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80 Jahre Schleswig-Holstein: wir pflegen gratuliert und fordert mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Möge das Land Schleswig-Holstein nur kein Pflegefall werden. Denn in einem solchen Fall sind die Aussichten derzeit nicht rosig. Mit diesem Wunsch gratuliert der Landesverein „wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.“ herzlich zum 80. und nutzt den Jahrestag, um auf eine Gruppe aufmerksam zu machen, die den Alltag im Land seit Jahrzehnten mitträgt, in der öffentlichen Wahrnehmung aber selten vorkommt: pflegende Angehörige.

Über 175.000 Menschen im Land sind pflegebedürftig. Über 80 Prozent von ihnen werden zu Hause von ihren Angehörigen versorgt, mit oder ohne ambulante Pflegedienst. Pflegende Angehörige, meist Frauen, pflegen häufig neben Erwerbstätigkeit und ohne ausreichende Entlastung.

„Pflegende Angehörige haben dieses Land in den vergangenen 80 Jahren mitgetragen, ohne dass es dafür bislang die notwendige Anerkennung und Unterstützung gab“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth, Mitglied des Landesvorstands von wir pflegen Schleswig-Holstein. „Zum Landesgeburtstag wünschen wir uns von der Landesregierung ein klares Bekenntnis: mehr wohnortnahe Beratung, spürbaren Bürokratieabbau sowie verlässliche Entlastungsangebote in der Fläche.“

Der Verein fordert die Landesregierung auf, die Interessen pflegender Angehöriger bei der Weiterentwicklung der Landespflegepolitik stärker zu berücksichtigen. Bund und Länder verhandeln derzeit über eine Reform der sozialen Pflegeversicherung. Der Verein erwartet, dass sich Schleswig-Holstein dabei aktiv für pflegende Angehörige einsetzt, etwa für eine volle rentenrechtliche Anerkennung der Pflegejahre, den Erhalt der Einstufung in die Pflegegrade oder eine wirksame Entlastung bei den Eigenanteilen. Und damit meint der Verein nicht nur die gestiegenen Eigenanteile in der stationären Versorgung. Bewertet man die unbezahlte Pflegearbeit der Angehörigen monetär, liegt die häusliche Eigenbelastung bei über der Hälfte der Betroffenen bei über 2.000 Euro und erreicht bei hohem Pflegebedarf mehr als 7.000 Euro im Monat – ein Vielfaches des vergleichbaren Heim-Werts von rund 2.200 Euro, welches dem Heim-Eigenanteil abzüglich Unterkunft und Verpflegung entspricht.

Über wir pflegen Schleswig-Holstein e.V.

wir pflegen SH e.V. vertritt die Interessen sorgender, pflegender und begleitender An- und Zugehöriger auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Acht von zehn pflegebedürftigen Menschen werden in Schleswig-Holstein von Angehörigen und Freunden versorgt. Bisher wurde diese wertvolle Arbeit viel zu wenig gewürdigt. Das wollen wir ändern.

Zu unseren Zielen gehört die Stärkung der Selbsthilfe. Außerdem setzen wir uns für mehr Wertschätzung und Mitspracherecht der häuslich Pflegenden in Gesellschaft und Politik ein.

Das Sakrament des Innehaltens: Warum der Sonntag mehr als ein Werktag ist

Es geht um weit mehr als die Frage, ob der Bäcker nun drei oder acht Stunden öffnen darf; es geht um das letzte Refugium des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Sonntagsruhe. Während die Politik und Landesverordnungen die Ladenöffnungszeiten immer weiter dehnen und in nördlichen Gefilden gar Autowaschstraßen den siebten Tag okkupieren, offenbart sich eine schleichende Salami-Taktik der Entgrenzung, so die Podcaster Conny von Schumann und Kurt-Helmuth Eimuth, die sich zum Gespräch in einem Frankfurter Café trafen.

Das ökonomische Argument der Einzelhandelslobby, durch Sonntagsöffnungen das Geschäft zu beleben, erweist sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss: Der konsumierbare Kuchen vergrößert sich nicht, er wird lediglich auf sieben Tage verteilt. Was bleibt, ist die Gefahr, dass bald auch die Logistikströme globaler Warenlieferungen die sonntägliche Stille endgültig durchbrechen.

