
„Frieden schaffen ohne Waffen“, ist dieses Motto überholt? Brauchen wir wirklich 100 Milliarden mehr für Rüstung und wie können wir mit unserer Angst umgehen. Ein Gespräch über das, was bewegt.
Zugegen: Auch ich fahre gerne Auto. Der Blick auf die Preistafeln der Tankstellen schockiert. Über 2 Euro. Selbst Diesel. Vor einigen Wochen noch unvorstellbar. Scheinbar alles aufgrund der Verteuerung der russischen Öllieferungen.
Nur: das Benzin, das heute an den Tankstellen verlauft wird, wurde vor zwei2 oder drei Monaten gekauft. Zum damaligen Preis. Und auch heute gibt es keine Verknappung. Noch liefern alle Länder vertragsgemäß, auch Russland. Die Verteuerung ist also reine Spekulation und sichert allen Ölkonzernen, ob russisch oder amerikanisch, satte Extragewinne.
Doch was tun? Keine Frage. Die Situation belastet Privathaushalte genauso wie die Wirtschaft. Die Idee des Finanzministers Christian Lindner, der einen Tankrabatt fordert, ist populistisch, ungerecht und klimaschädlich. Vor allem sichert er die Extragewinne der Ölmultis. Unterstützung hingegen bedürfen die, deren Budget zu klein ist, die Teuerung abzufedern. Dies ist bestimmt nicht der SUV-Fahrer, der jetzt für sein Viertonnen-Fahrzeug für eine Tankfüllung 130 Euro statt 90 Euro zahlt.
Gefördert müssen die werden, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Hartz Vier, Wohngeld, Bafög oder auch Kindergeld müssen angehoben werden. Hier bedarf es eines Ausgleichs. Auch die Anhebung des Mindestlohns sollte in den Blick genommen werden.
Und die Wirtschaft? Sie bekommt die Mehrwertsteuer über die Steuerverrechnung wieder zurück. Ein kleiner Ausgleich. Und klar. Der Handwerksbetrieb wird die steigenden Spritpreise an die Kunden weitergeben. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Die Ampelkoalition spricht zwar von dem größten wirtschaftlichen Transformationsprozess der Geschichte, doch sie tat immer so, als sei dieser zum Nulltarif zu erhalten. Der Ausstieg aus einer Wirtschaft, die auf fossilen Brennstoffen basiert, kostet Geld. Ja, es wird teuer. Auch für Privathaushalte. Im Jahr geben deutsche Haushalte rund 15,4 Prozent der gesamten Konsumausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren aus. Um das Jahr 1900 lagen die Ausgaben der deutschen Haushalte für die wichtigsten Konsumgüter noch über der Hälfte aller Konsumausgaben. Selbst 1970 lag der Anteil noch bei einem Viertel. In den vergangenen zehn Jahren blieb der Ausgabenanteil jedoch auf einem relativ konstanten, niedrigem Niveau.
Fazit: Der heutige Anstieg der Spritpreise ist erst der Anfang einer notwendigen Wende. Einer Wende hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft. Dies wird Einschnitte in unseren Lebensstandard bedeuten. Das größte Versäumnis der Politik ist es, die Notwendigkeit des Umsteuerns zu sehen, aber so zu tun, als könnten wir alle so weiterleben wie bisher. Wir werden an einigen Stellen Neues mit Freude entdecken, aber auch an anderer Stelle Verzicht ertragen müssen. Genau wie bei der Corona-Krise versagt die Politik in ihrer Kommunikation. Es wird nicht ohne Opfer gehen. Aber um der Schöpfung Willen muss der Umstieg vollzogen werden. Gottes Schöpfung zu bewahren, ist unser Auftrag. Ganz zu schweigen von der Verpflichtung der zukünftigen Generation gegenüber.
Populistische Vorschläge á la Lindner sind rückwärtsgewandt.
Kurt-Helmuth Eimuth
von Kurt-Helmuth Eimuth 12. November 2021
Weihnachtskitsch schon Mitte November? Pandemiebedingt beginnen die Adventsmärkte in diesem Jahr teilweise schon Mitte November. Dabei kommt nicht nur das Gedenken am Totensonntag unter dir Räder. Es macht die Märkte auch beliebig.
Warten, Abwarten ist eine Tugend. Zumindest in England. Bei uns herrscht eher das Gedrängel im Gedrängel. Und klar, an der Kasse nebenan geht es doch schneller.
