Tag Archiv für Kita

Krippen akut in Not

Frankfurter Rundschau 23.2.08
VON MARTIN MÜLLER-BIALON
Schwierig ist die Lage ist schon jetzt: Besonders wenn Virusinfektionen umgehen, kommt es in den Krippen und Krabbelstuben immer wieder zu Engpässen. Denn bei dem besonders engen Kontakt zwischen Kleinkindern und Betreuern sind oft auch die Erzieher betroffen. „Es kommt immer wieder vor, dass ich meinen Sohn beim Abholen mit einer ihm nicht vertrauten Person in nicht vertrauten Räumen vorfinde“, berichtet eine Mutter der städtischen Krippe „Kunterbunt“ in Bornheim. Sie habe oft „kein gutes Gefühl“, wenn sie ihr Kind zur Krippe bringe. „Das liegt aber nicht an den Erzieherinnen, es gibt zu wenig Personal.“

Nach den Vorgaben der hessischen Verordnung für die frühkindliche Betreuung ist das Personal ausreichend. „Wenn alle da sind, reicht der Stellenplan aus“, sagt „Kunterbunt“-Leiterin Christina Spaethen. Immer wieder gebe es aber Ausfälle wegen Fortbildungen oder Erkrankungen der Kolleginnen.

„Wir versuchen dann, im Sinne der berufstätigen Eltern die Gruppen trotzdem offen zu halten.“ Die Zahl der „Springerinnen“ – zurzeit ist eine für zwei Krippen zuständig – zu verdoppeln, wie es der Kita-Gesamtelternbeirat fordert, hält die Leiterin für wünschenswert.
Erzieher in Frankfurt
3200 Erzieher-Stellen gibt es nach der jüngsten Erhebung (Stand 2005) in den Krippen, Kindergärten und Horten städtischer sowie freier und kirchlicher Träger. Seitdem sind mehr als 2200 neue Betreuungsplätzen – das macht etwa 150 weitere Stellen – geschaffen worden.Das Ausbauprogramm (6000 zusätzliche Krippenplätze, Personalaufstockung in den Kitas) macht die Schaffung weiterer 1600 Jobs bis 2013 erforderlich. Ab dann gilt der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz.

Keine gute Ausgangslage für die gigantische Aufgabe, die die Stadt in den kommenden fünf Jahren zu stemmen hat: Der vom Bund beschlossene Rechtsanspruch für einen Krippenplatz ab 2013 bedeutet eine glatte Verdreifachung der Plätze und des Fachpersonals. Zu den derzeit 3200 Krippenplätzen bei der Stadt sowie freien und kirchlichen Trägern müssen weitere 6000 geschaffen werden.

Bei einem Stellenschlüssel von 1:5 (eine Erzieherin, fünf Kinder) bedeutet das 1200 neue Stellen – derzeit sind es 640. Weitere 400 Erzieher-Stellen will die Stadt freiwillig schaffen – die Aufstockung des Personalschlüssels von eineinhalb auf zwei Stellen je Kindergartengruppe läuft derzeit.

Wie das gehen soll, weiß zurzeit niemand. „Engpässe gibt es schon jetzt, der Ausbau kommt oben drauf“, sagt etwa Kurt-Helmuth Eimuth, Abteilungsleiter im für die evangelischen Kitas zuständigen Diakonischen Werk. Eimuth leitete bis 2005 die Erzieherschule im Diakonissenhaus, deren Betrieb ausläuft.

Fehlende Ausbildungsplätze

Eine Entscheidung, die sich nun rächt. Denn die Berta-Jourdan-Schule kann als Berufsschule für pädagogische Berufe den Bedarf nicht decken. So wird nun im Schul- wie im Sozialdezernat nach alternativen Lösungen gesucht. Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne) hat bereits eine Werbekampagne für den Erzieherberuf angekündigt, wobei besonders die in den Kitas stark unterrepräsentierten Männer angesprochen werden sollen.