Besonders in einer Single-Metropole wie Frankfurt zeigt sich die soziologische Erosion: Wenn Fitnessstudios zum überfüllten Ersatzraum für Gemeinschaft werden, weil viele mit der plötzlich verfügbaren Zeit nichts anzufangen wissen, stellt sich die Sinnfrage. Ein funktionierendes Gemeinwesen benötigt jedoch die Synchronisation: einen verlässlichen Takt für Familie, Sportvereine und das rituelle Gespräch.

Selbst die Kirchen rütteln an ihren eigenen Fundamenten, indem sie den Gottesdienst auf den Samstagabend vorziehen und damit ein zentrales Strukturmerkmal der Woche aufgeben. Doch der Sonntag darf nicht zur bloßen „Versorgungskultur“ zwischen Tankstellen-Shops und Automaten-Läden verkommen. Er ist kein ökonomischer Ballast, sondern das notwendige Gegengewicht zu einer total verfügbaren Arbeitswelt. Der Rhythmus des Lebens braucht diesen Tag des Innehaltens.

Zwischen Teilhabe und Überlebenskampf: Die prekäre Lage der Frankfurter Jugendhilfe

In einer Metropole, die sich oft über ihre glänzende Skyline definiert, bleibt die soziale Realität vielerorts im Schatten der Hochhäuser verborgen. Katharina Hellwig, Geschäftsführerin des Vereins Junularo Frankfurt, zeichnet im Podcast Conny&Kurt ein Bild der städtischen Jugendhilfe, das von chronischer Unterfinanzierung und dem täglichen Kampf gegen Kinderarmut geprägt ist. Der Verein, der aus dem selbstverwalteten „Kaffee Müller“ und dem „Heimverein des Bundes Neudeutschland“ hervorging, trägt heute einen Namen, der Programm ist: Junularo bedeutet auf Esperanto schlicht „Jugend“ und soll Weltoffenheit sowie eine gewisse „Buntheit“ signalisieren.

Mit 13 Einrichtungen ist Junularo eine feste Größe in Frankfurt, doch die Arbeit findet unter erschwerten Bedingungen statt. Da die präventive Kinder- und Jugendarbeit im Gegensatz zu einzelfallbezogenen Hilfen keine Pflichtleistung der Kommune darstellt, gerät sie bei Sparmaßnahmen als Erste unter Druck. Zwar gab es 2024 nach jahrelangem politischem Protest, dem „Tag der geschlossenen Tür“, eine Anhebung der Zuschüsse, doch diese deckte kaum mehr als die inflationsbedingten Kosten und Tarifsteigerungen. Von den geforderten 29 Millionen Euro für den Sektor wurden lediglich 5,6 Millionen bewilligt – eine Summe, die Schließungen verhinderte, aber keine großen Sprünge erlaubte.

Besonders alarmierend ist Hellwigs Schilderung der Kinderarmut. Es sei ein Skandal, dass Kinder in einer wohlhabenden Stadt wie Frankfurt nachmittags hungrig in die Einrichtungen kommen. Die Bürokratie zwinge Familien dazu, ihre Armut akribisch nachzuweisen, was oft an die Grenzen der Menschenwürde stoße. Hellwig fordert daher ein kostenloses Mittagessen an Schulen, das unabhängig von der Zahlungsfähigkeit der Eltern garantiert wird.

Der Kern der Junularo-Philosophie bleibt jedoch die Partizipation. Diese wird nicht nur in Gremien gelebt, sondern reicht bis in den Vorstand, der fast ausschließlich aus ehemaligen Besucher:innen der Einrichtungen besteht. Dieser Ansatz der „Selbstwirksamkeit“ zeigt sich auch in jugendpolitischen Erfolgen wie dem Frankfurter Jugendparlament.

Für die Zukunft fordert Hellwig ein Umdenken in der Stadtplanung. Anstatt über Vandalismus zu klagen, müsse man Jugendliche als Experten für ihren Sozialraum begreifen und sie aktiv an der Gestaltung von Parks und Plätzen beteiligen. Nur durch Identifikation mit ihrem Umfeld könne eine nachhaltige Wertschätzung des öffentlichen Raums entstehen. Die Jugendhilfe fungiert hierbei als „Dritter Ort“ neben Elternhaus und Schule, der entscheidende biographische Weichenstellungen ermöglicht.