Uff, und da kommt der Advent daher. Diesmal kalendarisch bedingt schon sehr früh. Am 28. November ist schon der 1. Advent. Der Beginn der Ankunftszeit, sozusagen die letzten vier Wochen der Schwangerschaft. Man fiebert der Geburt entgegen. In diesem Jahr haben wir beim Holzkünstler eine schwangere Maria bestellt. Dass wir all die Jahre darauf nicht kamen? Warten auf das Kind, das noch im Bauch der Mutter ist.
Dieses Warten drücken auch die vier Adventskerzen aus. Ursprünglich hatte Johann Hinrich Wichern 24 Kerzen auf ein großes Wagenrad geklemmt. Man schrieb das Jahr 1839. Für die Kinder im Rauhen Haus in Hamburg, ein Kinderheim, sollte so das Warten erträglicher werden. Den Kranz hängte Wichern im Betsaal des Waisenhauses auf. Er hatte 19 kleine rote und vier dicke weiße Kerzen. Jeden Tag wurde eine neue Kerze angezündet – eine kleine für die Werktage, eine große für die Advents-Sonntage. Die Kinder wussten also immer, wie viele Tage es noch bis Weihnachten sind. Einen netten Nebeneffekt hatte der Kranz auch: Die Kinder lernten wie nebenbei das Zählen.
Die Idee ist so einfach wie genial und eroberte deshalb schnell die Welt. Nur das mit dem Wagenrad war in kleinen Wohnungen doch eher unpraktisch. Vier Adventskerzen für die Sonntage ist schon lange die bei uns übliche Sparversion.
Warten können wir aber trotzdem nicht. Überall müssen viele Lichter her, hoffentlich dem Klima zuliebe in LED-Technik. Und weil uns das Warten so schwerfällt, sollen auch die Weihnachtsmärkte möglichst früh aufmachen. Also zumindest vor dem 1. Advent. In Frankfurt will man immerhin noch den Totensonntag, den Ewigkeitssonntag abwarten, dieses Jahr am 21. November. Doch dann soll es gleich am Montag losgehen. Früher wartete man wenigstens bis zum Mittwoch, denn eigentlich soll die Woche nach dem Totensonntag dem Gedenken gewidmet sein. Aber nach all dem wirtschaftlichen Stillstand wegen der Pandemie soll es möglichst schnell losgehen mit dem Verkauf von Glühwein und Bratwurst, von Engeln und Zuckerwatte.
Während Frankfurt noch halbwegs am christlichen Jahreskreis festhält, ist man in anderen Städten noch forscher. In Offenbach und Darmstadt sollen die Weihnachtsmärkte schon am 15. November öffen, in Gießen am 18. November. Hoffentlich hilft es wenigstens der notleidenden Schausteller-Branche.
Aber es geht eben auch etwas verloren. Wer das Besondere, den Festtag, zum Alltäglichen macht, spürt nicht mehr die Freude auf diesen einen Tag. Dann wird eben auch der Weihnachtsmarkt nur noch ein Markt neben vielen anderen Märkten sein. Das Besondere braucht die Einzigartigkeit, auf die man sich beim Warten freuen kann. Das ist immer so, egal ob es aus religiösen oder traditionellen Gründen geschieht.
Ein Gespräch mit dem Autor Wolfgang Weinrich über seine Prostatakrebserkrankung, über die Angst vor dem Tod, die Reha und die Notwendigkeit der Vorsorge.
von Kurt-Helmuth Eimuth 16. Mai 2021
„Schaut hin“ hieß das Motto des Ökumenischen Kirchentags. Und wir haben geschaut! TV. Den ganzen Samstag und natürlich auch an den anderen Tagen. Und in der Stadt unterwegs waren wir außerdem.
Der 3. Ökumenische Kirchentag sollte das Stadtbild Frankfurts an diesen Tagen beherrschen. Überall fröhliche Menschen, die in den U-Bahnen singen und an den Straßenecken die Posaunen erklingen lassen. So war die Erwartung. Es kam bekanntermaßen anders.
Man war schon froh, dass man einige Tage zuvor die Fahnen des Kirchentages auf dem Römerberg sah. Und dann die Aktion mit den überdimensionalen Tischen an der Hauptwache. Als wir davor standen, kam ein leichtes Kribbeln auf. Jetzt geht es los, jetzt wird Kirche sichtbar, und bekannte Gesichter sah man auch. Der Kirchentag war nicht nur digital und dezentral, sondern in diesem Moment ganz analog vor Ort.
