Archiv für Kita

„Eltern sind wie Gott“

Eltern sind wie Gott“
Urvertrauen ist die Basis für Religiosität

Evangelisches Frankfurt Okt 2011
Frieder Harz bei seinem Vortrag über religiöse Prägungen vor Frankfurter Erzieherinnen. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Dass die ersten Lebensjahre prägend sind, ist keine neue Erkenntnis. Frieder Harz, emeritierter Religionspädagoge der Fachhochschule Nürnberg, hob aber auch die Bedeutung der ersten frühkindlichen Bindungen für die religiöse Prägung hervor. Vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern­ des Beratungsprojektes Kinder­tagesstätten des Diakonischen Werks für Frankfurt erläuterte Harz, dass für kleine Kinder ihre Eltern „Gott“ seien. „Ihr Angewiesen-Sein auf die primären Bezugspersonen ist elementar. Es hat in diesem Sinn religiöse Bedeutung.“

Harz greift damit eine Erkenntnis der Psychologie auf, wonach die Basis für ein positives Verhältnis zur Religion die Erfahrung eines unerschütterlichen Vertrauens zu den Eltern ist. Dieses Urvertrauen trägt Menschen ein Leben lang. Deshalb sei der behutsamen Eingewöhnung – vor allem in den Krabbelstuben – besonderes Augenmerk zu schenken. Religiöse Erziehung achte darauf, dass seine frühen Bindungen dem Kind einen guten Weg ins Leben eröffneten. Darauf aufbauend könne sich später das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ (Schleiermacher) auch auf ein umfassenderes Gegenüber beziehen.

Mit zunehmender Aneignung der Welt, mit dem (auch im wörtlichen Sinne) Begreifen der Welt, sei es die Aufgabe der religiösen Erziehung, diesen Prozess mit Deutungen zu begleiten, die dem Kind das Gefühl und später die Überzeugung geben, in der Welt aufgehoben und behütet zu sein. Das geschehe über Rituale und Symbole, in Erzählungen und Gebeten, in Raumerfahrungen, Bildern und Musik. Harz forderte Erzieherinnen und Kirchenvorstände auf, darauf zu achten, dass sich diese „frühe religiöse Sprache reich entfalten kann, von den Erwachsenen bewusst praktiziert wird, dass sie als ein Schatz gepflegt wird, der uns allen mitgegeben wird.“

An dem Beratungsprojekt des Diakonischen Werkes nehmen elf evangelische Kindertagesstätten und vier Krabbelstuben teil. Ziel ist es, ein Qualitätsmanagement nach Deutscher Industrienorm einzuführen. 65 Kitas in Frankfurt sind diesen Weg bereits gegangen.

Kurt-Helmuth Eimuth

Kinderschutz wird verstärkt

Evangelisches Frankfurt Juni 2011

Wer mit Kindern arbeitet, braucht erweitertes Führungszeugnis

Die evangelische Kirche in Frankfurt verstärkt ihre Bemühungen um den Kinderschutz. Nicht nur die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kinder- und Jugendarbeit sollen künftig ein „Erweitertes Führungszeugnis“ vorlegen, sondern auch Ehrenamtliche, die sich in der übergemeindlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen engagieren. Das hat der Vorstand des Evangelischen Regionalverbandes beschlossen. Man hofft, dass sich auch viele Kirchengemeinden dieser Regelung anschließen.

Im erweiterten Führungszeugnis werden – anders als im einfachen Führungszeugnis – auch Straftaten festgehalten, die mit einem geringen Strafmaß belegt wurden, also mit weniger als drei Monaten Freiheitsstrafe oder 90 Tagessätzen. Auch sind Straftaten oder Vergehen in kinder- und jugendschutzrelevanten Bereichen verzeichnet, wie Sexualdelikte oder Misshandlungen, ebenso die Verletzung der Fürsorgepflicht. Es muss alle fünf Jahre erneuert werden.

