Tag Archiv für Geflüchtete

Es ist unerträglich – Zur Situation der Ukrainer:innen in Deutschland

„Ich bewundere viele Frauen“ sagt Tanja Sacher über geflüchtete Urkrainerinnen „und frage mich gleichzeitig, woher nehmen sie die Kraft. Und dann plötzlich kommen die Tränen. Eigentlich ist es unerträglich aber es gibt keine Ende.“ So schildert die Pfarrerin die Situation der hier lebenden Ukrainer:innen. Tanja Sacher hat einen Spezialauftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zur Betreuung dieser Geflüchteten. Sie selbst spricht russisch. Die Geflüchteten seien dauerhaft mit ihren Angehörigen verbunden. Das mache es schwer hier anzukommen, da man sich um die Menschen in der Heimat Sorge. Eine solche Situation zermürbe. Schlaflosigkeit, Panikattacken und Depression seien häufig die Folge. Sacher wünscht sich die Möglichkeit einer schnelleren Integration in den Arbeitsmarkt. Dazu sei es notwendig Sprache nicht nur im Unterricht zu erlernen, sondern sie auch im Arbeitsprozess anzuwenden.

Zur Person:
Tanja Sacher kam mit neun Jahren aus Russland nach Deutschland. Aufgewachsen ist sie im Badischen. Nach mehreren Stationen als Gemeindepfarrerin unter anderem in Oberursel und in Steinbach arbeitet sie seit 2021 im Kirchlichen Flüchtlingsdienst am Frankfurter Flughafen. Seit September 2023 ist sie zudem Seelsorgerin für Menschen aus der Ukraine.

Zur Debatte CDU – AfD: Wer Anstand hat, hält Abstand

Der gestrige Mittwoch war für Conny&Kurt aufregend und aufwühlend. Aufregend das Handballspiel, aufwühlend die Bundestagsdebatte. Beide haben sich darüber gefreut, dass die katholische und evangelische Kirche den Abgeordneten zuvor einen Brandbrief geschrieben haben. Die beiden Kirchen argumentieren in dem vierseitigen Schreiben vor allem juristisch und heben hervor, dass die geplanten regelungen geltendem Recht widersprechen. Vor allem über den Stopp des Familiennachzuges zeigen sich die Kirchen empört. Nach Meinung von Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth widerspricht eine solche Regelung dem christlichen Menschenbild und einer christlichen Vorstellung von Familie. Der CDU/CSU empfehlen die beiden Podcaster Abstand zur AfD zu halten. Sie zitieren die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland Anna-Nicole Heinrich: „Alle reden von Brandmauer, zuallererst brauchen wir Anstand. Wer Anstand hat, macht keine Sache mit Rechtsextremen. Wer Anstand hat, hält Abstand. Und zwar den größtmöglichen.“

„Wer Waffen liefert, bekommt Geflüchtete“Die neue Vorsitzende von Pro Asyl im Gespräch

Mit Blick auf den globalen Süden beschreibt die neue Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Pro Asyl Halina Gutale einen Mechanismus, der in der hiesigen Diskussion keine Rolle spielt. Im Podcast Conny&Kurt stellt Gutale, die mit 14 Jahren aus Somalia nach Deutschland flüchtete, fest: „Wer Waffen liefert, bekommt Geflüchtete“. Für sie ist klar: Die Geflüchteten, die man nicht haben will, produziert man gleichzeitig.“ Sie selbst kennt aus ihrer Erfahrung alle Probleme von Geflüchteten: „Wir hatten ganz andere Sorgen als Gleichaltrige.“ Die Woche über ging sie zur Schule und am Wochenende arbeitete sie in der Pizzeria, um den Deutschkurs bezahlen zu können. Für sie ist es wichtig, dass Geflüchtete ihre Rechte kennen. „Damals kannte ich meine Rechte nicht, man verweigerte mir das Abitur aufgrund des Aufenthaltsstatus.“ Es müssten „mit Herz und Verstand“ Lösungen gesucht werden. Dabei gelte immer: „Wir müssen menschlich bleiben“. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Pro Asyl ist ein Zusammenschluss von Mitarbeitenden aus Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Menschenrechtsorganisationen und landesweiten Flüchtlingsräten. Sie verbindet die Überzeugung, dass es die Pflicht einer demokratischen und humanen Gesellschaft ist, Flüchtlinge und verfolgte Menschen zu schützen.

Die Integration muss gefördert werden, nicht die Abschreckung

Conny&Kurt zeigen sich in ihrem Podcast verwundert über die derzeitige Diskussion über Flüchtlinge. Aus gutem Grund stehe im Grundgesetz das Recht auf Asyl. Und dies gelte allemal für Menschen aus den Kriegsgebieten wie Ukraine oder Syrien oder auch Afghanistan. Conny&Kurt sind sich einig, dass mehr für die Integration getan werden muss. Ein erprobtes Modell sei es, die Geflüchteten morgens arbeiten zu lassen und nachmittags in den Deutschunterricht zu senden. So könnten sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und gleichzeitig durch den Kontakt mit Deutschen die Sprache besser lernen. Das generelle Arbeitsverbot sei unsinnig.