Und die einzelnen Buchstaben des Mottos „Schaut hin“, verstreut in der City. Genial. Wir fuhren die Orte mit dem Fahrrad ab, machten halt an der Hauptwache, konnten im Gespräch mit einem Pfadfinder einen dieser Schals abstauben und uns sodann, passend gekleidet, zum nächsten Buchstaben aufmachen. Gut, als Frankfurter kennt man all die Orte. Aber so eine Art Kirchentags-Caching macht doch Spaß. Zumal der Weg an der Weseler Werft vorbeiführte. Da wurde schon die Bühne für den Schlussgottesdienst aufgebaut. Das ist der richtige Ort, um Frankfurt in Szene zu setzen.
Der Eröffnungsgottesdient. Schöne Predigt. Aber die Musik!
Das Dach des Parkhauses an der Konstablerwache, dem Ort des Himmelfahrtsgottesdienstes, überzeugte indes nicht. Nur 1 B-Lage. Immer wieder musste die Kamera mühsam die Skyline ins Bild setzen. Die Häuserzeile der Zeil als unvermeidlicher Hintergrund kann da natürlich nicht punkten. Und noch etwas war bei diesem strahlenden Sonnenschein auffällig. Palmen, Sand und gar ein Boot als Kulisse. Mediterranes Flair am Main? In der Tat tobt hier im Sommer eine Beach Party. Okay ein paar wirklich schöne Bilder gab es.
Aber die Musik! Es ist die Musik meiner Generation, also 60 plus, aber vorgetragen in einem – Tempo ist hier der falsche Ausdruck – in einer Beschaulichkeit, die selbst das in die Jahre gekommene Liedgut nicht verdient hat. Einzig die Predigt von Frère Alois, dem Prior der Gemeinschaft von Taizé, ragte heraus. Und er gab gleich die Richtung für das Christ:innentreffen vor: „Auf keinen Fall dürfen wir uns mit dem Skandal unserer Spaltungen abfinden. Unsere Kirchen können noch nicht alle Glaubensschätze miteinander teilen. Aber Christus ist nicht geteilt. Er ist unsere Einheit.“
Die Tücken der Technik
War der in der ARD übertragene Himmelfahrtsgottesdienst so etwas wie die inoffizielle Eröffnung, so wurde am Freitag die offizielle aus der Messe gestreamt. Mit aller Prominenz, etwas Musik und unaufgeregt. Aufregender war allerdings der Umgang mit der Technik. Immer wieder brach die Verbindung ab. Ob die Planer:innen kleingläubig waren und nicht mit so vielen Zugriffen gerechnet hatten?
Die technischen Probleme bekamen sie nie in den Griff. Auch schienen die Zugänge zu den Veranstaltungen zu kompliziert. Vor allem, wenn es hakte. Und warum Workshops ausgebucht waren und man somit keinen Zutritt mehr erhielt, blieb ein Geheimnis. Denn passives Zuschauen, also ohne Fragerecht, hätte doch möglich sein können!
Überhaupt die Plattform. Hier muss man sich noch einmal Gedanken machen. Viele haben Youtube ihrem TV-Gerät voreingestellt. Wäre das eine Alternative? So war der Kunstgenuss für das opulente Oratorium Eins, technisch bedingt, gestört. Doch es war sicher ein Höhepunkt und mit 40.000 Menschen im Stadion, wie es sich einer der Texter, Eugen Eckert, gewünscht hatte, wäre es ein nachhaltiges Erlebnis gewesen.
Kässmann, Hirschhausen und Co.: die Bibelarbeiten
Blieben noch die fast hundert Veranstaltungen am Samstag. Voran die Bibelarbeiten. Wie immer lehrreich und unterhaltsam Margot Käßmann in ihrem kurzen Beitrag, wenn auch mediendidaktisch optimierbar. Die Aufnahme von Medienprofi Eckhart von Hirschhausen, hergestellt im eigenen Studio, war hingegen so perfekt wie die lässige Unterhaltung mit Gräfin Fernanda Wolff Metternich, Referentin bei der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, einer Hirschhausen Stiftung. Sie ließen keinen Zweifel, dass die Klimafrage noch bedeutender als die Corona-Pandemie ist. Lehrreich und unterhaltsam. Und da war doch noch was. Wie kriegt er nur die Kurve? Hirschhausen singt gerne und zum Schluss in der Regel mit dem gesamten Publikum. Mir unvergessen, der Gesang eines umgetexteten Beatles-Klassikers in der Dresdner Messehalle. Aber selbst online animiert der Moderator zum Singen. Karaoke zum Ermutigen. Ein Lied, dass an die Schönheit der Welt erinnert. Er lässt den Text und die Musik des Klassikers von Louis Armstrong „What a wonderful world“ als Einladung zum Mitsingen über den Bildschirm flimmern. Da kann man nur mit der letzten Liedzeile ausrufen „Ohh yeah“.
