Jun 01

Ein Tropfen im Meer Gottes -Steffensky-Vortrag

Evangelisches Frankfurt Juni 2010

„Gedanken eines alten Menschen“ hieß ein Leseabend mit dem Hamburger Religionspädagogen Fulbert Steffensky im Haus am Dom. Der 77-jährige Emeritus belegte einmal mehr, dass er der Poet unter den deutschen Theologen ist und sein Denken jung geblieben. So beschrieb er seinen Übertritt von der katholischen Kirche zum Protestantismus: „Ich habe einen anderen christlichen Dialekt angenommen.“ Und fügte hinzu: „Die Behauptung, wir seien im Glauben getrennt, können wir langsam über Bord werfen.“

Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Gefragt, was Erziehung sei, wies Steffensky auf die Vorbildfunktion der Eltern und Großeltern hin. So gehe er sonntags in die Kirche. „Ich dränge meine Enkel nicht, aber ich tue etwas, was sie in Widerspruch bringt.“

Glauben bedarf für den Theologen immer auch der Gemeinschaft und Tradition. „Wir schlappen in den Pantoffeln unserer Toten durch die Kirche, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen.“ Man selbst brauche dabei weder das Original noch originell zu sein. Allerdings könne auch das Beten eine Form von Gotteslästerung darstellen, nämlich immer dann, wenn es die konkrete Handlung, etwa die Hilfe, ersetze. „Aber das spricht nicht gegen das Beten.“ Und sich selbst verortend stellte er am Schluss fest: „Ich bin ein Tropfen im Meer Gottes und das genügt.“

Kurt-Helmuth Eimuth

Buchtipp: Fulbert Steffensky, Schwarzbrot-Spiritualität, Radius-Verlag, 15 Euro

Jun 01

Die große Sehnsucht nach der Stille

Evangelisches Frankfurt Juni 2010
Meditation

Meditation und Kontemplation sind längst in christlichen Kirchen angekommen

Der „Ökumenische Arbeitskreis Meditation“ hat sich aufgelöst. Er wurde in den 1980er Jahren als Alternative zu esoterischen Angeboten von den Weltanschaungsbeauftragten Lutz Lemhöfer und Kurt-Helmuth Eimuth initiiert. Sein Ziel war, niedrigschwellig auf christliche Traditionen der Kontemplation aufmerksam zu machen. Der Kreis habe 18 lange Jahre intensive Lobbyarbeit geleistet und das Thema ins Bewusstsein gerückt, erklärte der katholische Pastoralreferent Franz-Karl Klug im evangelischen Zentrum Verkündigung, wo man sich zuletzt regelmäßig traf. Der Erfolg habe den Arbeitskreis nun überflüssig gemacht. Mittlerweile finde man Angebote zu christlicher Spiritualität in vielen Kirchengemeinden Frankfurts, im katholischen Zent­rum Heilig Kreuz und eben im Zentrum Verkündigung. „Wir sind also zuversichtlich, dass unsere Arbeit fortgesetzt wird und weiter Früchte bringt“, versicherte Klug.

Bei der letzten Veranstaltung des Arbeitskreises machte Pfarrer Sven Joachim Haack noch einmal auf das christliche Schatzkästchen mit den Perlen Kontemplation und Mystik aufmerksam. Der in der Psychiatrie und Suchtrehabilitation tätige Klinikseelsorger schätzt die „heilsame Kraft“ dieser Erfahrungswege. Die Lebenskultur aus der Stille wirke einem verbreiteten Phänomen entgegen: der Entfremdung vom eigenen Leben. Wie Haack beobachtet, sind „viele Seelen verhungert“, die „äußeren Formen der Religion so verholzt, dass niemand mehr andocken kann“.

