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Notbetrieb als Normalfall: Kita-Regelungen stiften viele Unklarheiten

von Kurt-Helmuth Eimuth 5. Mai 2021

Normalbetrieb, Notbetreuung, Ausnahmereglungen – der Betrieb von Kindertagesstätten unter Pandemiebedigungen bleibt weiter kompliziert. Auch im „Notbetrieb“ sind die meisten Einrichtungen voll. Zuhause bleiben meist diejenigen Kinder, für die es besonders wichtig wäre, zu kommen.

Birte Hansen leitet die ökumenische Kita Kaleidoskop im Frankfurter Mertonviertel. | Foto: Rolf Oeser
Birte Hansen leitet die ökumenische Kita Kaleidoskop im Frankfurter Mertonviertel. | Foto: Rolf Oeser

Langsam haben sich Eltern und Erzieher:innen an einen Kindergartenbetrieb unter Pandemiebedingungen gewöhnt. In der zweiten Woche der erneuten Schließung von Kitas nach dem Bundesinfektionsschutzgesetz werden die Regelungen klarer: Eltern müssen über ihre Berufstätigkeit eine Bescheinigung mitbringen. Und doch, so die Leiterin der Ökumenischen Kindertagesstätte Kaleidoskop, Birte Hansen, „ist das Haus nahezu voll“. Hansen vermisst klare Kriterien für die Ausnahmetatbestände für die Notbetreuung. „Es trifft dann immer die gleichen Familien, die solidarisch sind.“

Auch Sabine Herrenbrück, die Leiterin des Fachbereichs Kindertagesstätten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), teilt diese Einschätzung: „Es ist zu beobachten, dass die Kinder, für die der Besuch der Kita besonders wichtig wäre, oft nicht mehr kommen.“

Mit den veränderten Rahmenbedingungen in den Einrichtungen können die meisten Kinder recht gut umgehen, zum Beispiel damit, dass die Erzieher:innen Masken tragen. Aber auch hier zeigt sich, dass die Regelungen nicht klar sind. „Früher konnten die Erzieher:innen selbst entscheiden, ob sie Maske tragen. Jetzt sind sie dazu verpflichtet, können aber im Einzelfall begründet entscheiden, es nicht zu tun.“ Das führt aber nur zu Verunsicherung. Und ist ein Beispiel dafür, wie staatliche Anweisungen häufig nur scheinbar eindeutig sind, in Wirklichkeit aber doch die Verantwortung nach unten abschieben.

Konflikte sind dann fast zwangsläufig. „Die einen Eltern drohen mit Klage, weil Maske getragen wird, die anderen wollen, dass sie unbedingt getragen wird“, berichtet Herrenbrück. Hinzu kommt das, was sie „Appell-Lösungen“ nennt. Etwa wenn es im Schreiben des Sozialministeriums heißt: „Ich appelliere daher erneut, Betreuungsangebote nur zu nutzen, wenn es absolut notwendig ist.“ Appelle sind aber wenig hilfreich, denn sie führen dazu, dass es in die Verantwortung der Einzelnen gestellt wird, ob sie ihre Kinder zuhause betreuen. Inzwischen ist der Kriterienkatalog für den Anspruch auf Notbetreuung so umfangreich, dass praktisch jede Familie irgendwie darunter fallen kann, wenn sie will. Entsprechend gefüllt sind die Kitas trotz formaler „Schließung“, und eben nicht unbedingt mit denjenigen Kindern, die die pädagogische Unterstützung am dringendsten brauchen.

Zur Entspannung hat immerhin beigetragen, dass die Mitarbeiter:innen nun zweimal die Woche getestet werden, bei Birte Hansen im Mertonviertel sogar dreimal. „Das gibt dem Team Sicherheit“, so Hansen. Auch die Impfquote im Kita-Personal ist zumindest in Frankfurt hoch. 75 Prozent der Angestellten in den evangelischen Kitas sind inzwischen wenigstens einmal geimpft.