Wunderbar ist die Möglichkeit, viele Bibelarbeiten, die sonst ja parallel stattfinden, in der Mediathek später anzuschauen. Da findet sich das auf den ersten Blick kuriose Dialoggespann zweier Ministerpräsidenten. Bodo Ramelow, Die Linke, seit vielen Jahren Gast auf Kirchentagen und Volker Bouffier, CDU. Doch man erfährt, die beiden kennen und schätzen sich seit ihrer Studentenzeit.
Die Polit-Prominenz auf den Podien
Die Podien waren wie die Talkrunden, die man sonst so kennt. Angela Merkel versteht die Ungeduld der Jugend in Sachen Klima und verweist auf die Spielregeln der Demokratie und des Rechtsstaates. Jede neue Stromtrasse müsse erst durchgeklagt werden. Und ihr Vize Olaf Scholz betont, dass die Kosten der Pandemie bezahlbar sind und die Starken eben etwas mehr schultern müssten. Nett und gut, dass man hierfür nicht eine Stunde Anfahrt hatte, um dann vielleicht doch vor einer überfüllten Halle zu stehen. Hier ist der digitale Kirchentag klar im Vorteil. Und es wundert nicht, dass die Planungen für die weiteren Veranstaltungen eben auch digitale Formate einbeziehen. Da war man sich auf der Abschlusspressekonferenz einig.
Ein Gefühl von Kirchentagsstimmung kam bei der Übertragung des Abschlussgottesdienstes auf. Da übertrug sich die Fröhlichkeit bei schwungvoller Musik auch ins heimische Wohnzimmer. Und Frankfurt präsentierte sich trotz einiger Regentropfen von seiner besten Seite. Wie sagte doch Peter Feldmann zum Abschluss: „Als Frankfurter Oberbürgermeister bin ich stolz, dass wir Gastgeber dieses ganz besonderen Kirchentages sein durften.“ Übrigens war Feldmann an allen Tagen außerordentlich präsent, auch bei der Podiumsdiskussion über Antisemitismus.
Für Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier braucht es solche Veranstaltungen. Er setzt auf ihre versöhnende Kraft: „Wir müssen Wunden heilen, die Corona in unserer Gesellschaft geschlagen hat.“ Die zunehmende Entfremdung der Menschen im Blick, fügte er hinzu: „Die Zukunft gewinnen wir nicht im Streit miteinander. Wir müssen Brücken bauen, zwischen Menschen und Gruppen, die die Pandemie verfeindet hat. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir brauchen einander.“ Doch eine Botschaft ging unbestritten von Frankfurt aus: Das ökumenische Miteinander ist selbstverständlicher geworden.
Doch es bleibt dabei: Kirchentage sind Orte der Begegnung. Meine Highlights waren deshalb auch analog. Der Besuch der Installation an der Hauptwache und die Buchstabentour durch die City. Da lag der Zauber eines Kirchentages in der Luft. Der 3. ÖKT war ein Kirchentag zum Nachdenken, sozusagen geistliche und geistige Nahrung. Das ist ja keineswegs wenig.
Evangelisches Frankfurt Offenbach
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ist der Initiative für ein Lieferkettengesetz beigetreten, das dabei helfen soll, Kinderarbeit zu verhindern. Deutsche Unternehmen müssten dann dafür sorgen, dass auch ihre Zulieferer aus anderen Ländern die Menschenrechte einhalten.
Kinderarbeit ist hierzulande kaum vorstellbar. Und doch arbeiten weltweit 152 Millionen Kinder für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien. Etwa die Hälfte von ihnen ist gerade mal fünf bis elf Jahre alt. Kinderarbeit ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte.
Zahlreiche Organisationen fordern deshalb ein Lieferkettengesetz, das diesem Missstand etwas entgegensetzt. Demnach müssten deutsche Unternehmen ab 500 Mitarbeiter:innen dafür sorgen, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Zulieferer in anderen Ländern die Menschenrechte achten und Umweltzerstörung meiden. Unternehmen, die Schäden an Mensch und Umwelt in ihren Lieferketten verursachen oder in Kauf nehmen, sollten dafür auch haften. Das würde bedeuten, dass Betroffene auch in Deutschland Entschädigungen einklagen könnten.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat auf ihrer Synode im November beschlossen, sich der europaweiten „Initiative Lieferkettengesetz“ anzuschließen. Zudem will die Kirche stärker als bisher auf eine öko-faire Beschaffung von Materialien achten.
