Dez 29

So wirkt sich Corona auf das Leben im Frauengefängnis aus

von Kurt-Helmuth Eimuth 29. Dezember 2020

Corona ist nicht nur für Altenheime eine große Herausforderung. Auch Häftlinge in den Gefängnissen leiden besonders unter den Einschränkungen. Ein Gespräch mit Pfarrerin Susanne Kahlbaum, Gefängnisseelsorgerin im Preungesheimer Frauengefängnis.

Susanne Kahlbaum ist Gefängnisseelsorgerin in der Frauen-JVA Preungesheim. |Foto: Ilona Surrey
Susanne Kahlbaum ist Gefängnisseelsorgerin in der Frauen-JVA Preungesheim. |Foto: Ilona Surrey

Die Corona-Pandemie hat auch die Routinen in den Gefängnissen verändert. Im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim zum Beispiel müssen alle Neuzugänge zunächst eine vierzehntägige Quarantäne überstehen. In dieser Zeit haben sie keinen Kontakt zu Mithäftlingen, es bleibt einzig der tägliche Hofgang, sagt Susanne Kahlbaum, Gefängnisseelsorgerin in der Frauenvollzugsanstalt Preungesheim. Die Sonntags-Gottesdienste, für viele Inhaftierte sonst eine willkommene Abwechslung, können nur noch in kleinen Gruppen in der Turnhalle stattfinden – alle 230 Frauen haben da keinen Platz, eine Teilnahme ist für die Einzelnen nur noch alle drei Wochen möglich.

Auch im Gefängnis spielen Medien eine entscheidende Rolle, um ein Leben unter Corona zu ermöglichen. Um die Verbindung zur Familie zu halten, wurden zwei Skype-Plätze eingerichtet, damit die Frauen ihre Familien mit Kindern im heimischen Wohnzimmer sehen können. „Die einen sagen, das ist viel besser als Besuch, da es lockerer ist“, berichtet Kahlbaum. „Andere sagen, es ist schwer auszuhalten, die eigenen Kinder nicht in den Arm nehmen zu können.“ Besuche sind wegen der Pandemie derzeit nur getrennt durch eine große Glasscheibe erlaubt, jede Berührung ist verboten. „Dieses Getrenntsein spüren die Kinder sehr“, erzählt die Pfarrerin.

Außerdem erinnerte man sich an die Möglichkeit, ein eigenes TV-Programm in die Zellen zu schicken. Vor vielen Jahren war dafür eine Anlage angeschafft worden, auf der eigens ausgewählte Filme gezeigt wurden. Das war dann aber aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich, und die Anlage geriet in Vergessenheit. Aber sie funktioniert noch. Jetzt werden zwar keine Filme gesendet, aber es wurde etwa der ökumenische Weihnachtsgottesdienst übertragen, den die Seelsorgerinnen und Seelsorger dafür eigens in der Basilika des Schlosses Johannisberg aufgenommen haben.

Vor allem nagt aber die Ungewissheit: Wie wird es weitergehen, was wird noch kommen? In dieser Hinsicht geht es den Frauen im Gefängnis nicht anders als dem Rest der Bevölkerung. Die Anstalt und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unternehmen große Anstrengungen, um flexibel auf die belastende Situation zu reagieren. So wurden 100 Fernseher angeschafft, die Gebühren für die Nutzung ausgesetzt und die Begrenzung der Telefonzeit auf 120 Minuten wurde aufgehoben. Die Hofgänge mussten in Gruppen organisiert werden, es gab bis zu 12 Gruppen am Tag. Ein enormer Personaleinsatz war hierfür notwendig.

Im Frühjahr konnte einige Wochen nicht mehr gearbeitet werden, es fehlte Beschäftigung, da Arbeitsbetriebe schlossen. Allerdings entwickelte sich bald ein neuer Arbeitszweig: das Nähen von Masken. Alle hessischen Anstalten wurden auf diese Weise versorgt.

Trotz aller Anstrengungen stellt Kahlbaum fest: „Die Frauen sind viel mehr im Einschluss.“ Das Leben im Strafvollzug, auch im offenen Vollzug, ist wesentlich eingeschränkter. Doch die meisten Frauen können sich beschäftigen. Vor allem Nähen und Stricken sind beliebt. Deshalb sucht die Gefängnisseelsorge Spenden an Wolle, Bastelmaterialien und Spiele. Besonders begehrt sind funktionstüchtige Nähmaschinen, die aber nicht schwerer als acht Kilogramm sein dürfen. Für manche Inhaftierte ist das erworbene Nähzertifikat und eine Nähmaschine nach der Entlassung der Start für eine berufliche Zukunft.

