Tag Archiv für Kinder

Kinder brauchen Religion

Andacht, 24.9.12

Kurt-Helmuth Eimuth

Lied: EG 443, 1,2,4

Votum:

Wir feiern unsere Andacht im Namen Gottes

der Quelle allen Lebens,

im Namen Jesu Christi,

Grund unserer Hoffnung,

und im Namen des Heiligen Geistes,

Spenderin von Trost und Kraft.

Amen

Psalm 146, Nr. 757

Lied: 302, 1-3, Du meine Seele singe

Ansprache:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

neulich in einem Kirchenvorstand diskutierten wir über die Religionspädagogik. Gibt es denn überhaupt für so ganz kleine Kinder in den Krabbelstuben eine Religionspädagogik? Kann man so kleine Kindern, etwas vom christlichen Glauben vermitteln?

In einer schon weitgehend säkularisierten Gesellschaft wird diese Frage ganz anders gesttellt. Darf man in der Erziehung überhaupt Religion vermitteln? Braucht es Religion in der Erziehung? Oder ist dieses nicht eine unzulässige Indoktrination?

Doch was ist Erziehung und was ist Indoktrination? Kinder lernen durch Nachahmung. Sie machen einfach das, was die Erwachsenen auch machen. So lernen sie – wie von selbst – ihre Muttersprache. Sie entschlüsseln grammatikalische Gesetzmäßigkeiten und formen den Klang der Silben nach. Eine Leistung, die das menschliche Gehirn in späteren Jahren nicht mehr vollbringt.

Aber nicht nur Wissen wird durch Nachahmung gelernt. Auch Einstellungen und Verhaltensmuster. Wenn es in einer Familie laut zugeht, wird das Kind auch zum Schreien neigen. Und wenn in einer Familie über „die Ausländer“ gelästert wird, wird das Kind Ayse und Yussuf in der Grundschule mit Vorurteilen begegnen.

Erziehung ist also niemals wertfrei, sondern immer wertevermittelnd. Erziehung ist immer Erziehung zu einem Ziel, beispielsweise dem respektvollen Umgang miteinander. Und Kinder achten akribisch darauf, dass Regeln eingehalten werden. Dies beginnt bei der roten Ampel. Mit Recht rufen die Kinder „Rotgänger – Totgänger“, wenn Erwachsene die rote Ampel ignorieren. Und die Schweißperlen auf der Stirn des Vaters kennen viele, wenn bei der Fahrkartenkontrolle im Zug die Tochter bei der Frage nach ihrem Alter schwindeln soll.

Die Vermittlung des Wertekanons erfolgt also über das beispielhafte Verhalten der Eltern. Umso mehr, als die Eltern in den ersten Jahren in den Augen ihrer Kinder unfehlbar sind. Wenn also die Eltern bestimmte Essgewohnheiten haben, sei es aus religiösen und ökologischen Gründen, so sind diese auch für das Kind Gesetz.

Kinder wachsen in einer Welt auf, die auch von religiösen Traditionen und Werthaltungen geprägt ist. Dies ist unvermeidlich. Wenn das Kind in der Moschee ein Bayramfest erlebt, so gehört es eben zur erlebten Welt des Kindes. Dabei geben vor allem die Eltern ihre eigenen Überzeugungen und Lebensweise an die Kinder weiter. Dies ist notwendig und keineswegs eine Form der Indoktrination. Erst später in der Pubertät kann sich das Kind hiervon absetzen und auch zur Religion eine eher eigenständige Meinung sich bilden.

Religion kann auch in der Kindheit nicht ausgeblendet werden. Sie gehört zur kindlichen Erlebniswelt. Die Begleitung der Kinder, auch in ihrem religiösem Erleben und in ihren Sinnfragen ist daher notwendig und keine Indoktrination. Diese Grundorientierung gibt dem Menschen Halt und Haltung für sein ganzes Leben. Der Trend ist schon seit vielen Jahren ablesbar. Immer mehr Kinder werden von ihren Eltern nicht mehr einer Religion oder einer Religionsgemeinschaft zugeordnet. „Sie oder er soll später einmal selbst entscheiden“, so das Argument. Sie sollen quasi ohne Religion aufwachsen um sich später einmal eine auszusuchen. Eine Vorstellung, die einer gängigen Vorstellung der Konsumgesellschaft folgt. Der mündige Verbraucher, die mündige Verbraucherin benötigt etwas, beispielsweise einen Kühlschrank, erstellt ein Bedarfsprofil und sucht sich dann das für sie oder ihn passende Produkt aus. Doch was schon in der schönen Welt des Konsums nicht funktioniert, soll ausgerechnet bei der Religion klappen?

Religion ist sicherlich Dogmatik, ist eine Lehre von den letzten Dingen. Religion ist aber auch und vor allem Gefühl. Und Praxis, Lebenspraxis. Religion ist Orientierung. Und gerade Kinder benötigen klare Regeln. Regeln, die ihnen Orientierung geben. Wenn beim Gebet die Hände gefaltet werden, dann ist dies in der von den Eltern praktizierten Form zu tun. Und es fällt ihnen sofort auf, wenn dies Kinder anders machen. Dies bedarf dann der Erklärung.