Klar und eindeutig und sofort nachvollziehbar ist diese Regelung für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa in Kindertagesstätten. Hier ist das Führungszeugnis ein Baustein von vielen, um Kinder zu schützen. Der Regionalverband hat schon seit längerem ein umfangreiches Konzept, um gefährdeten Kindern und deren Familien zu helfen. So werden die Mitarbeiterinnen darin geschult, wie man Anzeichen von Gefährdungen erkennt. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch und Gewalt in Familien, sondern auch um die Vernachlässigung von Kindern. Gemeinsam mit speziell dafür ausgebildeten Fachkräften greift bei Bedarf ein Beratungssystem, das sich in erster Linie dem Kindeswohl verpflichtet fühlt. Der Evangelische Regionalverband hat hierfür einige Mitarbeiterinnen ausbilden lassen, die auch Schulungen in den Kindereinrichtungen vor Ort durchführen.

An einem Punkt, der besonderes Gefährdungspotential aufweist, bindet man im Interesse der Kinder auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diese Regelung ein: bei Teamerinnen und Teamern von Kinder- und Jugendfreizeiten oder vergleichbaren Tätigkeiten. Man hofft, dass diejenigen, denen das Wohl der Kinder am Herzen liegt, die Notwendigkeit dieser Formalie einsehen und kooperieren. Kosten entstehen ihnen dadurch nicht.

Gleichwohl kann eine solche Bescheinigung immer nur einer von vielen Bausteinen sein, um den Schutz von Kindern zu gewährleisten. Alle, die in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, sind aufgerufen, sensibel auf Alarmzeichen zu achten.

An der Otto-Hahn-Schule wird der Evangelische Verein für Jugend- und Sozialarbeit gemeinsam mit der Schule zur Sicherung des Kindeswohls aktiv. Kooperativ tauschen Schule und Jugendhilfe sich aus, „um eine bessere Förderung und einen effektiven Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen“, so Geschäftsführerin Miriam Schmidt-Walter.

Kurt-Helmuth Eimuth

Unterschiede verstehen – Interreligiöse Kompetenz für die Kleinsten

Evangelisches Frankfurt Mai 2011

Unterschiede verstehen

Interreligiöse Kompetenz für die Kleinsten

Seit bald einem Jahrzehnt untersucht ein Forschungsteam um die Tübinger Religionspädagogen Albert Biesinger (katholisch) und Friedrich Schweitzer (evangelisch) die religiöse Wirklichkeit von Kindern unter sechs Jahren. Unter dem Titel „Wie viele Götter sind im Himmel? – Interreligiöse und Interkulturelle Bildung im Kindesalter“ dokumentieren sie nun in einem gemeinsam mit Anke Edelbrock herausgegebenen Band vertiefende Forschungsergebnisse und den Stand der Diskussion. Durch die Beiträge von Rachel Herweg und Rabeya Müller werden die jüdische und die muslimische Perspektive eingearbeitet.

Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Religion immer wichtiger wird und schon Kinder Kompetenzen für die interreligiöse Verständigung benötigen. Bereits in einer Pilotstudie waren sie jedoch zu dem Ergebnis gekommen, dass die Vielfalt der Religionen in den Kindertagesstätten ausgeklammert werde, „sodass eine lebensgeschichtlich frühe Anbahnung dialogischer Fähigkeiten, von Respekt, Toleranz und Anerkennung anderer Religionen nicht gefördert wird.“

Wenn Kinder aber keine Begleitung erhalten, schaffen sie sich eigene Erklärungen für das, was sie im Umgang mit anderen Religionen beobachten. So berichtete eine Interviewpartnerin, wie christliche Kinder über ein muslimisches Kind mit Down-Syndrom redeten: „Sultan ist ganz doll behindert, weil Sultan keine Würstchen essen darf.“ Und wie ist damit umzugehen, wenn die Mutter das Tragen des Kopftuches als unerlässlich ansieht, die dem Kind so wichtige Erzieherin ihr Haar aber offen trägt?

Erfreulicherweise entwickeln nur sehr wenige Kinder eine regelrechte Fremdenangst, aber die soziale Kategorisierung setzt offenbar schon sehr früh ein. Die meisten Kinder gehen von einem klaren ‚Wir und Ihr‘ aus. Die Autorinnen und Autoren kommen denn auch zu dem Schluss, dass die religiöse Differenzwahrnehmung schon im Kindesalter gegeben ist, und untermauern die bereits 2007 von Biesinger aufgestellte Forderung: Man darf Kinder nicht „um Gott betrügen“.