Aus technischen Gründen ist das vollständige Interview nur im Audio zu hören. Die Videofassung ist gekürzt.

Das größte Pflegeheim der Nation: Zwischen Renditedruck und Bürokratie-Wanst

Die deutsche Pflegepolitik steht vor einem Trümmerhaufen aus ungelösten Strukturproblemen und einer Reformunfähigkeit, die zunehmend zulasten der Schwächsten geht. Während die öffentliche Debatte oft um die Zustände in Heimen kreist, wird die Realität der Versorgung meist übersehen: „Das größte Pflegeheim ist sozusagen der eigene Haushalt“, stellt Kurt-Helmuth Eimuth, Vorstandsmitglied von „Wir Pflegen Schleswig-Holstein“, im Podcast Conny&Kurt nüchtern fest. Über 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – eine Herkulesaufgabe, die größtenteils von Frauen und Angehörigen ohne nennenswerte Lobby geleistet wird.

Der Kern des Übels liegt in einem systemimmanenten „Webfehler“: der Privatisierung. Wo Investoren Renditen zwischen 6 und 10 Prozent erwarten, wird das Pflegebudget zur Beute von Kapitalinteressen. „Privatisierung kostet uns heute richtig Geld“, so die Kritik an den Strukturen, die den Fokus von der Menschlichkeit auf die Bilanz verschoben haben. Die Pflegeversicherung, einst von Norbert Blüm als Teilkasko-System eingeführt, erweist sich heute als unzureichend, während eine notwendige Vollkasko-Lösung an den massiven Kosten scheitert.

Was die Politik derzeit als Reform verkauft, wird von Experten als reines Sparprogramm entlarvt. „Reform bei uns heißt einfach nur Einsparung“, kritisiert Eimuth. Besonders drastisch zeigt sich dies bei der geplanten Erhöhung der Hürden für die Pflegestufe 1. Diese Stufe sollte ursprünglich prophylaktisch wirken, um Schlimmeres zu verhindern; nun droht dieser Präventionsgedanke dem Rotstift zum Opfer zu fallen. Gleichzeitig werden pflegende Eltern behinderter Kinder durch Kürzungen bei der Rentenversicherung zusätzlich belastet – ein Vorgang, der als „völlig irre“ bezeichnet wird.

Über allem thront ein „Bürokratie-Wanst“, der den Alltag der Betroffenen lähmt. 16 verschiedene Landesverordnungen regeln beispielsweise den Entlastungsbetrag, was das System für Laien nahezu undurchdringlich macht. Dies führt zu einer tiefen sozialen Ungerechtigkeit: Nur wer wortgewaltig ist und die bürokratischen Hürden überwinden kann, erhält die ihm zustehende Unterstützung.

Ein Blick über die Grenze, etwa auf dänische Modelle wie den „Altersbauernhof“ oder inklusive Konzepte in Südeuropa, zeigt, dass andere Wege möglich sind. Doch in Deutschland fehlt bisher die Fantasie für echte Reformen, die über bloße Verwaltung und Kürzung hinausgehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit ihren behinderten und pflegebedürftigen Mitgliedern umgeht. Ein Maßstab, an dem die aktuelle Politik zu scheitern droht.

Hinweis: Auf Seite 13 wird ie Pflegesituation bei Eimuths beschrieben:
https://mitglieder.diakonie-hessen.de/fileadmin/user_upload/Brosch%C3%BCren_Flyer/broschure_2020_web.pdf Seite 13

Evangelische Zeitung berichtet (12. April 2026)

Der zerbrochene Spiegel: Kahlschlag in der evangelischen Publizistik

In den Gremien der bayerischen Landeskirche regiert derzeit der Rotstift, und sein bevorzugtes Ziel scheint ausgerechnet jenes Gut zu sein, das sich die Kirche nach 1945 als demokratisches Korrektiv mühsam auferlegt hat: die unabhängige Publizistik. Während die klassische Öffentlichkeitsarbeit – jenes Instrumentarium, mit dem die Institution ihre eigenen Wohltaten ins rechte Licht rückt – unangetastet bleibt oder gar gestärkt wird, droht den kirchennahen, aber redaktionell eigenständigen Medien das finanzielle Aus.

