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Corona: Was passiert, wenn der Impfstoff kommt?

Auch wenn der Impfstoff da ist, wird es noch Monate dauern, bis die Pandemie überwunden ist. | Foto: Daniel Schludi/unsplash.com

Mehrere vielversprechende Impfstoffe gegen das Corona-Virus sind in der Produktion und machen Hoffnung darauf, dass die Pandemie nächstes Jahr abklingen könnte. Wie genau könnte das ablaufen? Darüber diskutierten Expert:innen gestern Abend in der Evangelischen Akademie.

Für eine mögliche Impfung der Bevölkerung gegen das Coronavirus sind die Gesundheitsbehörden der Kommunen zuständig. Das bedeute eine große Herausforderung, wie René Gottschalk, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, gestern bei einem Informationsabend auf Einladung der Evangelischen Akademie und des Gesundheitskonzerns Agaplesion mitteilte. Die Veranstaltung wurde im Internet übertragen.

Voraussichtlich würden die Menschen eine Information vom Hausarzt oder der Hausärztin bekommen und müssten sich dann übers Internet anmelden, so Gottschalk. Neben Impfzentren seien auch mobile Impfeinheiten geplant, die etwa in Altenheimen gingen oder bettlägerige Menschen aufsuchten – eine Million Menschen leben in Deutschland in den 14.000 Altenheimen.

Im Frankfurter Stadtgesundheitsamt habe man einen eigenen Planungsstab eingerichtet, um die logistischen Herausforderungen zu bewältigen. „Es ist eine riesige Anstrengung und der Zeitdruck ist enorm“, sagte Gottschalk. Er gehe davon aus, dass man die Impfzentren mindestens ein halbes Jahr betreiben müsse. Dafür benötige man auch Personal: „Das wird ehrenamtlich nicht gehen.“

Es sei falsch zu glauben, dass mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes die Sache Corona erledigt sei. „Es wird lange dauern bis wir durchgeimpft haben“, sagte Gottschalk. Für einen effektiven Gemeinschaftsschutz, die so genannte Herdenimmunität, müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Deshalb müsste ein Mund-Nasenschutz noch lange getragen werden.

„Ohne Impfung werden wir nicht wieder normal leben können“, betonte auch Sabine Wicker, die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko). Die Impfstoffe seien sicher und effektiv. Die Gründe der so genannten „Impfgegner:innen“, sich nicht impfen lassen zu wollen, seien allergrößtenteils irrational, betonte auch René Gottschalk. Solche Diskussionen würden allerdings die Bevölkerung verunsichern.

Eine Impfpflicht schlossen alle auf dem Podiums jedoch aus. Zumal nach Empfehlung des Deutschen Ethikrates und der Stiko ohnehin zuerst einmal die vulnerablen Gruppen und Personen geimpft werden sollen, also besonders gefährdete Menschen, wie die Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen. Auch das sei schon viel: Fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Gesundheitswesen, wie Sabine Wicker betone. Auch hier werde es daher zunächst Prioritäten geben: „Der Psychologe in der Reha-Klinik hat ein anderes Ansteckungsrisiko als die Schwester auf der Intensivstation.“

Die Verteilung eines Impfstoffes sei eine Frage der Gerechtigkeit und der Solidarität. Dies gelte auch für die weltweite Verteilung. Es dürfe nicht sein, dass ärmere Länder „hinten runterfallen“, warnte Gottschalk.

Keine Kirchensteuer ist auch keine Lösung

Torben Telder, Susanne Teichmanis, Moderatorin Andrea Seeger (von links nach rechts) und online zugeschaltet Erik Flügge diskutierten über die Kirchensteuer. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Besonders junge Menschen am Anfang ihrer Berufstätigkeit wenden sich von der Kirche ab. Aus diesem Grund luden die Evangelische Sonntagszeitung und die Evangelische Akademie Frankfurt zu einer Diskussionsrunde ein. „Die Kirchensteuer ist Austrittsgrund Nummer eins“, so die Ausgangsthese. Aber stimmt das überhaupt?

Kirche und Geld – kein einfaches Thema. Klar ist, dass mit dem anhaltenden Mitgliederschwund auch dieEinnahmen sinken werden. Voriges Jahr nahm die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau 530 Millionen Euro Kirchensteuern ein. Für dieses Jahr wird wegen Corona mit mindestens zehn Prozent weniger gerechnet. Doch der Hauptgrund für die schwieriger werdende Finanzsituation ist, dass vor allem junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren aus der Kirche austreten.

Stimmt es überhaupt, dass die Kirchensteuer für sie der Austrittsgrund Nummer eins ist? Susanne Teichmanis bezweifelt das. Sie ist Mitglied der „Zukunfts-Gruppe“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die kürzlich vielbeachtete Leitsätze zur Zukunft der Kirche erarbeitet hat. Darin werden in der Tat Spielräume für die Entlastung junger Menschen gefordert, aber die Kirchensteuer selbst nicht in Frage gestellt. „Für die Kirchensteuer spricht, dass sie gerecht ist. Außerdem ist sie Grundlage innerkirchlicher Solidarität“, stellte Teichmanis bei der Diskussion am Römerberg fest. Die Frage der Zugehörigkeit zur Kirche stelle sich nicht erst mit dem Eintritt ins Berufsleben, sondern schon viel früher. Deshalb werde eine Reduzierung der Kirchensteuer für bestimmte Altersgruppen das Problem nicht lösen. Vielmehr „benötigen wir Verfahren, wo wir miteinander ins Gespräch kommen“, so Teichmanis.