Anke Edelbrock, Friedrich Schweitzer, Albert Biesinger (Hg.): Wie viele Götter sind im Himmel? – Religiöse Differenzwahrnehmung im Kindesalter, 202 Seiten, Waxmann-Verlag, 29,90 Euro.

Kurt-Helmuth Eimuth

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Evangelisches Frankfurt Mai 2011

Die kleine Bella wird demnächst ein Jahr alt, und ihre Eltern möchten dann gerne beide wieder in ihren Beruf zurückkehren. Doch bisher haben sie keine Zusage für einen Krippenplatz erhalten, obwohl sie sich fast überall angemeldet haben. Ein Plan B muss her. Die mögliche Alternative: eine Tagesmutter.

„Tatsächlich ist die Kindertagespflege zunächst häufig mehr eine Not- oder Übergangslösung für die Eltern“, bestätigt Ulrike Tarnow als Geschäftsführerin der Babysitter- und Tagespflegevermittlung e.V. in Frankfurt, die dem Diakonischen Werk nahe steht. Sie habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sie in der Praxis oft viel mehr sei als das: „Nach einem ersten Beratungsgespräch mit einer unserer Mitarbeiterinnen sind die Eltern nicht selten mit dem Tagesmutter-Modell glücklicher, als sie es mit einem Krippenplatz gewesen wären.“

In der Kindertagespflege werden ein bis fünf Kinder von einer Tagesmutter in deren eigenen Räumlichkeiten betreut. „Die Zuwendung zum Kind kann in dieser familiären Atmosphäre häufig intensiver stattfinden, als es möglicherweise in einer Kindertagesstätte der Fall wäre“, erklärt Tarnow. „Die Tagespflege ist darum nicht nur eine Ergänzung zu den Kindertagesstätten, sondern eine eigenständige Form der familiennahen Kinderbetreuung”, fasst es der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Kurt-Helmuth Eimuth, zusammen.

Familien, die Bedarf an einer Tagesbetreuung für ihr Kind haben, können in die offene Sprechstunde des Vereins auf der Zeil 29-31 kommen und erhalten dort eine eingehende Beratung sowie eine Auswahl der in Frage kommenden Tagespflegepersonen. Die jeweiligen Betreuungspersonen sind den Mitarbeiterinnen persönlich bekannt, denn der Verein ist gleichzeitig zuständig für deren mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen Qualifizierung mit dem Bundesverbandszertifikat sowie die laufende Fortbildung. Der Qualifizierungsprozess stelle sicher, dass die Tagesmutter die notwendigen Rahmenbedingungen und die persönliche Eignung zur Kinderbetreuung mitbringt. Außerdem werden ihr hier spezifisches Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die sie im Alltag als Pflegeperson benötigt, erklärt Tarnow den Ablauf.

Manchmal geht es Familien jedoch auch gar nicht darum, eine Ganztagsbetreuung für ihre vielleicht auch schon älteren Kinder zu finden, sondern lediglich um ein paar Stunden Überbrückung oder Zweisamkeit. Dafür vermittelt der Verein ebenfalls Babysitter. Kontakt über Telefon 069 559405 oder unter www.btv-frankfurt.de.

Sara Wagner

40 Millionen für die Kleinsten

Evangelisches Frankfurt Mai 2011

Gewaltiges Ausbauprogramm für neue Krabbelstuben bis 2013

In Bonames haben die Bagger schon ganze Arbeit geleistet. Der alte Kindergarten am evangelischen Gemeindehaus ist abgebrochen, das Gelände für das Fundament der neuen sechsgruppigen Kindertagesstätte vorbereitet. Schick soll es werden und ökologisch korrekt im Passivhausstandard. Unter einem charakteristischen Faltdach werden künftig achtzig Kinder im Alter von null bis sechs Jahren spielen. Den Fortschritt der Bauarbeiten dokumentiert Parrer Thomas Volz auf seiner Facebook-Seite.