Trotzdem ist die Belastung für das Personal weiterhin enorm. Das liegt nicht nur an den besonderen Anforderungen. „Die ständigen Wechsel. Kinder rein, Kinder raus. Wie oft mussten die Kitas schon ihre Abläufe umstellen“, kritisiert Herrenbrück, und fügt bedauernd hinzu: „Wir von Trägerseite können ihnen nichts von den Schultern nehmen, da die Vorgaben woanders gemacht werden.“

Unter der derzeitigen Situation litten alle, berichtet Herrenbrück. „Die Kinder leiden unter der Anspannung ihrer Eltern, und bei den Eltern ist die Haut dünner geworden“. Da bleibt nur die Hoffnung auf ein Absinken der Inzidenzzahlen.

Die Gehörlosengemeinde wird aufgelöst, aber der Pfarrer bleibt

von Kurt-Helmuth Eimuth 13. April 2021

Sie ist eine der kleinsten Kirchengemeinden in Hessen – und hat in den vergangen drei Jahrzehnten die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Die Gehörlosengemeinde wird deshalb zum Jahresende als eigenständige Gemeinde aufgelöst, aber die Pfarrstelle und ihre Angebote für gehörlose und schwerhörige Menschen bleiben erhalten.

Auch wenn die Gemeinde formal aufgelöst, wird es weiter Gottesdienste in Gebärdensprache in Frankfurt geben. Hier eine Aufnahme mit Pfarrer Gerhard Wegner vor einigen Jahren. | Foto: Ilona Surrey
Auch wenn die Gemeinde formal aufgelöst, wird es weiter Gottesdienste in Gebärdensprache in Frankfurt geben. Hier eine Aufnahme mit Pfarrer Gerhard Wegner vor einigen Jahren. | Foto: Ilona Surrey

Wer nicht hören kann, ist in normalen Gottesdiensten aufgeschmissen: Die 1982 gegründete Gehörlosengemeinde ist die einzige in ganz Hessen, wo man die Kirche in Gebärdensprache erleben kann, wo gebärdensprachliche Gottesdienste gefeiert werden oder man mit dem Pfarrer Seelsorgegespräche in dieser Sprache führen kann.

Deshalb hat die Gehörlosengemeinde im Alltag ihrer gut sechzig Mitglieder einen sehr hohen Stellenwert, wie Pfarrer Gerhard Wegner betont. Und dennoch gelang es in diesem Jahr nicht mehr genügend Kandidatinnen und Kandidaten für die anstehenden Kirchenvorstandswahlen zu finden. Dies hat vielfältige Gründe, einer ist das große Einzugsgebiet der Gemeinde, das nicht nur Frankfurt und Offenbach, sondern auch große Teile des Rhein-Main-Gebietes umfasst. Die Wege für Zusammenkünfte sind entsprechend lang. Dass der Kreis der Gehörlosen immer kleiner wird, liegt aber auch am medizinischen Fortschritt: So genannte Cochlea-Implantate ermöglichen es inzwischen vielen wieder zu hören. Auf tausend Menschen komme mindestens ein Implantatträger:in, sagt Pfarrer Wegner.

Deshalb wird die Gemeinde als juristisch eigenständige Institution zum Ende des Jahres aufgelöst. Das Angebot mit Gottesdiensten, Seelsorge, Diakonie und Bildung soll jedoch erhalten bleiben. Zwar gehören die Menschen dann künftig wieder ihren jeweiligen Ortsgemeinden an, aber die Gehörlosenseelsorge als Institution der Landeskirche wird weiter für sie da sein. Auch die Pfarrstelle soll erhalten bleiben.

Auch deshalb, weil gerade während der Pandemie viele erlebt haben, wie schnell man ohne soziale Kontakte vereinsamt. Gehörlose müssen ihr Leben lang um solche Kontakte kämpfen. Nicht zufällig gibt es das Sprichwort: „Der Blinde verliert die Dinge, der Gehörlose verliert die Menschen.“

Wenn man Menschen, die etwa nach einem Schlaganfall weder Laufen noch Sprechen können, fragt, was für sie die größte Herausforderung ist, so antworten sie: „Die Sprache.“ Ohne Sprache kann sozialer Austausch mit anderen Menschen nur sehr erschwert stattfinden. Insofern ist die Gehörlosengemeinde – ob als eigenständige Kirchengemeinde oder als seelsorgerliches Angebot – spirituell und sozial ein wichtiger Ort für die Betroffenen.