Dem stimmte auch der Publizist Erik Flügge zu, der online zur Diskussion zugeschaltet war. Eine Rabattierung macht seiner Ansicht nach keinen Sinn. Der Kirche dürfe nicht länger fragen: „Wie kriege ich die jungen Leute dazu, das Alte zu akzeptieren“? Stattdessen komme es darauf an, dass „die Gottesfrage eine öffentliche Relevanz“ bekommt. Wenn die Hälfte der evangelisch Getauften laut aktueller Shell-Jugendstudie antwortet, dass der Glaube für sie keine Rolle spielt, ist es kein Wunder, dass die Hürde zu einem Austritt für sie nicht hoch ist. Dabei leiste die Kirche enorm viel, zum Beispiel in der Seelsorge bei Trauer, Tod und Krise, so Flügge: „Die beiden Kirchen sind der große Anker der seelsorgerlichen Versorgung der Älteren.“ Dies müsse man aber auch erklären. „Wir brauchen mehr Kommunikation, mehr Direktansprache“, so Flügge. Wenn Geld vom Gehalt abgebucht werde, müsse man den Menschen auch erklären, für was das Geld verwendet wird. Derzeit hätten die Kirchen noch die Mittel für solche Kommunikations-Maßnahmen. Flügge riet den Verantwortlichen also: „Schaffen Sie nicht die Kirchensteuer ab.“

Aber kann man die Kirche nicht auch anders finanzieren? Torben Telder, Pfarrer der Wallonisch-niederländischen Gemeinde mit Sitz in Hanau, erzählte davon, wie sie es machen. Die 1100 Mitglieder werden jährlich angeschrieben mit der Bitte um eine Spende in Höhe der Kirchensteuer, also neun Prozent der Einkommenssteuer. Weil die Gemeinde diese Form der Finanzierung beibehalten will, sei sie nicht einer Großkirche beigetreten, obwohl es theologisch keine großen Differenzen gebe. Aber mit diesem Spendensystem könne man verlässlich arbeiten. Die eigene Stiftung habe über hundert Angestellte. Von großer Bedeutung sei die Beziehung der Menschen zu Pfarrerin und Pfarrer, die langen Perioden der Pfarrstellenbesetzung ermöglichen einen intensiven Kontakt zu den Familien.

Einigkeit herrschte auf dem Podium darüber, dass der Austritt aus der Kirche nur das Ende eines Entfremdungsprozesses ist. Auch Gegenmaßnahmen müssten daher früher einsetzen und nicht erst ganz am Schluss.

Kurt-Helmuth

Nachbarschaften werden in Corona-Zeiten wichtiger

Stadtdekan Achim Knecht beim diesjährigen Familienkongress, der „hybrid“ – teil in Präsenz, teils online – abgehalten wurde. Foto: Johannes Otte

Wie kommen Familien gut durch die Corona-Zeit? Dabei spielen Quartiere eine große Rolle, wie beim Frankfurter Familienkongress deutlich wurde.

Wir wussten, wir brauchen uns gegenseitig“, resümierte Sylvia Weber, Frankfurter Dezernentin für Integration und Bildung, auf dem Frankfurter Familienkongress, der seit 2007 jedes Jahr von einem gesellschaftlichen Familienbündnis veranstaltet wird, zu dem auch die evangelische Kirch gehört. Gerade mit Blick auf die Familien habe sich in den letzten Wochen gezeigt, was wirklich wichtig ist. Natürlich war es das Engagement aller, die in Sozialarbeit und im Gesundheitswesen tätig sind: Träger und Mitarbeiter*innen in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen hätten flexibel auf die Herausforderungen reagiert, sagte Weber. Diese Flexibilität brauche es auch künftig.

Katrin Bienge vom Wuppertal Institut, einem Think Tank für Nachhaltigkeitsforschung, sprach von einer „resilienten Post-Corona-Stadt“, die geprägt sei von größerer Nähe und Agilität. Der öffentliche Nahbereich, die Nachbarschaft, sei wichtiger geworden. Deshalb, so ihre Forderung, müssten die Quartiere gestärkt werden, ebenso die „Kreativ-Szene“, und Innenstädte müssten multifunktionell sein. Ähnliches unterstrich auch Thomas Franke vom Deutschen Institut für Urbanistik aus Berlin: „Der Nahraum hat größere Bedeutung gewonnen“, sagte er, deshalb sei die Sozialraumorientierung zu intensivieren.