Bei seinem Vortrag in Frankfurt gewährte der Schüler des Benediktinermönchs und Zen-Meisters Willigis Jäger Einblick in die Praxis. Sich in die Stille zu versenken sei zwar eine schlichte, aber ganz und gar nicht einfache Übung. Um durchlässig für die Erfahrung der Verbundenheit zu werden und den Mist seines Lebens in Kompost zu verwandeln, brauche es Ausdauer und Geduld. In diesem Zusammenhang warnte Haack, der seit mehr als einem Jahrzehnt an der Würzburger Schule der Kontemplation unterrichtet, namentlich die Protestanten davor, Krieg gegen sich zu führen. Kontemplation lasse sich nicht erzwingen, sie verlange vielmehr Herzenswärme und Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Es sei ein Weg, der Zeit benötige und nie ende. Im Sinne des Benedikt von Nursia, der dazu anhielt, mit allen Dingen so umzugehen als seien sie heiliges Altargerät, solle Kontemplation in eine veränderte Haltung im Alltag münden. Angesichts der globalen Katastrophen misst Haack diesem Aspekt wachsenden Stellenwert bei. Über den ökologischen Umweg hätten viele Menschen ihre Sehnsucht nach Stille entdeckt. Haack glaubt, dass sich diese Entwicklung verstärken wird, und hält eine Aussage des katholischen Theologen Karl Rahner für prophetisch: „Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein… oder er wird nicht mehr sein“.

Doris Stickler

Sep 01

Besser gemeinsam: Reli in der Grundschule

Evangelisches Frankfurt September 2009

Kommentar:
Besser gemeinsam: Reli in der Grundschule

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Die Frage stellt sich spätestens mit der Einschulung. Soll mein Sohn, meine Tochter am Religionsunterricht teilnehmen? Wenn ja, an welchem? Und was machen die Kinder, die nicht teilnehmen?

Man ahnt die organisatorische Herausforderung für Schulleitungen. Sie müssen für eine Minderheit (in einigen Schulen erreicht der Anteil der christlichen Kinder gerade mal ein Viertel) Religionsunterricht organisieren, und das dann auch noch für evangelisch und katholisch getrennt. Da bleiben nur „Randstunden“. Das ist durchaus symbolisch: Der Religionsunterricht wird allein durch die geringe Zahl von Kindern, die ihn besuchen, an den Rand gedrängt.

Die scheidende Studienleiterin des Religionspädagogischen Amtes der evangelischen Kirche hat jetzt noch einmal Alarm geschlagen (siehe Seite 9). Ein konfessionsgetrennter Unterricht sei Eltern nicht mehr zu vermitteln. Recht hat sie. Die Vermittlung christlicher Grundlagen sollte durchaus ökumenisch gelingen. Schließlich berufen sich ja beide Kirchen auf die Bibel. Da sollte es doch möglich sein, Schöpfungsgeschichten und die biblische Überlieferung vom Leben Jesu gemeinsam kindgerecht weiterzugeben. Der Streit um den Absolutheitsanspruch des Papstes oder um unterschiedliche Auffassungen vom Abendmahl dürfte Kinder im Grundschulalter überfordern und wird sie vermutlich auch wenig interessieren.

In den weiterführenden Klassen werden zunehmend Differenzierungen notwendig. Hier sollten den Schulen und deren Fachkonferenzen Möglichkeiten des gemeinsamen Unterrichtens eröffnet werden. Dies gilt auch für den islamischen Religionsunterricht. Ein solches Angebot muss ebenso wie Ethik vorgehalten werden. Alles andere ignoriert die gesellschaftliche Realität. Dass diese Entwicklung den Religionsgemeinschaften einiges abverlangt, ändert nichts am Ziel. Eine umfassende Bildung darf den Bereich der Religion und der religiösen Tradition nicht ausblenden. Die multireligiöse Vielfalt in den Schulen erfordert es, neue Wege zu finden.