Gerd-Matthias Hoeffchen, Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland“, warnt im Podcast Conny&Kurt vor einer fatalen Verwechslung: Publizistik ist keine PR. Während die Öffentlichkeitsarbeit das Selbstbild der Kirche pflegt, fungiert die unabhängige Presse als „kritisch-loyaler“ Spiegel. Dieser Blick von außen, der die Perspektive der Kirchenmitglieder und Leser einnimmt, ist eine Lehre aus den Erfahrungen des Dritten Reiches. Man wollte nach dem Krieg eine Instanz schaffen, die eben nicht in die hierarchische Weisungskette eingegliedert ist, um eine erneute Gleichschaltung zu verhindern.

Doch die Synoden und Kirchenleitungen scheinen das Gespür für diesen feinen, aber systemrelevanten Unterschied verloren zu haben. In Bayern, einer traditionell wohlhabenden Landeskirche, sollen die Zuschüsse zum Jahresende massiv gekürzt werden. Damit steht die Existenz renommierter Blätter wie des Sonntagsblatts auf dem Spiel. Das Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit greift hierbei zu kurz. Zwar steckt der Printsektor in einer Krise, doch die gedruckte Kirchenzeitung ist oft das einzige Medium, für das Mitglieder noch bereitwillig bezahlen. Ein digitaler Ersatz, der sich wirtschaftlich trägt, ist in der Fläche nicht in Sicht.

Besonders schmerzhaft ist die Kurzsichtigkeit dieses Vorgehens im Hinblick auf den kirchlichen Strukturwandel. Anstatt landeskirchliche Egoismen zu überwinden und gemeinsame, EKD-weite Lösungen für die Publizistik zu finden, agiert jede Teilkirche für sich. „Wenn die unabhängige Stimme im innerkirchlichen Diskurs erstirbt, verliert die Kirche nicht nur ihre „vierte Gewalt“ zur internen Qualitätssicherung, sondern auch ihre Relevanz in einer zunehmend säkularen Gesellschaft“. Es ist paradox: Während die Kirche öffentlichkeitswirksam die Bedeutung freier Medien für die Demokratie beschwört, zerbricht sie im eigenen Haus den Spiegel, den sie so dringend nötig hätte.

Gerd-Matthias Hoeffchen, 1962 in Castrop-Rauxel geboren, hat Theologie in Bochum und Bielefeld studiert. Nach einem Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Westfalen und Lippe arbeitete er dort zunächst als Redakteur für den Evangelischen Pressedienst (epd) im Landesdienst Niedersachsen-Bremen. 2005 wechselte der leidenschaftliche E-Gitarrist und Motorradfahrer zur evangelischen Wochenzeitung »Unsere Kirche«, seit 2013 ist er deren Chefredakteur. Sprecher der Fachgruppe „Chefredaktionen“ im „Evangelischen Medienverband in Deutschland

„Wer nur auf das Echo in der eigenen Halle wartet, wird den Gesang der Welt draußen niemals hören.“

Die Verheißung des Neuen: Zwischen Bibelsprüchen und digitaler Überforderung

In einer Zeit, in der politische Reformversprechen und technologische Umwälzungen den Alltag prägen, wirkt die biblische Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu“ gleichermaßen wie ein Heilsversprechen und eine Überforderung. Wolfgang Weinrich, Chefredakteur aus Darmstadt, mahnt in einem aktuellen Diskurs zur Vorsicht gegenüber einer bloßen Rhetorik der Erneuerung. Solche Sprüche könnten einen „erschlagen“, wenn ihnen keine Taten folgen; er warnt davor, lediglich „Sprüche zu kloppen“.

Besonders deutlich wird die Ambivalenz des Neuen im Bereich der Digitalisierung. Während Orte wie Aarhus als vollkommen digitalisierte Städte voranschreiten, fühlen sich viele Bürger – insbesondere die ältere Generation – von der Geschwindigkeit der Veränderungen entfremdet. Die digitale Teilhabe werde zur Frage der staatlichen Daseinsfürsorge, doch oft bewirke das Neue eher einen Ausschluss. Weinrich betont hier die Notwendigkeit einer inneren Haltung: Es gelte, zu sortieren und sich „nicht selbst aussortieren oder aussortieren zu lassen“.

