Tag Archiv für Kita

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Die kleine Bella wird demnächst ein Jahr alt, und ihre Eltern möchten dann gerne beide wieder in ihren Beruf zurückkehren. Doch bisher haben sie keine Zusage für einen Krippenplatz erhalten, obwohl sie sich fast überall angemeldet haben. Ein Plan B muss her. Die mögliche Alternative: eine Tagesmutter.

„Tatsächlich ist die Kindertagespflege zunächst häufig mehr eine Not- oder Übergangslösung für die Eltern“, bestätigt Ulrike Tarnow als Geschäftsführerin der Babysitter- und Tagespflegevermittlung e.V. in Frankfurt, die dem Diakonischen Werk nahe steht. Sie habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sie in der Praxis oft viel mehr sei als das: „Nach einem ersten Beratungsgespräch mit einer unserer Mitarbeiterinnen sind die Eltern nicht selten mit dem Tagesmutter-Modell glücklicher, als sie es mit einem Krippenplatz gewesen wären.“

In der Kindertagespflege werden ein bis fünf Kinder von einer Tagesmutter in deren eigenen Räumlichkeiten betreut. „Die Zuwendung zum Kind kann in dieser familiären Atmosphäre häufig intensiver stattfinden, als es möglicherweise in einer Kindertagesstätte der Fall wäre“, erklärt Tarnow. „Die Tagespflege ist darum nicht nur eine Ergänzung zu den Kindertagesstätten, sondern eine eigenständige Form der familiennahen Kinderbetreuung”, fasst es der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Kurt-Helmuth Eimuth, zusammen.

Familien, die Bedarf an einer Tagesbetreuung für ihr Kind haben, können in die offene Sprechstunde des Vereins auf der Zeil 29-31 kommen und erhalten dort eine eingehende Beratung sowie eine Auswahl der in Frage kommenden Tagespflegepersonen. Die jeweiligen Betreuungspersonen sind den Mitarbeiterinnen persönlich bekannt, denn der Verein ist gleichzeitig zuständig für deren mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen Qualifizierung mit dem Bundesverbandszertifikat sowie die laufende Fortbildung. Der Qualifizierungsprozess stelle sicher, dass die Tagesmutter die notwendigen Rahmenbedingungen und die persönliche Eignung zur Kinderbetreuung mitbringt. Außerdem werden ihr hier spezifisches Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die sie im Alltag als Pflegeperson benötigt, erklärt Tarnow den Ablauf.

Manchmal geht es Familien jedoch auch gar nicht darum, eine Ganztagsbetreuung für ihre vielleicht auch schon älteren Kinder zu finden, sondern lediglich um ein paar Stunden Überbrückung oder Zweisamkeit. Dafür vermittelt der Verein ebenfalls Babysitter. Kontakt über Telefon 069 559405 oder unter www.btv-frankfurt.de.

Sara Wagner

Evangelisches Frankfurt April 2011

Wie der „Kindergarten“ zu einem deutschen Exportschlager wurde

von Kurt-Helmuth Eimuth 17. März 2011

Brauchen Kinder einen gewissen Drill, um Leistung zu bringen? Sind Strafen ein notwendiges Mittel der Erziehung? Diese Auffassung der amerikanischen Professorin Amy Chua werden auch in Deutschland mit Interesse aufgenommen. Doch die pädagogische Erfahrung lehrt etwas anderes: dass Kinder von Natur aus lernwillig sind, aber ihr eigenes Tempo und ihre individuelle Herangehensweise brauchen. Die Grundlagen für dieses Menschenbild legte der Frankfurter Pädagoge Friedrich Fröbel, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Begriff des „Kindergartens“ prägte.

Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum für die persönliche Entfaltung – dieses Konzept des Fröbelschen „Kindergartens“ ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser
Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum für die persönliche Entfaltung – dieses Konzept des Fröbelschen „Kindergartens“ ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser

Im thüringischen Blankenburg entstand dann auf Fröbels Initiative der erste Kindergarten. Die vielseitige Anregung und Anleitung der Kinder geschah durch Bewegungs- und Wortspiele, durch Lieder und Sprüche sowie im Kontakt mit der Natur, und schließlich auch durch speziell konzipiertes Spielmaterial. Der Kindergarten war so von Anfang an ein Ort frühkindlicher Bildung. Auch die Mütter, denen Fröbel damals die Hauptverantwortung für die Erziehung zusprach, sollten im Kindergarten Anregungen und Beispiele für ihr eigenes Handeln finden und das pädagogische Wissen in die Familien weitertragen. Der Begriff „Kindergarten” erwies sich fortan als Exportschlager und fand seinen Weg als deutsches Lehnwort in andere europäische Länder wie auch nach Amerika.

Fröbel, der seine berufliche Laufbahn übrigens als Lehrer an der Frankfurter Musterschule begonnen hatte und dann als Hauslehrer die drei Kinder einer Frankfurter Adelsfamilie betreute, war Schüler des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Die „Menschenerziehung” – so der Titel seines Hauptwerkes – lag ihm am Herzen. Das kleine Kind, so seine moderne Auffassung, müsse „selbsttätig in die Welt des Geistes“ eintreten und dabei Hilfestellung durch Erwachsene erfahren.