Und natürlich begegnen Kinder Religion auf Schritt und Tritt. Die großen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten prägen die Gesellschaft und vor allem die Kinderwelt. Gibt es den Nikolaus? Wer war Sankt Martin? Und kommt das Christkind oder der Weihnachtsmann? Fragen, die unmittelbar die Welt der Kinder berühren. Dazu gehört auch die Frage muslimischer Kinder, warum zu ihnen an Weihnachten das Christkind nicht kommt.

Aber nicht nur die materielle Welt ist religiös geprägt. Auch Erzählungen vermitteln Werte, auch christliche Werte. Schauen wir uns doch mal die Handlungen in den Märchen an. Faszinierend an Märchen sind ja nicht nur die handelnden zauberhaften Figuren, sondern eben auch die Gewissheit, dass das Gute siegt. Es gibt eine klare Wertvorstellung. In den Märchen ist eben nicht der Ehrliche der Dumme, sondern im Gegenteil. Er wird oftmals reich belohnt. Moral und Wertvorstellungen bilden sich im Kontext religiöser Überzeugungen aus. Die Pflicht Armen etwas abzugeben, kennen alle drei großen Buchreligionen. Solche Werthaltungen lernen Kinder – wie alles andere auch – vor allem durch Nachahmung.

Und dann sind da noch die großen Fragen des Lebens, die existentiellen Fragen: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es einen Gott? Sieht mich Gott und wie sieht Gott überhaupt aus? Hier sind die Erwachsenen gefordert. Kinder sind – so die Auffassung der Religionspädagogik – kleine Philosophen und kleine Theologen. Mit ihnen kann und muss man theologisieren. Man muss sich dem kindlichen Denken stellen – und damit auch den Fragen, die man selbst hat. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Warum lässt Gott Krieg zu?

Aufwachsen ohne Religion? Kaum vorstellbar. Religion ist Teil kindlicher Lebenswirklichkeit. Aber sie ist noch mehr. Sie ist der Grund des Vertrauens in die Eltern, in die Welt. Für das kleine Kind sind die Eltern Gott. Sie können alles, sie machen alles. In diesem Urvertrauen in die Welt sehen Entwicklungspsychologen und Religionspädagogen die Wurzel einer späteren religiösen Bindung.

Und wer mit diesem Vertrauen aufwächst, auch in eine Religion hineinwächst, kann später aufgrund rationaler Überlegungen sicher auch begründen warum er oder sie Hindu, Christ, Moslem oder Atheist ist.

Sicher gibt es in unseren Krabbelstuben auch religiöse Riten. Es wird vor dem Essen gebetet, es wird gesungen und das Kirchenjahr ist präsent. Doch die eigentliche Religionspädagogik geschieht in der täglichen Beziehung zwischen Kind und Erzieherin. Die Kinder spüren, dass sie Vertrauen dürfen, dass sie verlässlich ist. In den Krabbelstuben wird dadurch nichts geringeres als die Basis für eine spätere religiöse Bindung gelegt. Man kann also die Frage nach der Religionspädagogik in den Krabbelstuben nur bejahen. Im täglichen Miteinander erleben Kinder, dass sie in dieser Welt willkommen sind, dass sie den Menschen Vertrauen können. So können sie womöglich selbst Gottvertrauen erlangen. In Jesus Sirach 2,6 heißt es: Vertrau auf Gott, er wird dir helfen, hoffe auf ihn, er wird deine Wege ebnen.

Lied: EG: 302, 4, 5, 8

Mitteilungen:

Geburtstage

Gebet:

Wir danken dir, Gott

Dein Wort spricht uns frei,

es nimmt uns die Angst und gibt uns neue Zuversicht.

Wir bitten dich:

Lass es wurzeln und wachsen,

blühen, reifen und Frucht bringen in uns allen.

Wir denken an unsere Kinder,

an die Freude, die sie uns bringen,

an die Sorgen, die sie uns aufladen.

Erhalte ihnen die Offenheit, die Lust zu lernen.

Hilf Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrern,

hilf allen, die erziehen und ausbilden,

dass sie das ihnen geschenkte Vertrauen nicht enttäuschen, nicht missbrauchen.

Wir denken an die Menschen, die in der Mitte, stehen:

Bewahre sie davor, sich zu überfordern

und sich überfordern zu lassen.

Gib ihnen Selbstvertrauen und Gelassenheit.

Hilf ihnen, immer weiter zu lernen,

Neues, Ungewohntes zu wagen

und Altes, Bewährtes zu verteidigen.

Wir denken an die Alten in unserer Mitte,

an alle, die mit dem Gefühl kämpfen,

nutzlos und überzählig zu sein.

Zeige ihnen, wo sie gebraucht werden,

wo sie anderen helfen können mit ihrer Erfahrung, mit Rat und Tat.