Das Bauprojekt ist nur eines von insgesamt 38 Neu- und Anbauten für evangelische Kindertagesstätten in Frankfurt. Wie der Leiter des Diakonischen Werks im Evangelischen Regionalverband, Pfarrer Michael Frase, vor dem Frankfurter Kirchenparlament ausführte, unternimmt die Kirche diese gewaltige Anstrengung, um ihren Teil zum Pogramm der Stadt für die Schaffung von Kinderbetreuungsplätzen für die Unter-Dreijährigen beizutragen. Immerhin sei die evangelische Kirche nach der Stadt Frankfurt selbst der zweitgrößte Träger von Kindertagesstätten.

„In diesem Bereich ist die evangelische Kirche noch echte Volkskirche“, führte Frase aus und verwies auf die flächendeckende, fast gleichmäßige Verteilung der Kindertagesstätten im Stadtgebiet. Man habe über die Kitas und Krabbelstuben die Chance, Familien in Kontakt mit dem christlichen Leben zu bringen. Auch sei der Kindergarten für den Gemeindeaufbau bedeutsam.

Das Ausbauprogramm sei nicht nur notwendig, weil es ab 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz geben wird, sondern auch, weil die Zahl der Kinder in der „Familienstadt“ Frankfurt ständig steige. So sei die Zahl der Unter-Dreijährigen in den letzten zehn Jahren von 18?000 auf 20?000 gestiegen. Für das Jahr 2013 prognostiziere die Stadt in dieser Altersgruppe 21?800 Kinder. Bis dahin plant die evangelische Kirche in Frankfurt insgesamt 38 Baumaßnahmen mit einem Gesamtvolumen von annähernd vierzig Millionen Euro, wobei das meiste Geld von Bund und Kommune aufgebracht wird. Der Eigenanteil, den der Evangelische Regionalverband aus Kirchensteuermitteln einbringt, beträgt 5,2 Millionen Euro. Insgesamt werden so 930 neue Plätze für die ganz Kleinen entstehen, aber auch 84 neue Kindergartenplätze im Rahmen von Sanierungen bestehender Einrichtungen.

Große Neubauten sind außer in Bonames noch in Heddernheim, in der Nordweststadt, in Fechenheim und in Bornheim geplant. Die Regenbogengemeinde in Sossenheim hat sich dazu entschlossen, das Gemeindezentrum in der Dunantsiedlung aufzugeben, damit die Kita dort erweitert werden kann.

Kurt-Helmuth Eimuth

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Tagesbetreuung – mehr als eine Notlösung

Die kleine Bella wird demnächst ein Jahr alt, und ihre Eltern möchten dann gerne beide wieder in ihren Beruf zurückkehren. Doch bisher haben sie keine Zusage für einen Krippenplatz erhalten, obwohl sie sich fast überall angemeldet haben. Ein Plan B muss her. Die mögliche Alternative: eine Tagesmutter.

„Tatsächlich ist die Kindertagespflege zunächst häufig mehr eine Not- oder Übergangslösung für die Eltern“, bestätigt Ulrike Tarnow als Geschäftsführerin der Babysitter- und Tagespflegevermittlung e.V. in Frankfurt, die dem Diakonischen Werk nahe steht. Sie habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sie in der Praxis oft viel mehr sei als das: „Nach einem ersten Beratungsgespräch mit einer unserer Mitarbeiterinnen sind die Eltern nicht selten mit dem Tagesmutter-Modell glücklicher, als sie es mit einem Krippenplatz gewesen wären.“

In der Kindertagespflege werden ein bis fünf Kinder von einer Tagesmutter in deren eigenen Räumlichkeiten betreut. „Die Zuwendung zum Kind kann in dieser familiären Atmosphäre häufig intensiver stattfinden, als es möglicherweise in einer Kindertagesstätte der Fall wäre“, erklärt Tarnow. „Die Tagespflege ist darum nicht nur eine Ergänzung zu den Kindertagesstätten, sondern eine eigenständige Form der familiennahen Kinderbetreuung”, fasst es der Vorstandsvorsitzende des Vereins, Kurt-Helmuth Eimuth, zusammen.