Der evangelische Stadtdekan für Frankfurt und Offenbach, Achim Knecht, wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die Mitarbeiter*innen in den rund 200 sozialen Einrichtungen in Frankfurt und Offenbach schnell und beweglich gehandelt haben. „Agilität ist eine Qualität gewesen.“ Man habe pragmatisch und mit hohem Engagement auf die jeweilige Herausforderung reagiert. Zum Beispiel hätten Jugendhäuser für die Besucher*innen, die während der Kontaktsperren kein Mittagessen mehr bekamen, Lunchpakete zusammengestellt. Der Beratungsbedarf insgesamt sei gestiegen, sagte Knecht, Rituale würden schmerzlich vermisst. An den Übergängen des Lebens brauche es Rituale wie Hochzeit, Taufe, Konfirmation. Doch sogar Kindergeburtstage konnten nur eingeschränkt gefeiert werden. „Da bricht viel Sinn weg.“

Klar wurde an diesem Tag, wie wichtig die Unterstützung von Familien in ihren Quartieren ist. Auch wenn der Personaleinsatz unter Corona-Bedingungen höher ist. Dezernentin Weber versicherte, dass der Frankfurter Magistrat sich des Problems bewusst sei und sieht, was auf Familien in diesem Herbst und Winter zukommt. Man habe Themen wie Not, Armut und Arbeitslosigkeit im Blick. „Aufgabe der Politik ist es, ein Leben mit Corona zu gestalten.“

Weitere Informationen zu dem Familienkongress und dem Frankfurter Bündnis für Familien gibt es unter www.frankfurter-buendnis-fuer-familien.de. Die Passagen des evangelischen Stadtdekans sind bei der Video-Aufzeichnung ab 1:17 zu finden..

kurt-Helmuth Eimuth

Die klassische Gemeinde ist ein Auslaufmodell

Eine Kirche in jedem Dorf? Vielleicht nicht mehr lange. Hier ein Blick auf die Jakobskirche in Frankfurt-Bockenheim. Foto: Rui Camilo

Die klassische Kirchengemeinde wird es vielleicht bald nicht mehr geben. Ein Zukunftspapier in elf Leitsätzen schlägt stattdessen mobile, NGO-artige Strukturen vor.

„Wie kommen wir aus der Defensive des Rückzugs, des Lockdowns, der sozialen Distanzierung heraus in die Offensive einer verantwortlichen und zugleich zuversichtlich gestaltenden Perspektive kirchlicher Gemeinschaft?“ Diese Frage aus einem aktuellen Zukunftspapier der Evangelischen Kirche in Deutschland bewegt gerade die Gemüter.

Mancher Vorschlag aus den „elf Leitsätzen“ der EKD könnte auch in der Expertise einer Unternehmensberatung stehen: Konzentration auf das Kerngeschäft (Gottesdienst und Kasualien wie Taufe oder Beerdigung), Kundenwünsche ernst nehmen (Gottesdienste zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Prägung), Kundenbindung erhalten (temporäre Absenkung der Kirchensteuer), neue Kundenkreise erschließen (Kooperationen).

Vieles daran ist richtig und schon lange überfällig, zum Beispiel die geforderte Entbürokratisierung und das Entschlacken der Gremienarbeit. Die institutionelle Gestalt der Kirche soll eine Mischung aus Institution, Organisation und Bewegung werden. Neben den Ortsgemeinden sollen andere Formen von Kirche an Bedeutung gewinnen, so eine Art Bewegung „zu schnellem, flexiblem, NGO-ähnlichem Vorgehen“.

Das bedeutet aber eine radikale Abkehr von der heutigen, an den Wohnort gebundenen Zuordnung zu einer Kirchengemeinde, Parochie genannt. „Parochiale Strukturen werden sich wandeln weg von flächendeckendem Handeln hin zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung.“ Das Gottesdienstangebot soll kleiner und vielfältiger werden, eine Tendenz, die in Frankfurt und Offenbach bereits sichtbar wird.

„Die ‚Kirche im Dorf‘ und die Gemeinde im städtischen ‚Quartier‘ werden sich wandeln. Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren.“ In Hessen-Nassau denkt man ebenfalls in diese Richtung: „In Zukunft sind Ortsgemeinden – darin durchaus den Gemeinden in der frühen Christenheit vergleichbar – stärker als bisher in regionalen Netzen miteinander verbunden.“

Der eine Pfarrer, die Pfarrerin vor Ort, die für alles zuständig sind, sind passé. Für die Vermittlung von religiösem Glauben braucht es allerdings persönliche Begegnung und Bindung. Und der Glaube an Gott unterscheidet schließlich die Kirche von humanistischen Initiativen und NGOs.

Es ist gerade eine Stärke der Kirche, dass sie noch in den Stadtteilen präsent ist, also dort, wo sich Metzger und Sparkasse längst zurückgezogen haben. Trotz des Sparzwangs muss es gelingen, einen Spagat aus „Vereinskirche“ und moderner Bewegung hinzubekommen. Denn weder darf die Kirche eine profillose Institution werden noch eine sektenhafte Glaubensgemeinschaft.

Kurt-Helmuth Eimuth

Die elf Leitsätze der EKD im Internet.