Scharfe Kritik übt Weinrich an der Institution Kirche, die sich in ihre eigene „Babbel“ zurückgezogen habe. Statt die Sehnsüchte der Menschen dort aufzugreifen, wo sie sich versammeln – etwa bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Darmstädter Turmblasen –, verharre man in überkommenen Formen und einer „verkappten alten Kirchenmusik“. Die Kirche agiere oft als „reiner Selbstzweck“ und verpasse die Chance, sich dem „Eventmarkt“ oder dem realen Leben in Kneipen und auf Plätzen zu öffnen.

Weinrichs Plädoyer ist ein Aufruf zur Neugier und zum Handeln: „Nicht zu lange fragen, dürfen wir das oder dürfen wir nicht – sondern machen“. Nur durch das Durchstoßen der eigenen Blase und eine generationenübergreifende Offenheit könne eine Gesellschaft lebendig bleiben. Erneuerung sei zwar mühsam und anstrengend, aber essenziell, um nicht wie ein „behebiger Teich“ zu stagnieren.

Man könnte sagen: „Wer nur auf das Echo in der eigenen Halle wartet, wird den Gesang der Welt draußen niemals hören.“

Hier kann Hoffnung wachsen: Krankenhausseelsorge

Die Krankenhausseelsorge ist ein Dienst direkt am Menschen. Inke Pötter, Pastorin und Krankenhausseelsorgerin in Pommern, beschreibt die Herausforderungen einer Tätigkeit, die sich als essenziell und niederschwellig erweist.

Die Tätigkeit der Seelsorge ist im Klinikalltag oft nur eine Momentaufnahme, da Patienten und Patientinnen in Häusern der Grund- und Regelversorgung schnell verlegt werden. Hierbei geht es Pötter zufolge nicht darum, „Hoffnung zu vermitteln“ oder gar „falsche Hoffnung“ zu wecken, da niemand wissen kann, ob eine schwere Diagnose positiv ausgeht. Stattdessen sei ihre Aufgabe, einfach nur Zeit zu haben und zuzuhören, damit Hoffnung in einem Gespräch wachsen und entstehen kann. Wie sie scherzhaft anmerkt, besitze sie keinen „Zauberstab“.

Ein wesentlicher Teil der Herausforderung liegt darin, ohne Vorurteile in ein fremdes Zimmer zu kommen und sich offen auf den Menschen einzulassen. Entscheidend ist, auch das Bedürfnis des Patienten oder der Patientin zu respektieren, kein Gespräch führen zu wollen („Nee, ich will nicht“).

Besonders im ländlichen Raum Ostdeutschlands, wo die kirchliche Bindung gering ist, empfindet Inke Pötter die Offenheit ihres Dienstes als große Chance. Sie stellt sich zwar als Pastorin vor, geht aber zu jedem, der sprechen möchte, unabhängig von Konfession. Oftmals zeigen Menschen, die beteuern, mit Kirche nichts zu tun zu haben, im Gespräch doch noch überraschende religiöse Bezüge oder Gewohnheiten, etwa das tägliche Gebet.

Auch für das Krankenhauspersonals ist sie Ansprechpartnerin. Durch Kontinuität – Inke Pötter ist seit sechs Jahren im Dienst – wächst die Akzeptanz und die Entlastungsfunktion für die Mitarbeitenden, die selbst großer psychischer Belastung ausgesetzt sind.

Ein drängendes gesellschaftliches Problem, das sich im Krankenhaus manifestiert, ist die Einsamkeit. Während in der ländlichen Uckermark manchmal noch Großfamilien gut funktionieren, sei die Einsamkeit oft auch grenzenlos. Die Pastorin sieht hier einen Bedarf an weiterführenden Angeboten wie einem Besuchsdienstkreis für isolierte Menschen, da ihre Arbeit am Krankenhaus endet.

Kirchenpolitisch sieht sich der Dienst derzeit in einer prekären Lage. In der Nordkirche und der hessischen Kirche wird der „Rotstift“ angesetzt. Die Argumentation, Gemeindepfarrer;innen sollten die Aufgabe übernehmen, verkennt laut Pötter die Überlastung der Ortsgeistlichen. Sie betont, dass Krankenhausseelsorge ein urchristlicher und wichtiger Dienst ist, der Spuren hinterlässt und von den Menschen sehr wertgeschätzt wird. Erschwerend kommt in ländlichen Regionen der Personalmangel hinzu, der die Besetzung von Stellen erschwert. Es gibt eine Tendenz, Krankenhäuser stärker in die Pflicht zur Refinanzierung der Seelsorger:innen-Stellen zu nehmen, was jedoch im Gesundheitssystem kompliziert ist.