Allerdings war das pädagogische Konzept des „Kindergartens“ auch anfällig für totalitäre Erziehungsideologien, in Deutschland die braune und die rote: So wenig man Pflanzen in einem Garten einfach frei wachsen und sich entwickeln ließ, sondern gezielt als Nutzpflanzen in Reih und Glied züchtete, so wurden auch Kinder bewusst dem elterlichen Einfluss entzogen und in die vom Staat gewollte Richtung gelenkt. Das ein wenig ans Paradies erinnernde und selbsterklärende Bild vom Garten, in dem sich alles frei und nach eigenen Gesetzen entwickelt, wo also im Blick auf das Kind eine freie und kreative (Selbst-)Beschäftigung Programm ist, wurde pervertiert zu einem Ort planenden und ordnenden Eingreifens, in dem „Unkraut” und Wildwuchs nichts zu suchen hatten.Die Fröbelsche Wortschöpfung „Kindergarten” ist heute noch in aller Munde, auch wenn man gerade in den Städten im Blick auf die Betreuungszeiten funktional von „Kindertagesstätten” spricht und die „Kindergärtnerin” zugunsten der „Erzieherin” ausgedient hat. Der Wechsel der Berufsbezeichnung spiegelt die Professionalisierung im Berufsbild wider – weg von der romantisierenden und volkstümlichen Vorstellung, eine Kindergärtnerin habe „nur” auf Kinder aufzupassen und mit ihnen zu spielen, hin zur professionellen pädagogischen Fachkraft, die, ganz im Sinne Fröbels, das Kind in seiner jeweiligen Problem- und Fragehaltung ernst nimmt und darin spezifische Lernerfahrungen ermöglicht und fördert.

Eine aktuelle Fachzeitschrift für Erzieherinnen trägt im Untertitel den Dreiklang „Erziehung, Bildung und Betreuung“ und beschreibt damit den umfassenden, Familien ergänzenden und beratenden Auftrag des Kindergartens. Weder geht es einseitig um Betreuung ohne Erziehung und Bildung, noch steht vorschulische Wissensvermittlung im Mittelpunkt. Ziel ist es vielmehr, die kindlichen Ressourcen wie Sprache, Motorik, Sozialkompetenz und Kreativität zu fördern und auf die Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hinzuwirken. Dabei wird jedes Kind als ganzheitliches Individuum gesehen und darf seine eigene Lerngeschichte haben.

Der hessische Bildungsplan betont allerdings gerade im Bereich des Kindergartens die Bildung gegenüber der Erziehung stärker und formuliert als Ziel „die frühere, nachhaltigere, individuellere und intensivere Bildung der Kinder“. Sie sei „die zentrale Voraussetzung, um in der von kontinuierlichem Wandel geprägten Welt auch in Zukunft zu bestehen.“ Auch wenn hier durchaus vom Kind her gedacht wird, nähren solche Formulierungen doch die oft übertriebene Erwartung, der Kindergarten habe besonders große und schöne „Früchte” zu erzielen, die sich später in der Leistungsgesellschaft behaupten können.

„Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht“

Wenn Lulu rebelliert und nicht mehr Klavier spielen will, hagelt es Strafen. Das Puppenhaus soll der Heilsarmee gespendet werden, wenn das Klavierstück am nächsten Tag nicht perfekt sitzt. Der Entzug des Mittag- und Abendessens sowie die Geburtstagspartys gleich für die nächsten vier Jahre gehören ebenso zum Strafenkatalog.

Die rabiaten Erziehungsmethoden der Yale-Professorin Amy Chua, bekannt als „Tigermama“, werden auch hierzulande diskutiert. Und jede Kindertagesstätte kann bestätigen, dass Eltern der aufstrebenden Mittelschicht schon hier Schulleistungen wie Lesen und Schreiben einklagen. Erfolg ist in der Wissensgesellschaft unabdingbar mit Bildung verknüpft. Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Doch was ist das Beste?Bildung ist jedenfalls etwas anderes als Wissen. Bildung ist die umfassende Aneignung der Welt, sie umfasst musische und künstlerische Fähigkeiten ebenso wie soziale Kompetenz. Ein Kind, das unter enormem Druck aufwächst, kann sich kaum entfalten. Es kann Wissen abrufen, aber das vordringliche Gefühl wird doch eher Angst sein. Mit Angst kann das Kind aber nicht die Welt selbstbewusst erforschen, sich nicht die Welt neugierig aneignen. Dabei „arbeiten“ (wie es die Reformpädagogin Maria Montessori formuliert hat) Kinder ganz freiwillig, sogar hoch konzentriert und ausdauernd. Die 14 Monate alte Lisa zum Beispiel liegt auf dem Teppich und sortiert Plastikschüsseln. Sie versucht, die kleine Schüssel in die große zu stellen. Nicht einmal, auch nicht ein Dutzend mal, sondern immer und immer wieder – wenn man sie lässt. Oder Max, der erstmals eine schiefe Ebene betritt, besser: bekrabbelt. Er probiert es mit großer Hartnäckigkeit, und auch durch Misserfolge lässt er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.

Kinder erobern die Welt – sofort nach der Geburt. Ihre Energie, die Leistung ihres Gehirns, wird nie wieder so groß sein wie in den ersten zwölf Monaten. Und alle Kinder finden den für sie passenden Weg. Die einen krabbeln zuerst rückwärts, die anderen rollen sich mehr als dass sie krabbeln. Aber egal, wie: Am Ende werden sie alle laufen können.

Und so ist es auch auf ihrem weiteren Weg der Bildung. Kinder gehen unterschiedliche Wege in unterschiedlichem Tempo. Sie zu fördern, erfordert deshalb nicht Drill, sondern dass man ihnen Zeit lässt. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.“ In diesem Sinne ist mehr Gelassenheit in der Erziehung angesagt. Denn nur glückliche Kinder können wirklich erfolgreich sein.