„Es wird nie wieder normal“

Propst Oliver Albrecht. Foto: Rolf Oeser

Vor einem Jahr starb ein Achtjähriger am Frankfurter Hauptbahnhof, weil er vor einen Zug gestoßen wurde. Was kann der christliche Glaube in so einer Situation beitragen? Fragen an Propst Oliver Albrecht, der die Angehörigen begleitet hat.

err Albrecht, wir alle erinnern uns noch an das Unglück im Frankfurter Hauptbahnhof vor einem Jahr, bei dem ein Achtjähriger starb. Kann es bei solchen Schicksalsschlägen Trost für die Hinterbliebenen geben?

Trost gerät schnell zu Vertröstung. Denn es gibt Dinge, die sind so schrecklich, dass sie keiner auch nur ahnungsweise verstehen kann, der sie nicht selbst erlebt hat. Trost nach christlichem Verständnis heißt deshalb nicht: viele Worte machen, im Gegenteil. Die Tröster in der Bibel sind einfach da, hören zu, laufen nicht weg. Und ganz wichtig: Wir sollen das mit langem Atem tun. Für den, der Schreckliches erlebt hat, wird das Leben nie wieder normal. Dann ist es verletzend, wenn die anderen wieder „zur Tagesordnung“ übergehen. Am Anfang ist die Aufmerksamkeit fast zu groß. Es ist aber enorm wichtig, einen langen Weg mitzugehen.

Der Täter ist vom Gericht als nicht schuldfähig eingestuft worden. Er muss dauerhaft in die Psychiatrie. Hat er nicht Schuld auf sich geladen?

Der Täter hat Schuld auf sich geladen, das Gericht hat aber geurteilt, dass er aufgrund seiner Erkrankung nicht fähig ist, dies zu erkennen. Schuldunfähig heißt eben gerade nicht unschuldig! Die dauerhafte (!) Unterbringung in einer Klinik kann vielleicht die Chance bringen, an den Kern des Problems, eben diese Krankheit, zu gelangen. 15 Jahre in einer Justizvollzugsanstalt hätten diese Chance nicht gebracht. Manche sagen: Schuldunfähigkeit, das klingt nach einer Ausrede. Aber das Gegenteil ist richtig; dieses Urteil ist die klarere und konsequentere Lösung.

Christlicher Glaube verlangt Vergebung, und doch wollen wir, dass eine Tat gesühnt wird. Wie passt das zusammen?

Es wird uns nicht gelingen, die Verletzungen und die unfassbaren Verluste, die wir erleiden, irgendwie wieder gut zu machen. Auch keine Sühne und Strafe kann das bringen. Manchmal bindet und fixiert uns das nur noch mehr an den Schrecken der Tat. Wir kommen nicht davon los. Das tut uns nicht gut. Ein christlicher Gedanke, der helfen kann, ist: Wir geben den Täter in Gottes Hände, wir lassen ihn gehen aus unserem Leben. Gottes Gerechtigkeit übersteigt unsere Möglichkeiten in jeder Hinsicht. Gott vergisst niemals das Leid und die Tränen der Opfer. Es passiert ja unvorstellbar Grausames auf dieser Erde, das kommt hier nie vor ein Gericht. Das Jüngste Gericht ist für mich persönlich der stärkste Grund, an Gott zu glauben. Gott sieht aber auch noch einmal den Täter anders. Gott ist auch bei seiner Familie, unvorstellbar, wie es denen gerade geht. Und Gott ist bei dem Täter. Das übersteigt unsere Vorstellung, aber bei Gott ist er gut aufgehoben.

Das Gespräch führte Kurt-Helmuth Eimuth

Kirchensteuer-Rabatt für Jüngere? Drei Gründe, warum das keine gute Idee ist.

von Kurt-Helmuth Eimuth 5. August 2020

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, schlägt vor, die Kirchensteuer für Berufseinsteiger*innen zu senken. Klingt auf den ersten Blick zwar plausibel, wird aber so nicht funktionieren.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will jüngere Kirchenmitglieder finanziell entlasten. | Foto: BayernSPD, Flickr.com (cc by-nc-sa)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will jüngere Kirchenmitglieder finanziell entlasten. | Foto: BayernSPD, Flickr.com (cc by-nc-sa)

Die Evangelische Kirche in Deutschland diskutiert, ob für Berufseinsteiger die Kirchensteuer ausgesetzt oder reduziert werden soll. „Viele junge Menschen sind mit Studium und Ausbildung beschäftigt, verlieren womöglich den Kontakt zur Kirche. Und wenn sie dann ihr erstes Gehalt bekommen, fragen sie sich, warum sie Kirchensteuern zahlen sollen und treten aus“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Beford-Strohm in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“. Ziel sei es, die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen „in möglichst hoher Zahl in der Kirche zu halten“.

Tatsächlich tritt vor allem diese Altersgruppe in sehr hohen Zahlen aus der Kirche aus, dem will man verständlicherweise entgegenwirken. Bei der ersten Lohnabrechnung stellen viele erstaunt fest, wie viele Abzüge vom Bruttogehalt es gibt, wie groß die Differenz zwischen Netto und Brutto. Die einzige Stellschraube, an der sich dann etwas ändern lässt, ist die Kirchenmitgliedschaft. Denn bei der Kirchensteuer handelt es sich nicht um eine unvermeidliche Steuer, sondern um einen Mitgliedsbeitrag – und wer nicht Mitglied ist, zahlt auch keinen Beitrag.