Die Verantwortlichen in Darmstadt und Limburg sollten diese Realität zur Kenntnis nehmen. In einigen Bereichen haben die Kirchen nur noch gemeinsam eine Chance, sich Gehör zu verschaffen. Welche Bedeutung man auch immer einem Religionsunterricht zumisst: Wenn nur noch gut zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler den Unterricht einer Konfession besuchen wollen, wird es auch für die Gutwilligen in den Schuldirektorien schwierig, kirchliche Ansprüche zu verteidigen. Beide Kirchen müssen ihre Positionen überdenken, sonst stellen sie sich ins Abseits.

Kurt-Helmuth Eimuth

Jul 01

Ohne Ökumene geht es nicht

Evangelisches Frankfurt Juli 2009

Kommentar:
Ohne Ökumene geht es nicht

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Raban Tilmann geht in den Ruhestand. Feierlich wurde der katholische Stadtdekan mit einem Gottesdienst verabschiedet. Zwölf Jahre lang hatte der zum konservativen Flügel zählende Katholik dieses Amt inne. Über den Zustand seiner Kirche sagt Tilmann zufrieden: „Uns geht es gut“. Trotz Mitgliederschwund, langfristig zurückgehenden Kirchensteuereinnahmen und dem wachsenden gesellschaftlichen Bedeutungsverlust, dem sich beide Kirchen stellen müssen. Raban Tilmann konnte sich schon immer auf seine kommunikativen Fähigkeiten verlassen. Auch beim Zudecken von Problemen.

Im Rückblick muss man aus evangelischer Sicht sagen: Es war keine Dekade der Ökumene. In Rom nicht und auch in Frankfurt nicht. „Wir sind nicht füreinander geboren“, räumte Tilmann bei der offiziellen Verabschiedung von Pröpstin Helga Trösken vor drei Jahren ein. Und das war wohl nicht nur persönlich gemeint.

Und doch muss man dem scheidenden Stadtdekan konzedieren, dass er im Laufe seiner Amtszeit offener wurde. Als es um den Moscheebau in Hausen ging, hat er sich für die Religionsfreiheit eingesetzt. Und als die Nazis hier aufmarschieren wollten, hat sich Tilmann erstmals in seinem Leben an einer Demonstration beteiligt: gegen Rechtsextremismus und für Toleranz. Die Gründung des Rates der Religionen ist eine Konsequenz. Hier sollen nach der Vorstellung Tilmanns praktische Fragen erörtert werden. Keine theologischen. Denn da bleibt Tilmann sich treu. Ein gemeinsames interreligiöses Gebet geht für ihn nicht. Weil, so Tilmann, nicht alle zum selben Gott beten und die Buddhisten keinen Gott hätten.

Der Stadtdekan – und nicht nur er – achtete immer sehr auf die Wahrung der (katholischen) Identität. Dabei gibt es so viele Probleme, die von beiden Konfessionen gemeinsam anzupacken wären. Da sind die zahlreichen Kirchen, die eine kleiner werdende Zahl von Christenmenschen unterhalten muss. Da sind Neubaugebiete, in denen man den Bau eines gemeinsames Gotteshauses ablehnt. Und da ist die erschreckend niedrige Zahl von christlichen Erstklässlern, denen man gemeinsamen Religionsunterricht versagt. Und schließlich ist da eine Stadtgesellschaft, die bei vielen Ereignissen nach einem ökumenischen Auftritt der Kirchen verlangt.

Zugegeben, bei allen Problemfeldern sind Lösungen nicht einfach zu finden. Doch egal wer Raban Tilmann nachfolgt, er wird sich der ökumenischen Herausforderung stellen müssen. Denn für beide Kirchen gibt es zur Ökumene keine Alternative.

Kurt-Helmuth Eimuth

Jul 01

„Ich gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu“

Evangelisches Frankfurt Juli 2009

„Ich gestehe jedem seine eigene Glaubenswahrheit zu“

Kirchenpräsident Volker Jung spricht mit „Evangelisches Frankfurt“ über die Aufgabe der Kirche in globalen Krisenzeiten und die Chancen für den Dialog der Religionen.

