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Anna Tardos: „Sie sind auf einem guten Weg“

Kurt-Helmuth Eimuth beim Fachtag am 16. November 2012 in der Frankfurter Heiliggeistkirche

Anna Tardos: „Sie sind auf einem guten Weg“
Fachtag
des Diakonischen Werks: Bildungs- und Lernprozesse

Über 500 Erzieherinnen kamen zum diesjährigen Fachtag des Arbeitsbereichs Kindertagesstätten des Diakonischen Werks für am Freitag, 16. November in die Heiliggeistkirche neben dem Dominikanerkloster. Sie wollten die Kinderpsychologin Anna Tardos, Budapest, hören. Tardos, Tochter der ungarisch-österreichischen Ärztin Emmi Pikler, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein revolutionäres Konzept für den Umgang mit Kleinkindern entwickelte, führt die Arbeit ihrer Mutter weiter und leitet das Budapester Pikler-Institut. Emmi Piklers Ansatz ist mittlerweile international anerkannt.

 

Das Diakonische Werk „hat sich diese grundsätzlichen Überlegungen schon sehr früh zu eigen gemacht“, sagte der Leiter des Bereiches Kindertagesstätten, Kurt-Helmuth Eimuth. Besonders mit der Eröffnung der ersten evangelischen Krabbelstube vor rund zehn Jahren seien sie „in den Fokus der Pädagogik gerückt.“ Die diakonischen U3-Einrichtungen orientieren sich inzwischen prinzipiell an Pikler: Achtsamkeit, Respekt, Vertrauen. Werte, die einen Bogen schlagen zu Religion, erläuterte Eimuth. „Für das kleine Kind sind die Eltern Gott. Sie können alles, sie machen alles.“ Grundlage für Urvertrauen. „Emmi Pikler hat uns einen Weg gezeigt, wie wir Kindern dieses Vertrauen mitgeben können. Ob beim Wickeln, Essen oder Schlafengehen, unsere Haltung zum Kind ist nicht nur pädagogisch begründet, sondern praktizierte Religionspädagogik.“ Aufwachsen ohne Religion? Kaum vorstellbar.

 

Diese „besondere Haltung“ ist es auch, die Eltern, gleich welchen weltanschaulichen Hintergrunds, von der evangelischen Kirche erwarten, so die Erfahrung der Leiterin der Krabbelstube Benjamin, Andrea Gottschalk. Ein Kamerateam und die Filmemacherin Heide Breitel haben die Einrichtung in Sachsenhausen besucht. Die Dokumentation „Schlüssel zum Leben“, die beim Fachtag vorgeführt wurde, vermittelt einen Eindruck vom Alltag und der Arbeitsweise in den Krabbelstuben. „Kommunikation ist das A und O. Wir reden unglaublich viel. Alles wird sprachlich begleitet“, erklärte Gottschalk. Freie Bewegung und freies Spielen, vorbereitete Umgebung, sehr sensibles Umgehen, Reinfühlen, Reindenken: alles wichtige Stichworte aus dem Pikler-Repertoire. „Die Bedürfnisse der Kinder werden ganz groß geschrieben.“

 

Anna Tardos war angetan von diesem Praxisbeispiel. „Meine Mutter hatte eine Vision. Das verwirklichen Sie hier in Frankfurt. Sie sind auf dem Weg.“ Emmi Piklers Schriften waren „kämpferisch“ und seien in ihrer Zeit, vor dem Zweiten Weltkrieg, als „provozierend“ empfunden worden. „Aber auch heute, 80 Jahre später, ist es noch Pionierarbeit.“ Die Gesellschaft, die Eltern forderten messbare, sichtbare Ergebnisse, sagt Tardos und stellt dagegen den programmatischen Buchtitel „Lass mir Zeit“. Man stellt das Kind nicht auf, wenn es von allein noch nicht sicher stehen kann. Man setzt es nicht hin, wenn es nicht sitzen kann. Man „bringt“ ihm das Laufen nicht „bei“. Das Kind wächst auf ohne Angst, in Frieden und Harmonie mit sich selbst und der Umwelt. Es ist die Vision von einem „neuen Typ Kind“. Das geht nur mit der entsprechenden Haltung, man möchte sagen Reife, von Eltern und Pädagogen: echtes menschliches Zusammensein, Wärme, Freude, zärtlicher Umgang und ehrliches Interesse anderen gegenüber. „In jedem Kind ist eine neue Persönlichkeit versteckt.“

 

Dann räumt Anna Tardos noch auf mit „einem der Missverständnisse, wenn man nach Pikler arbeitet“, nämlich: Kinder lernen nur aus sich selbst. Dritter Eckpfeiler neben „Begleiten“ und „Sicherheit geben“ sei die die „führende Verantwortung“. Es sei eine „Kunst“, Selbstständigkeit zu ermöglichen, die Entwicklungsstufe richtig einzuschätzen, nicht zu wenig und nicht zu viel zu erwarten. „Führende Verantwortung“ auch im sozialen Erlebnis, in der Begegnung. Das bedeutet, Grenzen setzen, in Konfliktsituationen nicht überzeugen wollen, nicht zu viel erklären, bestimmt Nein sagen, aber freundlich, nicht abwertend, liebevoll.