Geldspenden können an die Evangelische Seelsorge, IBAN DE 29 5005 0201 0000 4044 97 bei der Frankfurter Sparkasse überwiesen werden. Für andere Zuwendungen nehmen Sie bitte Kontakt auf mit Susanne.Kahlbaum@jva-frankfurt3.justiz.hessen.de.

Dez 28

„Bleib gesund!“ sagen mir alle. Aber was, wenn ich nicht gesund bin?

von Kurt-Helmuth Eimuth 28. Dezember 2020

Zahlreiche Anschreiben und Neujahrswünsche enden derzeit mit dem wohlmeinenden Hinweis „Bleiben Sie gesund!“ Ob Versanddienst, Anschreiben zu Rechnungen oder eher private Mails: Alle wollen, dass ich gesund bleibe. Aber was, wenn ich gar nicht gesund bin?

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Ich weiß, sie sind alle gut gemeint, die Wünsche, dass man gesund bleiben soll. Angesichts der Bedrohung durch Corona sind sie auch nicht nur angebracht, sondern bitter nötig. Nur: Ich bin nicht gesund. Wie vierzig Prozent der Bevölkerung gehöre ich zu den chronisch Kranken. Ich brauche meine morgendliche Ration an Tabletten und auch die ein oder andere Spritze. Gesund ist anders.

Irgendwie höre ich da auch den Spruch mitschwingen, der häufig nach der Geburt eines Kindes gesagt wird: „Hauptsache gesund!“ Aber ist das wirklich die Hauptsache? Ist es nicht viel wichtiger, dass ein Kind von seinen Eltern geliebt wird mit all seinen Stärken und auch seinen Schwächen? Zeigt sich nicht in jedem Kind die Einzigartigkeit eines Geschöpfes Gottes, egal ob es „normal“ ist, oder besonderer Aufmerksamkeit bedarf?

„Hauptsache gesund“ klingt gut, aber es ist ebenso befremdlich wie die Aufforderung „Bleiben Sie gesund“. Wichtiger wäre es, zu sagen: „Hauptsache geliebt“. Das wäre ein nachvollziehbarer Wunsch: Geliebt zu werden als Geschöpf Gottes. Ganz ohne jede Vorbedingung. Wunderbar.

Aber was will man stattdessen in diesen Tagen Erwachsenen wünschen? „Möge sich Ihr Gesundheitszustand nicht verschlechtern?“ Nein, das geht gar nicht. Oder: „Mögen Sie verschont bleiben vom Virus“? Schon eher, aber es klingt irgendwie zu nüchtern und eigentlich nicht nett.

Früher zeichneten die Menschen sich gegenseitig beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn und sagten sich „Gott sei mit Dir!“ Das ist sicher ein Alternative. Man könnte auch einfach sagen: „Gott segne Dich“, oder es ergänzen und hinzufügen mit „in guten und in schweren Tagen“.

Ja, genau, das wünsche ich Ihnen und mir für das neue Jahr 2021: Dass Gott uns segne, in guten und in schweren Tagen.

Nov 26

Corona: Was passiert, wenn der Impfstoff kommt?

Auch wenn der Impfstoff da ist, wird es noch Monate dauern, bis die Pandemie überwunden ist. | Foto: Daniel Schludi/unsplash.com

Mehrere vielversprechende Impfstoffe gegen das Corona-Virus sind in der Produktion und machen Hoffnung darauf, dass die Pandemie nächstes Jahr abklingen könnte. Wie genau könnte das ablaufen? Darüber diskutierten Expert:innen gestern Abend in der Evangelischen Akademie.

Für eine mögliche Impfung der Bevölkerung gegen das Coronavirus sind die Gesundheitsbehörden der Kommunen zuständig. Das bedeute eine große Herausforderung, wie René Gottschalk, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, gestern bei einem Informationsabend auf Einladung der Evangelischen Akademie und des Gesundheitskonzerns Agaplesion mitteilte. Die Veranstaltung wurde im Internet übertragen.

Voraussichtlich würden die Menschen eine Information vom Hausarzt oder der Hausärztin bekommen und müssten sich dann übers Internet anmelden, so Gottschalk. Neben Impfzentren seien auch mobile Impfeinheiten geplant, die etwa in Altenheimen gingen oder bettlägerige Menschen aufsuchten – eine Million Menschen leben in Deutschland in den 14.000 Altenheimen.