Werbung alleine reicht nicht

Werbung alleine reicht nicht

Die Lücke zwischen Bedarf und Fachkräften wird immer größer: Bis 2015 werden in Hessen über 1500 zusätzliche Altenpflegerinnen und Altenpfleger gebraucht. In den Krabbelstuben und Kindertagesstätten sieht es noch dramatischer aus. Von etwa 3000 bis zum Jahr 2013 zu besetzenden Stellen geht man alleine in Frankfurt aus. Aber auch Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter sind gesucht. Aufgrund der demographischen Entwicklung werden Fachkräfte rar. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen demnächst in Rente, und die schwächeren Jahrgänge kommen in den Beruf.

Man muss nicht über großes ökonomisches Fachwissen verfügen, um zu sehen, dass es mehr braucht als gut gemeinte Werbekampagnen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können wieder auswählen, wo und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Alle Befragungen zeigen, dass zur Attraktivität eines Berufes auch das Gehalt zählt – auch wenn es nicht entscheidend ist. Doch eine Familie sollte man schon ernähren können. Dies ist in der Altenpflege schwierig. Die Pflegebranche zählt bisher zu den Sektoren mit einem relativ hohen Anteil „Aufstockern“, das heißt, der Lohn liegt oft unterhalb des Niveaus von Hartz IV.

Hinzu kommt, dass Pflegekräfte oft nicht länger als sieben bis acht Jahre in diesem Beruf arbeiten. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes scheidet fast jede dritte Person aus gesundheitlichen Gründen aus dem Erwerbsleben aus – die häufigsten Gründe sind Wirbelsäulenerkrankungen, Hauterkrankungen und Infektionskrankheiten. Schon im Interesse der Betriebe müsste deshalb mehr auf die Gesundheit der Mitarbeitenden geachtet werden. Es sollten zum Beispiel mehr technische Hilfen bei der Pflege genutzt werden. Gegen Rückenprobleme und andere gesundheitliche Beeinträchtigungen könnte der regelmäßige Besuch im Fitnesscenter helfen. Warum sollten das die Wohlfahrtsverbände nicht anbieten? Flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung sind weitere Möglichkeiten, die Fachkräfte im Beruf zu halten.

Wenn die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände als Arbeitgeber attraktiv bleiben wollen, werden sie um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen nicht herumkommen. Zu dieser Attraktivität gehört auch gesellschaftliche Anerkennung: Solange ein LKW-Fahrer am Stammtisch eher bewundert wird als ein Altenpfleger oder Erzieher, haben es die Sozialberufe schwer.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt März 2011

Profil in der Supervielfalt – Fachtag 5.11.2010

Begrüßung Fachtag 5.11.2010

Kurt-Helmuth Eimuth

Leiter des Arbeitsbereichs Kindertagesstätten

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich darf Sie ganz herzlich hier zum Fachtag „Profil in der Supervilefalt – Konfessionelle Kitas beschreiben ihren Standort.“

„Kinder erfragen unvoreingenommen die Welt und stehen ihr staunend gegenüber.

Sie stellen die „Grundfragen“ nach dem Anfang und Ende, nach dem Sinn

und Wert ihrer selbst und nach Leben und Tod. In ihrer Konstruktion der Welt und

ihrem unermesslichen Wissensdrang sind Kinder kleine Philosophen und Theo –

logen. Die Frage nach Gott kann für sie in diesem Sinne eine zentrale Lebensfrage

sein.“

Dieses Zitat ist nicht den Leitsätzen der Kindertagesstätten der EKHN entnommen, Nein, mit diesen beiden Sätzen wird im Hessischen Bildungsplan das Kapitel Religiosiät  und Werteorientierung eingeleitet. „Kinder sind darauf angewiesen, „ so heißt es im Text weiter „vertrauensbildende Grunderfahrungen zu machen, die sie ein Leben lang tragen. Sie brauchen Ausdrucksformen und Deutungsangebote, um das ganze Spektrum möglicher Erfahrungen positiv verarbeiten zu können.

Eigene religiöse Erfahrungen und das Miterleben von Gemeinschaft, Festen, Ritualen

sowie die Begegnung mit Zeichen und Symbolen können helfen, Eigenes und

Fremdes zu erschließen.“

05.11.2010 Fachtag „Profil in der Supervielfalt“ in der Evangelischen Gethsemanegemeinde; Konfessionelle Kitas beschreiben ihren Standort. Kurt-Helmuth Eimuth, Dipl.Pädagoge, Leiter des Arbeitsbereiches Kindertagesstätten des Diakonischen Werkes für Frankfurt am Main.

Die Fragestellung des heutigen Fachtages ist somit keine interne Angelegenheit der evangelischen Kirche. Alle Kindertagesstätten sind vom Bildungsplan aufgefordert, die Kinder bei ihren religiösen Erfahrungen zu begleiten. Natürlich haben sich konfessionelle Einrichtungen in besonderer Weise dieser Aufgabe zu stellen. Denn von ihnen wird erwartet, dass sich ihre religiöse Haltung im Alltag zeigt. Wir wissen aus den Gesprächen mit Eltern anderer Religion, dass sie ihre Kinder auch deshalb in eine evangelische Kindertagesstätte geben, weil sie erwarten, dass hier von Gott die Rede ist.