Lauterbach: Regelung zur Suizidhilfe noch in dieser Legislatur notwendig

Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) ist Mitglied einer interfraktionellen Initiative, die einen Entwurf für eine Neufassung des Gesetzes zur Suizidhilfe verfasst hat.  |  Foto: Pressefoto
Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) ist Mitglied einer interfraktionellen Initiative, die einen Entwurf für eine Neufassung des Gesetzes zur Suizidhilfe verfasst hat. | Foto: Pressefoto

von Kurt-Helmuth Eimuth 31. März 2021

Über 700 Teilnehmende verfolgten online eine Diskussion über die Neufassung des Paragrafen 217 „Suizidhilfe“ der Evangelischen Akademie Frankfurt. Dies lag sicher auch an dem prominenten Gesprächsteilnehmer: Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) erläuterte den auch von ihm initiierten interfraktionellen Gesetzentwurf.

Vor einem Jahr hat das Bundesverfassungsgericht die bisherige Fassung des Paragrafen 217, der das Thema Suizidhilfe regelt, für nichtig erklärt hat. Das Gericht stellte fest, dass es ein grundsätzliches Recht auf Suizid und Suizidhilfe gibt. Auch in den Kirchen wird seither kontrovers darüber diskutiert.

Eine interfraktionelle Initiative hat nun den Entwurf für eine Neufassung des Gesetzes vorgelegt. Auch der SPD-Politiker Karl Lauterbach gehört zu den Initiatoren. Beim Online-Gespräch der Evangelischen Akademie fasste er die Absicht seiner Gesetzesinitiative so zusammen: „Der assistierte Suizid soll möglich gemacht werden für Menschen mit unheilbarer Erkrankung und großem Leidensdruck.“

Bei dem Entwurf orientierte man sich offensichtlich an den Regelungen zum § 218, also dem Paragrafen, der den Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen regelt: Ein Beratungsgespräch muss dem Suizid vorausgehen und erst nach zehn Tagen kann die Assistenz durchgeführt werden. Die Berater:in darf nicht dieselbe Person sein, die die Suizidhilfe durchführt und soll aus zu definierenden Berufsgruppen wie Medizin, Psychologie oder Sozialpädagogik kommen.

Die Beratung, so Lauterbach, solle verhindern, dass etwa psychisch Erkrankte den Suizid begehen. Die freie Willensbildung müsse in der Beratung festgestellt werden. Hierzu bedürfe es eines bundesweiten engmaschigen Netzes an Beratungsstellen. Lauterbach: „Ich würde es begrüßen, wenn sich die Kirchen daran beteiligten.“

Allerdings können Mediziner:innen bei einer solchen Regelung bisher nicht tätig werden, da das Standesrecht ihnen die Mitwirkung an einem assistierten Suizid verbietet.

Den Einwand, es müsse statt Suizidhilfe mehr Angebote zur Suizidprävention geben, lässt Lauterbach nicht gelten. Im Gegenteil: „Ein Ausbau der Suizidprävention wäre ganz im Sinne des Antrages.“ Denn bei den Beratungsstellen gehe es ja gerade darum, Alternativen auszuloten, und dazu gehöre es auch, etwa die Palliativversorgung bekannter zu machen.

Für Lauterbach ist „jeder verhinderte Suizid ein Gewinn.“ Die derzeitige rechtliche Situation sei „sehr problematisch“, denn sie begünstige Sterbehilfevereine. Lauterbach: „Ich halte es für notwendig, es noch in dieser Legislatur zu regeln.“

„Lebbe geht weider“: Kult-Trainer Stepanović erklärt Ostern

Osterfilm der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.
Osterfilm der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

von Kurt-Helmuth Eimuth 29. März 2021

Was würde besser zur Osterhoffnung passen, als der launige Ausruf des früheren Trainers von Eintracht Frankfurt Dragoslav Stepanović: „Lebbe geht weider“. Jetzt unterstützt er die evangelische Kirche mit einem Video.

Der Ausruf hat ihn berühmt gemacht: Als 1992 Eintracht Frankfurt die Fußball-Meisterschaft verspielte, kommentierte Trainer Dragoslav Stepanović das mit seinem berühmten „Lebbe geht weider“. Jetzt greift der gläubige Trainer die drei zum Bonmot gewordenen Worte wieder auf, um auf die Osterbotschaft hinzuweisen. „Lebbe geht weider, das ist für mich Ostern“.