Familien, die Bedarf an einer Tagesbetreuung für ihr Kind haben, können in die offene Sprechstunde des Vereins auf der Zeil 29-31 kommen und erhalten dort eine eingehende Beratung sowie eine Auswahl der in Frage kommenden Tagespflegepersonen. Die jeweiligen Betreuungspersonen sind den Mitarbeiterinnen persönlich bekannt, denn der Verein ist gleichzeitig zuständig für deren mittlerweile gesetzlich vorgeschriebenen Qualifizierung mit dem Bundesverbandszertifikat sowie die laufende Fortbildung. Der Qualifizierungsprozess stelle sicher, dass die Tagesmutter die notwendigen Rahmenbedingungen und die persönliche Eignung zur Kinderbetreuung mitbringt. Außerdem werden ihr hier spezifisches Wissen und Fertigkeiten vermittelt, die sie im Alltag als Pflegeperson benötigt, erklärt Tarnow den Ablauf.

Manchmal geht es Familien jedoch auch gar nicht darum, eine Ganztagsbetreuung für ihre vielleicht auch schon älteren Kinder zu finden, sondern lediglich um ein paar Stunden Überbrückung oder Zweisamkeit. Dafür vermittelt der Verein ebenfalls Babysitter. Kontakt über Telefon 069 559405 oder unter www.btv-frankfurt.de.

Sara Wagner

Evangelisches Frankfurt April 2011

Wie der „Kindergarten“ zu einem deutschen Exportschlager wurde

von Kurt-Helmuth Eimuth 17. März 2011

Brauchen Kinder einen gewissen Drill, um Leistung zu bringen? Sind Strafen ein notwendiges Mittel der Erziehung? Diese Auffassung der amerikanischen Professorin Amy Chua werden auch in Deutschland mit Interesse aufgenommen. Doch die pädagogische Erfahrung lehrt etwas anderes: dass Kinder von Natur aus lernwillig sind, aber ihr eigenes Tempo und ihre individuelle Herangehensweise brauchen. Die Grundlagen für dieses Menschenbild legte der Frankfurter Pädagoge Friedrich Fröbel, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Begriff des „Kindergartens“ prägte.

Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum für die persönliche Entfaltung – dieses Konzept des Fröbelschen „Kindergartens“ ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser
Individuelle Lernerfahrungen, Eigeninitiative und Raum für die persönliche Entfaltung – dieses Konzept des Fröbelschen „Kindergartens“ ist heute noch aktuell, wie hier im neuen Kinderhaus Goldstein. Foto: Rolf Oeser

Im thüringischen Blankenburg entstand dann auf Fröbels Initiative der erste Kindergarten. Die vielseitige Anregung und Anleitung der Kinder geschah durch Bewegungs- und Wortspiele, durch Lieder und Sprüche sowie im Kontakt mit der Natur, und schließlich auch durch speziell konzipiertes Spielmaterial. Der Kindergarten war so von Anfang an ein Ort frühkindlicher Bildung. Auch die Mütter, denen Fröbel damals die Hauptverantwortung für die Erziehung zusprach, sollten im Kindergarten Anregungen und Beispiele für ihr eigenes Handeln finden und das pädagogische Wissen in die Familien weitertragen. Der Begriff „Kindergarten” erwies sich fortan als Exportschlager und fand seinen Weg als deutsches Lehnwort in andere europäische Länder wie auch nach Amerika.

Fröbel, der seine berufliche Laufbahn übrigens als Lehrer an der Frankfurter Musterschule begonnen hatte und dann als Hauslehrer die drei Kinder einer Frankfurter Adelsfamilie betreute, war Schüler des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Die „Menschenerziehung” – so der Titel seines Hauptwerkes – lag ihm am Herzen. Das kleine Kind, so seine moderne Auffassung, müsse „selbsttätig in die Welt des Geistes“ eintreten und dabei Hilfestellung durch Erwachsene erfahren.