„Religiöse und ethische Bildung und Erziehung unterstützt die Kinder in der Auseinandersetzung mit ihren Fragen und stärkt sie in der Ausbildung einer eigenen

Urteils- und Bewertungsfähigkeit“, stellt der Bildungsplan fest.

Die Wirkung einer solchen Haltung sei die Stärkung eines grundlegenden Sinn- und Wertesystems, das eine reine Kosten-Nutzen-Kalkulation weit übersteigt und das vom Kind als sinnvoll und hilfreich erfahren werde bei der Konstruktion eines grundlegenden Verständnisses von Wirklichkeit.

Doch stehen die evangelischen Kindertagesstätten vor einer veränderten Situation. In zahlreichen Einrichtungen sind die Kinder mit christlichem Hintergrund in der Minderheit.

Zwei Drittel der 2006 geborenen Frankfurter Babys sind deutsche Staatsbürger mit einer zweiten oder dritten Staatsbürgerschaft, die sie von ihren Eltern geerbt haben.

Einen Hinweis auf die religiöse Pluralisierung gibt eine Statistik, die die Religionszugehörigkeit von Grundschülern erfasst. Danach sind 19,68% der Schülerinnen und Schüler evangelisch, 22% katholisch, 20,5% islamisch, 9,09% sonstiger Glaubenszugehörigkeit (buddhistisch, hinduistisch etc.) und 29,17% haben kein Bekenntnis. Auch hier: Die christlichen Schülerinnen und Schüler machen allenfalls die Hälfte aus, wenn man davon ausgeht, dass ein Teil des Drittels ohne Bekenntnis doch zumindest ein christliches Elternhaus haben.

05.11.2010 Fachtag „Profil in der Supervielfalt“ in der Evangelischen Gethsemanegemeinde; Konfessionelle Kitas beschreiben ihren Standort.

Die Zahlen belegen, was wir in den Kindertagesstätten und Krabbelstuben täglich erleben und spüren. Die Zuwanderung und die religiöse Vielfalt sind der Normalfall und keineswegs die Ausnahme.  Die Einrichtungen haben längst Konzepte und Ideen entwickelt, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Davon wir in den Arbeitsgruppen die Rede sein. Auch bieten die Arbeitsgruppen Informationen über die Lebenswelt anderer Kulturen etwa in Märchen.

Aber zuvor wird Frau Dr. Eva Maria Blum vom Amt für Multikulturelle Angelegenheiten uns das neue Frankfurter Integrationkonzept erläutern und sicherlich auch begründen, warum Frankfurt nicht nur eine Stadt der Vielfalt sondern eine Stadt der Supervielfalt ist. Herzlichen Dank, dass Sie Frau Dr. Blum gekommen sind und auch unter erschwerten didaktischen Rahmenbedingungen zu uns sprechen. Denn leider lässt sich die Kirche nicht abdunkeln und es lässt sich auch nicht eine angemessen große Leinwand aufstellen. Danken möchte ich auch dem Leiter des Diakonischen Werks, der die schwierige Aufgabe einer evangelischen Positionierung übernommen hat. Das bisher vorherrschende Bild – etwa vom Religionspädagogen Frieder Harz – wonach Kinder anderer Religionen bei uns zu Gast sind – gehört nicht nur sprachlich überdacht.

05.11.2010 Fachtag „Profil in der Supervielfalt“ in der Evangelischen Gethsemanegemeinde; Konfessionelle Kitas beschreiben ihren Standort.

Ansprache zum Abschluss Fachtag 5.11.10

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich weiß ja nicht, was Sie von Gartenzwergen halten. Für mich sind sie ehrlich gesagt stark gewöhnungsbedürftig.

800 dieser Exemplare machten kürzlich in der protestantischen Welt von sich reden. Nein, im eigentlichen Sinne waren es keine Gartenzwerge.

In Wittenberg hatte man die die Denkmäler der beiden berühmten Reformatoren Luther und Melanchthon zum Restaurieren in die Werkstatt geschickt. Nun war der Marktplatz ohne die beiden Standbilder zunächst leer Dies sollte nicht so bleiben.  800 bunte Plastiklutherfiguren bevölkerten ihn.

In Wittenberg traten die  Miniaturfiguren des Reformators Luthers an die Stelle des großen Vorbilds. Sie sollten zum Nachdenken über die Reformation anregen, im Vorfeld der großen Reformationsfeier aus Anlass des Thesenanschlags im Jahre 1517.

Der Nürnberger Künstler Ottmar Hörl hat sie in den Farben rot, schwarz, grün und blau  in Wittenberg aufstellen lassen.

Die „Lutherzwerge“ genannten Figuren waren umstritten. So bezeichnete der evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer die Figuren als „Plaste-Luther“ in rot, grün und blau, die „einfach nur peinlich“ seien. Wortgewaltig wie  Luther und ebenso bissig kommentiert Schorlemer.

