Tag Archiv für Terror

Fürchtet Euch nicht!

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 29. November 2015

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Ilona Surrey

Nach den Terroranschlägen von Paris kommt einem die Botschaft des Engels „Fürchtet Euch nicht“ besonders fremd vor. Schließlich ist vielen jetzt etwas mulmig. Nein, Angst ist es nicht. Aber die Gefahr ist in diesem Jahr deutlich näher gerückt. Beirut, Bagdad, Ankara sind gefühlt weit weg. Doch Hannover? Ein Fußballländerspiel wird abgesagt. Terrorgefahr. Wenig beruhigend die Botschaft der politisch Verantwortlichen: Die Lage sei ernst, sagen sie, und stellen richtigerweise fest, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Kann da eine adventliche Stimmung aufkommen?

Ja, es gibt Gruppen, die sich auf den Islam, das Christentum, den Hinduismus und sogar auf den Buddhismus berufen, wenn sie zur Gewalt aufrufen, wenn sie plündern und morden. Es war der Frankfurter Psychologe Erich Fromm, der zwischen humanistischer und autoritärer Religion unterschieden hat. Autoritäre Religion sei gekennzeichnet durch die Vorstellung, dass eine höhere Macht Anspruch auf Verehrung und Anbetung hat, und auch auf den Gehorsam der Menschen. Wesentliches Element autoritärer Religion ist nach Fromm die Unterwerfung unter eine jenseitige Macht, die allerdings meistens von einem irdischen Führer direkt ausgeübt werden kann. Bei der humanistischen Religion hingegen besteht das religiöse Erlebnis „in der Empfindung des Einsseins mit dem All, gegründet auf die Beziehung zur Welt“, schreibt Fromm. Selbstverwirklichung, nicht Unterwerfung will der Mensch in dieser Art von Religion erreichen. „Die vorwiegende Stimmung ist Freude, während sie in autoritären Religionen in Kummer und Schuldgefühl besteht.“ Jede Religion kann auf die eine oder auf die andere Weise gebogen werden.

„Fürchtet Euch nicht, denn Euch ist heute der Heiland geboren.“ Das ist die christliche Weihnachtsbotschaft. Sie verlangt gerade angesichts von Gewalt und Terror eine Gesellschaft der Offenheit, der Toleranz und auch der offenen Grenzen. Denn die Zusage, dass der Erlöser der Welt geboren ist, richtet sich an alle Menschen, gleich welcher Nation, gleich welcher Religion sie angehören.

Vielleicht haben wir jetzt beim ein oder anderen Stadion- oder Weihnachtsmarktbesuch ein mulmiges Gefühl. Aber die Weihnachtbotschaft gilt. Irregeleitete Menschen, die Religion zur Legitimierung ihrer Gewalt missbrauchen, können daran nichts ändern.

Im Namen der Redaktion wünsche ich uns allen eine friedliche Advents- und Weihnachtsfest.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 29. November 2015 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe 2015/7 – Dezember.

Von Bockenheim in den Dschihad

Von Kurt-Helmuth Eimuth – 22. November 2014

Warum werden Jugendliche aus Frankfurt fanatische Islamkämpfer und ziehen in den Krieg? Diskussion beim „Salon am Kirchplatz“ in der Gemeinde Bockenheim.

Ilyas Mec hat für die ARD die Dokumentation „Sterben für Allah?“ gedreht. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

„Von Bockenheim in den Dschihad“ – dieser Titel fasst die Geschichte des 16-jährigen Enes zusammen. Ein Jugendlicher aus dem Stadtteil, dessen Schicksal Ilyas Mec in einem halbstündigen Film dokumentiert hat. „Das Thema hat hier große Betroffenheit ausgelöst, weshalb wir heute aufklären wollen“, sagte Pfarrer Rüdiger Kohl zu Beginn des Abends. Das geschehe aber nicht in einer überheblichen Haltung: „Jede Religion kann missbraucht werden.“

Christamaria Weber vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten führte aus, dass inzwischen zehn Frankfurter als Kämpfer gestorben sind. Vierzig Personen seien derzeit ausgereist, 18 davon seien durch die salafistische Koranverteilungs-Kampagne „Lies!“ angeworben worden. So erschreckend das sei, ist es doch nur ein winziger Teil der insgesamt 84?000 Muslime und Musliminnen, die in Frankfurt leben.