Zusammen mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat Stepanović einen kleinen Film gedreht. Darin erzählt er kurz die biblische Geschichte von der Auferstehung. Stepanović freut sich auf Ostern und feiert es gleich zweimal. Einmal hier und vier Wochen später in Serbien. „Mit Geschenken und allem drum und dran“, und natürlich gebe es auch Lamm. Die Lebensfreude hat sich Stepanović bis heute bewahrt.

Etwas von der Osterhoffnung will die EKHN auch in Pandemie-Zeiten weitergeben. Deshalb bekommt in diesen Tagen jeder Haushalt eine Impulspost, die auch eine Anleitung zur eigenen Andacht enthält.

Ob es angesichts der Corona-Pandemie Präsenzgottesdienste geben wird, entscheidet jede Gemeinde selbst. „Da geht es uns wie der Bundeskanzlerin. Wir können das nicht anordnen,“ sagt Volker Rahn, Pressesprecher der EKHN. „Die Gemeinden werden das sehr genau abwägen“, ist sich Kirchenpräsident Volker Jung sicher. Zudem hat sich eine beeindruckende Zahl digitaler Angebote entwickelt.

Hier geht es zum Film: https://www.ekhn.de/aktuell/detailmagazin/news/mit-osterhoffnung-und-stepi-durch-die-pandemie.html

Umweltschutz: Seit vierzig Jahren auf der Tagesordnung

von Kurt-Helmuth Eimuth 22. März 2021

Die „Bewahrung der Schöpfung“ ist schon lange eine wesentliche Grundlage christlicher Ethik.

Foto: Hindrik Sijens/Flickr.com
Foto: Hindrik Sijens/Flickr.com

Seit der Club of Rome 1980 vor der Klimaveränderung warnte, steht das Thema bei den christlichen Kirchen ganz oben auf der Agenda. 1983 rief der Ökumenische Rat der Kirchen bei seiner Vollversammlung in Vancouver zu einem „konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ auf.

Das setzte eine globale Reformbewegung in Gang mit dem Ziel, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit und Unfrieden zu analysieren und zu überwinden. Auch heute möchten christliche Initiativen die 2020er Jahre zu einer Dekade für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ausrufen.

Dabei sind Umwelt- und Friedensbewegung von Anfang an eng verwoben. Denn im Kern geht es darum, dass dieser Planet uns nur anvertraut ist und auch nachfolgende Generationen hier gut leben sollen. Es ist dieser Wertkonservatismus von dem schon der frühere Bundesminister und spätere Präsident des Evangelischen Kirchentages Erhard Eppler in den 80er Jahren sprach, der das Fundament für das Engagement bildet.

Insofern sind die Grünen als Partei im Kern wertkonservativ. Es kommt nicht von ungefähr, dass am Anfang der Parteigründung der Grünen so viele Pfarrerinnen und Pfarrer an prominenter Stelle mitwirkten.

Das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung, also für eine nachhaltige Umweltpolitik hat zwar die verfasste Kirche nicht zum innovationsstarken Unternehmen gewandelt, aber es hat doch in der Breite zu einer Sensibilisierung beigetragen. Und diese ist wirklich nötig. Denn Verhaltensänderungen sind nur sehr schwer zu bewirken. Wer entscheidet sich schon bei kühlen Temperaturen für das Fahrrad, wenn das Auto daneben steht? Hier bedarf es eines ständigen Updates von der abstrakten Forderung nach Klimaschutz hin zur Alltagsbequemlichkeit. Das ist die Aufgabe der Kirchen. Hier wird die oft beschworene Wertevermittlung konkret.

Stadt ehrt Stolperstein-Vorsitzenden Hartmut Schmidt

von Kurt-Helmuth Eimuth 26. Februar 2021

Schmidt wird für seine ehrenamtlichen Verdienste in der Initiative Stolpersteine mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ausgezeichnet.

Hartmut Schmidt  |  Foto: Evangelische Öffentlichkeitsarbeit
Hartmut Schmidt | Foto: Evangelische Öffentlichkeitsarbeit

Oberbürgermeister Peter Feldmann persönlich rief Hartmut Schmidt an und fragte, ob er die Ehrenplakette der Stadt annehmen würde. Inzwischen hat der Magistrat der Stadt beschlossen, den 78-jährigen Schmidt für seine Verdienste in der Initiative Stolpersteine durch die Verleihung zu ehren. Die Ehrenplakette wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich auf kommunalpolitischem, kulturellem, wirtschaftlichem, sozialem oder städtebaulichem Gebiet um die Stadt verdient gemacht und durch ihr Wirken dazu beigetragen haben, das Ansehen der Stadt Frankfurt am Main zu mehren.