„Deprimiert schaut er drein; aus so einem traurigen Zwerg kommt kein fröhlicher Furz.“… Und das Fazit des ehemaligen Direktors der Evangelischen Akademie in Wittenberg und Bürgerrechtlers: “Gegen Ablasshandel half noch Thesenanschlag. Gegen Kulturmarketing hilft nicht einmal Beten. Ach, verehrter Bruder Martinus, du »alter stinkender Madensack«, du frommer, mutiger, begnadeter Prediger, du anrührender Beter und maßlos Schimpfender, hilf mir schimpfen!“

05.11.2010 Fachtag „Profil in der Supervielfalt“ in der Evangelischen Gethsemanegemeinde; Konfessionelle Kitas beschreiben ihren Standort. Kurt-Helmuth Eimuth, Dipl.Pädagoge, Leiter des Arbeitsbereiches Kindertagesstätten und Claudia Horn, Leiterin der Fortbildungsabteilung

Genau wie vor bald 500 Jahren als Luther seine Thesen angeschlagen haben soll, müssen wir uns heute fragen, wie geben wir etwas von unserem Glauben weiter. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, hatte Jesus denen gesagt, die ihm nachfolgen und denken wollten wie er (Mt 7,16). 

Luther selbst war ja davon überzeugt, dass man verständlich für die Menschen sein muss oder wie er es drastisch sagte, dem Volk aufs Maul zu schauen habe.

Im seinem berühmten Sendbrief vom Dolmetschen (1530) hat Luther die Prinzipien seiner Bibelübersetzung eindrucksvoll dargelegt und verteidigt. Er schreibt u. a.:

»man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet.«

Der Fachtag heute drehte sich genau um diese Frage. Wie laden wir Menschen anderer Kulturen und Religionen ein, in unsere religiöse Welt einzutauchen, an unserer Spiritualität einzutauchen, ohne missionarischen Impetus aber auch ohne Selbstverleugung. Was wird sich verändern in unseren evangelischen Kindertagesstätten, wenn wir mehr muslimische Kolleginnen bekommen.  Wie kann ein interreligiöser Dialog entstehen. Welche Erziehungsvorstellungen haben andere Kulturen? Welche Erwartungen haben Einwanderinnen und Einwanderer an uns?

Bei all diesen Fragen ist Angst, Angst vor dem Fremden ein schlchter Ratgeber. Wer sich seines eigenen Glaubens gewiss ist, kann eben auch diesen Glauben in Frage stellen lassen, kann den Dialog mit anderen Glaubensvorstellungen aufnehmen. Dies wird und ist für uns in den evangelischen Einrichtungen eine Herausforderung , der wir uns stellen.

Lassen Sie uns den Kindern und den Eltern wie einst Luther es empfohlen hat aufs Maul schauen. Versuchen wir sie zu verstehen in ihrem Handeln, in ihren Vorstellungen. Erst wenn wir sie verstehen, wenn wir uns ihre Welt erschließen, können wir auch mit dieser Welt kommunizieren, in Dialog treten. Und auch das sei gesagt. Dialog ist nicht nur Zustimmung, sondern gelegentlich auch – bei allem Respekt – Widerspruch.

Übrigens: Zum Reformationstag wurden in Wittenberg die beiden Denkmäler wieder aufgestellt. Die 800 Plastikluther wurden aber verkauft. Vielleicht begegnen sie einer solchen Figur in dem ein oder anderen Gebäude, beispielsweise im Haus der Kirche in

Wir vom Arbeitsbereich Kindertagesstätten des Diakonischen Werks für Frankfurt, hoffen, dass der Fachtag Ihnen Anregungen gegeben hat – aber Ihnen auch den Rücken gestärkt hat.  

Kurt-Helmuth Eimuth

Kinder sind unsere Zukunft

Jasmin forderte neulich ihre Mutter auf, doch noch ein zusätzliches Schulbrot zu schmieren. Auf die mit Verwunderung gestellte Frage, Jasmin esse doch keine drei Brote, antwortete das Mädchen: „Wir verteilen das doch in der Klasse.“
Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Kinder ohne Schulbrot im Ranzen, oftmals auch ohne Frühstück, in die Schule geschickt werden. Ist es doch für die Eltern einfacher, ihrem Kind etwas Geld zuzustecken, damit es sich in der Pause einen dieser zweifelhaften Pausensnacks kaufen kann. Aber offenbar können sich immer mehr Kinder eben nichts kaufen.
Kinder sind das größte Armutsrisiko. Der jetzt von der Bundesregierung vorgelegte Armutsbericht belegt dieses wieder einmal. Über eine Million Kinder sind von Leistungen der Sozialhilfe abhängig. Vor allem kinderreiche Familien und Alleinerziehende sind arm. Die Zahlen belegen eine Entwicklung, die weit mehr ist als eine sozialpolitische Herausforderung. Der Armutsbericht belegt vielmehr eine dramatische Verschiebung des gesellschaftlichen Werte- und Normensystems. Die Sorge um die nächste Generation steht schon lange nicht mehr ganz oben auf der Aufgabenliste. Man schaue sich nur einmal das Bildungswesen an. Man betrete nur einmal eine Schule und betrachte sich den baulichen Zustand. Marode Toilettenanlagen, unzureichend ausgestattete Fachräume und Mangel an Lehrerinnen und Lehrern sind der Normalfall. Besser – wenn auch mit Elternbeiträgen mitfinanziert – sieht es im Kindergartenbereich aus. Betreuungsplätze fehlen allerdings für die unter Dreijährigen.
Die evangelische Kirche in Frankfurt unternimmt übrigens gerade im Kinder- und Jugendbereich enorme Anstrengungen. Jede vierte Kirchensteuermark wird zum Beispiel für die Finanzierung der Kindertagesstätten aufgewendet. Hinzu kommen die zahlreichen Jugendclubs, die gemeindlichen Jugendgruppen und die offenen Jugendhäuser.
Doch insgesamt bleibt die traurige gesellschaftliche Bilanz. Wir alle investieren zu wenig in die nächste Generation. Da hilft auch keine Erhöhung des Kindergeldes. Sie wäre nur ein kleiner Anfang. Wir alle müssen uns für die nachwachsende Generation anstrengen. Denn Kinder sollten unsere Zukunft sein und nicht unser Armutsrisiko.
Kurt-Helmuth Eimuth