Im Frankfurter Stadtgesundheitsamt habe man einen eigenen Planungsstab eingerichtet, um die logistischen Herausforderungen zu bewältigen. „Es ist eine riesige Anstrengung und der Zeitdruck ist enorm“, sagte Gottschalk. Er gehe davon aus, dass man die Impfzentren mindestens ein halbes Jahr betreiben müsse. Dafür benötige man auch Personal: „Das wird ehrenamtlich nicht gehen.“

Es sei falsch zu glauben, dass mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes die Sache Corona erledigt sei. „Es wird lange dauern bis wir durchgeimpft haben“, sagte Gottschalk. Für einen effektiven Gemeinschaftsschutz, die so genannte Herdenimmunität, müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Deshalb müsste ein Mund-Nasenschutz noch lange getragen werden.

„Ohne Impfung werden wir nicht wieder normal leben können“, betonte auch Sabine Wicker, die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko). Die Impfstoffe seien sicher und effektiv. Die Gründe der so genannten „Impfgegner:innen“, sich nicht impfen lassen zu wollen, seien allergrößtenteils irrational, betonte auch René Gottschalk. Solche Diskussionen würden allerdings die Bevölkerung verunsichern.

Eine Impfpflicht schlossen alle auf dem Podiums jedoch aus. Zumal nach Empfehlung des Deutschen Ethikrates und der Stiko ohnehin zuerst einmal die vulnerablen Gruppen und Personen geimpft werden sollen, also besonders gefährdete Menschen, wie die Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen. Auch das sei schon viel: Fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Gesundheitswesen, wie Sabine Wicker betone. Auch hier werde es daher zunächst Prioritäten geben: „Der Psychologe in der Reha-Klinik hat ein anderes Ansteckungsrisiko als die Schwester auf der Intensivstation.“

Die Verteilung eines Impfstoffes sei eine Frage der Gerechtigkeit und der Solidarität. Dies gelte auch für die weltweite Verteilung. Es dürfe nicht sein, dass ärmere Länder „hinten runterfallen“, warnte Gottschalk.

Nov 19

Kirchentag trotz Corona? Ein Pro und Contra aus der Redaktion

Kirchentage leben vom Gemeinschaftsgefühl, so wie bei diesem Gebet voriges Jahr in Dortmund. Ob das unter Pandemiebedingungen klappt, ist ungewiss. | Foto: Helfen beim Kirchentag/Flickr.com (cc-by-nc-sa)

Gerade in Krisenzeiten seien Begegnung, Dialog und Gemeinschaft wichtig. Deshalb soll der Kirchentag im Mai 2021 in Frankfurt wenn irgend möglich in Präsenz stattfinden. Zumindest ist das der derzeitige Stand der Planungen – aber die Meinungen dazu gehen auseinander.

ps, dachten viele, als die FAZ kürzlich meldete, der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt würde abgesagt (das „voraussichtlich“ wurde nachträglich in die Überschrift eingefügt). Sie berief sich dabei auf den Frankfurter Kämmerer und Kirchendezernenten Uwe Becker, der das angedeutet habe. Allerdings widersprach das dem Präsidium des Kirchentags, das erst kurz zuvor bekannt gegeben hatte, weiter an den Planungen für das Großevent, das vom 12. bis 16. Mai 2021 in Frankfurt stattfinden soll, festzuhalten. Tatsächlich kam schon bald eine Klarstellung von der Stadt Frankfurt: Die Absage ist also erstmal wieder abgesagt, es wird doch weiter geplant.

Vieles hängt nun davon ab, ob der Kirchentag ein Hygienekonzept vorlegen kann, das den Verantwortlichen der Stadt tragfähig erscheint. Klar ist schon jetzt, dass es keine Privat- und Gemeinschaftsquartiere geben wird und dass viele Veranstaltungen im Freien und dezentral stattfinden. Und dass statt 100.000 nur maximal 30.000 Leute kommen sollen.

Doch gerade in Zeiten wie diesen, so die Argumentation der Verantwortlichen, brauche es öffentliche Räume für Diskurs und Debatte. Niemand könne zurzeit wissen, was im Mai möglich sein wird und was nicht.