Die deutsche Politik ist sich in Bezug auf ein Lieferkettengesetz uneinig. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich dafür ausgesprochen, und auch Entwicklungshilfeminister Gerd Müller lässt sich auf den Internetseiten des Ministeriums so zitieren: „Die Ausbeutung von Mensch und Natur sowie Kinderarbeit darf nicht Grundlage einer globalen Wirtschaft und unseres Wohlstandes sein.“
Das Wirtschaftsministerium allerdings ist gegen einen „nationalen Alleingang“. Dabei fordern inzwischen sogar schon mehr als 60 große Unternehmen ein solches Lieferkettengesetz, darunter Tchibo, Rewe, Nestle und Alfred Ritter (Ritter Sport). Sie haben ein Interesse an einer gesetzlichen Regelung, denn ansonsten befürchten Firmen, die sich an solche Standards halten, Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu Unternehmen, die es nicht tun.
Das kirchliche Hilfswerk „Brot für die Welt“, das schon seit einigen Jahren für ein solches Gesetz kämpft, weist darauf hin, dass auch deutsche Unternehmen in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind. In Textilfabriken in Serbien und Nicaragua arbeiteten Näherinnen zu niedrigsten Löhnen und miserablen Bedingungen für europäische Modemarken. Im Jahr 2012 wurden 34 streikende Arbeiter der Marikana-Mine in Südafrika erschossen, zu deren größten Kunden bis heute der deutsche Chemiekonzern BASF zählt. Im selben Jahr starben wegen mangelnden Brandschutzes 258 Menschen in einer Zulieferfabrik des deutschen Textildiscounters KiK in Pakistan.
Doch neben solchen Gesetzen müsse auch die Ursache für Kinderarbeit bekämpft werden, nämlich die Armut: „Nur wenn die Eltern einen Weg aus der Armut finden, haben die Kinder eine Chance“, heißt es in einer Broschüre des Hilfswerks.
Kurt-Helmuth Eimuth
Der Buchtitel hätte nicht besser gewählt werden können. „Ein Frankfurter aus Afrika“ zeichnet ein buntes Mosaik eines ungewöhnlichen Menschen mit einer unglaublichen Biographie; fest verwurzelt in seinem Geburtsland Guinea, wo Jean Claude Diallo in einer kurzen Phase des demokratischen Aufbruchs Minister wurde, sowie in Frankfurt, wo er als erster Schwarzafrikaner die Position eines Stadtrats und Dezernenten für Integration übernahm. Im Evangelischen Regionalverband leitete er den Fachbereich für Ökumene und Ausländerarbeit. In einem von Diallos Ehefrau Barbara Gressert-Diallo herausgegebenen Buch kommen jetzt zahlreiche Weggefährt:innen des 2008 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Psychologen zu Wort.
Die vielen unterschiedlichen Perspektiven lassen nicht nur ein lebendiges Bild des Menschen Diallo entstehen, sie zeigen auch sein großes Netzwerk. Als Student bricht Diallo auf, um in Europa zu studieren. Doch bald wird er eingeholt von den Vorgängen in seinem Heimatland Guinea. Diktator Sékou Touré brach damals die Beziehungen zu zahlreichen westeuropäischen Ländern ab, und die Studenten mussten 1971 die BRD verlassen und sich in Rom versammeln, wie Diallos Studienfreund Ansoumane Camara berichtet. Es ist spannend nachzulesen, wie er die Zeit dort verbrachte, schließlich in der Schweiz studierte und schon damals sich eine Gruppe Guineer um ihn versammelte. Man kann sich gut vorstellen, wie die Studentenbude zum Treffpunkt wurde.