Diakonie wirbt in Gaststätten um Erzieherinnen

Evangelisches Frankfurt April 2010

Diakonie wirbt in Gaststätten um Erzieherinnen

Ein Mädchen mit einer Wäscheklammer auf der Nase, ein Junge, der von einem Kameraden geschlagen wird, ein drittes Kind, das versucht, etwas in eine Steckdose zu bekommen – ein Albtraum für jede Erzieherin, jeden Erzieher. Zu sehen ist die Szene auf einer Karikatur, mit der das Diakonische Werk für Frankfurt um Personal für seine Kitas wirbt. In 120 Gaststätten wird die Karikatur bald als Postkarte ausliegen.

„Wir wollen neue Wege bei der Personalgewinnung gehen und probieren es deshalb mit Werbemaßnahmen an ungewöhnlichen Orten. Und mit einem Augenzwinkern, denn dieser Beruf macht ja wirklich Spaß“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth, der für die evangelischen Kitas in Frankfurt zuständig ist. Der Arbeitsmarkt für Erzieherinnen sei in Frankfurt „leergefegt“. Allein in evangelischen Einrichtungen seien bis Sommer etwa hundert Stellen zu besetzen, sagt Eimuth. Grund für den hohen Personalbedarf sei der Ausbau von Krabbelstuben für die Unter-drei-Jährigen, die steigende Kinderzahl in Frankfurt sowie der Wunsch nach einer besseren Personalausstattung.

Um Berufsanfängerinnen wirbt das Diakonische Werk gesondert mit einem Plakat, das an Fachschulen in ganz Hessen ausgehängt wird. Auch im Internet will man verstärkt werben, kündigte Eimuth an.

Antje Schrupp

Bibelmuseum: Vom Alltag in Judäa

Evangelisches Frankfurt Februar 2010

Bibelmuseum: Vom Alltag in Judäa

Für die Armen im Lande ging es zur Zeit Jesu um das tägliche Überleben. In Tongefäßen bewahrten sie ihre Lebensmittel auf. Sie mahlten ihr Korn, mit der Spindel fertigten sie Wolle an. Im Herrscherhaus des Herodes gab es aber auch Parfümflakons, Kosmetik und Schmuck. Solche Objekte sind jetzt im Bibelmuseum, Metzlerstraße 19, in der Sonderausstellung „Judäa und Jerusalem – Leben in römischer Zeit“ zu sehen. Ein Silberschatz erinnert an die Tempelsteuer, und eine antike Kno­ chenkiste, ein Ossuar, gibt Einblick in die Bestattungskultur. Die rund 2000 Jahre alten archäologischen Funde kommen vor allem von der israelischen Antikenverwaltung und sind das erste Mal außer Landes ausgestellt.

Maße und Gewichte, Münzen und Arbeitsmittel zu kennen, hilft auch, die Welt der Bibel zu verstehen. „Judäa und Jerusalem“ beleuchtet das Leben und Den­ ken von religiösen Gruppen, römischen Besatzern, von Pilgern, Händlern und Handwerkern.

Die Besucher und Besucherinnen können in der Ausstellung selbst aktiv werden. Außerdem vermitteln Führungen Alltag und Religion im Heiligen Land, sechs Vorträge vertiefen die Themen. Der Katalog ist mit seinen übersichtlichen und verständlichen Grafiken und Beiträgen auch eine Fundgrube für den Religions- und Konfirmandenunterricht. Gruppenführungen sind nach Anmeldung möglich, Infos unter www.judaeaundjerusalem.de oder Telefon 069 66426525.

Kurt-Helmuth Eimuth

Qualität in der Kirche


Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) will mehr Qualität in Verwaltung und Kindertagesstätten. Künftig ziert das Logo der EKHN der Schriftzug „Qualitätsfacetten“. Im Frankfurter Dominikanerkloster hob Kirchenpräsident Volker Jung jedoch hervor, dass die Suche nach dem Besten nur bedeuten könne, so gut wie möglich zu arbeiten.

„Wir sind als Menschen nicht perfekt und sollen es auch nicht sein“, mahnte Jung. Alle Gaben und Fähigkeiten sollten sich entwickeln können, aber Organisationsentwicklung dürfe kein Selbstzweck sein. Der Kirchenpräsident betonte, dass sich der Evangelische Regionalverband Frankfurt schon gut ein Jahrzehnt früher als die EKHN mit einem Qualitätsmanagementsystem auf den Weg gemacht habe.

Für die evangelischen Kindertagesstätten in Frankfurt wurde bereits 1998 ein Verfahren nach DIN-Norm eingeführt. Inzwischen beteiligen sich zwei Drittel der 80 Frankfurter Einrichtungen an diesem Verfahren, 14 Kindertagesstätten sind nach DIN zertifiziert. Während im System der Landeskirche auf Selbstevaluation gesetzt wird, kommen in Frankfurt Elemente der Fremdevaluation hinzu.

Staatsminister Jürgen Banzer begrüßte nicht nur die Initiative der evangelischen Kirche, sondern hob auch die „deutlich gewachsene Bedeutung der Kitas“ im Bildungssystem hervor. Der hessische Familienminister zeigte sich jedoch besorgt darüber, dass 14 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund in Hessen keine Kindertagesstätte besuchten.