Einerseits: Wie ein ungedeckter Scheck (Kurt-Helmuth Eimuth)

Ich bin ein bekennender Kirchentags-Fan. Und gerade deshalb hätte ich eine Verschiebung um ein Jahr begrüßt. Kirchentag, das ist für mich Begegnung, Gemeinschaft, Disput und einfach ein großes Treffen. Gerne denke ich an einen meiner ersten Kirchentage 1977 zurück, als wir mit zwei Bussen des Stadtjugendpfarramtes nach West-Berlin fuhren. Willkommen in der gastgebenden Gemeinde und mit einem ersten Auftritt der Band Habakuk. Auch an unsere Gastgeber des Privatquartiers 1985 in Düsseldorf erinnere ich mich gerne. Unvergessenen sind mir die überfüllten Bibelarbeiten von Luise Schottroff und Dorothee Sölle.

Wenn Kirchentag ist, dann summt und brummt eine Stadt. So wie beim letzten Frankfurter Kirchentag im Jahr 2001, als wir den Gästen mit einer umgespritzten Oldtimer-Straßenbahn, dem Kirchentagsexpress, zwischen Messegelände und Zoo eine Stadtführung per Tram boten. All das wird bei einem Kirchentag unter Pandemie-Bedingungen unmöglich sein. Man kann zwar mit 500 Personen in einer riesigen Messehalle sitzen, aber Stimmung kommt da nicht auf. Ein Kirchentag unter Pandemie-Bedingungen wäre kalt und ohne Herz.

Zudem hätte ich auch gesundheitliche Bedenken. Zwar sind Gruppenungerbringungen in Schulen jetzt offenbar nicht mehr geplant. Aber auch Veranstaltungen im Stundentakt in Kirchen dürften wegen der schlechten Lüftbarkeit vieler Gotteshäuser problematisch sein.

Warum nicht verschieben? Was Olympia kann, sollte doch für uns auch möglich sein. Die Planung für Mai 2021 zeugt zwar von Hoffnung und Zuversicht, kommt mir aber vor wie ein ungedeckter Scheck.


Andererseits: Wer, wenn nicht wir? (Antje Schrupp)

Zugegeben: Das Vorhaben ist waghalsig. Gut möglich, dass am Ende doch noch alles abgesagt werden muss. Trotzdem finde ich es gut, dass die Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags nicht jetzt schon die Flinte ins Korn werfen. Natürlich ist es blöd, dass wir es in Europa nicht geschafft haben, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, so wie Ostasien, Australien oder Neuseeland. Aber wir können nun auch nicht dauerhaft in Schockstarre verfallen. Wir müssen mit der Situation, so wie sie nun einmal ist, leben.

Im Mai wird das Corona-Virus bereits über ein Jahr zirkulieren. Vielleicht gibt es bis dahin eine Impfung, vielleicht auch nicht. Die Entwicklung lässt sich schlicht nicht vorhersagen. Aber ob wir wollen oder nicht, faktisch wird dann eine Art „neue Normalität“ entstanden sein, mit der wir zurechtkommen müssen. Man kann gesellschaftliche Groß-Events zwar über einige Monate, aber nicht über Jahre ausfallen lassen. Ob mit oder ohne Kirchentag werden nächstes Jahr wieder publikumsstarke Veranstaltungen durchgeführt, es wird Parteitage, Sportevents, Messen und dergleichen geben.

Daher finde ich es nicht so schlecht, wenn der Ökumenische Kirchentag diesbezüglich Maßstäbe setzten kann: Dem typischen Kirchentagspublikum traue ich es nämlich noch am ehesten zu, auch zu Zehntausenden vernünftig, besonnen, mit Abstand, Maske, Lüften und Händewaschen ein solches Event durchzuziehen. Der Kirchentag könnte in Punkto Corona-kompatible Großveranstaltungen ein Vorbild werden, an dem sich dann andere messen lassen müssen.

Nov 19

Das Virus, die Demokratie und die Frage, mit wem man diskutieren soll

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins

Bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung sind sektenartige Ideologien und Verschwörungsmythen genauso zu finden wie Menschen mit nachvollziehbaren Ängsten und Fragen. Eine demokratische Kultur muss beides voneinander unterscheiden.

ie demonstrieren. Sie nennen sich Querdenker, was soviel heißen soll, wie gegen den Strich, den Mainstream, denken. Querdenken ist gut, eine Demokratie braucht das.

Allerdings laufen bei diesen Demonstrationen auch zahlreiche Anhänger:innen von kruden Organisationen von Reichsbürgern über Impfgegnerinnen und Qanon-Verschwörungsmythiker mit. Mit solchen versekteten Gruppen ist kein Dialog möglich. Sie radikalisieren sich zunehmend, und ein kleiner Kern ist sicher auch gewaltbereit.