Zudem erwäge man, wie Eimuth berichtet, ein Quereinsteigerprogramm. „Dabei könnten Leute qualifiziert werden, die eine ähnliche Ausbildung oder Qualifikation mitbringen.“ In Einzelfällen sei auch die Einarbeitung von Naturwissenschaftlern denkbar. Gegen solche Überlegungen steht freilich die Kita-Verordnung, wie Rainer Lossa vom Stadtschulamt betont. „Wir dürfen den Fachkraft-Status nicht aufgeben.“

Das Qualifizierungs-Modell der Werkstatt Frankfurt würde diese Problem lösen. Im Benehmen mit der Berta-Jourdan-Schule erwägt die Werkstatt, arbeitslose und allein erziehende Frauen für den Erzieher-Beruf zu gewinnen. „Ich gehe davon aus, dass etwa 100 bis 120 von ihnen die nötige Eignung haben“, sagt Geschäftsführer Conrad Skerutsch. Diesen Frauen soll eine stark praxisorientierte Umschulung angeboten werden.

Fernsehen ist nicht an allem Schuld

Evangelisches Frankfurt Dezember 2007

Die elektronischen Medien haben zur Zeit eine „Sündenbockfunktion“ für die Gesellschaft, meint der Medienpädagoge Detlef Ruffert vom Frankfurter Institut für Medien und Kommunikation. Es gebe keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen Mediengewalt und realer Gewalt, sagte Ruffert bei einem Fachtag „Tabu Gewalt“ des Diakonischen Werks vor einhundert Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen. Erst in Zusammenhang mit einem entsprechenden sozialen Klima seien auch die Medien ein Problem. Ein Kind, das täglich Gewalt zwischen den Eltern erlebe, werde Gewalt aus Computerspielen oder dem Fernsehen eher übernehmen, als ein Kind, das auf tragfähige Beziehungen bauen kann.

Schon im Kindergarten müssten Kinder „einen selbst bestimmten Umgang mit den Medien“ lernen, so Ruffert. Die evangelischen Kindertagesstätten in Frankfurt werden dazu für ihre Erzieherinnen gemeinsam mit dem Institut für Medien und Kommunikation und der Landesanstalt für privaten Rundfunk ein intensives Fortbildungsprogramm anbieten.

Außerdem wollen die evangelischen Kitas künftig verstärkt auf Kinder achten, die in Gefahr sind, zuhause vernachlässigt zu werden. Nach Aussage von Julius Niebergall vom Kinderschutzbund haben etwa acht Prozent der jährlich in Frankfurt geborenen 6500 Kinder einen „erhöhten Hilfebedarf“.

Kurt-Helmuth Eimuth

Gute Betreuung braucht Vertrauen

Die Bundesregierung hat einen Rechtsanspruch auf die Betreuung von unter Dreijährigen eingeführt. In gut fünf Jahren müssen alle Kommunen ausreichend Plätze für Kleinkinder bereithalten. Das bedeutet allein für Frankfurt, dass bis zum Jahr 2013 etwa 6000 neue Krabbelstubenplätze geschaffen werden müssen.

Schon in den vergangenen Jahren hat die Stadt Frankfurt in diesem Bereich enorme Anstrengungen unternommen und jedes Jahr 300 neue Plätze im Krippenbereich geschaffen. Doch nun wird ein ganz anderes Tempo vorgelegt werden müssen. Frankfurt kann nämlich nicht, wie andere Regionen Deutschlands, darauf hoffen, dass die Kinderzahl rückläufig ist. Im Gegenteil: Seit Jahren steigt die Zahl der Geburten. Frankfurt ist nicht nur eine kinderfreundliche Stadt, sondern verfügt auch über eine vergleichsweise hohe Zahl von Arbeitsplätzen, weshalb gerade junge Menschen hierher ziehen. Vor allem in den innenstadtnahen Quartieren sind Kinderbetreuungsplätze ebenso rar wie begehrt.