Kurt-Helmuth Eimuth

Bonames: Neubau zum Krabbeln

Evangelisches Frankfurt November 2009

Neubau zum Krabbeln
Vier neue Gruppen in der Kita Bonames

Die erste Gemeinde, die ihre Kindertagesstätte um die Altersgruppe der Null- bis Dreijährigen erweitern kann, wird die Miriamgemeinde in Bonames sein. Vier neue Gruppen für diese Altersspanne wird ein Neubau beherbergen, der hinter dem Gemeindehaus am Kirchhofsweg entsteht. Zudem kommen in diesem Gebäude auch die beiden Kindergartengruppen der bestehenden Einrichtung unter, sodass der Neubau dann 80 Kindern im Alter von null bis sechs Jahren Platz bietet.

Die Planung des Darmstädter Architektenbüros Eisele und Stanjek ist nicht nur großzügig, sondern auch ökologisch ehrgeizig. So wird etwa im Passivhausstandard gebaut. Sollte trotz optimaler Dämmung und Wiedergewinnung der Wärme aus der Abluft noch Heizenergie benötigt werden, greift man auf Erdwärme zurück. In 99 Metern Tiefe wird die dafür notwendige Energie gewonnen.

Die Großzügigkeit des Raumangebots wird gleich im großen Foyer sichtbar werden. Zudem kann durch eine variable Wand ein Mehrzeckraum zugeschaltet werden, sodass sich auch Feste einfach veranstalten lassen.

Durch die terrassenförmige Bauweise erhält das Gebäude nicht nur ein ganz eigenes Gesicht, sondern auch einen zweiten Spielplatz auf der Terrasse im ersten Stock. Jeder Gruppenraum verfügt über eine eigene Nasszelle, und eine Küche, in der die Mahlzeiten täglich frisch zubereitet werden, gehört selbstverständlich auch dazu.

Der Neubau auf dem Gelände der Gemeinde und dem eines angrenzenden Parkplatzes ersetzt die recht marode zweigruppige bisherige Kindertagesstätte, die abgerissen werden muss. Die Kosten für den Neubau und die Einrichtung belaufen sich auf drei Millionen Euro.

Kurt-Helmuth Eimuth

Assistentinnen sollen in Kitas aushelfen

Evangelisches Frankfurt November 2009

Assistentinnen sollen in Kitas aushelfen

Steigende Kinderzahlen und ein gesetzlicher Betreuungsanspruch bescheren Frankfurt einen Boom an neuen Kitas und Krabbelstuben. Allerdings fehlt es an geeignetem Personal. Das Diakonische Werk hat nun ein Projekt initiiert, bei dem Langzeitarbeitslose zu „pädagogischen Assistentinnen“ qualifiziert werden.

Auf dem regulären Arbeitsmarkt tendierten Anna Starodubzewas Chancen gegen Null. Der „Generation 50 plus“ angehörend und ohne in Deutschland anerkannte Berufsausbildung, blieben für die Kasachin mit deutschen Wurzeln nur Ein-Euro-Jobs. Weil die studierte Pädagogin aber unbedingt arbeiten wollte, nahm sie das in Kauf – fast fünf Jahre lang.

Ein vom Diakonischen Werk im Evangelischen Regionalverband Frankfurt initiiertes Qualifi­zierungsprojekt mit dem Titel „Pädagogische Assistenz“ hat ihre Situation jetzt um 180 Grad gewendet: Seit Anfang November hält Anna Starodubzewa ein Zertifikat in Händen und vermutlich auch bald einen Anstellungsvertrag. Die Ginnheimer Krabbelstube „Gabriel“, in der sie den praktischen Teil ihrer Qualifizierung absolvierte, will sie übernehmen. Leiterin Sabine Ruschitschka wartet nur noch auf grünes Licht der Mitarbeitervertretung.

Anna Starodubzewa - links - hofft, nach ihrer Qualifizierungsmaßnahme in der Krabbelstube „Gabriel“ in Ginnheim wieder eine reguläre Arbeit zu finden – als pädagogische Assistentin. | Foto: Doris Stickler

Anna Starodubzewa – links – hofft, nach ihrer Qualifizierungsmaßnahme in der Krabbelstube „Gabriel“ in Ginnheim wieder eine reguläre Arbeit zu finden – als pädagogische Assistentin.
Foto: Doris Stickler

Die neue Kollegin habe sich als Glücksgriff erwiesen und sei eine Bereicherung für das Team, schwärmt Ruschitschka. Die Chemie stimmte, und auch die Ansichten zum Umgang mit Kindern waren ähnlich. Die Krabbelstube „Gabriel“ orientiert sich, wie alle evangelischen Krabbelstuben in Frankfurt, an der Pädagogik der 1984 verstorbenen Kinderärztin Emmi Pikler. Deren Forderung, Kinder vom Säuglingsalter an als eigenständige Wesen zu respektieren, ihren individuellen Entwicklungsstand zu beachten und nichts zu forcieren, wird den Kursteilnehmerinnen im Theorieteil der Qualifizierung ebenso vermittelt wie Kenntnisse in Spielpädagogik oder Ernährungswissenschaft.