Aber was ist mit jenen, die aus Ärger oder existentieller Betroffenheit die Maßnahmen nicht verstehen? Die sich fragen, warum der Frisör öffnen darf und das Nagelstudio nicht? Die Zweifel haben, ob es eine Ansteckungsgefahr in der Gastronomie gibt, wenn die Hygienemaßnahmen eingehalten werden?

Hier hilft nur Zuhören, Argumente austauschen und immer wieder Erklären: dass es um Kontaktvermeidung geht, und dass für die Menschen vielleicht ein Frisör wichtiger ist als ein Nagelstudio.

Die große gesellschaftliche Herausforderung dieser Pandemie braucht die Solidarität aller. Und gerade weil wir unterschiedlich betroffen sind, müssen wir im Gespräch bleiben, müssen diskutieren und die einzelnen Argumente ernst nehmen.

Das Virus bedroht unser Leben. Fehlende Diskussionskultur bedroht unsere Demokratie. Wir müssen gegen beides wachsam sein.

Okt 23

Nachbarschaften werden in Corona-Zeiten wichtiger

Stadtdekan Achim Knecht beim diesjährigen Familienkongress, der „hybrid“ – teil in Präsenz, teils online – abgehalten wurde. Foto: Johannes Otte

Wie kommen Familien gut durch die Corona-Zeit? Dabei spielen Quartiere eine große Rolle, wie beim Frankfurter Familienkongress deutlich wurde.

Wir wussten, wir brauchen uns gegenseitig“, resümierte Sylvia Weber, Frankfurter Dezernentin für Integration und Bildung, auf dem Frankfurter Familienkongress, der seit 2007 jedes Jahr von einem gesellschaftlichen Familienbündnis veranstaltet wird, zu dem auch die evangelische Kirch gehört. Gerade mit Blick auf die Familien habe sich in den letzten Wochen gezeigt, was wirklich wichtig ist. Natürlich war es das Engagement aller, die in Sozialarbeit und im Gesundheitswesen tätig sind: Träger und Mitarbeiter*innen in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen hätten flexibel auf die Herausforderungen reagiert, sagte Weber. Diese Flexibilität brauche es auch künftig.

Katrin Bienge vom Wuppertal Institut, einem Think Tank für Nachhaltigkeitsforschung, sprach von einer „resilienten Post-Corona-Stadt“, die geprägt sei von größerer Nähe und Agilität. Der öffentliche Nahbereich, die Nachbarschaft, sei wichtiger geworden. Deshalb, so ihre Forderung, müssten die Quartiere gestärkt werden, ebenso die „Kreativ-Szene“, und Innenstädte müssten multifunktionell sein. Ähnliches unterstrich auch Thomas Franke vom Deutschen Institut für Urbanistik aus Berlin: „Der Nahraum hat größere Bedeutung gewonnen“, sagte er, deshalb sei die Sozialraumorientierung zu intensivieren.

Der evangelische Stadtdekan für Frankfurt und Offenbach, Achim Knecht, wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die Mitarbeiter*innen in den rund 200 sozialen Einrichtungen in Frankfurt und Offenbach schnell und beweglich gehandelt haben. „Agilität ist eine Qualität gewesen.“ Man habe pragmatisch und mit hohem Engagement auf die jeweilige Herausforderung reagiert. Zum Beispiel hätten Jugendhäuser für die Besucher*innen, die während der Kontaktsperren kein Mittagessen mehr bekamen, Lunchpakete zusammengestellt. Der Beratungsbedarf insgesamt sei gestiegen, sagte Knecht, Rituale würden schmerzlich vermisst. An den Übergängen des Lebens brauche es Rituale wie Hochzeit, Taufe, Konfirmation. Doch sogar Kindergeburtstage konnten nur eingeschränkt gefeiert werden. „Da bricht viel Sinn weg.“

Klar wurde an diesem Tag, wie wichtig die Unterstützung von Familien in ihren Quartieren ist. Auch wenn der Personaleinsatz unter Corona-Bedingungen höher ist. Dezernentin Weber versicherte, dass der Frankfurter Magistrat sich des Problems bewusst sei und sieht, was auf Familien in diesem Herbst und Winter zukommt. Man habe Themen wie Not, Armut und Arbeitslosigkeit im Blick. „Aufgabe der Politik ist es, ein Leben mit Corona zu gestalten.“