Herr Jung, Sie kommen aus dem Vogelsberg und arbeiten jetzt in Darmstadt, dem Sitz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – verbindet Sie auch etwas mit Frankfurt?

Ich finde Frankfurt hoch spannend und bin gerne hier. Ganz abgesehen davon, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr Eintracht Frankfurt-Fan bin und mir diese Stadt daher schon immer emotional etwas bedeutet hat.

Volker Jung beim Redaktionsgespräch. Der 49-Jährige ist seit Anfang dieses Jahres Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Amtszeit beträgt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach und Dekan im Vogelsbergkreis. | Foto: Rolf Oeser

Volker Jung beim Redaktionsgespräch. Der 49-Jährige ist seit Anfang dieses Jahres Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Seine Amtszeit beträgt acht Jahre. Vorher war Jung Pfarrer in Lauterbach und Dekan im Vogelsbergkreis.
Foto: Rolf Oeser

In guten wie in schlechten Zeiten?

In guten wie in schlechten Zeiten, davon bin ich nie abgewichen! Eine sehr schöne Sache für mich war es auch, den Pfingstgottesdienst auf dem Römerberg mitzufeiern. Da sind sicher viele Menschen gewesen, die ansonsten gar nicht in die Kirche gehen. In einer Großstadt hat die Kirche schon tolle Chancen.

Welche Impulse sollten denn von Frankfurt für die Landeskirche insgesamt ausgehen?

Wir brauchen offene, einladende Kirchen, wo Menschen aus unterschiedlichen Milieus erreicht werden. Die Stadt bietet da besondere Möglichkeiten für experimentelle Projekte und kann eine Vorreiterrolle haben. Aber ich würde den Gegensatz von Stadt und Land gar nicht so groß machen. Es gibt ja auch in Frankfurt Stadtteile, in denen noch das traditionelle Gemeindeleben in einem durchaus dörflichen Sinn gelebt wird. Das darf nicht kaputt gehen.

Sie sind angetreten als ein Kirchenpräsident, der die Kirche nicht nur verwalten, sondern auch geistliche Impulse setzen will. Welche Impulse braucht eine von Finanzkrisen und Klimawandel bedrohte Welt?

Die Welt braucht erstens eine geistlich begründete Gelassenheit. Wer sich von Gott getragen weiß, ist hoffentlich vor hektischem Krisenaktivismus etwas besser gefeit. Und zweitens braucht sie ein Krisenmanagement, das auf das langfristige Wohl aller bedacht ist. Auf Krisen reagieren viele mit Entsolidarisierung. Plötzlich geht es nur noch darum, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Die Welt braucht aber Entwicklungen, die das Leben in den heutigen globalen Beziehungen ernst nimmt, und das gilt sowohl für das Klima als auch für die Wirtschaft. Unser Glaube ruft uns nicht zum Kampf der Starken gegen die Schwachen, sondern er ruft uns in eine globale Solidarität. Dabei geht es nicht nur um die großen politischen Fragen, sondern auch um unsere Glaubwürdigkeit als Christen und als Kirche, um die Frage nach dem persönlichen Lebensstil: Was mache ich selber? Es geht darum, das Glaubensleben und das wache Aufnehmen gesellschaftlicher Fragen zusammenzubringen.

In die Schlagzeilen geraten ist im Streit um den Hessischen Kulturpreis das Verhältnis der Kirche zum Islam. Wie steht es aus Ihrer Sicht um den Dialog?

Ich würde mir wünschen, dass man sich gerade im Blick auf die Fragen der Weltverantwortung, die ja in jeder Religion vorkommen, verständigt und gemeinsam fragt, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Vielleicht ist die Orientierung an ethischen Fragen dabei dialogfähiger als die Orientierung an den dogmatischen Fragen. Wobei natürlich beides zusammengehört. Es muss auch Platz sein, sich die dogmatischen Glaubensauffassungen gegenseitig zu sagen und sie nebeneinander stehen zu lassen.