Schmidt ist Vorsitzender der Initiative Stolpersteine, die er 2003 bei der ersten Verlegung im Oberweg noch in seiner Funktion als Redakteur des Evangelischen Pressedienstes kennenlernte. Seit 2004 arbeitet er dort mit und ist seit 2008 ihr Vorsitzender. Seit Gründung der Frankfurter Initiative wurden 1.400 Stolpersteine in der Stadt verlegt. Sie erinnern an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen. Schmidt führt umfassende Recherchen zu den Geschichten und Lebensläufen der Opfer durch und hält Kontakt zu vielen ihrer Nachkommen. „Vor allem aus den USA und aus Israel erreichen die Initiative Bitten um die Verlegung solcher Erinnerungssteine.“, erzählt Schmidt. Zudem kooperiert er eng mit Schulen und Lehrkräften, um Schülerinnen und Schüler für das Erinnerungsprojekt zu interessieren. „Man kann im Grunde nie aus der Geschichte aussteigen“, sagt Schmidt.

Aus der Arbeit sind auch zwei Bücher entstanden, die zu Erinnerungsrundgängen durch die Stadt einladen. In den 80er Jahren war Schmidt bereits bei der Frankfurter Initiative „Solidarität mit Solidarność“ und als Vorsitzender des Frankfurter Flüchtlingsrats tätig, würdigt die Stadt das ehrenamtliche Engagement des Journalisten. 2012 erhielt Schmidt die Spener-Medaille des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt.

Auch der langjährige Mitarbeiter der katholischen Stadtkirche Hans-Dieter Adam wird von der Stadt Frankfurt mit der Ehrenplakette ausgezeichnet.

Die Festeburgkirche wurde zur TV Kirche

Frankfurt lokal

von Kurt-Helmuth Eimuth 12. Februar 2021

Über 2,5 Millionen feierten die Gottesdienste aus Preungesheim.

Bischof Heinrich Bedford-Strohm beim Fernsehgottesdienst in der Festeburgkirche
Bischof Heinrich Bedford-Strohm beim Fernsehgottesdienst in der Festeburgkirche

Sozusagen über Nacht wurde die evangelische Festeburgkirche zur TV-Kirche. Gleich dreimal übertrug das ZDF im letzten Vierteljahr Gottesdienste aus Preungesheim. Über zwei Millionen Zuschauer:innen konnten so die über 50 Jahre alte Kirche kennenlernen. Dabei ist die Gemeinde mit ihrer Gastfreundschaft nur kurzfristig eingesprungen.

Eigentlich sollte zu Nikolaus aus der benachbarten Johanniskirche gesendet werden. Doch pandemiebedingt nimmt das ZDF nur noch die großen Übertragungswagen, damit die Mitarbeiter:innen genug Abstand halten können. Doch beim besten Willen: Ein Vierzigtonner kommt in Alt-Bornheim nicht um die Ecken. Kurzentschlossen sprang die Festburggemeinde ein.

Offenbar waren die Produktionsbedingungen für das Fernsehteam nicht nur gut, sondern man fühlte sich wohl. „Der Kirchbau kann flexibel genutzt werden und die Kameras können gut fahren“, sagt die Fernsehbeauftragte der evangelischen Kirche Simone Hahn. Und im Hintergrund stünde ein tolles Team. „Man fühlt sich unglaublich Willkommen“, schwärmt Hahn.

Kein Wunder also, dass das ZDF noch zwei weitere Mal kurzfristig bei der Frankfurter Gemeinde anklopfte. Der Neujahrsgottesdienst, der eigentlich in der Frauenkirche in Dresden stattfinden sollte, und der Gottesdienst der Nürnberger LUX-Jugendkirche zur Vorstellung der neuen BasisBibel mit EKD-Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm wurden auch aus Preungesheim gesendet.

„Wir haben da sehr gerne geholfen und uns über die vielen positiven Rückmeldungen, die wir in den zurückliegenden Wochen von allen Seiten erhalten haben, sehr gefreut,“ resümiert die Vorsitzende des Kirchenvorstandes Roswitha Martell. Zudem waren mit Frank Hoffmann (Orgel) und Isabella Kochsiek (Violine) zwei Gemeindemitglieder an der Gestaltung beteiligt.