Die notwendige planerische Herausforderung beim Neubau von Einrichtungen darf dabei aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Ausbau von Krippenplätzen vor allem eine pädagogische Herausforderung ist. Aus gutem Grund nämlich beginnt der Kindergarten normalerweise erst mit drei Jahren. In diesem Alter können Kinder die Trennung von zuhause und den Wechsel der Bezugsperson meist leicht verkraften, ohne dass große pädagogische Anstrengungen notwendig sind. Jüngere Kinder hingegen bedürfen einer viel stärkeren emotionalen Bindung. Das heißt, die Betreuerinnen in Krabbelstuben müssen viel intensiver auf die Kinder eingehen als in Kindertagesstätten.

Sprache, soziales Verhalten, Bewegungsabläufe – das alles wird in dieser Lebensphase durch Nach­ ­ ahmung gelernt. Dieser Prozess bedarf des Vertrauens zwischen zwei Menschen, zwischen Kind und Betreuungsperson. Nur wer sich intensiv auf das Kind einlässt, fördert es.

Dies hat schon in den 1930er Jahren die ungarische Ärztin Emmi Pikler erkannt. Sie entwickelte, ursprünglich für die Kinder von TBC-kranken Müttern, ein Programm der „achtsamen Pflege“ und der „freien Bewegungsentwicklung“, das auf solche emotionalen Aspekte Rücksicht nimmt und noch heute wertvolle Anregungen für die Betreuung der Kleinsten gibt. Die Krabbelstuben des Diakonischen Werkes für Frankfurt arbeiten zum Beispiel nach dem Ansatz von Emmi Pikler.

So sollte etwa das Wickeln weder für das Kind noch für die Erwachsenen eine lästige Prozedur sein, sondern eine Zeit des intensiven und vergnügten Beisammenseins. Das klingt einfach, ist aber schon im familiären Alltag nicht immer zu verwirklichen. Umso schwieriger in der Krippe. Vor allem Zeit ist gefragt: Behutsam das Händchen waschen oder die Jacke achtsam anziehen, das erfordert mehr als die schnelle Versorgung des Kindes.

Um die Betreuung und Bildung der Kleinsten zu ermöglichen, sind deshalb sowohl eine spezielle pädagogische Kompetenz nötig als auch entsprechende Ressourcen. Vor allem müssen die Erzieherinnen über die notwendige Zeit – und das heißt auch, Arbeitszeit – verfügen, um eine echte Bindung zu den Kindern her­ stellen zu können. Wer Ja zum Rechtsanspruch sagt, muss Qualität garantieren. Denn nur gute Betreuungseinrichtungen sind ein Gewinn für Kinder, Eltern und Gesellschaft.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Sept 2007

Städel zeigt Kindheit in der Malerei

Dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, ist eine noch gar nicht so alte Entdeckung. Erst im 18. Jahrhundert kam die Idee auf, dass Kinder etwas Besonderes sind. In den Jahrhunderten zuvor mussten auch Kinder schon viel arbeiten, früh heiraten und selbst Kinder bekommen – vor allem viele Mädchen wurden bereits im Alter von zwölf Jahren verheiratet.

Das Städel-Museum zeigt in seiner aktuellen Ausstellung „Die Entdeckung der Kindheit – das englische Kinderportrait und seine europäische Nachfolge“, wie sich diese neue Einstellung Kindern gegenüber in der Malerei jener Zeit widerspiegelt. Zunehmend wurden Kinder nun in natürlichen Bewegungen dargestellt, zum Beispiel beim Spielen, oder doch wenigstens mit Kleidern, die ihnen Luft zum Atmen lassen. Zwar hat dieser Blick auf die Kindheit der gut Betuchten – Arme konnten es sich nicht leisten, Bilder malen zu lassen – nichts mit heutigen Vorstellungen von kindgerechter Freizeit zu tun, wenn etwa in dem Bild von Thomas Lawrence „Die Kinder des Lord George Cavendish“ das kleine Mädchen ein blütenweißes Kleidchen trägt. Aber immerhin kann es sich darin gut bewegen, was es auch sichtbar tut.