Allerdings war das pädagogische Konzept des „Kindergartens“ auch anfällig für totalitäre Erziehungsideologien, in Deutschland die braune und die rote: So wenig man Pflanzen in einem Garten einfach frei wachsen und sich entwickeln ließ, sondern gezielt als Nutzpflanzen in Reih und Glied züchtete, so wurden auch Kinder bewusst dem elterlichen Einfluss entzogen und in die vom Staat gewollte Richtung gelenkt. Das ein wenig ans Paradies erinnernde und selbsterklärende Bild vom Garten, in dem sich alles frei und nach eigenen Gesetzen entwickelt, wo also im Blick auf das Kind eine freie und kreative (Selbst-)Beschäftigung Programm ist, wurde pervertiert zu einem Ort planenden und ordnenden Eingreifens, in dem „Unkraut” und Wildwuchs nichts zu suchen hatten.Die Fröbelsche Wortschöpfung „Kindergarten” ist heute noch in aller Munde, auch wenn man gerade in den Städten im Blick auf die Betreuungszeiten funktional von „Kindertagesstätten” spricht und die „Kindergärtnerin” zugunsten der „Erzieherin” ausgedient hat. Der Wechsel der Berufsbezeichnung spiegelt die Professionalisierung im Berufsbild wider – weg von der romantisierenden und volkstümlichen Vorstellung, eine Kindergärtnerin habe „nur” auf Kinder aufzupassen und mit ihnen zu spielen, hin zur professionellen pädagogischen Fachkraft, die, ganz im Sinne Fröbels, das Kind in seiner jeweiligen Problem- und Fragehaltung ernst nimmt und darin spezifische Lernerfahrungen ermöglicht und fördert.

Eine aktuelle Fachzeitschrift für Erzieherinnen trägt im Untertitel den Dreiklang „Erziehung, Bildung und Betreuung“ und beschreibt damit den umfassenden, Familien ergänzenden und beratenden Auftrag des Kindergartens. Weder geht es einseitig um Betreuung ohne Erziehung und Bildung, noch steht vorschulische Wissensvermittlung im Mittelpunkt. Ziel ist es vielmehr, die kindlichen Ressourcen wie Sprache, Motorik, Sozialkompetenz und Kreativität zu fördern und auf die Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hinzuwirken. Dabei wird jedes Kind als ganzheitliches Individuum gesehen und darf seine eigene Lerngeschichte haben.

Der hessische Bildungsplan betont allerdings gerade im Bereich des Kindergartens die Bildung gegenüber der Erziehung stärker und formuliert als Ziel „die frühere, nachhaltigere, individuellere und intensivere Bildung der Kinder“. Sie sei „die zentrale Voraussetzung, um in der von kontinuierlichem Wandel geprägten Welt auch in Zukunft zu bestehen.“ Auch wenn hier durchaus vom Kind her gedacht wird, nähren solche Formulierungen doch die oft übertriebene Erwartung, der Kindergarten habe besonders große und schöne „Früchte” zu erzielen, die sich später in der Leistungsgesellschaft behaupten können.

„Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht“

Wenn Lulu rebelliert und nicht mehr Klavier spielen will, hagelt es Strafen. Das Puppenhaus soll der Heilsarmee gespendet werden, wenn das Klavierstück am nächsten Tag nicht perfekt sitzt. Der Entzug des Mittag- und Abendessens sowie die Geburtstagspartys gleich für die nächsten vier Jahre gehören ebenso zum Strafenkatalog.

Die rabiaten Erziehungsmethoden der Yale-Professorin Amy Chua, bekannt als „Tigermama“, werden auch hierzulande diskutiert. Und jede Kindertagesstätte kann bestätigen, dass Eltern der aufstrebenden Mittelschicht schon hier Schulleistungen wie Lesen und Schreiben einklagen. Erfolg ist in der Wissensgesellschaft unabdingbar mit Bildung verknüpft. Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Doch was ist das Beste?Bildung ist jedenfalls etwas anderes als Wissen. Bildung ist die umfassende Aneignung der Welt, sie umfasst musische und künstlerische Fähigkeiten ebenso wie soziale Kompetenz. Ein Kind, das unter enormem Druck aufwächst, kann sich kaum entfalten. Es kann Wissen abrufen, aber das vordringliche Gefühl wird doch eher Angst sein. Mit Angst kann das Kind aber nicht die Welt selbstbewusst erforschen, sich nicht die Welt neugierig aneignen. Dabei „arbeiten“ (wie es die Reformpädagogin Maria Montessori formuliert hat) Kinder ganz freiwillig, sogar hoch konzentriert und ausdauernd. Die 14 Monate alte Lisa zum Beispiel liegt auf dem Teppich und sortiert Plastikschüsseln. Sie versucht, die kleine Schüssel in die große zu stellen. Nicht einmal, auch nicht ein Dutzend mal, sondern immer und immer wieder – wenn man sie lässt. Oder Max, der erstmals eine schiefe Ebene betritt, besser: bekrabbelt. Er probiert es mit großer Hartnäckigkeit, und auch durch Misserfolge lässt er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.