Vor besondere Probleme stellte die Gemeinde die Bewirtung der Gäste. Aber auch das meisterte die engagierte kleine Gemeinde: „Und wenn dann in Coronazeiten über Sylvester und Neujahr zudem noch viele Gastronomiebetriebe geschlossen hatten, während ein rund 30-köpfiges Produktionsteam und eine Gemeinde drei intensive Tage vor Ort arbeiten, dann wäre man kein guter Gastgeber gewesen, wenn nicht zwei engagierte Gemeindemitglieder ehrenamtlich auch für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt hätten, erzählt Martell.

Im Moment sind keine weiteren Gottesdienstproduktionen geplant. Für spontane Gastfreundschaft bleibt aber die Gemeinde sicher ansprechbar. Und am Horizont tauchte auch schon die Idee der Übertragung eines eigenen Gemeindegottesdienstes auf.

Das Gift der Verschwörung

von Kurt-Helmuth Eimuth 1. Februar 2021

Verschwörungserzählungen sind nicht erst seit Corona verbreitet. Das Problem: Sie können immer weiter nach rechts driften und radikalisiert werden.

„Aluhutträger“ lassen sich nicht überzeugen: Das Wort geht auf eine Science-Fiction-Geschichte von Julian Huxley aus dem Jahr 1927 zurück, in der Kappen aus Metallfolie Telepathie blocken sollen. | Foto: Kai Schwerdt /Flickr.com (cc by-nc)
„Aluhutträger“ lassen sich nicht überzeugen: Das Wort geht auf eine Science-Fiction-Geschichte von Julian Huxley aus dem Jahr 1927 zurück, in der Kappen aus Metallfolie Telepathie blocken sollen. | Foto: Kai Schwerdt /Flickr.com (cc by-nc)

Eigentlich verständlich, dass Menschen auf komplizierte Zusammenhange gerne einfache Antworten bekommen möchten. Einfache Antworten entlasten emotional, denn es ist sehr schwierig, Unsicherheiten auszuhalten. Eine repräsentative Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung, durchgeführt vor einem Jahr, zeigt, wie verbreitet der Wunsch nach einfachen Antworten ist: 30 Prozent halten demnach die Behauptung, dass geheime Machte die Welt steuern, „für wahrscheinlich richtig oder sicher richtig“, ein harter Kern von 11 Prozent ist sich dessen sogar „ganz sicher“.

Ganz oben auf der Hitliste klassischer Verschwörungsmythen steht die Überzeugung, die Mondlandung hätte gar nicht stattgefunden, sondern wäre im Studio gefilmt worden. Politischer wird es mit der Behauptung, die Anschlage vom 11. September seien von der US-Regierung selbst inszeniert worden, um islamistischen Staaten den Krieg erklären zu können. Und natürlich ist da auch noch die große Diana-Verschwörung, die gleich mehrere Deutungen des Unfalls der englischen Prinzessin zu bieten hat.

Seit Corona ist aber nicht nur die Zahl der Verschwörungserzählungen gewachsen, sie werden auch immer radikaler. Psychologisch ist das erklärbar: Wenn man an etwas glaubt – zum Beispiel, dass es das Virus gar nicht gibt oder Donald Trump mit Sicherheit die Wahl gewinnt – sich dies aber in der Realität nicht bewahrheitet, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man erkennt an, dass man falsch lag, oder man gräbt sich noch tiefer ein und erfindet immer neue Erklärungen.

Wie weit die Radikalisierung in den USA schon fortgeschritten ist, zeigt eine neue Umfrage: Fast 40 Prozent der Befragten glaubt, dass ein „tiefer Staat“ im Geheimen gegen Donald Trump operiert hat. Und mehr als die Hälfte hält es für vorstellbar, dass eine Gruppe „satanistischer Eliten“ einen Kindersexring betreibet und Politik und Medien kontrolliert.