Sind Allah und Gott letztlich nicht dasselbe?

Auf eine einfache Form gebracht würde ich sagen: Wir glauben zwar an einen Gott, aber wir beschreiben ihn in unterschiedlicher Weise.

Zur gesellschaftlichen Verantwortung gehört auch, Kinder im Sinne des friedlichen Zusammenlebens zu erziehen. Da hat die Kirche mit ihren vielen Kindertagesstätten ein großes Betätigungsfeld. Wa­rum beharrt die evangelische Kirche darauf, nur christliche Erzieherinnen einzustellen?

Diese Frage wird bei uns kontrovers diskutiert. Einerseits haben wir als Kirche den verständlichen Wunsch, dass in unseren Einrichtungen ein deutliches evangelisches Profil erkennbar ist. Aus meiner Sicht kann das bei einer Kindertagesstätte, in der viele muslimische Kinder sind, aber auch so erfüllt werden, dass man überlegt, ob eine muslimische Erzieherin dem Team und den Kindern gut tun würde. In diesem Sinn denkt die Synode über eine Änderung der Richtlinien nach.

Ihr Vorgänger im Amt, Peter Steinacker, vertrat im Interview mit „Evangelisches Frankfurt“ die Auffassung, dass der Buddhismus für das Christentum eigentlich eine größere Herausforderung darstellt als der Islam. Gerade in Zusammenhang mit dem Besuch des Dalai Lama ist das ein spannendes Thema. Wie sehen Sie das?

Natürlich haben wir so etwas wie einen Markt der Religionen, und darin gibt es viele Mitbewerber. Aber ob man das gewichten kann? Ich glaube, dass jedes religiöse Gespräch dazu führt, das Eigene deutlicher zu erkennen. Da kann man sich durchaus fragen, warum es manche Menschen zum Buddhismus zieht oder andere den Islam attraktiv finden. Ein guter religiöser Dialog gibt beidem Raum: dem gegenseitigen Befragen und dem kritischen Nachfragen an das Eigene.

Und warum ist für Sie das Christentum attraktiv?

Der Glaube, in dem man großgeworden ist, hat eine tiefe, lebensgeschichtliche Verankerung und eine große Prägekraft, sodass man immer mit der eigenen Religion eine höhere Identifikation empfindet als mit einer anderen Religion. Ich schätze am christlichen Glauben sehr, dass der Mensch als Individuum gesehen wird und zugleich auch als gesellschaftliches Wesen. Und dass der Begriff der Freiheit, die in Liebe begründet wird, eine große Rolle spielt. Aber niemand kann in einem absoluten Sinn sagen: Ich kenne die einzige Wahrheit. Sicher, ich habe subjektiv meine Glaubenswahrheit, aber ich gestehe jedem, mit dem ich rede, seine eigene Glaubenswahrheit zu. Auf dieser Ebene können Wahrheitsansprüche dann durchaus auch konkurrieren.

Im Zuge der Finanzkrise ist ja auch die finanzielle Situation der Kirche wieder angespannter. Wie sehen Sie da die Perspektiven für die Zukunft?

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat glücklicherweise in den zurückliegenden Jahrzehnten eine gute Finanzpolitik gemacht. Das heißt, wir haben Rücklagen, die uns in die Lage versetzen, zwei oder drei schwierige Jahre ungefähr auf dem jetzigen Haushaltsniveau durchzuhalten. Dass wir uns perspektivisch auf Zeiten einstellen müssen, in denen uns weniger Finanzkraft zur Verfügung steht, das ist ja längst in unseren Sparbemühungen mit drin. Ich glaube allerdings nicht, dass wir eine Zielperspektive entwickeln können, die bedeutet, dass wir einzelne Arbeitsbereiche völlig brachlegen. Insgesamt werden wir wohl in allen Bereichen kürzen müssen. Aber wir hoffen natürlich sehr, dass die Krise überwunden werden kann und es dann auch wieder einmal in eine andere Richtung geht.