Noah war der erste Weinbauer

Der Wein ist in der christlichen Tradition ein vielschichtiges Symbol: für Gemeinschaft, Dankbarkeit für die Schöpfung und notwendige Mäßigung, so das Fazit von Michael Finzer, Pfarrer im Ruhestand und versierter Weinkenner aus Zentralrheinhessen, im Podcast Conny & Kurt. Finzer verbindet die Welt des Weins tiefgründig mit der Theologie. „Ich bin Pfarrer im Ruhestand… und bin die letzten Jahre sehr stark in Richtung Wein unterwegs in drei Weinbruderschaften,“ erklärt er. Seine persönliche Beziehung zum Wein begann früh. Die Familie betrieb einen Nebenerwerbsbetrieb für Weinanbau.

Finzer, der seine umfassenden Erkenntnisse über den Wein in der Bibel in zwei Büchern publizierte, hebt die allgegenwärtige Präsenz des Weins in der Bibel hervor, von den Ursprüngen bei Noah bis zur Offenbarung des Johannes. Noah gilt als der erste Weinbauer der Bibel, dessen Geschichte jedoch auch von maßlosem Konsum erzählt: „Der erste Weinbauer laut Bibel ist halt Noah und das ist die Geschichte, als er zu viel getrunken hat und seine Söhne ihm helfen müssen“. In der Apokalypse, so Finzer, symbolisiert die „Zornkelter Gottes“ eine Vision der Umkehr göttlicher Rache in Gerechtigkeit, Frieden und neues Leben für die verfolgten Christen.

Im Abendmahl ist Wein ein zentrales Element, das die „solidarische Gemeinschaft“ der Jünger und Jüngerinnen und die Erinnerung an Jesu bevorstehende Kreuzigung verkörpert. „Eigentlich klassisch würde man mit Rotwein feiern, auch wegen der Blutweinsymbolik,“ erläutert Finzer. Heutzutage bieten Kirchengemeinden jedoch auch Traubensaft an, um Menschen mit Alkoholproblemen entgegenzukommen. Eine zentrale theologische Aussage findet sich in Jesu Selbstbeschreibung: „Ich bin der Weinstock ihr seid die Reben“.

Die Bibel warnt jedoch klar vor Maßlosigkeit. Finzer fasst die biblische Haltung so zusammen: „Zu viel ist nicht gut“. Es wird zu einem „maßvollen Genuss von Speisen und Getränken“ gemahnt.

Differenzfeminismus und die Fragilität der Demokratie:

Antje Schrupp erhält Luise-Büchner-Preis

In ihrem neuen Buch „Unter allen Umständen frei“ stellt Antje Schrupp drei revolutionäre Feministinnen vor, die zwischen 1870 und 1920 aktiv waren. Ein roter Faden durch das Werk ist die Figur Anthony Comstocks, eines ehemaligen Postinspektors, der sich im frühen 20. Jahrhundert der Bekämpfung von freier Liebe, Pornografie, Empfängnisverhütung, Abtreibung und geschlechtlicher Vielfalt verschrieben hatte. Comstocks Gesetze gegen den Versand „obszönen Materials“ seien heute noch in Kraft und würden in der Trump-Administration reaktiviert, um beispielsweise den Versand von Abtreibungsmedikamenten zu verhindern. Dies zeige exemplarisch, wie gesellschaftliche Errungenschaften, die als selbstverständlich galten, schnell wieder außer Kraft gesetzt werden können.

Die drei von Schrupp porträtierten Feministinnen – Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman – vertraten sehr unterschiedliche Ansichten. Während Woodhull, die erste Präsidentschaftskandidatin, sich für das Wahlrecht einsetzte, kritisierten Parsons (eine aus der Sklaverei befreite Anarchistin) und Goldman (eine bekannte Anarchistin) das Wahlrecht scharf. Sie argumentierten, es sei nutzlos, solange die Gesellschaft durch Armut, Rassismus und Ausbeutung ungerecht bleibe und diene letztlich nur dazu, Unterdrückung zu legitimieren.