Dass eine Elite Kinder gefangen hält und ihnen Blut absaugt, ist ein altes antisemitisches Erzählmuster. Schon im 15. Jahrhundert hieß es, Frauen und Juden würden aus Kindern Hexensalbe herstellen. Bis heute schwingt der Mythos einer geheimen jüdischen Weltverschwörung mit, wenn behauptet wird, dunkle Mächte wollten die Menschen durch eine Impfung manipulieren. Dementsprechend wird auch der Holocaust verharmlost, wenn zum Beispiel „Querdenker“ sich heute als ebenso verfolgt wie Jüdinnen und Juden unter Hitler stilisieren.

Mit dem harten Kern dieser Bewegung, in Deutschland etwa zehn Prozent der Erwachsenen, lässt sich kaum noch vernünftig diskutieren. Sie sind so in ihr eigenes Glaubensmuster verwoben, dass Argumente keine Chance haben. Doch der größere Teil derer, die Verschwörungsideen verbreiten, sind vor allem verunsichert. Mit ihnen muss gesprochen werden, sie brauchen Argumente so dringend wie Zuwendung.

Orgeltage für Zuhause: Mitschnitte aus der Heiliggeistkirche

Kunst & Kultur

von Kurt-Helmuth Eimuth 8. Januar 2021

Kirchenkonzerte können zurzeit nur vereinzelt stattfinden oder müssen ganz abgesagt werden. Dafür gibt es jetzt eine zweite CD mit Livemitschnitten aus der Frankfurter Heiliggeistkirche.

Orgelkonzert aus dem Dominikanerkloster - jetzt hat Organist Frank Hoffmann eine zweite CD herausgebracht.
Orgelkonzert aus dem Dominikanerkloster – jetzt hat Organist Frank Hoffmann eine zweite CD herausgebracht.

Die Walcker-Orgel der Frankfurter Heiliggeistkirche mit ihren 40 Registern ist ein gewaltiges Instrument, zumal sie auch über eine „Spanische Trompete“ verfügt. Zu hören ist sie jetzt auf einer zweiten CD, die der Organist der Kirche, Frank Hoffmann, bei den der alljährlich stattfindenden Frankfurter Orgeltagen aufgenommen hat.

Für die Live-Mitschnitte hat Hoffmann durchaus auch populäre Stücke ausgesucht. Höhepunkt ist die Komposition Jerusalem von Charles Hubert H. Perry, die jährlich die „Last night of the Proms“ in der Londoner Royal Albert Hall abschließt. Ungewöhnlich auch Felix Alexandre Guilmants Marche Funèbre et Chant Séraphique – ist es doch ein Trauermarsch, der sich allmählich bis zum Fortissimo und einem langen Pedaltriller steigert. „An das folgende Decrescendo schließt sich der sphärische Chant Séraphique an, der am Ende mit einem einzigen langen tiefen Pedalton verklingt“, beschreibt Hoffmann das Klangerlebnis.

Natürlich dürfen auch Bach und Händel (Feuerwerkmusik) nicht fehlen, denen aber Werke zur Seite gestellt werden, die nicht so oft auf dem Programm stehen: Gustav Adolf Merkel, George Thomas Thalben-Ball oder Marco Enrico Bossis. Alle Aufnahmen entstanden 2020.

Neben seinen Engagements als Organist an der Heiliggeistkirche und der Preungesheimer Festeburgkirche leitet Frank Hoffmann den etwa 60 Sängerinnen und Sänger umfassenden Frankfurter Kantatenchor. Außerdem ist er Vorsitzender und künstlerischer Leiter des seit 1950 bestehenden Kirchenmusikvereins Frankfurt, der zahlreiche Konzerte in der Heiliggeistkirche organisiert.

Zu beziehen ist die CD für 12 Euro zzgl. 1,55 Euro Versandkosten beim Evangelischen Regionalverband, Jutta Volk, Telefon 069 21 65 12 44, jutta.volk@ervffm.de.

So wirkt sich Corona auf das Leben im Frauengefängnis aus

von Kurt-Helmuth Eimuth 29. Dezember 2020

Corona ist nicht nur für Altenheime eine große Herausforderung. Auch Häftlinge in den Gefängnissen leiden besonders unter den Einschränkungen. Ein Gespräch mit Pfarrerin Susanne Kahlbaum, Gefängnisseelsorgerin im Preungesheimer Frauengefängnis.