Radikalisierung geht extrem schnell

In der Diskussion wurde vor allem über die möglichen Motive der jungen Menschen diskutiert. „Was bewegt Menschen, sich einer Ideologie des Todes anzuschließen?“ fragte Ilona Klemens, Pfarrerin für interreligiösen Dialog. „Der Prozess der Radikalisierung geht so schnell, dass selbst Angehörige überrascht sind“, erläuterte der Filmemacher Mec. Es gebe in den Biografien fast immer Bereiche, wo diese jungen Menschen Orientierung brauchen. So habe Enes nach der Scheidung seiner Eltern „so eine Art Ersatzfamilie gesucht“. Es gebe aber auch den Salafismus als eine Art jugendlicher Protestkultur.

Christamaria Weber vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten konnte auf die Präventionsmaßnahmen der Stadt und des Landes hinweisen. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Der in Frankfurt vor fünf Jahren gegründete Rat der Religionen, dem neun Religionsgemeinschaften angehören, hat in einem Positionspapier den „religiös begründeten Extremismus“ bereits verurteilt. Trotzdem forderte Mec, die Moscheegemeinden mehr in die Pflicht zu nehmen.

Deutlich wurde, dass eine Ursache für die Attraktivität extremistischer Gruppen unter Jugendlichen die Erfahrung der Ausgrenzung ist. Gerade Jugendliche, die bereits in zweiter und dritter Generation in Deutschland leben, seien auch aufgrund ihrer Bildung hier hoch sensibel, sagte Christamaria Weber. So wurde eine deutsche Willkommenskultur gefordert. Weber verwies auf die Anstrengungen der Stadt: Sie bietet Schulungen für Lehrkräfte an, hat eine Beratungsstelle eröffnet und plant Maßnahmen zur Stärkung der Jugendarbeit in Moscheegemeinden.

Der Film „Sterben für Allah?“ von Ilyas Mec ist noch in der ARD-Mediathek zu finden.

Das Böse mit Gutem überwinden

Wenn Wunden gerissen werden…

Andacht zum 11. September

Orgelvorspiel/Musik

Begrüßung

Ein Jahr ist es her: die Terroranschläge des 11. September 2001 und ihre Schrecken. In

diesem Gottesdienst wollen wir uns erinnern an das, was war, und die Folgen der Gewalt

bedenken. Dankbar wollen wir aber auch sein für alle, die in solchen Situationen ihre Kraft

und ihr Leben einsetzten.

Votum

Wir feiern Gottesdienst

im Namen Gottes, Geheimnis der Welt,

im Namen Jesu Christi, Hoffnung aller Opfer,

im Namen der Heiligen Geisteskraft,

Überwinderin alles Getrennten.

Lied: Gott liebt diese Welt, EG 409

Psalm 46 Gott ist unser Schutz, EG 725

Wir beten

Kein Schmerz in uns,

kein Schmerz in unserem Planeten,

den du nicht kennst,

denn du hast die tiefsten Orte der Erde berührt.

Laß uns mit dir trauern, oh Christus,

über den Verlust von so vielen Leben.

Kein Ort in den Himmeln, der nicht angerührt werden kann

durch die Gegenwart deiner Auferstehung,

denn du erfüllst alle Dinge.

Laß uns Deinem Sieg über den Tod vertrauen,

um in Deinen Weg der Liebe hinein zu wachsen.

Da gibt es keine Verzweiflung,

sondern Samen der Hoffnung und Zeichen des Friedens.

(nach der Liturgie von Iona)

Dank / Gloria

Wir erinnern uns nicht nur an die Opfer dieses Tages und der daraus resultierenden

politischen Folgen.

Wir gedenken auch der helfenden Menschen. Mit ganzer Kraft versuchen sie die Wunden

zu schließen, die die Gewalt reißt. Sie alle tun das Werk Gottes, denn sie retten, was zu

retten ist.

Wir danken Gott für die Feuerwehrleute von Manhattan und an allen Orten, die ihr Leben

lassen und doch mit aller Kraft um Leben kämpfen.