Durch Zufall hörte Jean Claude Diallo 1980 im Radio davon, dass die Evangelische Kirche in Frankfurt einen Psychologen für die Arbeit mit politisch Geflüchteten in ihrem Psychosozialen Zentrum (PSZ) suchte. So kam er nach Frankfurt und begann seine Laufbahn beim Evangelischen Regionalverband. 1984 ging er allerdings nach dem Tod von Touré, nach 15 Jahren im Exil, erst einmal zurück nach Conakry, in die Hauptstadt Guineas. Dort lernte er den neuen Staatschef Lansana Conté kennen und wurde noch im selben Jahr zum Staatssekretär, später zum Minister für Information und Kultur ernannt. Malte Rauch berichtet über ein aufregendes Filmprojekt damals mit Diallo. Nicht nur in die politische Situation wird Einblick gewährt, sondern auch in die soziale Lage eines der ärmsten Länder der Welt. Trotz Haus und Dienstwagen war die finanzielle Absicherung für die Familie damals nicht gesichert, wie Barbara Gressert-Diallo sich erinnert: „Unsere Bemühungen, ein ruhiges und normales Leben zu führen, wurden immer wieder durch nicht vorhersehbare Ereignisse unterbrochen.“ Mit 300 DM Ministergehalt kam man selbst in Guinea nicht weit.
Victor Pfaff beschreibt in dem Buch den Rücktritt vom Ministeramt und die fluchtartige Rückkehr nach Deutschland. Der Anwalt für Flüchtlingsfragen hatte Diallo damals in Afrika besucht. Er schreibt: „Jean Claude hatte zwei Eigenschaften in das Amt mitgebracht, die unter den gegebenen Bedingungen völlig fehl am Platze waren: Er war Gestalter und er war unbestechlich. Vor allem das Letztere erwies sich als lebensgefährlich.“ Nach beruflicher Tätigkeit in Düsseldorf übernahm Diallo bald die Leitung des PSZ in Frankfurt, später dann Leitung des Fachbereichs Ökumene und Ausländerarbeit des Evangelischen Regionalverbandes, zu dem zahlreiche Bildungs- und Therapieeinrichtungen gehörten. Seine damalige Stellvertreterin Angelika Berghofer-Sierra erinnert sich: „Er entschied nicht über die Köpfe der Mitarbeitenden hinweg. Häufig lagen vor Entscheidungen lange Diskussionsprozesse.“
Auch am Main mischte sich der Frankfurter aus Afrika politisch ein. Ab 1997 gehörte er als Stadtrat und Dezernent für Integration dem Magistrat der Stadt an. Jutta Ebeling, Bürgermeisterin und Bildungsdezernentin nennt Diallo „einen Glücksfall für die Stadt“. Und weiter: „Er war das intellektuelle wie sinnlich anschauliche Symbol für eine Politik der Multikulturalität.“
Einen tiefen Einblick in das Familienleben gewähren in dem Buch die vier Kinder. Ob Riten oder die ausgedehnten Urlaubsfahrten: Jean Claude Diallos Leben hatte viele Facetten, eben auch die des Familienvaters. Er legte Wert auf Rituale. So bat er kurz vor seinem Tod zu einem gemeinsamen Essen in intimer Runde. „Wenn man seinen christlichen Glauben kannte und seinen traditionellen Glauben kannte, wusste man: Da schwingt jetzt ein wenig Motivationstrainer kombiniert mit einer Prise Übersinnlichem mit.“
Die Offenheit für Neues zeigte sich auch in Diallos Mitgliedschaft bei den Freimaurern. Seinem Sohn David gegenüber begründete er sie so: „Weißt du, diese Treffen tun mir so gut. Einmal nur unter Männern zu sein ist etwas anderes, es ist für mich erholsam und entspannend.“
Neben diesen und weiteren Berichten von Menschen, die Diallo kannten, enthält das Buch auch Texte von Diallo selbst, die belegen, für welche Ideale er gekämpft hat. Besonders beeindruckend ist ein Beitrag mit dem Titel „Der Mann aus der Zelle 18“ über die Entwürdigung und Folterung eines politisch Verfolgten.
In dem Erinnerungsband wird die ganze Bandbreite von Diallos Leben ausgebreitet, ohne ihn zu glorifizieren. Diallo nahm die Herausforderungen des Lebens an und behielt seine Ideale fest im Blick. Dabei verbreitete er eine von Lebensfreude durchdrungene Atmosphäre. Wenn er freundlich lächelnd in seinen afrikanischen Gewändern über die Flure des Dominikanerklosters, dem Sitz des Evangelischen Regionalverbandes, schritt, spürte man etwas von seiner gewinnenden Persönlichkeit.
Für alle, die ihn kannten, wird beim Lesen dieses Buches vieles wieder in Erinnerung gerufen. Aber es ist auch lesenswert für die, die ihn nicht kannten. Denn nicht nur ein Leben wird hier lebendig, sondern auch gesellschaftliche Spannungen und Konflikte, die sich gar nicht so sehr von den heutigen unterscheiden.