Lehre sie, sich am Leben zu freuen,

die Zeit zu nutzen, die ihnen geschenkt ist.

Dir vertrauen wir uns an, durch Jesus Christus.

Und was uns noch bewegt, bringen wir vor dich mit den Worten, die Christus uns gelehrt hat:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:

Geht in diesen Tag, in diese Woche mit dem Frieden

unseres Gottes:

Der Herr segne dich und behüte dich,

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und

gebe dir Frieden. Amen.

Lied: EG 171, 1-4, Bewahre uns Gott

Wertfreie Erziehung gibt es nicht

Immer mehr Menschen sind der Ansicht, Kinder sollten möglichst wertneutral erzogen werden, damit sie sich später selbst für eine Religion oder eine Weltanschauung entscheiden können. Bloß: Eine wertfreie Erziehung ist gar nicht möglich.

„Die religiöse Erziehung von Kindern stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die gesunde psychische Entwicklung eines Kindes dar“, schreibt ein Blogger auf der Webseite des „Zukunftsdialoges“ der Bundeskanzlerin und fordert konsequenterweise, dass die „Indoktrination“ von Kindern mit Religion unter Strafe gestellt wird.

Soweit gehen die meisten nicht, aber die Meinung ist doch weit verbreitet, dass Kinder ihre Religion, ihre Kirche, ihre Weltanschauung selbst wählen, also von ihren Eltern dabei möglichst wenig beeinflusst werden sollen. Doch was ist Erziehung, und was ist Indoktrination?

Kinder lernen durch Nachahmung

Kinder lernen zunächst einmal durch Nachahmung. Sie machen einfach das, was die Erwachsenen auch machen. So lernen sie auch ihre Muttersprache, entschlüsseln grammatikalische Gesetzmäßigkeiten und formen den Klang der Silben nach. Das ist eine Leistung, die das menschliche Gehirn in späteren Jahren nicht mehr vollbringt.

Aber nicht nur Wissen und Fertigkeiten werden durch Nachahmung gelernt. Auch Einstellungen und Verhaltensmuster formen sich am Anfang auf diese Weise. Wenn es in einer Familie laut zugeht, wird das Kind auch zum Schreien neigen. Und wenn in einer Familie über „die Ausländer“ gelästert wird, wird das Kind in der Grundschule Ayse und Yussuf mit Vorurteilen begegnen.

Erziehung ist also niemals wertfrei, sondern immer wertevermittelnd. Erziehung ist immer Erziehung zu einem Ziel, beispielsweise dem respektvollen Umgang untereinander. Und Kinder achten akribisch darauf, dass Regeln eingehalten werden. Dies beginnt bei der roten Ampel. Mit Recht rufen Kinder „Rotgänger – Totgänger“, wenn Erwachsene die rote Ampel ignorieren. Und die Schweißperlen auf der Stirn des Vaters kennen viele, wenn bei der Fahrkartenkontrolle im Zug die Tochter bei der Frage nach ihrem Alter schwindeln soll.

Die Vermittlung des Wertekanons erfolgt also nicht so sehr durch Argumente und intellektuelle Auseinandersetzung, sondern in erster Linie über das beispielhafte Verhalten der Eltern. Umso mehr, als die Eltern in den ersten Jahren in den Augen ihrer Kinder unfehlbar sind. Wenn also die Eltern bestimmte Essgewohnheiten haben, sei es aus religiösen und ökologischen Gründen, so sind diese auch für das Kind Gesetz. Es ist unmöglich, Kindern Werte und Verhaltensweisen nahezubringen, die man selbst im konkreten Alltag gar nicht umsetzt und praktiziert.

Das gilt genauso für die Religion. Kinder wachsen in einer Welt auf, die von religiösen Traditionen und Werthaltungen mit geprägt ist. Es ist also unvermeidlich, dass ihnen auch eine bestimmte Einstellung dazu vermittelt wird – nämlich eben jene, die die Eltern vorleben. Wenn das Kind jedes Jahr in der Moschee ein Bayramfest miterlebt, wird dieses Fest ein selbstverständlicher Bestandteil seiner Welt.

Dass Eltern ihre eigenen Überzeugungen und Lebensweisen an die Kinder weitergeben, ist also ein notwendiger Bestandteil der Erziehung und keineswegs eine Form der Indoktrination. Das Kind wird damit auch nicht in der eigenen Freiheit eingeschränkt. Später, in der Pubertät, kann es sich von den Einstellungen der Eltern absetzen und sich zu allen Fragen des Lebens, auch zur Religion, eine eigenständige Meinung bilden.