Stille – Laudate omnes gentes, EG 181.6

Wir danken Gott für die vielen Organisationen, die humanitäre Hilfe in Kriegs- und

Katastrophenregionen bringen, für Rettungsdienste und Technisches Hilfswerk, für

Initiativen und Projekte.

Stille – Laudate omnes gentes, EG 181.6

Wir danken Gott für alle Menschen, die sich um den Dialog der Religionen bemühen, und

so helfen, dem Haß seine zerstörerische Kraft zu nehmen.

Stille – Laudate omnes gentes, EG 181.6

Wir danken Gott für alle Menschen, die Konflikte schon im Vorfeld lösen helfen und

Regionen stabilisieren, für Entwicklungshelferinnen und Friedensfachkräfte, für

Polizistinnen und Soldaten.

Stille – Laudate omnes gentes, EG 181.6

Lesung: Römer 12,17-21

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,

sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Predigt/Verortung

Der 11.September 2001, ein Jahr ist es jetzt her.

Wieder und immer wieder haben wir die Bilder gesehen.

Tagelang saßen wir vor dem Bildschirm, sahen im Fernsehen und in den Zeitungen die

Bilder, die immer wieder neu Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösten. Bilder von

einem Flugzeug, das an einem Turm des World Trade Center zerschellt, Bilder von

Menschen, die sich in Panik aus den Fenstern des Hochhauses stürzen, Bilder von

Menschen, die vor den herabstürzenden Trümmern fliehen, Bilder vom brennenden

Pentagon, Bilder von erschöpften Feuerwehrleuten mit leeren Gesichtern, von

verzweifelten Menschen auf der Suche nach ihren Angehörigen.

Immer wieder schauten wir gebannt auf diese Bilder, als könnte es helfen, das

Unbegreifliche zu verstehen.

Nach dem Schock und dem Begreifen des Ausmaßes der Terroranschläge kamen die

Trauer, das Mitleid mit den Opfern, die Wut, aber auch Angst und Unsicherheit. Die

Kontrollen in den Hochhäusern und auf den Flughäfen wurden verschärft, manche

Hochhäuser geschlossen.

Die Stimmung in den öffentlichen Verkehrsmitteln war angespannt, manche benutzten aus Angst vor weiteren Anschlägen nur noch ihr eigenes Auto und mieden

Großveranstaltungen.

Viele hatten Angst vor der Reaktion des amerikanischen Präsidenten, vor weiteren

Anschlägen, vor einem möglichen Weltkrieg.

In den Schulen, auch bei uns, gab es kein anderes Thema.

Allen wurde die Verletzlichkeit unserer technisierten Zivilisation, aber auch die

Verletzlichkeit des eigenen Lebens bewusst.

Fassungslos wurde darüber diskutiert, was Menschen dazu bringt, sich selbst und das

Leben ihrer Mitmenschen durch Terror zu zerstören.

Ein Jahr ist es jetzt her.

Vieles ist passiert. Deutsche Soldaten sind in Kabul, am Horn von Afrika – aber auch

anderswo. Der Kampf gegen den Terrorismus wird gnadenlos geführt.

Unsere Welt scheint anders geworden zu sein und trotzdem ist bei uns der Alltag wieder

eingekehrt. Manchmal taucht das Gefühl des Entsetzens für einen Moment wieder auf,

aber dann läuft alles weiter wie gehabt. Der Alltag mit seinen Anforderungen nimmt uns

wieder voll in Anspruch.

Aber dennoch hat sich auch unser Leben verändert. Auch wir müssen mit den Bildern der Zerstörung leben. Auch wir müssen entscheiden, ob Gewalt ein probates Mittel gegen den Terrorismus ist. Auch wir müssen entscheiden, ob deutsche Soldaten gegen den Irak in den Krieg ziehen sollen. Das Paulus-Wort zeigt einen eindeutigen Weg: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Ein moralischer Anspruch, den wir trotz aller Schwierigkeiten in der alltäglichen Politik nicht aufgeben sollten und als Christinnen und Christen auch nicht aufgeben dürfen.

Amen.

Lied: Laß uns den Weg der Gerechtigkeit gehn, EG 640

Fürbitten

Gott, du hast Frieden auf Erden verheißen

und der Menschheit Erlösung versprochen.