Das ist der Grund, warum der Ratsvorsitzende diesen Beitrag am Anfang des Berufslebens möglichst klein halten will, und damit auch die Austrittsneigung. Zumal gerade die 25- bis 35-Jährigen für Wohnungseinrichtung oder auch Familiengründung jeden Cent gebrauchen können.

Trotzdem greift die Überlegung in dreifacher Hinsicht zu kurz. Erstens: Ein Produkt, das ich nicht verwenden kann, kaufe ich nicht. Als Nichtschwimmer werde ich nicht in den Schwimmclub eintreten, egal wie hoch der Rabatt ist. Mag sein, dass mit so einer Maßnahme einige Hundert oder auch Tausende vom sofortigen Austritt aus der Kirche abgehalten werden. Aber werden sie damit auch für die Kirche gewonnen? Die mangelnde Akzeptanz dafür, eine Mitgliedsbeitrag zu zahlen, reicht tiefer, ihr Grund liegt in einer Entfremdung von Kirche und Glauben. Ein Kirchenaustritt steht meist am Ende eines langen Entfremdungsprozesse, der oftmals bereits über Generationen angedauert hat.

Zweitens: Die Rabattierung des Mitgliedsbeitrages für bestimmte Gruppen konterkariert das Prinzip des heutigen Mitgliedsbeitrages, der an die Lohn- oder Einkommenssteuer gekoppelt ist: Neun Prozent davon gehen zusätzlich an die Kirche. Indem der Kirchenmitgliedsbeitrag analog zur Einkommensteuer steigt und fällt, ist er an die wirtschaftliche Lage der Mitglieder angepasst. Wer viel verdient, zahlt auch viel Kirchensteuer, wer kein Einkommen hat, muss auch der Kirche nichts bezahlen. Das ist sozial gerecht. Außerdem ist die Kirchensteuer als Mitgliedsbeitrag für eine gemeinnützige Organisation wiederum steuerlich absetzbar, was bedeutet, dass sich die tatsächliche Belastung noch um 20 bis 48 Prozent verringert. Das ist ein kompliziertes System, aber im Ergebnis sozial ausgewogen.

Übrigens erhebt der Staat die Mitgliedsbeiträge für die Kirchen keineswegs umsonst, sondern lässt sich dafür bezahlen. Das Land Hessen zum Beispiel behält drei Prozent der erhobenen Beiträge als Verwaltungspauschale ein. Dass die Mitgliedsbeiträge der Kirchen vom Finanzamt erhoben werden ist ein historisch entstandenes Arrangement, das aber für beide Seiten Vorteile hat.

Drittens schließlich erhebt nicht die EKD, sondern die einzelnen Landeskirchen die Steuern. Bevor der Vorschlag des Ratsvorsitzenden Wirklichkeit werden kann, müssten sich also alle 20 Landeskirchen auf ein solches Vorgehen einigen. Und es ist auch eine gute Tradition, dass man sich hier ebenfalls mit der katholischen Kirche abstimmt. Das wird kein einfacher Prozess.

Klar ist: Die christlichen Kirchen in Deutschland stehen vor gewaltigen – auch finanziellen – Herausforderungen, die aktuell durch den coronabedingten Einbruch bei der Kirchensteuer noch einmal verstärkt werden. Das kirchliche Angebot und die kirchlichen Strukturen werden sich grundlegend verändern. Die Diskussion darüber wird jetzt auch öffentlich geführt.

Ein halbes Jahrhundert Gethsemanekirche im Nordend

von Kurt-Helmuth Eimuth 30. Juni 2020

Vor fünfzig Jahren wurde die Gethsemanekirche im Frankfurter Nordend eingeweiht. Das Konzept mit einem Kirchenraum im ersten Stock und Gemeinderäumen und Büros im Erdgeschoss bewährt sich bis heute. Auch den Glockenturm gibt es noch, aber das war haarscharf: Mitte der 1990er Jahre wäre er beinahe abgerissen worden.

Außergewöhnlich: Der acht Meter hohe Kirchraum im ersten Stock hat fast keine Fenster. | Foto: Rui Camilo
Außergewöhnlich: Der acht Meter hohe Kirchraum im ersten Stock hat fast keine Fenster. | Foto: Rui Camilo

Angesichts aktueller Zahlen zum Mitgliederrückgang der Kirchen mag manchem die Zeit von vor fünfzig Jahren geradezu rosig erscheinen. Doch schon 1970, als die Gethsemanekirche an der Eckenheimer Landstraße im Frankfurter Nordend eingeweiht wurde, mischten sich skeptische Töne in die Feierlichkeiten: „Wie könnte es uns gleichgültig sein, wenn die Öffentlichkeit die Bautätigkeit unserer Gemeinde (und der ganzen Kirche!) zunehmend kritisch beurteilt?“ fragte der damalige Pfarrer Hermann Strohmeier. Und der Hochschullehrer Dieter Stoodt spitzte die Frage in seinem Grußwort zur Einweihung noch einmal zu: „Der Gottesdienst hat zweifellos im Ganzen gesehen an Bedeutung verloren. Viele zweifeln nicht daran, dass er weiterhin an Bedeutung verlieren wird.“

