Wenn man an Udo Lindenberg denkt, erscheinen Bilder von Eierlikör und dem ewigen Habitus des hanseatischen „Panikrockers“ vor dem geistigen Auge. Doch jenseits der Sonnenbrille und des schnoddrigen Jargons verbirgt sich eine spirituelle Tiefe, die weit über das bloße Showgeschäft hinausreicht. Anlässlich der „Udo-Festwochen“ rückt eine Seite des Künstlers in den Fokus, die man als seine ganz eigene, rockende Reformation bezeichnen könnte.
Der Theologe und Journalist Uwe Birnstein erinnert sich im Podcast Conny&Kurt an eine Begegnung vor 35 Jahren, in der Lindenberg einen erstaunlichen Satz prägte, der sein gesamtes Schaffen als moderner Prophet der Vernunft zusammenfasst. In einem Kellerstudio bekannte sich der Musiker zu einem Erbe, das man eher in der Wittenberger Schlosskirche als auf der Reeperbahn vermuten würde. Lindenberg zitierte Martin Luther: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Dieses Bekenntnis zur Hoffnung im Angesicht der Apokalypse zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.
Lindenbergs Religiosität ist dabei keine der rituellen Unterwerfung oder der „Halleluja-Frömmigkeit“. Er begreift den Glauben als einen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung – oder wie er es ausdrückt: den Frieden auf diesem „kleinen blauen zerbrechlichen Planeten“ endlich hinzukriegen. Es ist eine radikale Absage an religiösen Fanatismus und Fundamentalismus, die er bereits vor Jahrzehnten formulierte und die heute, angesichts globaler Konflikte, eine bittere Aktualität erfährt.
Seine Biografie ist tief im Protestantismus verwurzelt. Getauft mit neun Jahren auf Wunsch der Großmutter und geprägt durch eine Diakonisse im evangelischen Kindergarten, trägt Lindenberg den „Schatz der biblischen Grundgeschichten“ in sich. Er transformiert diese Geschichten in eine Sprache, die das Volk versteht – ganz im Geiste Luthers. Ob er die Zehn Gebote in monumentalen Gemälden visualisiert oder im Song „Interview mit Gott“ eine fast schon existenzialistische Theologie entwirft, in der Gott den Menschen klarmacht, dass sie sich selbst um ihren Planeten kümmern müssen: Lindenberg bleibt der „Jeremias“ des Deutschrock.
Für seine „Panikfamilie“ bietet er einen Raum ohne Verurteilung, eine Art säkulare Gnadenlehre. Sein Song „Ich ziehe meinen Hut“ mit der Zeile „Du hast mich niemals ausgebuht“ ist für Birnstein nichts Geringeres als eine volksnahe Übersetzung der Rechtfertigungslehre. Udo Lindenberg zeigt, dass Spiritualität nicht hinter dem Horizont endet, sondern hier und jetzt beginnt – mit einem Hut auf dem Kopf und einer Botschaft, die trägt.
Lindenberg kann am 17. Mai seinen 80. Geburtstag feiern.