Grundorientierung gibt Menschen Halt

Als Reaktion auf die Forderung des Verbots zur Indoktrination kommentierte jemand: „Zur Religion gehört unbedingt die Freiheit dazu. Jeder Mensch kann sich immer dafür oder dagegen entscheiden. Und als Jugendlicher möchte man auch den Kinderglauben ablegen und setzt sich im Ganzen ab von der Familie.“

Religion gehört zur kindlichen Erlebniswelt, und es ist daher ganz unmöglich, sie in der Kindheit auszublenden. Notwendig ist es, Kinder in ihrem religiösen Erleben und in ihren Sinnfragen zu begleiten, ihnen Antworten zu geben und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dass die Überzeugungen und Lebensgewohnheiten der Eltern dabei die Kinder beeinflussen, hat überhaupt nichts mit Indoktrination zu tun, ganz im Gegenteil: Eine solche Grundorientierung gibt Menschen Halt und Haltung für ihr ganzes Leben, sie ist der Grundstein für die späteren eigenverantwortlichen Entscheidungen – egal, wie diese ausfallen mögen.

Beitrag von , veröffentlicht am 10. September 2012 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

Kindeswohl vor Religionsfreiheit: Ja bitte!

Ein Kommentar von Kurt-Helmuth Eimuth

Zugegeben, es ist eine belastete Diskussion, die nach dem Kölner Urteil zur Beschneidung entbrannte. Kulturelle Traditionen und Jahrhunderte alte Verletzungen und Vorurteile werden wieder in Erinnerunng gerufen.

Ohne Zweifel ist die Beschneidung Teil einer religiösen Identität. Dies ist zu beachten und zu respektieren. Es steht auch niemandem zu, dies religiös zu bewerten.

Doch haben alle Menschen, gleich welchen Alters, nach unserem Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Erkenntnis, die sich erst langsam in unserer Gesellschaft durchsetzt. Denkt man etwa daran, dass es über fünfzig Jahre dauerte, bis das Schlagen von Kindern gesetzlich auch den Erziehungsberechtigten verboten wurde.

Eine Beschneidung ist irreversibel, bereitet zudem Schmerzen. Nach unserem Rechtsverständnis haben auch Eltern nicht das Recht solches ihren Kindern anzutun. Die Motive der Eltern – und seien sie noch so ehrenwert – dürfen da keine Rolle spielen.

Vieleicht ist es ja ein Ausweg, die Beschneidung an die Religionsmündigkeit zu koppeln. Wer mit 14 Jahren ja zu seiner Religion sagt, mag sich dann in eigener Verantwortung beschneiden lassen.

Die derzeitige Diskussion allerdings gleicht eher einem Kulturkampf. Dies führt nicht weiter.

Im Vordergrund muss das Kindeswohl stehen. In der Diskussion vermisse ich die Stimme all derer, die dieses verteidigen. Wo bleiben die Voten der Konderschutzbeauftragten und Pädagoginnen und Pädagogen?

Evangelisches Frankfurt online 3. Juli 2012

„Bildung muss zweckfrei sein“

Gesine Schwan sprach in der Evangelischen Stadtakademie
Evangelisches Frankfurt Dezember 2010

„So viel schlauer und fleißiger als ich kann Herr Ackermann nicht sein, um den Einkommensunterschied zu begründen.“ Mit anschaulichen Beispielen zog die ehemalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin, Gesine Schwan, ihre Zuhörer und Zuhörerinnen in der Evangelischen Stadtakademie in ihren Bann. Es war spürbar, dass hier jemand spricht, die mitten unter uns lebt.
Gesine Schwan in der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg im Gespräch mit deren Leiterin, Pfarrerin Ute Knie – rechts. | Foto: Rolf Oeser
Gesine Schwan in der Evangelischen Stadtakademie am Römerberg im Gespräch mit deren Leiterin, Pfarrerin Ute Knie – rechts.
Foto: Rolf Oeser

Schwan war eingeladen, um über „Talentförderung oder Elitebildung?“ zu sprechen. Sie betonte die Notwendigkeit, extreme Einkommensunterschiede zu vermeiden. Der Staat habe für eine materielle Grundsicherung zu sorgen. Bildung und Ausbildung müssten immer die Gerechtigkeit im Blick haben. Kein gutes Haar ließ Gesine Schwan am derzeitigen Bildungssystem. Der Vorrang des ökonomischen Prinzips habe die Erkenntnis verdrängt, dass Bildung zweckfrei sei. Bildung werde auf schnell verwertbares Wissen reduziert. Komplizierte Zusammenhänge könnten so nicht mehr ergründet werden: „Damit verkümmert eine Kultur der Begründung.“ Zudem „wissen wir heute nicht, was wir in 25 Jahren wissen wollen“, führte Schwan aus. Als Zeichen des Versagens wertete sie, dass über 70 000 Schüler und Schülerinnen pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen: „Das dreigliedrige Schulsystem selektiert zu früh und zu hart.“

Auch wenn Bildung heute scheinbar ganz oben auf der politischen Agenda stehe, würden gemessen an der wirtschaftlichen Leistungskraft die Ausgaben für Bildung in Deutschland sinken. Gesine Schwan plädierte für ein Bildungsverständnis, das Selbstvertrauen, Neugier und Geduld zum Lernen beinhaltet. Dabei habe die Familie eine hervorgehobene Bedeutung: Bildung brauche Vertrauen. Bildung beginne im Mutterleib. Gesine Schwan plädierte für reduzierte Arbeitszeiten in der Familiengründungsphase: „Die Zukunft gehört partnerschaftlichen Familien, in denen beide sich um die Kinder kümmern.“

Selbstvertrauen und Selbstachtung seien zwei Grundhaltungen, die es zu vermitteln gelte. Man solle Schülerinnen und Schüler ermutigen und ihre jeweiligen Kompetenzen sehen.So gelte es, die Zweisprachigkeit der Einwanderer zu fördern. Dieses Potential helfe auch der Wirtschaft. An der Bildung entscheide sich, „wie wir zusammen leben wollten“, ob in Konkurrenz oder in einer Kultur der Gemeinsamkeit.