Interview: Antje Schrupp und Kurt-Helmuth Eimuth

Nov 01

Kirchen in Konkurrenz

Evangelisches Frankfurt November 2007

In Zeiten zurückgehender Mitgliederzahlen und nachlassender Milieubindung setzen die Konfessionen auf Abgrenzung, um das eigene Profil zu schärfen.

Als Ökumene wird gemeinhin das Miteinander der katholischen und evangelischen Kirche bezeichnet. Nach römischem Verständnis ist dieser Satz schon falsch, denn die katholische Kirche ist nach eigener Auffassung die einzig wahre Kirche. Die Orthodoxen werden als Schwesterkirchen verstanden, alle anderen, ob lutherisch, reformiert, anglikanisch oder baptistisch, sind – so der feine Unterschied – lediglich „kirchliche Gemeinschaften“.

Solchen theologischen Spitzfindigkeiten zum Trotz geht auf der praktischen Ebene dennoch vieles gemeinsam: In Frankfurt zum Beispiel erscheint seit 1970 das „Ökumenische Kirchliche Jahrbuch“, in dem alle Anschriften kirchlicher Dienststellen gesammelt sind. Oder es gibt das ökumenische Reformationsgedenken: Ausgerechnet an dem Tag, der wie kein anderer für die Trennung der Kirchen steht, setzen Evangelische und Katholische sich gemeinsam mit einem aktuellen Thema auseinander. Diese Traditionen stammen jedoch aus einer Zeit des ökumenischen Aufbruchs. Ob so etwas heute noch einmal gestartet werden könnte, erscheint fraglich. Denn auch am Main weht zwischen den Konfessionen heute ein rauerer Wind. Der ökumenische Beratungsdienst an der Hauptwache wurde geschlossen – beiden Partnern war wohl der Einspareffekt wichtiger als die Symbolkraft einer gemeinsamen Einrichtung. Der katholische Kirchenladen an der Liebfrauenkirche hätte als ökumenischer Kirchenladen ein Gewinn für die Mitglieder beider Kirchen sein können. Doch das wurde vom katholischen Bischof strikt abgelehnt. Andererseits verkaufte der Kirchenladen auch Eintrittskarten zum evangelischen Kirchentag.

Bei der wichtigsten Frage, die beide Kirchen derzeit umtreibt, der Nutzung von Kirchen und Gemeindehäusern, gibt es ebenfalls kein Gespräch. Besonders absurd ist das im Neubaugebiet am Riedberg: Eine gemeinsame Kirche für beide Konfessionen und daneben je ein eigenes Gemeindezentrum hätte doch für Organisationen, die unter einer angespannten Finanzlage leiden, nahe gelegen.

Immerhin ist in vielen Stadtteilen der so genannte Kanzeltausch selbstverständlich. Dies bedeutet, dass die Geistlichen im Gottesdienst der jeweils anderen Konfession predigen. In der kirchlichen Praxis vor Ort werden dogmatische Unterschiede nämlich weit weniger beachtet als an der Spitze. Theologische Probleme hält man hier eher für „Probleme der Theologen“.

Kurt-Helmuth Eimuth

„Wir kommen in den Himmel!“

Im Privaten hat die evangelisch-katholische Zusammenarbeit schon immer weit besser funktioniert als auf kirchenoffizieller Ebene. Mit ironischem Augenzwinkern schilderte etwa der Frankfurter Dichter Friedrich Stoltze seine „Mischehe“ mit der Katholikin Mary Messenzehl. Als die beiden im Jahr 1849 in der Katharinenkirche heirateten, war Mary bereits zum dritten Mal schwanger. Stoltzes Gedicht „Mischehe“ erschien am 26. August 1882 in der „Frankfurter Latern“:

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Wir armes altes Ehepaar!
Ach wehe! Wehe! Wehe!
Wir leben schon so manches Jahr
In einer wilden Ehe!