Bemerkenswert ist der für Schülerinnen und Schüler konzipierte vierzigseitige Begleitkatalog. Die Auflage zeigt, dass auch die Erwachsenen solche verständlichen Hintergrundinformationen schätzen. Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Juli zu sehen.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Mai 2007

Kinderakademie

Sie sind noch nicht in der Schule, halten aber schon die erste Urkunde einer Akademie in den Händen: Pfarrerin Ute Knie, die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie und Initiatorin der Kinder-Akademie, überreichte ihren kleinen Akademiebesucherinnen und Akademiebesuchern zum Abschluss eine Urkunde, die diese sichtlich stolz in Empfang nahmen. | Foto: Eimuth

Sie sind noch nicht in der Schule, halten aber schon die erste Urkunde einer Akademie in den Händen: Pfarrerin Ute Knie, die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie und Initiatorin der Kinder-Akademie, überreichte ihren kleinen Akademiebesucherinnen und Akademiebesuchern zum Abschluss eine Urkunde, die diese sichtlich stolz in Empfang nahmen.
Foto: Eimuth
Evangelisches Frankfurt Mai 2007

Roland Koch besuchte Kita

Foto: Eimuth

Foto: Eimuth

Da musste selbst der Ministerpräsident in die Knie gehen – als die Kinder des Kindergartens der Versöhnungsgemeinde im Gallus Roland Koch selbstgemalte Bilder überreichten. Der Ministerpräsident kam, um sich über die beispielhafte multikulturelle Arbeit in der evangelischen Kita zu informieren. Mit Hilfe des Projektes „Frühstart“ wird hier gezielt die Sprachkompetenz gefördert. Auch Koch betonte die Bedeutung der Sprachför­ derung, zumal in Frankfurt, wo 70 Prozent der Neugeborenen einen Migrationshintergrund hätten.

Evangelisches Frankfurt Mai 2007

Vom Karfreitag erzählen

Tod gehört zur Lebenswelt von Kindern

„Die Soldaten packten Jesus und führten ihn auf einen Hügel vor der Stadt. Dort nagelten sie ihn an ein Kreuz. Gleichzeitig wurden auch zwei Verbrecher gekreuzigt.“ Ist das eine Geschichte für Kinder?

Selbst in evangelischen Kindertagesstätten gibt es eine gewisse Scheu, sich diesem Teil des Ostergeschehens zu stellen. Formal betrachtet ist die Handlung aber auch nicht grausamer als das Märchen von Hänsel und Gretel. Spätestens seit der Psychologe Bruno Bettelheim belegte, dass Kinder Märchen brauchen, weiß man: Kinder brauchen die Auseinandersetzung mit Gut und Böse, mit – theologisch gesprochen – Tod und Auferstehung.

Die Kreuzigung aus Legosteinen nachgebaut – hier im „Brick Testament“ des amerikanischen Pfarrers Brendan Powell Smith. | Foto: www.thebricktestament.com

Die Kreuzigung aus Legosteinen nachgebaut – hier im „Brick Testament“ des amerikanischen Pfarrers Brendan Powell Smith.
Foto: www.thebricktestament.com

Fragen, warum der, der an Weihnachten erst geboren wurde, jetzt ans Kreuz genagelt wird, sind in der kindlichen Direktheit auch wirklich schwer zu beantworten. Warum ist Jesus nicht davon gerannt? Warum hat Gott nicht geholfen? Solche Fragen sind nichts anderes, als die kindgemäße Art, sich über die drei existenziellen Fragen Gedanken zu machen: Woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich? Kinder wollen sich verorten. Sie können stundenlang zuhören, wenn Oma von ihrer Kindheit und von der Kindheit der Mutter erzählt. Sie stellen sich unbekümmert vor, wo all die Vorfahren jetzt leben, und sie stellen präzise die Frage nach der eigenen Endlichkeit: Muss ich auch sterben?

Der Tod gehört durchaus zur Lebenswelt der Kinder. Sie erleben, wie ihr geliebter Hamster stirbt, vielleicht auch, wie Oma oder Opa sterben. Und da ist die natürliche Frage der Kinder eben auch die, die die Erwachsenen haben: Was kommt nach dem Tod?