Trotzdem freute sich die junge Gemeinde natürlich über ihre Kirche. Die Gemeinde war 1964 als Ausgründung aus der Petersgemeinde entstanden und hatte damals 6000 Mitglieder. Heute sind es noch 1400. Trotzdem beantwortet auch der heutige Pfarrer Thorsten Peters die Frage nach der Notwendigkeit eines Kirchenbaus ähnlich wie die Vorgängergeneration: „Es braucht einen liturgischen Raum. Ich bejahe, dass es diese Kirche gibt“. Auch wenn heute nur noch drei Prozent der Kirchenmitglieder Gottesdienste besuchen – für Peters sind drei Prozent eine Größe, mit der man gut singen, beten und Abendmahl feiern kann.

Die nach Entwürfen des Architekten Hans-Georg Heimel gebaute Kirche hat so manche Besonderheit. Der Kirchraum liegt im ersten Stock und ist barrierefrei mit einem Aufzug erreichbar. Im Erdgeschoss ist ein Gemeinderaum mit Küche sowie Gemeinde- und Pfarrbüro eingerichtet. Bei einem Umbau im Jahr 2013 wurden diese Räumlichkeiten modernisiert und erweitert. Dort, im Erdgeschoss, findet – wenn nicht gerade Coronakrise ist – auch jeden Sonntag ein Kirchencafé statt. Nach der Abgabe des alten Gemeindehauses wird heute auch die Kirche nicht mehr nur für Gottesdienste, sondern immer stärker auch für Gemeindeveranstaltungen aller Art genutzt.

Der innere Grundriss des Kirchenraums ist fast quadratisch und verfügt über eine Empore. Der Kirchenraum wird von nahezu geschlossenen Wandflächen bestimmt. Tageslicht tritt im Altarbereich indirekt aus der Dachzone ein. Auch Altar, Altarkreuz, Altarleuchter und die Deckenlampen als moderne Kronleuchter wurden nach den Entwürfen von Hans-Georg Heimel gestaltet. Lediglich drei kleine Fenster unter der Empore, seitlich der Kanzel und im Turmbereich mit farbigen Glascollagen setzen noch einen Akzent. Dominiert wird der acht Meter hohe Kirchenraum von den Klinkerwänden und einer stilisierten Dornenkrone über dem Altar. Die Eisenplastik hat Hermann Tomada geschaffen.

Der Turm der Gethsemanekirche ist im Nordend weithin sichtbar. | Foto: Rui Camilo
Der Turm der Gethsemanekirche ist im Nordend weithin sichtbar. | Foto: Rui Camilo

Der gut sichtbare Glockenturm an der Eckenheimer Landstraße verkörpert das, was sich Pfarrer Peters wünscht: Ein Kirchengebäude als „öffentliches Zeichen“. Mitte der 1990er Jahre gab es Überlegungen, den sanierungsbedürftigen Kirchturm abzureißen, doch die Gethsemanegemeinde kämpfte mit dem damaligen Pfarrer Martin Zentgraf erfolgreich für dessen Erhalt und hat dann auch die Sanierung mitfinanziert.

Heute steht die Gemeinde wieder vor einem großen Bauprojekt: Das benachbarte alte Gemeindehaus wird abgerissen, an der Stelle wird ein Investor Wohngebäude errichten sowie neue Räume für den Kindergarten schaffen, der erweitert wird.

Trotz aller vor einem halben Jahrhundert schon bestehenden Skepsis kann Pfarrer Peters garantieren: „Die Kirche ist bis heute in Gebrauch.“ Künftig will man durch eine verstärkte pfarramtliche Zusammenarbeit mit den umliegenden Gemeinden den zurückgehenden Mitgliederzahlen entgegenwirken. An Gemeindefusionen ist allerdings nicht gedacht. Denn die Identität der Gemeinde soll erhalten bleiben, sagt Peters.

Kirchlicher Mitgliederschwund: Es gibt kein Patentrezept dagegen

von Kurt-Helmuth Eimuth 30. Juni 2020

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Allein 540.000 Mitglieder haben die beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland im vorigen Jahr verloren. So richtig viel können die Kirchen nicht gegen diesen Trend tun. Denn Glaube wird in allererster Linie in den Familien weitergegeben. Oder eben auch nicht.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Die Bekanntgabe ihrer Mitgliederzahlen ist für die evangelische und katholische Kirche alljährlich ein unangenehmer Termin: Seit Jahren ist der Trend nach unten ungebrochen. Der Mitgliederschwund durch Austritte schmerzt. Mehr als 540.000 Menschen haben die beiden großen Konfessionen im vergangenen Jahr verlassen. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Nürnberg oder Dresden. Manch Kommentator spricht von einem „Massenexodus“.