Den lutherischen Dickkopf, ach,
Anstatt ihn zu verfehmen,
Warst du, o Frau, dereinst so schwach,
Zu lieben und zu nehmen!

Und weil du Katholikin bist
Und ich hab’ dir gefallen,
So hat dich nun der Antichrist,
Der Teufel in den Krallen.

Ein Pfarrer hat uns zwar getraut,
Doch luth’risch-diabolisch,
Und Gott war nicht davon erbaut,
Denn Gott ist streng katholisch.

Und was mich ganz besonders beugt,
Denn es verdiente Hiebe:
Die Kinder all, die wir erzeugt,
Sind Kinder, ach, der Liebe!

Verschlossen ist die Kirche dir,
Zu meiner ist’s noch weiter;
Wenn Andre beten, müssen wir
Spazieren gehen leider.

Du darfst zu keiner Ohrenbeicht
Und mußt sie ewig missen; –
Du machst dir selbst die Seele leicht:
Du hast ein gut Gewissen!

Und stieß man dich auch grausam aus
Wie Sündenrost und Schimmel, –
Wir machen uns den Teufel draus
Und kommen in den Himmel.

Feb 01

Haus am Dom eröffnet

Kamphaus: „Christentum ist Stadtreligion“

Mit dem neu eröffneten „Haus am Dom“ ist es der katholischen Kirche gelungen, sich neu in der Stadt zu platzieren. Der Um- und Ausbau des ehemaligen Hauptzollamtes zwischen Braubachstraße und Dom kostete 22 Millionen Euro. Damit hat jetzt auch die katho­lische Kirche ein Gegenüber zum Dominikanerkloster am Börneplatz, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbandes.

Der scheidende Bischof Franz Kamphaus, der sich trotz aller Finanznöte persönlich für diesen Bau eingesetzt hat, sprach bei der Eröffnung von der „interkulturellen Diakonie“ als Kernaufgabe des neuen Begegnungszentrums. Der diakonische Dienst der Kirche in der Stadtkultur „besteht nicht zuletzt darin, Menschen füreinander erreichbar zu machen, die sich sonst in Subkulturen voneinander abschotten“, sagte der Bischof.

Kamphaus wies auf die Bedeutung der Stadt als Lebensraum hin. Das Christentum habe seinen Weg von den Städten her angetreten und sei von Anfang an Stadtreligion gewesen. Kamphaus erinnerte an die Bedeutung von Städten wie Jerusalem, Rom oder Byzanz. Die Kirche könne auch heute nicht auf dem Land überwintern. „Verschwindet die Kirche aus den Städten, dann verschwindet sie ganz“, prophezeite Bischof Kamphaus. Deshalb gelte es, die Stadt als Ort kirchlicher Präsenz neu zu entdecken. Mit dem Bau zeigt die katholische Kirche aber nicht nur Präsenz. Mit dem Steildach und dem Erhalt der Bauhaus-Architektur gibt sie auch buchstäblich einen Maßstab für die Neubebauung der Altstadt vor.

„Wes Herz voll ist, dem geht der Mund über“, sagt ein Sprichwort. Das Herz des Dezernenten für Bildung und Kultur des Bistums Limburg, Eckhard Nordhofen, war an diesem Tag verständlicher Weise voll, und er beförderte die Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, Pfarrerin Ute Knie, gleich zur Präsidentin, sich wohl daran erinnernd, dass die evangelische Kirche keinen Bischof, aber einen Kirchenpräsidenten hat. Im neuen Miteinander wird man sicherlich auch mit den Konturen und Eigenarten der anderen Konfession vertrauter.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Feb 2007