Ostern ist ohne Karfreitag nicht denkbar, aber ebenso gilt, dass Karfreitag ohne Auferstehung nicht nur trostlos, sondern unerträglich ist, gerade für Kinderseelen. Das Wesen von Märchen ist die Gewissheit, dass das Gute siegt. Die Botschaft von Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod. Deshalb kann man Kindern die Geschichte vom Karfreitag ruhig erzählen.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007

Frankfurt: Familienstadt!

Kommentar

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Da hatten die beiden Frauen gut lachen: Pfarrerin Esther Gebhardt, Vorsitzende des Vorstandes des Evangelischen Regionalverbandes, und Jutta Ebeling, Bürgermeisterin und Bildungsdezernentin, waren sich bei der Einweihung der evangelischen Krabbelstube in Griesheim einig: Das, was im fernen Berlin diskutiert wird, „machen wir hier in Frankfurt“. Ebeling sprach gar von dem Ziel, Frankfurt als „Familienstadt“ zu profilieren.

Die Stadt unternimmt wirklich gewaltige Anstrengungen im Hinblick auf die Kinderbetreuung. Gleich ob grün, rot oder schwarz. Seit Jahren ist es Konsens in der Frankfurter Kommunalpolitik, die Betreuungsplätze für Kindergarten- und Krabbelkinder massiv auszubauen. Da wird nicht nur geredet, sondern richtig Geld in die Hand genommen. Weiß man doch, dass die Frage der Kinderbetreuung auch entscheidend für die Auswahl des Wohnortes ist. Wer künftig darauf baut, junge Familien in die Stadt zu holen oder dort zu halten, muss eine ausreichende Infrastruktur anbieten.

„Anbieten“ heißt das Verb, meine konservativen Herren – nicht nur – von der CDU! Niemand soll verpflichtet werden, sein Kind in eine Krabbelstube zu geben. Aber wer es tut, ist weder Rabenmutter noch Rabenvater. In einer Situation, in der die Großelterngeneration für solche Aufgaben nicht zur Verfügung steht, in der es keine Geschwisterkinder gibt oder in der zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, ist eine Krabbelstube mehr als eine Betreuungsalternative. Sie ist zugleich eine Bildungsinstitution. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass vor allem Kindern mit Migrationshintergrund Bildungschancen vorenthalten werden. Die Krabbelstube stellt auch für den Spracherwerb ein enormes Bildungspotenzial dar.

Und da wäre noch die Rolle der Kirche, die schon vor 150 Jahren begann, für verwahrloste Kinder Betreuungseinrichtungen anzubieten. Es ist ihr diakonischer Auftrag, in die Gesellschaft hinein zu wirken, ohne Ansehen der Person. Damit hat sich auch die Frage, warum die Kirche Kindergartenplätze für Muslime anbietet, erledigt. Der evangelische Kindergarten ist aber mehr als eine Bildungs- und Betreuungseinrichtung. Wenn es stimmt, dass Kinder eine geistige Verwurzelung und Zuversicht brauchen, dann dürfen sie nicht um Gott betrogen werden. Kinder haben auch ein Recht auf Religion. Das schätzen übrigens auch muslimische Eltern an evangelischen Kindertagesstätten. Krabbelstuben sind – genau wie Kindergärten – ein Gewinn für Eltern, für Kinder, für die Stadt und eben auch für die Kirche.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007

"Kinder müssen selbst aktiv werden“

Fachtag für Erzieherinnen über neue frühpädagogische Erkenntnisse

Die Frühpädagogik ist im Umbruch. Erzieherinnen in den Kindertagesstätten sollen die Kinder nicht nur beaufsichtigen, sondern fördern und bilden. Unter dem Motto „Bildung bewegt“ stand daher ein Fachtag für die Erzieherinnen und Erzieher in den 78 evangelischen Kindertagesstätten in Frankfurt, die täglich von fast 5000 Kindern besucht werden.

Erstmals waren auch die Grundschullehrerinnen und -lehrer eingeladen. Damit setzten die beiden Veranstalter, das Religionspädagogische Amt und das Diakonische Werk für Frankfurt, die Forderung des Hessischen Bildungsplans nach verstärkter Kooperation von Schule und Kindergarten um.