Die Luise Büchner-Gesellschaft „zeichnet mit dem Luise-Büchner-Preis 2025 eine engagierte Publizistin aus, die sich für das Begehren der Frauen einsetzt, historische Bezüge erläutert und zu aktuellen Themen klar Stellung bezieht.“, so die Begründung der Jury. Es wird hervorgehoben, dass für sie nicht die Gemeinsamkeit von Frauen, sondern gerade deren Verschiedenheit entscheidend ist. Sie versteht Feminismus nicht als Durchsetzung von „Fraueninteressen“, sondern als Plattform, um die vielfältigen und oft kontroversen Themen, die Frauen untereinander diskutieren, in den gesellschaftlichen Mittelpunkt zu rücken und ihnen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Feminismus sei nach Schrupps Überzeugung selbstverständlich weiterhin notwendig. Gleichberechtigung allein reiche nicht aus, da sie „kein Naturgesetz“ sei und schnell wieder verloren gehen könne, wie die aktuellen Entwicklungen in den USA zeigen. Es bedürfe eines kulturellen Wandels und einer Autorität für Frauen in dem, was sie sagen – etwas, das noch lange nicht gegeben sei. Auch in emanzipierten Gesellschaften gebe es noch offene Baustellen, wie das Abtreibungsverbot in einigen Ländern oder die ungeregelte Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen unbezahlt geleistet wird und in der Volkswirtschaft kaum Berücksichtigung findet. Diese unbezahlte Arbeit sei jedoch fundamental für das Funktionieren der Gesellschaft und Wirtschaft.

Schrupp zieht Parallelen zwischen diesem „Goldenen Zeitalter“ vor dem Ersten Weltkrieg in den USA und der heutigen Situation. Damals wie heute seien ungezügelter Kapitalismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit prägend gewesen. Die Geschichte der sozialen Kämpfe in dieser Zeit sei nicht von stetigem Fortschritt geprägt gewesen, sondern von einem permanent schlechter werdenden Zustand, gegen den die Menschen ankämpfen mussten. Die Autorin warnt davor, die Nachhaltigkeit unserer Demokratie zu überschätzen und sich auf formale Gleichheit zu verlassen. Die zunehmende politische Macht sehr reicher Individuen und globalisierter Unternehmen in den USA erinnere an die „Trusts“ der damaligen Zeit und stelle die Neutralität des Staates in Frage.

Angesichts der systematisch geplanten „Kulturrevolution“ in den USA und des Erstarkens antifeministischer und antidemokratischer Bewegungen weltweit – von Russland über die Türkei bis hin zu nationalistischen Tendenzen in Europa – sei die Frage berechtigt, ob wir „ein bisschen zu wenig revolutionär“ gewesen seien. Die These, dass das, was Frauen in den letzten 100 Jahren ins Rollen gebracht haben, nicht mehr zurückzudrehen sei, teilt Schrupp zwar im Grundsatz, jedoch warnt sie vor Selbstzufriedenheit. Das Vertrauen in einen neutralen und gerechten Staat stehe auf dem Prüfstand, insbesondere wenn sich der Kipppunkt der Funktionsfähigkeit staatlicher Strukturen in Ländern wie den USA bereits überschritten zu haben scheint.

Die Preisverleihung des Luise-Büchner-Preises an Anti Schrup findet am 23. November um 11 Uhr in der Orangerie Darmstadt statt.

Zur Person:
Dr. Antje Schrupp: Die 1964 in Weilburg promovierte im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in Frankfurt mit einer Arbeit zur weiblichen politischen Ideengeschichte, übernahm 2001 kommissarisch die Leitung der Evangelischen Öffentlichkeitsarbeit, war Redakteurin
der Zeitung „Frauen unterwegs“ und Mitbegründerin des Online-Forums „Beziehungsweise weiterdenken“. Antje Schrupp lebt in Frankfurt. Sie schreibt Bücher, Essays und Radiobeiträge, sie ist Bloggerin und veröffentlicht ihre Artikel in der Taz, Zeit-Online, Deutschlandfunk Kultur und vielen anderen Medien. Zuletzt sind ihre Bücher „Reproduktive Freiheit. Eine feministische Ethik der Fortpflanzung“ (2022) im Unrast Verlag erschienen, „Schwangerwerdenkönnen. Essay über Körper, Geschlecht und Politik“ (2019) im Ulrike Helmer Verlag. Weitere Titel sind u.a. „Was wäre wenn? Über das Begehren und die Bedingungen weiblicher Freiheit“ und „Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels“.