Was tun? Die Evangelische Kirche Hessen und Nassau (EKHN) betont zunächst einmal die positiven Seiten der Statistik: Die Konfirmationen blieben der Eckpfeiler der Kirche für junge Menschen, denn immerhin ließen sich 87 Prozent eines evangelischen Jahrgangs in der Landeskirche konfirmieren. Auch die Zahl der Taufen bliebe stabil. Die Zahl derjenigen, die in die Kirche eingetreten sind, hat leicht zugenommen, es waren voriges Jahr 2812 Personen. Demgegenüber sind allerdings 21.071 ausgetreten. Dazu kommen noch Sterbefälle und Zu- und Wegzüge. Im Saldo ist die Zahl der Mitglieder im Kirchengebiet um 2,2 Prozent gesunken. Damit wird der langfristige bundesweite Trend bestätigt. Bis 2060, so die Prognose, wird sich die Zahl der Mitglieder aller Wahrscheinlichkeit nach halbiert haben.

Nicht alles von dieser Entwicklung liegt speziell an den christlichen Kirchen. Manches ist einfach ein gesellschaftlicher Trend. Auch andere große Institutionen wie die Parteien und die Gewerkschaften haben ihre Bindungsfähigkeit verloren. Anderes sind hausgemachte Fehler, wie zum Beispiel Versäumnisse bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen.

Was aber wirklich an den Kern geht, ist etwas anderes: Schaut man sich die Ergebnisse der „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften“ (ALLBUS) aus dem Jahr 2018 an, so wird klar, dass der Glaube an Gott bei vielen Menschen schwindet. Nur noch 44 Prozent der Befragten gaben an, im weitesten Sinne an Gott zu glauben. Zwar kommen noch einmal 20,8 Prozent hinzu, die die Antwort gaben: „Ich glaube nicht an einen leibhaftigen Gott, aber ich glaube, dass es irgendeine höhere geistige Macht gibt.“ Es sind also noch fast zwei Drittel der Menschen in Deutschland, die eine überirdische Macht für möglich halten. Allerdings ist auch hier ist die Tendenz seit Jahren fallend.

ALLBUS bestätigt in Zahlen, was schon vielfach erhoben wurde und sich auch im Alltag leicht beobachten lässt: Der Glaube – und auch das Wissen vom Glauben – schwindet stetig. Aber warum?

Nicht, wie man vielleicht meinen könnte, weil die Pfarrerinnen und Religionslehrer schlechte Arbeit machen. Denn wesentlich für die Glaubensvermittlung sind nicht die Kirchen und ihr Personal. Die Grundlage für Gottvertrauen wird in jungen Jahren in den Familien gelegt. Hier werden religiöse Traditionen weitergegeben, gebetet und aus der Kinderbibel vorgelesen – oder eben auch nicht. Und es sind ganz konkret meist die Großmütter, die kleinen Kindern im Herzen etwas vom Glauben weitergeben.

Fehlende religiöse Sozialisation im Kindesalter, in den Familien, können Kirchengemeinden nicht kompensieren. Pfarrer, Gemeindepädagoginnen, Bibelkurse und gute kirchliche Angebote können Eltern und Großeltern darin unterstützen. Auch christliche Kindertagesstätten können in Familien hineinwirken. Aber das alles kann die Familie in der religiösen Erziehung nicht ersetzen.

Die moderne Gesellschaft mit ihren Leistungsanforderungen, ihrer Individualisierung und auch der Institutionalisierung von Erziehung verstärkt den Trend von Generation zu Generation. Für die Kirchen bedeutet das, dass ein „Weiter so“ keine Option ist. Schon allein die knapper werdenden Finanzen fordern zum Handeln auf. Und Corona verstärkt den Druck: Allein die EKHN erwartet in diesem Jahr Mindereinnahmen von 50 Millionen Euro.

Zwei Strategien stehen im Raum und werden derzeit diskutiert: Entweder kann sich die Kirche auf ihr „Kerngeschäft“ zurückziehen, sich darauf beschränken, gute Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen abzuhalten. Doch damit würde sie ihren Anspruch, in die Gesellschaft hineinwirken zu wollen, aufgeben. Sie verzwergt. Das andere Extrem wäre ein weiter gesteigertes Engagement für die Schwächsten, für Verfolgte und Abgehängte, ohne dabei allzu sehr von Bibel und Co. zu sprechen. Dann würde aus der Kirche so etwas wie ein Wohlfahrtsverband mit angeschlossener spiritueller Abteilung. Auch keine Lösung.

Ein Patentrezept gibt es wahrscheinlich nicht. Irgendwo zwischen diesen beiden Optionen wird sich der künftige Weg finden. Immerhin wurde in der Zeit der Corona-Krise deutlich, dass die Organisation Kirche durchaus kreatives Potenzial hat und sich auf Veränderungen einstellen kann.

Zu Pfingsten läuten fünfzig Glocken aus zehn Kirchen

von Kurt-Helmuth Eimuth 20. Mai 2020

Am Samstag vor Pfingsten, 30. Mai, um 16.30 Uhr ist es wieder soweit: Die Glocken der zehn Frankfurter Innenstadtkirchen vereinigen sich zu einem großen Klangteppich. Erstmals kann man das Große Stadtgeläut in diesem Jahr auch online erleben.