Kurt-Helmuth Eimuth
Mehrere vielversprechende Impfstoffe gegen das Corona-Virus sind in der Produktion und machen Hoffnung darauf, dass die Pandemie nächstes Jahr abklingen könnte. Wie genau könnte das ablaufen? Darüber diskutierten Expert:innen gestern Abend in der Evangelischen Akademie.
Für eine mögliche Impfung der Bevölkerung gegen das Coronavirus sind die Gesundheitsbehörden der Kommunen zuständig. Das bedeute eine große Herausforderung, wie René Gottschalk, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, gestern bei einem Informationsabend auf Einladung der Evangelischen Akademie und des Gesundheitskonzerns Agaplesion mitteilte. Die Veranstaltung wurde im Internet übertragen.
Voraussichtlich würden die Menschen eine Information vom Hausarzt oder der Hausärztin bekommen und müssten sich dann übers Internet anmelden, so Gottschalk. Neben Impfzentren seien auch mobile Impfeinheiten geplant, die etwa in Altenheimen gingen oder bettlägerige Menschen aufsuchten – eine Million Menschen leben in Deutschland in den 14.000 Altenheimen.
Im Frankfurter Stadtgesundheitsamt habe man einen eigenen Planungsstab eingerichtet, um die logistischen Herausforderungen zu bewältigen. „Es ist eine riesige Anstrengung und der Zeitdruck ist enorm“, sagte Gottschalk. Er gehe davon aus, dass man die Impfzentren mindestens ein halbes Jahr betreiben müsse. Dafür benötige man auch Personal: „Das wird ehrenamtlich nicht gehen.“
Es sei falsch zu glauben, dass mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes die Sache Corona erledigt sei. „Es wird lange dauern bis wir durchgeimpft haben“, sagte Gottschalk. Für einen effektiven Gemeinschaftsschutz, die so genannte Herdenimmunität, müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Deshalb müsste ein Mund-Nasenschutz noch lange getragen werden.
„Ohne Impfung werden wir nicht wieder normal leben können“, betonte auch Sabine Wicker, die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko). Die Impfstoffe seien sicher und effektiv. Die Gründe der so genannten „Impfgegner:innen“, sich nicht impfen lassen zu wollen, seien allergrößtenteils irrational, betonte auch René Gottschalk. Solche Diskussionen würden allerdings die Bevölkerung verunsichern.
Eine Impfpflicht schlossen alle auf dem Podiums jedoch aus. Zumal nach Empfehlung des Deutschen Ethikrates und der Stiko ohnehin zuerst einmal die vulnerablen Gruppen und Personen geimpft werden sollen, also besonders gefährdete Menschen, wie die Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen. Auch das sei schon viel: Fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Gesundheitswesen, wie Sabine Wicker betone. Auch hier werde es daher zunächst Prioritäten geben: „Der Psychologe in der Reha-Klinik hat ein anderes Ansteckungsrisiko als die Schwester auf der Intensivstation.“
Die Verteilung eines Impfstoffes sei eine Frage der Gerechtigkeit und der Solidarität. Dies gelte auch für die weltweite Verteilung. Es dürfe nicht sein, dass ärmere Länder „hinten runterfallen“, warnte Gottschalk.
Gerade in Krisenzeiten seien Begegnung, Dialog und Gemeinschaft wichtig. Deshalb soll der Kirchentag im Mai 2021 in Frankfurt wenn irgend möglich in Präsenz stattfinden. Zumindest ist das der derzeitige Stand der Planungen – aber die Meinungen dazu gehen auseinander.
ps, dachten viele, als die FAZ kürzlich meldete, der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt würde abgesagt (das „voraussichtlich“ wurde nachträglich in die Überschrift eingefügt). Sie berief sich dabei auf den Frankfurter Kämmerer und Kirchendezernenten Uwe Becker, der das angedeutet habe. Allerdings widersprach das dem Präsidium des Kirchentags, das erst kurz zuvor bekannt gegeben hatte, weiter an den Planungen für das Großevent, das vom 12. bis 16. Mai 2021 in Frankfurt stattfinden soll, festzuhalten. Tatsächlich kam schon bald eine Klarstellung von der Stadt Frankfurt: Die Absage ist also erstmal wieder abgesagt, es wird doch weiter geplant.