Kinder erobern die Welt – sofort nach der Geburt. Ihre Energie, die Leistung ihres Gehirns, wird nie wieder so groß sein wie in den ersten zwölf Monaten. Und alle Kinder finden den für sie passenden Weg. Die einen krabbeln zuerst rückwärts, die anderen rollen sich mehr als dass sie krabbeln. Aber egal, wie: Am Ende werden sie alle laufen können.

Und so ist es auch auf ihrem weiteren Weg der Bildung. Kinder gehen unterschiedliche Wege in unterschiedlichem Tempo. Sie zu fördern, erfordert deshalb nicht Drill, sondern dass man ihnen Zeit lässt. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.“ In diesem Sinne ist mehr Gelassenheit in der Erziehung angesagt. Denn nur glückliche Kinder können wirklich erfolgreich sein.

Werbung alleine reicht nicht

Werbung alleine reicht nicht

Die Lücke zwischen Bedarf und Fachkräften wird immer größer: Bis 2015 werden in Hessen über 1500 zusätzliche Altenpflegerinnen und Altenpfleger gebraucht. In den Krabbelstuben und Kindertagesstätten sieht es noch dramatischer aus. Von etwa 3000 bis zum Jahr 2013 zu besetzenden Stellen geht man alleine in Frankfurt aus. Aber auch Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiter sind gesucht. Aufgrund der demographischen Entwicklung werden Fachkräfte rar. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen demnächst in Rente, und die schwächeren Jahrgänge kommen in den Beruf.

Man muss nicht über großes ökonomisches Fachwissen verfügen, um zu sehen, dass es mehr braucht als gut gemeinte Werbekampagnen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können wieder auswählen, wo und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen. Alle Befragungen zeigen, dass zur Attraktivität eines Berufes auch das Gehalt zählt – auch wenn es nicht entscheidend ist. Doch eine Familie sollte man schon ernähren können. Dies ist in der Altenpflege schwierig. Die Pflegebranche zählt bisher zu den Sektoren mit einem relativ hohen Anteil „Aufstockern“, das heißt, der Lohn liegt oft unterhalb des Niveaus von Hartz IV.

Hinzu kommt, dass Pflegekräfte oft nicht länger als sieben bis acht Jahre in diesem Beruf arbeiten. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes scheidet fast jede dritte Person aus gesundheitlichen Gründen aus dem Erwerbsleben aus – die häufigsten Gründe sind Wirbelsäulenerkrankungen, Hauterkrankungen und Infektionskrankheiten. Schon im Interesse der Betriebe müsste deshalb mehr auf die Gesundheit der Mitarbeitenden geachtet werden. Es sollten zum Beispiel mehr technische Hilfen bei der Pflege genutzt werden. Gegen Rückenprobleme und andere gesundheitliche Beeinträchtigungen könnte der regelmäßige Besuch im Fitnesscenter helfen. Warum sollten das die Wohlfahrtsverbände nicht anbieten? Flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung sind weitere Möglichkeiten, die Fachkräfte im Beruf zu halten.

Wenn die Kirchen und die Wohlfahrtsverbände als Arbeitgeber attraktiv bleiben wollen, werden sie um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen nicht herumkommen. Zu dieser Attraktivität gehört auch gesellschaftliche Anerkennung: Solange ein LKW-Fahrer am Stammtisch eher bewundert wird als ein Altenpfleger oder Erzieher, haben es die Sozialberufe schwer.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt März 2011

EU-Projekt: Mehr Erzieher in Kitas

Evangelisches Frankfurt Februar 2011

„Mehr Männer in die Kitas“ heißt ein neues Projekt der Europäischen Union. Allein in Deutschland werden 16 Millionen Euro verteilt. Mit dabei sind auch die Frankfurter evangelischen Kitas. Mag sein, dass dieses Bild in der ein oder anderen Familie schon nicht mehr stimmt, aber auf die Kindertagesstätten trifft es doch zu: Kindererziehung ist Frauensache. Lediglich zwei von hundert pädagogischen Kräften sind männlich.