Große und kleine Glocken in den zehn Frankfurter Innenstadtkirchen erklingen gemeinsam beim großen Stadtgeläut.  |
Große und kleine Glocken in den zehn Frankfurter Innenstadtkirchen erklingen gemeinsam beim großen Stadtgeläut. | Bild: http://www.colourbox.de

Fein aufeinander abgestimmt nach einem Konzept des Glockensachverständigen Professor Paul Smets aus dem Jahr 1954 schwingen fünfzig Glocken aus zehn Frankfurter Innenstadtkirchen beim Großen Stadtgeläut. Diesmal ist es am Samstag vor Pfingsten erstmals auch online auf http://frankfurt.de/ zu hören.

Man braucht also in Corona-Zeiten nicht in die Innenstadt zu laufen, wo der akustische Eindruck durch den üblichen Verkaufslärm vermutlich selbst in diesen Zeiten getrübt wird.

Zu hören sind die Glocken der Dotationskirchen St. Katharinen, St. Peters, Heiliggeist, Alte Nikolaikirche und die Sachsenhäuser Dreikönigskirche, die drei katholischen Gotteshäuser Dom, Liebfrauen und Leonhard sowie die nicht mehr kirchlich genutzte Paulskirche und das ebenfalls säkularisierte Karmeliterkloster.

Der Frankfurter Magistrat hatte die Chance beim Wiederaufbau ergriffen und damit ein einzigartiges akustisches Kunstwerk geschaffen. Vollendet wurde das Große Stadtgeläut aber erst 1995 mit den neuen Glocken des Karmeliterklosters.

Dominant zu hören ist die Glocke „Gloriosa“ im Dom. Sie ist über zweieinhalb Meter hoch und breit und mit 11.950 Kilogramm das Schwergewicht unter den Glocken der Frankfurter Innenstadtkirchen – und die zweitschwerste Bronzeglocke Deutschlands. Insgesamt wiegen die fünfzig Glocken der zehn Innenstadtkirchen 64.804 Kilogramm.

Übrigens kann man Einblicke in die Dotationskirchen ebenfalls virtuell gewinnen. Die Stadt bietet im Internet Besichtigungen in 360 Grad.

Sechs Monate Elterngeld plus Arbeitplatzgarantie!

von Kurt-Helmuth Eimuth 11. Mai 2020

Alle möglichen Branchen bekommen wegen der Corona-Epidemie Hilfen, aber Familien gehen leer aus. Das Hin und Her rund um Schul- und Kita-Öffnungen und die selbstverständliche Erwartung vor allem an Mütter, Kinderbetreuung, Home-Schooling und eigene Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen, zerrt an den Nerven. Für radikale Krisen braucht es radikale Lösungen! Ein Kommentar.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Die Sache ist vertrackt. Schulen und Kitas wurden geschlossen, von heute auf morgen mussten Eltern ihre Kinder selbst betreuen, ohne die üblichen Netzwerke aus Babysittern oder Großeltern. Gleichzeitig sollten sie aber weiter in ihrem Beruf arbeiten. Ein Tanz auf vielen Hochzeiten in wenigen Zimmern.

Es wird jetzt klar, dass die institutionelle Betreuung von Kindern längst eine Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg ist, sowohl der Einzelnen als auch der Gesellschaft. Mit Corona ist dieses System aber zusammengebrochen.

In den kommenden Monaten wird es kein Zurück zur Normalität geben. Hier und da werden Klassen im Schichtbetrieb unterrichtet, werden Prüfungen abgehalten und Schulflure als Einbahnstraße markiert. Aber ist das die Lösung? Hilft es Eltern im Homeoffice, wenn eine Woche Schule ist und dann eine Woche wieder nicht?

Eine radikale Krise braucht radikale Lösungen. Warum nicht die Schulen bis nach den Sommerferien schließen und die Zeit nutzen, um ganz neue, angemessene Unterrichtskonzepte zu entwickeln! Corona böte die Möglichkeit, Lehrpläne zu entrümpeln und andere Unterrichtsmethoden einzuführen. Gleichzeitig sollte man nicht die Eltern, meist sind es ja die Mütter, zwangsweise als Hilfslehrerinnen rekrutieren. Es gab doch schon mal eine Zeit, in der zwei Unterrichtsjahre auf eineinhalb zusammengestaucht wurden: als mit zwei Kurzschuljahren 1966 und 1967 der Schuljahresbeginn in Deutschland synchronisiert wurde.

Lasst also Kindern und Eltern diese Zeit, um fürs Leben zu lernen statt für die Schule. Gemeinsames Spielen, Lesen, Kochen und Reden können ein Gewinn sein. Aber dafür müssen die Eltern natürlich Zeit haben. Alle Lobbygruppen schreien zurzeit: Wir auch! Nur die Eltern hört man kaum. Sie klagen manchmal, aber immer noch viel zu leise.

Es wäre an der Zeit, hier ein Zeichen zu setzen. Wie wäre es mit einem Corona-Elterngeld für sechs Monate bei gleichzeitiger Arbeitsplatzgarantie? Auf diese Weise könnten auch Familien mit Kindern der Corona-Zeit etwas abgewinnen