Vieles hängt nun davon ab, ob der Kirchentag ein Hygienekonzept vorlegen kann, das den Verantwortlichen der Stadt tragfähig erscheint. Klar ist schon jetzt, dass es keine Privat- und Gemeinschaftsquartiere geben wird und dass viele Veranstaltungen im Freien und dezentral stattfinden. Und dass statt 100.000 nur maximal 30.000 Leute kommen sollen.
Doch gerade in Zeiten wie diesen, so die Argumentation der Verantwortlichen, brauche es öffentliche Räume für Diskurs und Debatte. Niemand könne zurzeit wissen, was im Mai möglich sein wird und was nicht.
Einerseits: Wie ein ungedeckter Scheck (Kurt-Helmuth Eimuth)
Ich bin ein bekennender Kirchentags-Fan. Und gerade deshalb hätte ich eine Verschiebung um ein Jahr begrüßt. Kirchentag, das ist für mich Begegnung, Gemeinschaft, Disput und einfach ein großes Treffen. Gerne denke ich an einen meiner ersten Kirchentage 1977 zurück, als wir mit zwei Bussen des Stadtjugendpfarramtes nach West-Berlin fuhren. Willkommen in der gastgebenden Gemeinde und mit einem ersten Auftritt der Band Habakuk. Auch an unsere Gastgeber des Privatquartiers 1985 in Düsseldorf erinnere ich mich gerne. Unvergessenen sind mir die überfüllten Bibelarbeiten von Luise Schottroff und Dorothee Sölle.
Wenn Kirchentag ist, dann summt und brummt eine Stadt. So wie beim letzten Frankfurter Kirchentag im Jahr 2001, als wir den Gästen mit einer umgespritzten Oldtimer-Straßenbahn, dem Kirchentagsexpress, zwischen Messegelände und Zoo eine Stadtführung per Tram boten. All das wird bei einem Kirchentag unter Pandemie-Bedingungen unmöglich sein. Man kann zwar mit 500 Personen in einer riesigen Messehalle sitzen, aber Stimmung kommt da nicht auf. Ein Kirchentag unter Pandemie-Bedingungen wäre kalt und ohne Herz.
Zudem hätte ich auch gesundheitliche Bedenken. Zwar sind Gruppenungerbringungen in Schulen jetzt offenbar nicht mehr geplant. Aber auch Veranstaltungen im Stundentakt in Kirchen dürften wegen der schlechten Lüftbarkeit vieler Gotteshäuser problematisch sein.
Warum nicht verschieben? Was Olympia kann, sollte doch für uns auch möglich sein. Die Planung für Mai 2021 zeugt zwar von Hoffnung und Zuversicht, kommt mir aber vor wie ein ungedeckter Scheck.
Andererseits: Wer, wenn nicht wir? (Antje Schrupp)
Zugegeben: Das Vorhaben ist waghalsig. Gut möglich, dass am Ende doch noch alles abgesagt werden muss. Trotzdem finde ich es gut, dass die Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags nicht jetzt schon die Flinte ins Korn werfen. Natürlich ist es blöd, dass wir es in Europa nicht geschafft haben, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, so wie Ostasien, Australien oder Neuseeland. Aber wir können nun auch nicht dauerhaft in Schockstarre verfallen. Wir müssen mit der Situation, so wie sie nun einmal ist, leben.
Im Mai wird das Corona-Virus bereits über ein Jahr zirkulieren. Vielleicht gibt es bis dahin eine Impfung, vielleicht auch nicht. Die Entwicklung lässt sich schlicht nicht vorhersagen. Aber ob wir wollen oder nicht, faktisch wird dann eine Art „neue Normalität“ entstanden sein, mit der wir zurechtkommen müssen. Man kann gesellschaftliche Groß-Events zwar über einige Monate, aber nicht über Jahre ausfallen lassen. Ob mit oder ohne Kirchentag werden nächstes Jahr wieder publikumsstarke Veranstaltungen durchgeführt, es wird Parteitage, Sportevents, Messen und dergleichen geben.
Daher finde ich es nicht so schlecht, wenn der Ökumenische Kirchentag diesbezüglich Maßstäbe setzten kann: Dem typischen Kirchentagspublikum traue ich es nämlich noch am ehesten zu, auch zu Zehntausenden vernünftig, besonnen, mit Abstand, Maske, Lüften und Händewaschen ein solches Event durchzuziehen. Der Kirchentag könnte in Punkto Corona-kompatible Großveranstaltungen ein Vorbild werden, an dem sich dann andere messen lassen müssen.