Mit dem neuen Projekt „Mehr Männer in Kitas“ will man aber keinesfalls den Macho als Identifikationsfigur in die Kitas holen. Vielmehr kommt es darauf an, die Vielfalt von Interessen und Fähigkeiten auch im Personal abzubilden. Im Material des Projektes heißt es: „Viele Männer interessieren sich für andere Themen und Aktivitäten als die, die in Kindergärten bislang üblich sind, und es wäre klug, sich dafür zu öffnen. Die pädagogischen Angebote und Aktivitäten von Kindergärten sind oft sehr traditionell und entlang der Bedürfnisse und Interessen von Frauen gestaltet.“

Ein Mann, der zum Beispiel Lust hat, eine kleine Werkstatt mit richtigen Werkzeugen und Ausrüstung einzurichten, würde den Kindern neue Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Natürlich können Profil, Inhalt und Kultur von Kindergärten auch dann variieren, wenn ausschließlich Frauen dort arbeiten. Die Sozialanthropologin Hilde Liden hat jedoch festgestellt, dass sich die Erwachsenen nicht so gerne körperlich betätigten, wie es von den Jungen erwartet wurde. Tendenziell sei den Jungen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Dies schränke die Möglichkeiten von Mädchen und Jungen ein, ihre Geschlechtsidentität zu entwickeln.

Eine besondere Innovation wurde in Frankfurt entwickelt: Junge Männer, die sich für den Beruf des Erziehers interessieren, stehen oft vor dem Problem, dass sie kaum Möglichkeiten haben, mit anderen Gleichgesinnten Kontakt aufzunehmen. Deshalb, so das Konzept aus dem Arbeitsbereich Kindertagesstätten im Diakonischen Werk für Frankfurt, sollten Erzieher das Internet nutzen.

Zentrales Medium soll ein Blog werden, in dem sie ihren Alltag – auch anonym – diskutieren können. Auf diese Weise können Männer Ansprechpartner für ihr Probleme in einem „Frauenberuf“ finden. Für den Verbleib in dem Beruf ist eine solche Rollenreflektion unabdingbar notwendig.

Kurt-Helmuth Eimuth

„Supervielfalt“ auch in Kitas

Fachtag: Evangelische Erzieherinnen diskutieren über ihr Profil

Evangelisches Frankfurt Dezember 2010

Über ihr eigenes „Profil in der Supervielfalt“ dachten 120 Erzieherinnen aus den rund hundert Frankfurter evangelischen Kindertagesstätten bei einem Fachtag in der Gethsemanegemeinde nach. „Supervielfalt“ ist ein Begriff aus dem neuen Integrationskonzept der Stadt. Er solle eine neue Perspektive eröffnen, betonte Eva Maria Blum vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten: Menschen aus 172 Nationen leben in der Stadt. Die Zahl der gesprochenen Sprachen liege noch höher. Doch „Supervielfalt“ zeige sich nicht nur in der Vielzahl der Nationen, sondern auch an den Lebensumständen. Der Leiter des Arbeitsbereichs Kindertagesstätten, Kurt-Helmuth Eimuth, bezeichnete Zuwanderung und religiöse Vielfalt als „Normalfall“ in den Kitas. „In zahlreichen Einrichtungen sind die Kinder mit christlichem Hintergrund in der Minderheit.“ Zwei Drittel der 2006 geborenen Frankfurter Babies seien „deutsche Staatsbürger mit einer zweiten oder dritten Staatsbürgerschaft“, die sie von ihren Eltern geerbt haben. Deutlich weniger als die Hälfte gehören einer christlichen Religion an.

Für Pfarrer Michael Frase, den Leiter des Diakonischen Werks für Frankfurt, sind Kitas ein „Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen“. Die evangelische Kirche müsse den Dialog „in der Vergewisserung der eigenen Tradition, einer Tradition der Freiheit“ suchen.

truk