Die Freude an Büchern ist ganz wichtig für die frühkindliche Bildung. Bei den „Kinderlesetagen“ der Christuskirchengemeide in Nied konnten Kinder aller Altersstufen sich spannende Geschichten vorlesen lassen und in Büchern schmökern. | Foto: Oeser

Die Freude an Büchern ist ganz wichtig für die frühkindliche Bildung. Bei den „Kinderlesetagen“ der Christuskirchengemeide in Nied konnten Kinder aller Altersstufen sich spannende Geschichten vorlesen lassen und in Büchern schmökern.
Foto: Oeser

Die Bedeutung der frühen kindlichen Bildung hob Bernhard Kalicki vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München hervor. Die neuere Hirnforschung zeige, so der Hochschullehrer, dass die strukturelle Reifung des Gehirns bei der Geburt noch lange nicht abgeschlossen sei, sondern sich bis zur Pubertät fortsetze. Be­ einflusst von Sinnessignalen vollziehe sich ein stetiger Umbau von Nerven­ verbindungen, wobei nur ein Drittel der Verbindungen erhalten blieben. Deshalb gelte es, einen aktiven Konstruktionsprozess zu fördern. Die Kinder müssten selbst aktiv werden. Dies gelte für alle Bereiche des Lernens, für den Spracherwerb ebenso wie für motorische Fähigkeiten. Erzieherinnen müssten sich deshalb als „Moderatorinnen von aktiven Bildungsprozessen“ verstehen, so Kalicki.

Wie dies konkret umgesetzt werden kann, erfuhren die über 200 Teilnehmerinnen des Fachtages in zahlreichen Seminaren. So ist etwa die Hinführung zu den Naturwissenschaften und zur Mathematik in den Kindergärten keineswegs mehr exotisch. Allerdings staunten die Erzieherinnen, als der Hochschullehrer die Kindergruppengröße im internationalen Vergleich präsentierte: In Amerika sind 18 Kinder, in der Europäischen Union 12 bis 15 Kinder in einer Gruppe untergebracht; in Frankfurt dagegen sind es 21, in Hessen sogar 25 Kinder.

Als „ureigenste Aufgabe von Kirche“ bezeichnete Kurt-Helmuth Eimuth vom Diakonischen Werk für Frankfurt die Arbeit der Kindertagesstätten. Bildung gehöre zum Kerngeschäft der Kirche, denn mit der Geburt trete der Mensch in den Raum der Bildung ein. Der Pädagoge betonte, dass schon am Anfang der kirchlichen Kinderbetreuung im 17. Jahrhundert den Kindern eben nicht nur eine warme Suppe, sondern auch schon Bildung vermittelt wurde. Die damalige Bezeichnung „Kleinkinderschule“ weise darauf hin. Eimuth: „Bildung ist ein Markenzeichen des Protestantismus. Schon immer gehörten Diakonie und Bildung zusammen.“

truk

Evangelisches Frankfurt Feb 2007

Ein größerer Kindergarten für Sindlingen

Freuen sich über viel Platz zum Spielen: Die Kinder in der neuen Kita der Gemeinde Sindlingen in der Gustavsallee. | Foto: Oeser

Freuen sich über viel Platz zum Spielen: Die Kinder in der neuen Kita der Gemeinde Sindlingen in der Gustavsallee.
Foto: Oeser

Über einen vergrößerten und völlig renovierten Kindergarten freut sich die Gemeinde in Sindlingen. In zwölf Monaten wurde der zweigruppige Kindergarten komplett umgebaut und Platz für nun drei Gruppen in hellen Räumen geschaffen. In die renovierten Kellerräume in der Gustavsallee ist die gemeindliche Kinder- und Jugendarbeit eingezogen. Notwendig geworden war der Ausbau, nachdem das Gemeinde­zentrum „Arche“ in Sindlingen-Nord aufgegeben worden war. Die Baukosten betrugen rund 900000 Euro.

Kurt-Helmuth Eimuth