Kurt-Helmuth Eimuth

Pucken – zum Wohl des Kindes?

Glaubt man Ratgebern, Hebammen und Kinderärzten, verhilft enges Einwickeln Babies zu mehr Schlaf und weniger Weinen. Ein Erfahrungsbericht.

„Habe ich euch schon gezeigt, wie man puckt?“ Ein wenig skeptisch sehen wir dabei zu, wie die Hebamme unseren zwei Wochen alten Sohn auf ein Tuch legt und damit beginnt, es stramm um den kleinen Körper zu wickeln. Wenige Handgriffe später liegt unser Kleiner als kompaktes handliches Paket auf dem Sofa, die Arme sind am Körper fixiert, lediglich die Beine haben noch ein wenig Bewegungsfreiheit.

„Wenn es so toll für Babys ist, dann sollten wir es auf jeden Fall mal probieren“, hatten wir uns gedacht, als der Begriff „Pucken“ während der Schwangerschaft zum ersten Mal unseren Weg kreuzte. Aber jetzt liegt unser Kind protestierend vor uns, verzweifelt bemüht es sich, gegen seine Zwangsjacke anzukämpfen und findet Pucken ganz offensichtlich überhaupt nicht toll. Schnell befreien wir ihn aus dem Tuch, Erleichterung macht sich breit, nicht nur bei ihm, auch bei uns.

„Ich würde das auch nicht mögen“, sagt mein Mann. „Mir war das irgendwie auch nicht so geheuer“, sage ich. Aber trotzdem hatten wir nicht bereits vorher Widerspruch eingelegt. Schließlich hatten ja so viele so genannte Experten das Pucken angepriesen. Und als frischgebackene Eltern waren auch wir unsicher, hatten wenig bis keine Erfahrung im Umgang mit einem so kleinen Baby.

Wie alle Eltern wollten natürlich auch wir nur das Beste für unser Kind: glücklich und zufrieden sollte es sein, seine Bedürfnisse sollten erkannt und befriedigt werden.

Als falsch stellte sich schon bald die Vorstellung heraus, dass ein zufriedenes Kind automatisch auch pflegeleicht sein würde. Ein Baby, das abgelegt werden kann ohne unzufrieden zu sein, und das überhaupt die meiste Zeit schläft, und praktisch nie weint – das hätte in der Tat vieles, auch Berufstätigkeit, Studium oder Betreuung durch andere leichter gemacht.

Nicht umsonst zielen wohl die meisten Anleitungen so genannter Erziehungsprogramme auf genau diese Punkte ab und versprechen den Eltern so indirekt mehr persönliche Freiheit und Raum für andere Aufgaben und Interessen. Kleine Kinder, jedenfalls alle uns bekannten, sind aber nicht in diesem Sinne „pflegeleicht“. Sie fordern von ihren Eltern nicht weniger, als sich ganz auf sie und ihre Bedürfnisse einzulassen.

Kein Wunder, dass Methoden wie das Pucken, die vordergründig mit dem Wohl des Kindes argumentieren, dabei aber vor allem auf „Entlastung“ der Eltern abzielen, so anziehend sind. Auch wir waren schließlich geneigt, es auf einen Versuch ankommen zu lassen, obwohl wir gar kein „Schreibaby“ hatten.

Der Protest unseres Sohnes gegen das stramme Wickeln, der Widerstand, den auch andere Kinder gegen solche und ähnliche Programme zeigen, und die Zweifel, die uns selbst ja schon während der Ausführung kamen, verdeutlichen aber vielleicht eine Sache am besten: dass Kinder ihr Grundbedürfnis nach Nähe, Geborgenheit, Liebe und Nahrung einfordern, weil es für sie überlebenswichtig ist. Und dass Eltern genau das normalerweise auch erkennen und befriedigen wollen.

Wir wussten ja eigentlich, dass unser Sohn lieber getragen werden wollte, statt hilflos herumzuliegen, unfähig sich umzudrehen, geschweige denn sich von der Stelle zu bewegen, nicht wissend, dass wir nur wenige Schritte entfernt sind. Nur leider kann die Stimme, die das elterliche Einfühlungsvermögen und Bauchgefühl verkündet, nicht immer gegen den Lautsprecher der „Experten“ durchdringen.