Susanne Kahlbaum ist Gefängnisseelsorgerin in der Frauen-JVA Preungesheim. |Foto: Ilona Surrey
Susanne Kahlbaum ist Gefängnisseelsorgerin in der Frauen-JVA Preungesheim. |Foto: Ilona Surrey

Die Corona-Pandemie hat auch die Routinen in den Gefängnissen verändert. Im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim zum Beispiel müssen alle Neuzugänge zunächst eine vierzehntägige Quarantäne überstehen. In dieser Zeit haben sie keinen Kontakt zu Mithäftlingen, es bleibt einzig der tägliche Hofgang, sagt Susanne Kahlbaum, Gefängnisseelsorgerin in der Frauenvollzugsanstalt Preungesheim. Die Sonntags-Gottesdienste, für viele Inhaftierte sonst eine willkommene Abwechslung, können nur noch in kleinen Gruppen in der Turnhalle stattfinden – alle 230 Frauen haben da keinen Platz, eine Teilnahme ist für die Einzelnen nur noch alle drei Wochen möglich.

Auch im Gefängnis spielen Medien eine entscheidende Rolle, um ein Leben unter Corona zu ermöglichen. Um die Verbindung zur Familie zu halten, wurden zwei Skype-Plätze eingerichtet, damit die Frauen ihre Familien mit Kindern im heimischen Wohnzimmer sehen können. „Die einen sagen, das ist viel besser als Besuch, da es lockerer ist“, berichtet Kahlbaum. „Andere sagen, es ist schwer auszuhalten, die eigenen Kinder nicht in den Arm nehmen zu können.“ Besuche sind wegen der Pandemie derzeit nur getrennt durch eine große Glasscheibe erlaubt, jede Berührung ist verboten. „Dieses Getrenntsein spüren die Kinder sehr“, erzählt die Pfarrerin.

Außerdem erinnerte man sich an die Möglichkeit, ein eigenes TV-Programm in die Zellen zu schicken. Vor vielen Jahren war dafür eine Anlage angeschafft worden, auf der eigens ausgewählte Filme gezeigt wurden. Das war dann aber aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich, und die Anlage geriet in Vergessenheit. Aber sie funktioniert noch. Jetzt werden zwar keine Filme gesendet, aber es wurde etwa der ökumenische Weihnachtsgottesdienst übertragen, den die Seelsorgerinnen und Seelsorger dafür eigens in der Basilika des Schlosses Johannisberg aufgenommen haben.

Vor allem nagt aber die Ungewissheit: Wie wird es weitergehen, was wird noch kommen? In dieser Hinsicht geht es den Frauen im Gefängnis nicht anders als dem Rest der Bevölkerung. Die Anstalt und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unternehmen große Anstrengungen, um flexibel auf die belastende Situation zu reagieren. So wurden 100 Fernseher angeschafft, die Gebühren für die Nutzung ausgesetzt und die Begrenzung der Telefonzeit auf 120 Minuten wurde aufgehoben. Die Hofgänge mussten in Gruppen organisiert werden, es gab bis zu 12 Gruppen am Tag. Ein enormer Personaleinsatz war hierfür notwendig.

Im Frühjahr konnte einige Wochen nicht mehr gearbeitet werden, es fehlte Beschäftigung, da Arbeitsbetriebe schlossen. Allerdings entwickelte sich bald ein neuer Arbeitszweig: das Nähen von Masken. Alle hessischen Anstalten wurden auf diese Weise versorgt.

Trotz aller Anstrengungen stellt Kahlbaum fest: „Die Frauen sind viel mehr im Einschluss.“ Das Leben im Strafvollzug, auch im offenen Vollzug, ist wesentlich eingeschränkter. Doch die meisten Frauen können sich beschäftigen. Vor allem Nähen und Stricken sind beliebt. Deshalb sucht die Gefängnisseelsorge Spenden an Wolle, Bastelmaterialien und Spiele. Besonders begehrt sind funktionstüchtige Nähmaschinen, die aber nicht schwerer als acht Kilogramm sein dürfen. Für manche Inhaftierte ist das erworbene Nähzertifikat und eine Nähmaschine nach der Entlassung der Start für eine berufliche Zukunft.

Geldspenden können an die Evangelische Seelsorge, IBAN DE 29 5005 0201 0000 4044 97 bei der Frankfurter Sparkasse überwiesen werden. Für andere Zuwendungen nehmen Sie bitte Kontakt auf mit Susanne.Kahlbaum@jva-frankfurt3.justiz.hessen.de.