Tag Archiv für Feiertag

Die Kraft des Aufbruchs: Pfingsten als gesellschaftlicher Gegenentwurf

In der aktuellen politischen Diskussion gerät der Pfingstmontag immer wieder als entbehrlicher Feiertag in die Kritik. Doch für Ulrike Scherf, die stellvertretende Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), ist dieses Fest weit mehr als eine bloße arbeitsfreie Lücke im Kalender. Während Weihnachten und Ostern durch feste Rituale im kollektiven Bewusstsein verankert sind, gilt Pfingsten oft als das „unbekannte“ Fest. Dabei markiert es nicht nur den „Geburtstag der Kirche“, sondern steht für das Wirken der sogenannten „Geistkraft“ – ein Begriff, der sich an das hebräische Ruach anlehnt.

Scherf begreift diesen Geist als eine Energie, die den Einzelnen zur Tat befähigt: „Dass Menschen von einer Kraft ergriffen sind, die sie befähigt (…) in diesem Geist zu handeln“. In einer Zeit, die von zunehmendem Nationalismus und extremistischen Tendenzen geprägt ist, fungiere die Pfingstbotschaft als notwendige „Gegengeschichte“. Während die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel von der Entfremdung der Menschen handelt, stehe Pfingsten für das Wunder der Verständigung über Grenzen hinweg. Scherf betont: „Ihr gehört alle zusammen und es geht um Verständigung und dieser Geist wirkt“.

Über die rein theologische Dimension hinaus verteidigt Scherf die zwei Pfingstfeiertage als soziale Räume des Innehaltens. Feiertage seien essentiell, um zu spüren, dass das Leben mehr ist als Leistung. Sie ermöglichen ein „soziales Miteinander“, das in einer Gesellschaft der Einsamkeit einen hohen Stellenwert habe.

Zudem sieht Scherf in Pfingsten einen Impuls für Innovation innerhalb und außerhalb der Kirche. Der Geist wirke wie ein frischer Wind, der Türen öffnet: „Nichts bleibt, wie es ist. (…) Der Geist motiviert ja und inspiriert auch nach vorne zu gehen“. Projekte wie die „Pop-up Church“ oder „Segen auf der Zeil“ seien moderne Ausdrucksformen dieses Aufbruchs, die zeigen, dass die Kirche die verängstigten Mauern verlassen müsse, um dorthin zu gehen, „wo die Menschen sind“. Pfingsten ist somit ein Plädoyer gegen die Angst vor Veränderung und für den Mut, neue Schritte in die Zukunft zu wagen.

Zur Person:
Ulrike Scherf wurde 1964 in Wiesbaden geboren und ging dort bis zum Abitur zur Schule. Sie studierte Evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau (Bayern) und an den Universitäten in Bern und Heidelberg. Nach dem Ersten Theologischen Examen wurde sie Vikarin in Mümling-Grumbach (Odenwald) und arbeitet nach ihrer praktisch-theologischen Ausbildung als Assistentin am Theologischen Seminar in Friedberg.  Als Pfarrerin wurde Ulrike Scherf 1999 auch zur Dekanin des Dekanats Zwingenberg und später zur kommissarischen Dekanin des neu formierten Dekanats Bergstraße gewählt. 2007 wählte sie das Evangelische Dekanat Bergstraße mit Sitz in Heppenheim zur hauptamtlichen Dekanin. Im November 2012 wurde Ulrike Scherf von der Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum ersten Mal in das Amt der Stellvertretenden Kirchenpräsidenten gewählt und trat es im Februar 2013 an. Ihre erste Amtsperiode endet nach acht Jahren am 31.01.2021. Im November 2019 wurde sie für weitere acht Jahre bis 2029 in ihrem Amt bestätigt. Ulrike Scherf ist Mitglied im Aufsichtsrat der Diakonie Hessen – Diakonisches Werk in Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck, im Vorstand des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands, im Kuratorium des Konfessionskundlichen Instituts, im Kuratorium der Evangelischen Hochschule Darmstadt, im Kuratorium der Kinder- und Jugendstiftung der EKHN sowie im Beirat der Hospiz-Stiftung Bergstraße.

Die Freiheit des Verbots – Tanzverbot am Feiertag

Evangelisches Frankfurt Juni 2011

Frankfurts Ordnungsdezernent Volker Stein hat mit seiner Anordnung, die gesetzlich vorgeschriebene Achtung christlicher Feiertage in Clubs und Diskotheken zu kontrollieren, eine bundesweite Diskussion ausgelöst.

Die Online-Umfrage der Frankfurter Rundschau zeichnet ein eindeutiges Meinungsbild: Annähernd zwei Drittel stimmen der Aussage zu: „Die Kirche verliert immer mehr an Bedeutung. Konsequenter Weise sollte sie auch nicht länger in die Freizeitgestaltung der Menschen hinein regieren.“ Nur neun Prozent hingegen finden das Tanzverbot gut und meinen: „Christliche Traditionen müssen auch in der heutigen Zeit aufrecht erhalten werden.“ Zwanzig Prozent sprechen sich für ein moderates Tanzverbot aus: „Am Karfreitag sollte es ein Tanzverbot geben. Aber das ganze Wochenende nicht feiern zu dürfen, ist übertrieben.“

Die öffentliche Meinung ist also eindeutig – die Gesetzeslage allerdings auch. Gemäß dem hessischen Sonn- und Feiertagsgesetz herrscht von Gründonnerstag ab vier Uhr morgens bis Samstagnacht um 24 Uhr ein absolutes Verbot von Tanzveranstaltungen. Erst danach sind die Tanzflächen wieder freigegeben – allerdings nur für wenige Stunden. Denn auch von Ostersonntag ab vier Uhr bis Ostermontag um 12 Uhr verbietet das Gesetz aus dem Jahre 1952 jedwede Tanzveranstaltung. Diese Regelung gilt genauso für Neujahr, Himmelfahrt, Pfingstmontag und die Weihnachtstage, Einschränkungen gibt es auch am Gründonnerstag, Karsamstag, Volkstrauertag und Totensonntag.

Vor der Frühjahrssynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wies Kirchenpräsident Volker Jung auf das Grundproblem hin: „Ist der Feiertag überhaupt als gesetzlich geschützter Tag in unserer Gesellschaft konsensfähig?“ Die Kirche trete weiter dafür ein, den Karfreitag als gesetzlich geschützten Feiertag zu erhalten „und ihn mit dem Tanzverbot als besonderen Tag zu kennzeichnen“, sagte Jung. Das Tanzverbot an Ostern hingegen sei nicht zu begründen: „Ich halte es für un-nötig“, so der Kirchenpräsident.

Für Jung geht es dabei nicht um die Einschränkung individueller Freiheit. „Die Leitfrage ist für mich: Hat eine Gesellschaft die Freiheit, sich einen solchen Tag wie den Karfreitag zu gönnen? Gibt es damit eine innere gesellschaftliche Freiheit, diesen Tag in besonderer Weise zu gestalten?“ Er sieht einen Zusammenhang mit Tendenzen, das Gebot der Sonntagsruhe auszuhöhlen: „Sind nicht alle Argumente für die Liberalisierung des Sonntages Zeichen für eine ökonomische Fremdbestimmung und damit von Knechtschaft und nicht von Freiheit?“

Kurt-Helmuth Eimuth