Enges Wickeln schränkt Babies ein

„Pucken engt Babys ein? Nein, im Gegenteil: Pucken gibt Babys ein sicheres und geborgenes Gefühl, wie im Mutterleib.“ Das behauptet die Zeitschrift „Eltern“ auf ihrer Internet-Seite. Dahinter steckt die Annahme, dass Kinder eigentlich noch zwei bis drei Monate länger im Mutterleib verbringen müssten und die menschliche Geburt nur aus Platzgründen eingeleitet würde – sozusagen ein Fehler im natürlichen Bauplan der Fortpflanzung. Auch wenn es schwer fällt, dieser These zu folgen, so verbreitet sie sich doch seit einiger Zeit wie ein Lauffeuer. Übersehen wird dabei, dass ein Kind schon in den ersten Lebenswochen gigantische Entwicklungsaufgaben zu bewältigen hat. Es muss seine Körperfunktionen umstellen und sich an die neue Umgebung gewöhnen. Der Säugling atmet jetzt selbst, muss seine Ernährung regeln und sich mit der völlig ungewohnten Schwerkraft auseinandersetzen.

Die Eltern lernen in den ersten Wochen nach der Entbindung ihr Kind kennen. Jedes Kind hat seine eigene Art, wie es gerne gehalten, ernährt und gewickelt werden will. Das enge Wickeln ist dafür eher hinderlich. Viele Eltern spüren, dass die körperliche Nähe den Kindern und auch ihnen selbst gut tut. Säuglinge haben nicht nur einen gut entwickelten Geruchssinn sondern spüren auch, ob sie von Vater, Mutter oder einer fremden Person gehalten werden.

Jedes Kind ist einmalig und findet seine ganz eigenen Ausdrucksformen, die oft nur Vater und Mutter verstehen. Eng gewickelten Kindern wird ein Teil dieser Ausdrucksmöglichkeiten genommen.

Wickelmethoden ändern sich je nach Kultur

Das heutige „Pucken“ ist eine uralte Wickelmethode. Schon in antiken Gräbern fanden sich Statuen von eng gewickelten Säuglingen. Durch das feste Wickeln wollte man einer Verkrümmung vorbeugen.

Mit der Aufklärung im 17. Jahrhundert änderte sich die Einstellung. Kinder sollten nicht durch die Kleidung eingeengt werden. In bäuerlichen Gegenden hielten sich jedoch noch länger Formen der Einschnürung, die praktisch war, weil man so die Kinder neben dem Acker ablegen konnte. Gelegentlich wurden die Kinder auch durch Mohnsäckchen, auf denen sie herumkauen konnten, oder mit etwas Schnaps betäubt, damit sie Ruhe hielten, während die Eltern auf dem Feld schufteten.

In Afrika, Asien und Südamerika tragen viele Mütter ihre Säuglinge nackt am Körper. Sie nutzen dabei einen Mechanismus der Natur: Einige Sekunden bevor der Säugling Urin und Stuhl ausscheidet, stößt er einen charakteristischen Schrei aus und macht mit dem Körper und den Beinchen ruckartige Bewegungen. So ist die Mutter gewarnt und kann den Säugling weit genug weghalten, damit sie nicht beschmutzt wird. Auch hierzulande geborene Kinder zeigen anfangs dieses Verhalten, aber da nicht darauf reagiert wird, verliert es sich schon nach wenigen Wochen.

Kurt-Helmuth Eimuth, Sara Wagner

Evangelisches Frankfurt April 2012

Nicht nachlassen, Herr Becker!

Evangelisches Frankfurt März 2012

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Rolf Oeser 

Der Ausbau der Kinderbetreuung geht langsamer voran als geplant. Die Gründe sind vielfältig, auch nachvollziehbar und doch kann das Eltern nicht trösten, die verzweifelt einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen. Besonders prekär ist die Lage in Frankfurt bei den ganz Kleinen und den Großen: Vor allem Krippen- und Hortplätze sind rar.

Grund ist der Geburtenanstieg und der Zuzug junger Familien nach Frankfurt: Jedes Jahr wächst die Zahl der Kinder um etwa 400. Frankfurt ist eben eine Kinderstadt. Und das nicht nur in den Neubaugebieten wie etwa dem Riedberg. Besonders beliebt bei jungen Familien sind auch das Nordend, das Ostend und Sachsenhausen.

In der Summe hat die Stadt seit 2003 bereits weit über 8.000 Kinderbetreuungsplätze neu geschaffen. Eine gewaltige Anstrengung und ein gewaltiges finanzielles Engagement. Jetzt hat der Kämmerer die Reißleine gezogen. Nicht mehr für jedes zweite Kind soll ein Krippenlatz zur Verfügung stehen, sondern nur noch für vierzig Prozent. Mit Recht kann Uwe Becker auf die fehlenden Immobilien, auf fehlende Fachkräfte und auf die erschöpfte Bundesförderung verweisen. Ist zwar nachvollziehbar, war aber vorhersehbar.