Darauf hoffen wir und bitten dich:

Für Hilfe und Unterstützung der leidenden

Menschen in Afghanistan, im Irak, in Israel und Palästina.

Für das Schweigen der Waffen.

Für menschenwürdige Verhältnisse.

Für politische Lösungen.

Gott, du hast Frieden auf Erden verheißen

und der Menschheit Erlösung versprochen.

Darauf hoffen wir und bitten dich:

Für die Opfer von Terror und Katastrophen.

Für Trost und Hilfe.

Für Überwindung der Bitterkeit und neue Aussichten.

Gott, du hast Frieden auf Erden verheißen

und der Menschheit Erlösung versprochen.

Darauf hoffen wir und bitten dich:

Für die Helferinnen und Helfer überall auf der Erde,

in Feuerwehrautos und Rettungswagen,

bei Hilfsorganisationen und Friedensdiensten,

bei der Polizei und auch beim Militär.

Für Kraft und Phantasie.

Für Unterstützung und Wertschätzung.

Gott, du hast Frieden auf Erden verheißen

und der Menschheit Erlösung versprochen.

Darauf hoffen wir und bitten dich:

Für das Zusammenleben verschiedener

Kulturen und Religionen in unserer Gesellschaft.

Für Respekt und Achtung

Für Geduld und Bereitschaft das Fremde auszuhalten.

Gott, du hast Frieden auf Erden verheißen

und der Menschheit Erlösung versprochen.

Darauf hoffen wir und beten gemeinsam:

Vater unser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: Gott gab uns Atem, damit wir leben, EG 432

Segen

Der Segen und die Güte Gottes

führe uns von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit

Der Segen und die Güte Gottes führe uns

von den Ersten zu den Letzten.

Der Segen und die Güte Gottes führe uns

von der Gewalt zum Frieden.

Terror – um Gottes Willen

Kurt-Helmuth Eimuth/Lutz Lemhöfer (Hrsg.)

Terror – um Gottes Willen

Weltreligionen und Gewalt

Frankfurt 2002 GEP, 112 S. mit Abb., kart.
6,90 €, ISBN 3-932194-63-2

Der Schock der Attentate vom 11. September 2001 in New York und Washington hat die Diskussion über das Verhältnis von Religion zur Gewalt neu entfacht. Schließlich begriffen sich die Attentäter als muslimische „Gotteskrieger“. Die Diskussion greift aber zu kurz, wenn nur das Verhältnis des Islam zur Gewalt thematisiert wird. Alle Religionen kennen sowohl latente Gewaltbereitschaft als auch eine Friedensbotschaft.

Was davon zum Tragen kommt, hängt nicht nur, aber auch von den jeweiligen historischen Rahmenbedingungen ab. Um so mehr gilt es, die Motivationskraft der Religionen zu nutzen, damit wirklich „Friede und Gerechtigkeit sich küssen“ (Psalm 85,11).

Das GEP-Taschenbuch, soeben unter dem Titel „Terror um Gottes Willen?“ erschienen, greift das Thema auf und zeigt, dass die angesprochene Problematik auch eine sehr direkte Bedeutung für das alltägliche Leben von Menschen besitzt, ähnlich wie auch für das Selbstverständnis christlicher Gemeinden.

Seit dem 11. September 2001 wird die Frage religiös begründeter Gewalt mit zunehmender Schärfe diskutiert: Ist Religion schlechthin oder sind einzelne Religionen ihrem Wesen nach gewalttätig? Oder wird die ursprüngliche Friedensethik der Religionen pervertiert?

Der vorliegende Band untersucht die Haltung der Weltreligionen zur Anwendung oder Rechtfertigung von Gewalt. Ein besonderer Augenmerk gilt der offenen oder latenten Gewaltsamkeit in sektenhaften oder fundamentalistischen Verengungen von Religion.

Mit Beiträgen von Pablo Díaz Díaz, Kurt-Helmuth Eimuth, Josef Estermann, Günther Bernd Ginzel, Lutz Lemhöfer, Katja Sindemann, Luise Thuß sowie zwei Texten der Bischöfe Wolfgang Huber (evangelisch) und Franz Kamphaus (katholisch).