Weitere Informationen zu dem Familienkongress und dem Frankfurter Bündnis für Familien gibt es unter www.frankfurter-buendnis-fuer-familien.de. Die Passagen des evangelischen Stadtdekans sind bei der Video-Aufzeichnung ab 1:17 zu finden..

kurt-Helmuth Eimuth

Jun 02

Nein, Frau Käßmann!

von Kurt-Helmuth Eimuth 2. Juni 2020

Die bekannte evangelische Theologin Margot Käßmann fordert die Älteren auf zugunsten der Jungen zu verzichten. Schließlich gehörten die über Sechzigjährigen einer Luxusgeneration an. Solidarität muss anders aussehen, meint unser Autor.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Ältere Menschen sollten in der Corona-Pandemie zugunsten der Kinder und der Jüngeren zu Hause bleiben, sagte kürzlich die evangelische Theologin Margot Käßmann mit Blick auf die weiter eingeschränkten Kita- und Schulangebote dem Straßenmagazin „Asphalt“ in Hannover. Im Interview hatte Käßmann geäußert, die Älteren hätten ein gutes Leben gelebt. Deshalb sei es angesichts der Bedrohung durch Covid-19 jetzt an ihnen, zugunsten der Kinder zu verzichten: „Wenn ich wüsste, dass die Kleinen und Jüngeren wieder rauskönnen, wenn wir, die über Sechzigjährigen, die Risikogruppen, zu Hause blieben, wenn das der Deal wäre, dann würde ich mich darauf einlassen“, sagte die streitbare frühere Bischöfin und Ratsvorsitzende der EKD und forderte zugleich eine zügige Öffnung von Kitas und Schulen. Gerade die Älteren seien „mehrheitlich die Luxusgeneration, die es so gut hatte wie keine Generation vorher und keine danach“. Keine Generation sei weniger von den wirtschaftlichen Folgen der Krise betroffen.

Es ist ein feiner Zug von Käßmann, dass sie persönlich verzichten will. Gut so. Dies kann und soll sie. Nur darf sie ihr Verhalten nicht zum moralischen Imperativ erheben. Denn die Gesellschaft braucht Solidarität, nicht Spaltung. Es ist die Stärke der Gemeinschaft, dass die Stärkeren für die Schwachen einstehen. Darauf fußt an vielen Stellen unsere Gesellschaft. Der chronisch Kranke zahlt den gleichen Beitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung wie der durch und durch Gesunde, und selbst das Steuerrecht erhebt den Anspruch, dass starke Schultern mehr tragen können. Vom ethischen Standpunkt aus betrachtet irrt die prominente Theologin.

Aber auch aus einer wissenschaftlichen Perspektive hilft der Vorschlag, alle über Sechzigjährigen in Quarantäne zu schicken, nicht weiter. Die sozialen Folgen, die eine solche Kontaktsperre in Altenheimen verursachen würde, wären enorm. Mancherorts fühlte sich dies während des Lockdowns eher wie Einzelhaft an. Und bedenkt man die Zahl der Menschen mit Vorerkrankungen, die alle zur Risikogruppe gehören, so müsste man eben nicht nur jene 13 Millionen isolieren, die älter als 70 Jahre sind, sondern auch die chronisch Kranken. Darunter wäre dann auch die 16-jährige Diabetikerin und der 30-jährige Asthmatiker. In Deutschland sind 8 Millionen Menschen an Asthma erkrankt, 7,8 Millionen sind schwerbehindert und 1,7 Millionen leiden an einer Herzkrankheit, die eine klinische Behandlung im vergangenen Jahr erforderte.

Nein, das Choronavirus ist eben nicht nur für alte Menschen gefährlich. Vermutlich gehören 20 bis 30 Millionen zur Risikogruppe, bei 83 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die können sich unmöglich alle freiwillig isolieren.

Es ist sicher hilfreich, wenn Margot Käßmann auf soziale Kontakte verzichtet. Das ist der beste Schutz für sie selbst und trägt auch zur Eindämmung der Epidemie bei. Aber zur Handlungsmaxime für alle kann ein solches Verhalten auf Dauer nicht gemacht werden. Sondern es gilt, die neue Normalität so auszutaxieren, dass das Virus unter Kontrolle ist. Die Zahl der Neuerkrankungen muss so niedrig bleiben, dass jede Infizierung schnell und konsequent nachverfolgt werden kann.