Es bleibt also die Frage: Wie will die Stadt den Rechtsanspruch auf eine Betreuung auch der Jüngsten ab dem 1. August 2013 erfüllen? Oder wird sich die Politik aus der Verantwortung stehlen, in dem sie schnell noch eine Übergangsregelung erlässt? Eltern und Gesellschaft haben ihre Einstellung zur Kinderbetreuung in den letzten Jahren verändert. Die hohe Akzeptanz wird dazu führen, dass selbst die jetzt nicht erfüllten Planzahlen dem tatsächlichen Bedarf hinterherhinken.

Die familiäre Planung geht heute davon aus, dass nach der Elternzeit ein Krippenplatz, dann ein Kindergartenplatz und mit der Einschulung eine entsprechende Betreuung in der Schule oder im Hort zur Verfügung steht. Nur so kann eine Berufstätigkeit beider Eltern ermöglicht werden.

Eine Gesellschaft, die demnächst unter einem dramatischen Fachkräftemangel leiden wird, kann es sich nicht leisten, Eltern hier kein attraktives Angebot zu machen. Wir brauchen mehr und wir brauchen sehr gute Kinderbetreuungseinrichtungen. Hier darf nicht gespart werden. Der Kinder wegen, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Nachlassen, Herr Becker, gilt nicht.

Kurt-Helmuth Eimuth

Familie ein weltlich Ding

Familie ein weltlich Ding
Suchbewegung einer Fachtagung

Spannend: „Familien stärken in evangelischer Perspektive“ so das Tagungsthema des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD vom 2. bis 3. Februar in Eisenach. Ergebnis: „Familie lebt in vielen Formen. Wir müssen uns darauf einstellen.“
Landesbischof Jochen Bohl fasste die Erhebungen zur Familie in seinem Beitrag präzise zusammen. Familie verändert sich rasant. Der Zeitpunkt der Familiengründung verschiebt sich nach hinten. Eine Frau bekommt mit 29 Jahren ihr erstes Kind (im Durchschnitt). Die Kinderzahl pro Frau beträgt zwei Kinder, allerdings nimmt der Anteil von Männern und Frauen ohne Kinder zu. Er beträgt bei den 27 bis 31jährigen 60 Prozent. In Sachsen werden 62 Prozent der Kinder nicht-ehelich geboren.

Und auch die Rahmenbedingungen scheinen für die Kinder schlechter zu werden. Ein steigender Teil der Kinder hätten bereits in den ersten Lebensjahren erhebliche Defizite. So machten 13 Prozent der Sachsen keinen Schulabschluss, die Zahl der von der Schulpflicht befreiten Kinder steige. „Dies hat auch mit der mangelnden Erziehungskompetenz der Eltern zu tun“, sagt der Bischof. Das könne man nur mit Sorge betrachten.

Für Jochen Bohl ist Ehe und Familie „ein weltlich Ding und kein Sakrament“. Doch sie seien das Leitbild für das er werbe. Heute seien die Familien zerbrechlich geworden, doch das Band der Generationen sei unzertrennlich. Deshalb sei es Aufgabe der Kirche Familien in ihrer Bindungsfähigkeit zu stärken.

Die Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Instituts in drei Landeskirchen ergab, dass die Hilfen für Familien stark versäult und zudem in den Landeskirche sehr unterschiedlich organisiert sind. Glaubt man sofort und freut sich, dass dieses nach 18monatigem wissenschaftlichen Mühen bestätigt wurde.

Schade, dass die Tagung Familie nicht in ihren unterschiedlichen Milieus, wie dies etwa die SINUS-Studie macht, in den Blick genommen hat. Erst mit Kenntnis der Verhaltensmuster dieser Milieus kann Kirche ernsthaft eine Perspektive entwickeln. Vorbild könnte die Studie „Eltern unter Druck – Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten“ der Konrad Adenauer Stiftung sein. Man darf gespannt sein, ob die vom Rat der EKD eingesetzte Kommission dies leisten wird. Ein entsprechende Denkschrift wird seit gut zwei Jahren vorbereitet.
Kurt-Helmuth Eimuth

Kinder brauchen männliches Gegenüber

Kinderschutz wird verstärkt

Evangelisches Frankfurt Juni 2011

Wer mit Kindern arbeitet, braucht erweitertes Führungszeugnis

Die evangelische Kirche in Frankfurt verstärkt ihre Bemühungen um den Kinderschutz. Nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendarbeit sollen künftig ein „Erweitertes Führungszeugnis“ vorlegen, sondern auch Ehrenamtliche, die sich in der übergemeindlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen engagieren. Das hat der Vorstand des Evangelischen Regionalverbandes beschlossen. Man hofft, dass sich auch viele Kirchengemeinden dieser Regelung anschließen.

Im erweiterten Führungszeugnis werden – anders als im einfachen Führungszeugnis – auch Straftaten festgehalten, die mit einem geringen Strafmaß belegt wurden, also mit weniger als drei Monaten Freiheitsstrafe oder 90 Tagessätzen. Auch sind Straftaten oder Vergehen in kinder- und jugendschutzrelevanten Bereichen verzeichnet, wie Sexualdelikte oder Misshandlungen, ebenso die Verletzung der Fürsorgepflicht. Es muss alle fünf Jahre erneuert werden.