Sehnsucht nach heiler Welt

Im letzten Jahr flüchteten die Kinder vor dem Krieg aus der Ukraine. In der letzten Woche malten sie Bilder, die im Foyer des BTH ausgestellt wurden. Die in Zusammenarbeit des Jugendbereiches der Evangelischen Thomasgemeinde und dem Verein „jmd Migration“ erstellten Bilder zeugen nicht von Kriegserlebnisssen, sondern von der Sehnsucht nach einer heilen Welt, einer intakten Natur. Anleitung erhielten die jungen Künstler und Künstlerinnen im Rahmen des Malprojektes „Projekt mit Zukunft“ von Dagmar Bode.

Text und Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Der Ukrainekrieg ist auch ein Angriff auf uns

Andreas von Schumann kennt die Ukraine gut. Vier Jahre hat der ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Kiew gelebt und im Auftrag der Bundesregierung das Land bei Reformprozessen beraten. Im Podcast Conny&Kurt schildert er seine Erfahrungen, positioniert sich als Kriegsdienstverweigerer klar für die militärische Verteidigung und hofft, dass die Unterstützung nicht nachlässt. Er selbst, der immer noch viele Kontakte in die Ukraine hat, unterstützt Geflüchtete an seinem Heimatort. Sein Fazit: Der Angriff auf die Ukraine ist auch ein Angriff auf uns. Deshalb muss man auch aus ganz rationalen Gründen helfen, wo man kann.

Flüchtlingskrise: Mehr Ehrlichkeit wagen

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 7. Oktober 2015

Die Herausforderung durch die vielen geflüchteten Menschen, die zurzeit nach Deutschland kommen, wird nicht in wenigen Wochen beendet sein. Es wird viel Geld und Engagement nötig sein, um ihnen eine Perspektive zu verschaffen. Aber genau das birgt auch die Chance, Schieflagen in unserer Gesellschaft zu begradigen.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser

Viele Flüchtlinge stehen noch vor den Grenzen Europas, ein Ende der Kriege in Syrien und Afghanistan ist nicht in Sicht. Deutschland zeigt bisher überwiegend ein freundliches Gesicht. Auch die Kirchen helfen, wo sie können. Doch daneben hat eine Diskussion darüber eingesetzt, wie es nun weitergehen soll.

Bundespräsident Joachim Gauck sagte bei der Einheitsfeier in der Alten Oper: „Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Endlich sind unsere Möglichkeiten sicherlich. Aber sind sie bereits ausgeschöpft? Was bedeuten die vielen Flüchtlinge für unser Gemeinwesen?

Manchmal hilft ein Blick in die Statistik: Schon lange beträgt die Zahl der Neuankömmlinge zwischen 1,5 Millionen (1992) und 700.000 (2006) jährlich; 2013 waren es 1,2 Millionen. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland. Jetzt kommen Menschen hinzu, die nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Viele von ihnen sind seelisch schwer verletzt, traumatisiert. Und doch sind sie auch eine Chance für Deutschland. Die Hälfte von ihnen ist unter 25 Jahre alt. Mit Blick auf den demografischen Wandel kann der deutschen Gesellschaft und auch der Wirtschaft gar nichts Besseres passieren.

In mehr Gerechtigkeit investieren

Allerdings müssen diese Menschen auch eine Chance bekommen. Sie brauchen Deutschkurse, Wohnungen, Arbeitsplätze. Dabei soll niemand sagen, es mangele an Geld: Die Bankenrettung hat einen dreistelligen Milliardenbetrag aus Steuermitteln gekostet. Es ist an der Zeit, in mehr Gerechtigkeit zu investieren.

Der Bau von Sozialwohnungen wird allen zugute kommen, die sich die Mieten in den Ballungsräumen nicht mehr leisten können. Förderprogramme in Kitas und Schulen werden hoffentlich dazu dienen, mehr Bildungsgerechtigkeit zu gewährleisten. Es ist ein Skandal, dass in Deutschland jedes Jahr 70.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen. Mit den Flüchtlingen haben wir die große Chance, solche Schieflagen unserer Gesellschaft zu begradigen.

Doch dies wird nicht von heute auf morgen gehen. Die Menschen fragen zurecht, wie es weitergehen soll. Hier ist die Politik gefordert, ehrlich zu sagen, dass viel Geld und Engagement nötig ist. Nur dann schaffen wir das. Nur wenn die Flüchtlinge hier eine Perspektive bekommen, werden sie ein Segen sein.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 7. Oktober 2015 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe 2015/6 – November, Web.