahrer christlicher Werte. So die Analyse im Podcast Conny&Kurt.

Den Versuchen der Vereinnahmung setzen Vertreter der evangelischen Kirche eine deutliche Abgrenzung entgegen. So haben sich etwa die vier Vorstände des größten diakonischen Gesundheitskonzerns in Deutschland Agaplesion an alle der rund 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem offenen Brief gewandt: „Wir wissen, dass die Ergebnisse der Wahl Sorgen und Unsicherheit auslösen. Vor allem Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, einer Behinderung oder anderer persönlicher Merkmale Ausgrenzung oder Benachteiligung erfahren oder befürchten, können sich von den aktuellen Entwicklungen besonders betroffen fühlen. Hier möchten wir ein deutliches Zeichen setzen.“ Man wolle „jedweder Form von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Menschenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“.

Es reiche jedoch nicht aus, sich lediglich an der AfD abzuarbeiten. Vielmehr gelte es, aktiv für demokratische Werte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzustehen, meinen auch Conny von Schumann und Kuert-Helmuth Eimuth in ihrem Podcast. Der evangelische Landesbischof von Sachsen-Anhalt, Friedrich Kramer, stellte klar: „Gemeinsam mit allen engagierten Bürgerinnen und Bürgern werden wir uns weiterhin für die Menschenwürde jedes einzelnen Menschen einsetzen, für Nächstenliebe und für ein solidarisches Miteinander.“

Neben der kirchlichen Debatte treten sozioökonomische Faktoren deutlich hervor. Viele Bürger in Ostdeutschland fühlen sich von der Politik isoliert und im Stich gelassen. Erschwerend kommt hinzu, dass im Osten seltener Betriebsrenten gezahlt werden und Erbschaften geringer ausfallen als im Westen. Um den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenzuwirken, fordern Kirchengemeinden positive Reformerzählungen statt verkürzter Debatten und Einsparungstiraden.

Die jüngsten Wahlergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen-Anhalt haben weit über die Landesgrenzen hinaus Besorgnis ausgelöst. Während politische Beobachter das Ergebnis als Bestätigung verfestigter gesellschaftlicher Umbrüche werten, greift die Bezeichnung der Wahlergebnisse als bloßer „Warnschuss“ für viele Kritiker zu kurz. Das veränderte Wählerverhalten offenbart tief sitzende strukturelle Versäumnisse, die sich insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands niedergeschlagen haben.