Klar und eindeutig und sofort nachvollziehbar ist diese Regelung für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa in Kindertagesstätten. Hier ist das Führungszeugnis ein Baustein von vielen, um Kinder zu schützen. Der Regionalverband hat schon seit längerem ein umfangreiches Konzept, um gefährdeten Kindern und deren Familien zu helfen. So werden die Mitarbeiterinnen darin geschult, wie man Anzeichen von Gefährdungen erkennt. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch und Gewalt in Familien, sondern auch um die Vernachlässigung von Kindern. Gemeinsam mit speziell dafür ausgebildeten Fachkräften greift bei Bedarf ein Beratungssystem, das sich in erster Linie dem Kindeswohl verpflichtet fühlt. Der Evangelische Regionalverband hat hierfür einige Mitarbeiterinnen ausbilden lassen, die auch Schulungen in den Kindereinrichtungen vor Ort durchführen.

An einem Punkt, der besonderes Gefährdungspotential aufweist, bindet man im Interesse der Kinder auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diese Regelung ein: bei Teamerinnen und Teamern von Kinder- und Jugendfreizeiten oder vergleichbaren Tätigkeiten. Man hofft, dass diejenigen, denen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, die Notwendigkeit dieser Formalie einsehen und kooperieren. Kosten entstehen ihnen dadurch nicht.

Gleichwohl kann eine solche Bescheinigung immer nur einer von vielen Bausteinen sein, um den Schutz von Kindern zu gewährleisten. Alle, die in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, sind aufgerufen, sensibel auf Alarmzeichen zu achten.

An der Otto-Hahn-Schule wird der Evangelische Verein für Jugend- und Sozialarbeit gemeinsam mit der Schule zur Sicherung des Kindeswohls aktiv. Kooperativ tauschen Schule und Jugendhilfe sich aus, „um eine bessere Förderung und einen effektiven Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen“, so Geschäftsführerin Miriam Schmidt-Walter.

Kurt-Helmuth Eimuth

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Evangelisches Frankfurt Mai 2011

Die kleine Bella wird demnächst ein Jahr alt, und ihre Eltern möchten dann gerne beide wieder in ihren Beruf zurückkehren. Doch bisher haben sie keine Zusage für einen Krippenplatz erhalten, obwohl sie sich fast überall angemeldet haben. Ein Plan B muss her. Die mögliche Alternative: eine Tagesmutter.

„Tatsächlich ist die Kindertagespflege zunächst häufig mehr eine Not- oder Übergangslösung für die Eltern“, bestätigt Ulrike Tarnow als Geschäftsführerin der Babysitter- und Tagespflegevermittlung e.V. in Frankfurt, die dem Diakonischen Werk nahe steht. Sie habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sie in der Praxis oft viel mehr sei als das: „Nach einem ersten Beratungsgespräch mit einer unserer Mitarbeiterinnen sind die Eltern nicht selten mit dem Tagesmutter-Modell glücklicher, als sie es mit einem Krippenplatz gewesen wären.“

In der Kindertagespflege werden ein bis fünf Kinder von einer Tagesmutter in deren eigenen Räumlichkeiten betreut. „Die Zuwendung zum Kind kann in dieser familiären Atmosphäre häufig intensiver stattfinden, als es möglicherweise in einer Kindertagesstätte der Fall wäre“, erklärt Tarnow. „Die Tagespflege ist darum nicht nur eine Ergänzung zu den Kindertagesstätten, sondern eine eigenständige Form der familiennahen Kinderbetreuung”, fasst es der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Kurt-Helmuth Eimuth, zusammen.

Familien, die Bedarf an einer Tagesbetreuung für ihr Kind haben, können in die offene Sprechstunde des Vereins auf der Zeil 29-31 kommen und erhalten dort eine eingehende Beratung sowie eine Auswahl der in Frage kommenden Tagespflegepersonen. Die jeweiligen Betreuungspersonen sind den Mitarbeiterinnen persönlich bekannt, denn der Verein ist gleichzeitig zuständig für deren mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen Qualifizierung mit dem Bundesverbandszertifikat sowie die laufende Fortbildung. Der Qualifizierungsprozess stelle sicher, dass die Tagesmutter die notwendigen Rahmenbedingungen und die persönliche Eignung zur Kinderbetreuung mitbringt. Außerdem werden ihr hier spezifisches Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die sie im Alltag als Pflegeperson benötigt, erklärt Tarnow den Ablauf.

Manchmal geht es Familien jedoch auch gar nicht darum, eine Ganztagsbetreuung für ihre vielleicht auch schon älteren Kinder zu finden, sondern lediglich um ein paar Stunden Überbrückung oder Zweisamkeit. Dafür vermittelt der Verein ebenfalls Babysitter. Kontakt über Telefon 069 559405 oder unter www.btv-frankfurt.de.

Sara Wagner