Archiv für 23. Oktober 2026

Warum wir wieder in Zukünften denken müssen

ALTHOLSTEIN. In Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung neigen viele Menschen zum Beharren. Zukunftsangst und das Verlangen, den Status quo zu konservieren, prägen die soziale Debatte. Doch gegen diese Lähmung regt sich Widerstand: Der Theologe und Organisationsentwickler Lars Klehn vom Kirchenkreis Altholstein plädiert im Podcast Conny&Kurt dafür, die Zukunft nicht länger im Singular zu denken, sondern die Vielfalt möglicher Entwicklungen in den Blick zu nehmen.

„Es gibt eben nicht die eine festgelegte Zukunft, sondern sie könnte so oder so aussehen“, erklärt Klehn. Um das Spektrum zu veranschaulichen, nutzt er das Bild eines Trichters. Innerhalb dieses Modells gelte es zwischen wahrscheinlichen, möglichen und wünschenswerten Szenarien zu unterscheiden. Für entscheidend hält er die aktive Gestaltungskraft: „Wer keine Zukünfte entwickelt und über diese Zukünfte spricht, der überlässt das den anderen und wird dann letztlich zum Konsumenten der Zukünfte anderer.“

Wie hoch der Handlungsdruck ist, zeigt der Blick auf die evangelische Kirche. Während der jährliche Mitgliederschwund vor gut einem Jahrzehnt noch bei 1,2 Prozent lag, beschleunigte er sich auf dramatische 3,7 Prozent. Die Halbierung der Mitgliederzahl, die 2018 erst für 2060 prognostiziert wurde, dürfte bereits 2040 eintreffen.

Klein verweist auf den Zukunftsforscher Robert Jungk, der 1952 schrieb: „Das Morgen ist schon im heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos.“ Gedankliche Entwürfe können Realität werden, wie historische Beispiele von Leonardo da Vinci bis Aldous Huxley zeigen.

Auf kirchlicher Ebene hebt Klein das Reformmodell Pforzheim hervor: Dort wurde das Parochialprinzip zugunsten einer Großgemeinde abgelöst, die sich strikt an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und sogar Nicht-Mitgliedern Stimmrechte einräumt. Auch in städtischen Räumen wie Neumünster gelte es, Hürden abzubauen und Teilhabe zu ermöglichen. Solche Ansätze seien wie ein Senfkorn keimhaft im Heute angelegt – man müsse sie pflegen.

Zur Person: Pastor Lars Klehn, Personal- und Organisationsentwicklung im Evangelischen Kirchenkreis Altholstein

Warum die kleine Buchhandlung unersetzlich bleibt

KIEL. Der Befund ist ernüchternd: Zahlreiche unabhängige Buchhandlungen sind in den vergangenen Jahren vom Markt verschwunden oder von großen Konzernen übernommen worden. Was wie eine ökonomische Randnotiz wirkt, bedroht das kulturelle Gefüge. Denn mit dem Buchladen vor Ort schwindet die wichtigste Präsentationsfläche für unabhängige Kleinverlage und literarische Entdeckungen.

„Das ist wirklich eine ganz traurige Entwicklung, dass tatsächlich Buchhandlungen […] langsam immer mehr verschwinden“, warnt Hauke Harder im Podcast Conny&Kurt. Hauke Harder ist Buchhändler aus Leidenschaft in Kiel-Friedrichsort. Im Netz agiert er „Leseschatz“. Wenn große Ketten den Markt beherrschen, entscheide deren rein wirtschaftliche Einkaufspolitik, was überhaupt noch gelesen werden kann, so Harder. Die literarische Vielfalt gerate dadurch in akute Gefahr.

Doch die Krise ist nicht nur ökonomisch, sondern berührt das menschliche Wahrnehmungsvermögen. Wer nur digital liest, verliert das sinnliche Fundament der Lektüre. Das Wort „Erfassen“ komme nicht von ungefähr vom Fassen, betont Harder: „Das Körpergedächtnis, den Sinneseindruck, den nehmen wir unseren Jugendlichen und unseren Kindern komplett weg“. Das Rascheln der Seiten, der Geruch des Papiers und das spürbare Gewicht schulen die Konzentration. Beim schnellen Konsum am Bildschirm gehe die Fähigkeit verloren, sich auf lange Texte einzulassen.

Gegen die Monokultur hilft nur die bewusste Entscheidung der Leser. Die kleine Buchhandlung bietet eine kuratierte Auswahl und das persönliche Gespräch. „Bücher sind ja Portale, um die Welt verständlicher zu machen“, ruft Harder in Erinnerung. Wer diese Portale offenhalten will, muss den Mut haben, Neues zu entdecken – und den lokalen Buchhandel aufsuchen.

Zur Person: „Hauke Harder findet für jeden Kunden das passende Buch! Nicht nur in ihrer Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel wird nachgeforscht, sondern auch per Blog und auf YouTube“, so urteilt das Börsenblatt. Mehr zur Buchhandlung: https://www.youtube.com/watch?v=JpE7t52gHtY