Leider ist zu befürchten, dass im Wettlauf der Lockerungen die gebotene Vorsicht verloren geht. Schon jetzt ist zu beobachten, dass die Gefahr durch das Virus zunehmend unterschätzt wird, denn es ist ja bisher alles gut gegangen. Dagegen gilt es die Stimme zu erheben. Wir alle, ob Jung oder Alt, müssen vorsichtig bleiben.

Mai 20

Zu Pfingsten läuten fünfzig Glocken aus zehn Kirchen

von Kurt-Helmuth Eimuth 20. Mai 2020

Am Samstag vor Pfingsten, 30. Mai, um 16.30 Uhr ist es wieder soweit: Die Glocken der zehn Frankfurter Innenstadtkirchen vereinigen sich zu einem großen Klangteppich. Erstmals kann man das Große Stadtgeläut in diesem Jahr auch online erleben.

Große und kleine Glocken in den zehn Frankfurter Innenstadtkirchen erklingen gemeinsam beim großen Stadtgeläut.  |
Große und kleine Glocken in den zehn Frankfurter Innenstadtkirchen erklingen gemeinsam beim großen Stadtgeläut. | Bild: http://www.colourbox.de

Fein aufeinander abgestimmt nach einem Konzept des Glockensachverständigen Professor Paul Smets aus dem Jahr 1954 schwingen fünfzig Glocken aus zehn Frankfurter Innenstadtkirchen beim Großen Stadtgeläut. Diesmal ist es am Samstag vor Pfingsten erstmals auch online auf http://frankfurt.de/ zu hören.

Man braucht also in Corona-Zeiten nicht in die Innenstadt zu laufen, wo der akustische Eindruck durch den üblichen Verkaufslärm vermutlich selbst in diesen Zeiten getrübt wird.

Zu hören sind die Glocken der Dotationskirchen St. Katharinen, St. Peters, Heiliggeist, Alte Nikolaikirche und die Sachsenhäuser Dreikönigskirche, die drei katholischen Gotteshäuser Dom, Liebfrauen und Leonhard sowie die nicht mehr kirchlich genutzte Paulskirche und das ebenfalls säkularisierte Karmeliterkloster.

Der Frankfurter Magistrat hatte die Chance beim Wiederaufbau ergriffen und damit ein einzigartiges akustisches Kunstwerk geschaffen. Vollendet wurde das Große Stadtgeläut aber erst 1995 mit den neuen Glocken des Karmeliterklosters.

Dominant zu hören ist die Glocke „Gloriosa“ im Dom. Sie ist über zweieinhalb Meter hoch und breit und mit 11.950 Kilogramm das Schwergewicht unter den Glocken der Frankfurter Innenstadtkirchen – und die zweitschwerste Bronzeglocke Deutschlands. Insgesamt wiegen die fünfzig Glocken der zehn Innenstadtkirchen 64.804 Kilogramm.

Übrigens kann man Einblicke in die Dotationskirchen ebenfalls virtuell gewinnen. Die Stadt bietet im Internet Besichtigungen in 360 Grad.

Mai 15

Die Denkmuster der Verschwörungsmythen

von Kurt-Helmuth Eimuth 15. Mai 2020

Man hat in diesen Tagen den Eindruck, dass die wahre Pandemie nicht die Verbreitung des Coronavirus, sondern die von Verschwörungsmythen ist. Ein kleines Handbuch gibt jetzt Einblick in die dahinter stehenden Denkmuster. Es kann direkt aus dem Internet heruntergeladen werden.

Das Handbuch über Verschwörungsmythen ist online abrufbar
Das Handbuch über Verschwörungsmythen ist online abrufbar

Eine bizarre Versammlung aus Impfgegnern, Menschen die daran glauben, dass Bill Gates die Menschheit reduzieren will, und zunehmend auch Aktivisten mit völkischem Gedankengut trifft sich neuerdings zu Demonstrationen, nicht nur in Deutschland. Wie und warum funktionieren solche Verschwörungsmythen?

Dieser Frage geht eine kleine zwölfseitige Broschüre nach, die jetzt auch auf Deutsch im Internet aufgerufen werden kann. Kurz und knapp legt sie grafisch gut aufbereitet die Strukturen und Muster der gängigen Verschwörungsmythen dar und entzaubert sie.

Warum sind Verschwörungsmythen so populär? Wie kann man die Merkmale konspirativen Denkens erkennen? Was sind effektive Strategien, um solche Mythen zu entlarven?