Verbunden mit ihren ursprünglichen beruflichen Hintergründen sieht Kurt-Helmuth Eimuth, der Leiter des Arbeitsbereichs Kindertagesstätten im Diakonischen Werk, durch die Assistentinnen die „Teamkompetenz in den Einrichtungen erhöht“. Als ehemalige Musikerinnen, Chemielaborantinnen oder Handwerkerinnen würden sie die „rein pädagogische Arbeit durch ihre Multiprofessionalität sinnvoll ergänzen“. Eimuth hält es „ohnehin für einen Fehler, in Kitas ausschließlich Pädagoginnen und Pädagogen zu beschäftigen“. Es geht bei dem Projekt also auch um eine Erweiterung in der Konzeption. Deshalb hofft Eimuth, dass das bundesweit einmalige Projekt Schule macht.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Werden hier nicht ausgebildete Erzieherinnen durch rasch angelernte Hilfskräfte verdrängt? Eimuth versichert, das sei nicht der Fall: Wenn künftig pro Jahr etwa zwanzig Personen ein solches Zertifikat erhielten, so läute das „nicht den Untergang des Berufstandes“ ein. Dafür spricht auch der Fachkräftemangel im Kita-Bereich. Immerhin müssen mit dem seit kurzem verankerten Rechtsanspruch von Eltern auf einen Betreuungsplatz bis 2013 allein in Frankfurt weitere 6000 Plätze für Kleinkinder unter drei Jahren entstehen. Für rund 1000 davon will die evangelische Kirche sorgen.

Woher man allerdings die zusätzlich benötigten 300 Erzieherinnen und Erzieher nehmen soll, sei bislang schleierhaft, sagt Eimuth. Bereits jetzt würden pädagogische Kräfte händeringend gesucht. Mit enormem Aufwand werde Personal angeworben, bis in den Lahn-Dill-Kreis hinein. Dennoch seien in den evangelischen Kitas derzeit rund 40 Stellen vakant. Und dieses Defizit werde sich in der „Boom-Stadt“ Frankfurt noch vergrößern. Die Anzahl der Kinder wachse hier seit geraumer Zeit an. In den nächsten Jahren würden in Frankfurt 30 neue Kitas gebaut.

Auch Joachim Otto, der im Diakonischen Werk den Arbeitsbereich „Beschäftigung und Qualifizierung“ leitet, hält Einwände wie „hier werden mit einer Schmalspurqualifizierung reguläre Arbeitsplätze blockiert“ für unberechtigt. Und er bedauert es, dass die kirchliche Mitarbeitervertretung bislang nur dem Einsatz von Assistentinnen in den Krabbelstuben zustimmt, nicht jedoch in Kitas. Dennoch habe man für die Mehrzahl der ersten Absolventinnen bereits eine Stelle gefunden, und für den Rest sei eine Vertragsunterzeichnung „ziemlich sicher“, so Otto. Er werde weiterhin für das Projekt werben, will aber keine Konfrontation: „Die Mitarbeitervertretung soll mit ins Boot.“ Es gehe schließlich vor allem um die Frage, wie sich „Bedarf und Angebot sinnvoll zusammenbringen“ lassen.

Die Krabbelstube „Gabriel“ hat darauf eine befriedigende Antwort parat: Anna Starodubzewa entlastet mit ihren Kenntnissen das Team, ihr selbst bleibt das Tingeln durch zeitlich befristete Ein-Euro-Jobs erspart.

Doris Stickler

„Pädagogische Assistenz“ – nächster Kurs im Januar

Foto: Rolf Oeser

Foto: Rolf Oeser

Mit der Qualifizierungsmaßnahme „Pädagogische Assistenz“ reagiert das Diakonische Werk für Frankfurt auf eine Bedarfslücke von professionellen pädagogischen Hilfskräften in Krabbelstuben und Kindertagesstätten. Das einjährige Beschäftigungsprojekt richtet sich an langzeitarbeitslose Menschen über 40 Jahre, die möglichst das zehnte Schuljahr abgeschlossen haben und über berufliche Erfahrungen verfügen.

Der Qualifizierungsweg ist ähnlich wie das Berufspraktikum für angehende Erzieherinnen in die Bereiche Theorie und Praxis gegliedert. An 30 Unterrichtstagen, am wöchentlichen Reflexionstag sowie an den Fortbildungstagen wird theoretisches Wissen vermittelt. In der restlichen Zeit führt man die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Krabbelstuben oder Kindertagesstätten an die Praxis heran.

Für die Dauer des in Kooperation mit dem Rhein-Main-Job- Center organisierten Projekts beziehen sie weiterhin Arbeitslosengeld II und erhalten überdies eine monatliche Zusatzvergütung von bis zu 150 Euro. Die Qualifizierung endet mit einem Kolloquium und einem Zertifikat.

Vanessa Hoch (Foto), die im Diakonischen Werk für den Bereich Krabbelstuben zuständig ist und die Qualifizierung betreut, betont, dass hier ausschließlich Personen teilnehmen, mit denen man vorher Gespräche geführt hat, und die sich für die Arbeit mit Kindern eignen. Zudem würden die pädagogischen Assistentinnen ihre Rolle in den Einrichtungen sehr genau kennen: „Sie sollen zuarbeiten und die Erzieherinnen unterstützen, aber weder Gruppen leiten noch Elterngespräche führen oder Entscheidungen fällen.“

Das nächste Qualifizierungsprojekt startet im Januar. Weitere Informationen: Diakonisches Werk, Koordination und Organisation von Arbeitsgelegenheiten, Telefon 069 299255100, oder unter www.diakonischeswerk-frankfurt.de.

Doris Stickler