Die Autoren gehen davon aus, dass rationale Beweise keinen Verschwörungsgläubigen überzeugen werden. „Der abschottende Charakter von Verschwörungsmythen bedeutet, dass jeder Beweis, der einen Mythos widerlegt, als weiterer Beweis für die Verschwörung interpretiert werden kann. Dies bedeutet, dass in der Kommunikation die verschiedenen Zielgruppen klar unterschieden werden müssen. Wenn Verschwörungstheoretiker Beweise so uminterpretieren, dass sie das Gegenteil bedeuten, dann braucht man für sie eine andere Strategie, als für jene, die Beweise zu schätzen wissen.“

Zunächst setzt das Handbuch auf „präventives Widerlegen“. Also darauf, im öffentlichen Diskurs faktenbasiert zu argumentieren. Im Umgang mit den Menschen, die Verschwörungsmythen verbreiten, gilt es, kommunikative Aufgeschlossenheit und Empathie zu zeigen. Spott und ein aggressives Zerlegen des Verschwörungsmythos sind eher kontraproduktiv. „Analysieren Sie die Beweggründe hinter dem Verschwörungsmythos, bevor Sie einen Widerlegungsversuch unternehmen.“

Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die die Funktion und die Funktionsweise von Verschwörungsmythen nachvollziehen wollen und zudem eine anregende Hilfe zum Umgang mit einem nicht ausrottbaren Phänomen suchen.

PDF: Stephan Lewandowsky, John Cook: Das Handbuch der Verschwörungsmythen

Mai 11

Sechs Monate Elterngeld plus Arbeitplatzgarantie!

von Kurt-Helmuth Eimuth 11. Mai 2020

Alle möglichen Branchen bekommen wegen der Corona-Epidemie Hilfen, aber Familien gehen leer aus. Das Hin und Her rund um Schul- und Kita-Öffnungen und die selbstverständliche Erwartung vor allem an Mütter, Kinderbetreuung, Home-Schooling und eigene Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen, zerrt an den Nerven. Für radikale Krisen braucht es radikale Lösungen! Ein Kommentar.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins.  |  Foto: Tamara Jung
Kurt-Helmuth Eimuth ist Mitglied in der Redaktion des EFO-Magazins. | Foto: Tamara Jung

Die Sache ist vertrackt. Schulen und Kitas wurden geschlossen, von heute auf morgen mussten Eltern ihre Kinder selbst betreuen, ohne die üblichen Netzwerke aus Babysittern oder Großeltern. Gleichzeitig sollten sie aber weiter in ihrem Beruf arbeiten. Ein Tanz auf vielen Hochzeiten in wenigen Zimmern.

Es wird jetzt klar, dass die institutionelle Betreuung von Kindern längst eine Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg ist, sowohl der Einzelnen als auch der Gesellschaft. Mit Corona ist dieses System aber zusammengebrochen.

In den kommenden Monaten wird es kein Zurück zur Normalität geben. Hier und da werden Klassen im Schichtbetrieb unterrichtet, werden Prüfungen abgehalten und Schulflure als Einbahnstraße markiert. Aber ist das die Lösung? Hilft es Eltern im Homeoffice, wenn eine Woche Schule ist und dann eine Woche wieder nicht?

Eine radikale Krise braucht radikale Lösungen. Warum nicht die Schulen bis nach den Sommerferien schließen und die Zeit nutzen, um ganz neue, angemessene Unterrichtskonzepte zu entwickeln! Corona böte die Möglichkeit, Lehrpläne zu entrümpeln und andere Unterrichtsmethoden einzuführen. Gleichzeitig sollte man nicht die Eltern, meist sind es ja die Mütter, zwangsweise als Hilfslehrerinnen rekrutieren. Es gab doch schon mal eine Zeit, in der zwei Unterrichtsjahre auf eineinhalb zusammengestaucht wurden: als mit zwei Kurzschuljahren 1966 und 1967 der Schuljahresbeginn in Deutschland synchronisiert wurde.

Lasst also Kindern und Eltern diese Zeit, um fürs Leben zu lernen statt für die Schule. Gemeinsames Spielen, Lesen, Kochen und Reden können ein Gewinn sein. Aber dafür müssen die Eltern natürlich Zeit haben. Alle Lobbygruppen schreien zurzeit: Wir auch! Nur die Eltern hört man kaum. Sie klagen manchmal, aber immer noch viel zu leise.

Es wäre an der Zeit, hier ein Zeichen zu setzen. Wie wäre es mit einem Corona-Elterngeld für sechs Monate bei gleichzeitiger Arbeitsplatzgarantie? Auf diese Weise könnten auch Familien mit Kindern der Corona-Zeit etwas abgewinnen