 

Anna Tardos fühlte sich wohl beim Diakonischen Werk in Frankfurt, in einer von Wertschätzung und Rücksichtnahme geprägten Atmosphäre. „Es ist so nett bei Ihnen“, sagte sie und prägte gleich ein neues Wort: „so piklerisch.“

Barbara Kernbach in Kita-aktuell Nov. 2012/Foto Oeser

 

Gräber auch für Arme: Eine Lösung ist in Sicht

„Umsonst ist nur der Tod- und auch der kostet noch.“ Dieser Spruch, so leicht im Scherz dahingesagt, wird im Ernstfall für viele Menschen zur bitteren Wahrheit: Friedhofsgebühren und Grabpflege belasten das Budget.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von “Evangelisches Frankfurt”. Foto: Rolf Oeser

Eine traditionelle Beerdigung kann gut und gern über 5000 Euro kosten. Hinzu kommt, dass Familienmitglieder heute oft nicht mehr am selben Ort leben. Also bleibt die Frage, von wem und wie das Grab gepflegt wird, wenn Sohn oder Tochter in Hamburg oder München wohnen.

Nach langer Auseinandersetzung mit den zuständigen städtischen Ämtern liegt nun für Frankfurt ein Vorschlag auf dem Tisch, der eine preiswerte Bestattungsform als Alternative zur üblichen Grabstätte ermöglichen soll.

Ausweg aus Finanzsorgen war bisher oft die anonyme Bestattung

Bislang wählten nämlich viele Menschen als Ausweg aus dem finanziellen Dilemma eine anonyme Bestattung. Dabei wird der Verstorbene ohne Hinweis auf den Namen auf einer Wiese beigesetzt. So wirklich „anonym“ war das allerdings nicht immer, denn meist kannten die Angehörigen den Ort der Bestattung durchaus, was ihnen erlaubte, dort zu trauern, einen Ort der Erinnerung zu haben, oder auch einen Pfarrer zur Beerdigung dazu zu holen.

Um jedoch auch den Wunsch mancher Verstorbenen nach echter Anonymität zu erfüllen, wurde verfügt, dass bei einer anonymen Beisetzung keine Angehörigen mehr anwesend sein dürfen und auch sonst niemand die Beisetzung begleiten kann – auch kein Pfarrer. Als Alternative bietet die Stadt das so genannte „Rasenreihengrab“ an, eine Rasenfläche mit einer im Boden eingelassenen Namenstafel. Eine Grabbepflanzung oder das Ablegen von Blumen ist auch dort nicht möglich, dafür ist ein Gedenkplatz angelegt.

“Geld darf nicht über die Form der Beerdigung entscheiden”

Doch die für ein Rasenreihengrab vorgeschriebene Steinplatte ist mit 400 Euro auch nicht eben billig, wie Pfarrer Holger Kamlah, der die evangelische Kirche in der Frankfurter Friedhofskommission vertritt, zu bedenken gibt: „Es gibt Menschen in Frankfurt, die sich das nicht leisten können, so sehr sie es sich vielleicht auch wünschen.“ Er findet, es sei „nicht akzeptabel, wenn die finanziellen Möglichkeiten der Angehörigen mit darüber entscheiden, ob eine christliche Beerdigung mit Begleitung zum Grab möglich ist.“

Der Kompromiss, der sich nun nach langen Verhandlungen abzeichnet, ist einfach: Die Stadt besteht nicht mehr auf der Steinplatte.

Wie notwendig es ist, Alternativen zum traditionellen Grab zu finden, zeigt ein Rundgang über die Frankfurter Friedhöfe: Immer mehr Gräber sind ungepflegt, einfach weil die Angehörigen sich nicht darum kümmern können, zum Beispiel, weil sie weggezogen oder selbst erkrankt sind. Eine Dauergrabpflege durch eine Gärtnerei kostet mehrere hundert Euro im Jahr – das ist für viele Familien zu viel.

“Trauerhaine” als Alternative zum Grab, das gepflegt werden muss

Aber auch dafür gibt es Alternativen. Auf dem Friedhof in Westhausen etwa steht ein „Trauerhain“ zur Verfügung. Er bietet die Möglichkeit einer Bestattung in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Baum, ist also sozusagen eine städtische Variante der immer beliebter werdenden Friedwälder. Dabei wird eine kompostierbare Urne bei einem Baum vergraben und am Baum ein Schild mit dem Namen des Verstorbenen angebracht. Während Friedwälder in der Regel naturbelassene Areale sind, ist der Trauerhain in Westhausen ein Teil des Friedhofs und wird entsprechend gepflegt. 2013 soll ein weiterer Trauerhain auf dem Parkfriedhof Heiligenstock eröffnet werden. Sich schon zu Lebzeiten mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist auf jeden Fall sinnvoll.

kurt-Helmuth Eimuth, Evangelisches Frankfurt 15.10.2012

US-Wahlen: Die Religion des Kandidaten Mitt Romney

Seit klar ist, dass bei den Präsidentschaftswahlen im November Mitt Romney gegen den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama antritt, interessiert sich die Welt für die Religion des Kandidaten: Romney ist Mormone.

Auch in Hessen ist die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, so der offizielle Name, seit 1953 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und somit den großen Kirchen rechtlich gleichgestellt. Trotzdem weiß man hierzulande wenig über diese Glaubensgemeinschaft, der im Rhein-Main-Gebiet immerhin 3000 Menschen angehören. Allenfalls ist da die Sache mit der Vielehe, die sie angeblich praktizieren – in Wirklichkeit ist Polygamie auch bei den Mormonen längst verboten.

Gründer der Mormonen war Joseph Smith (1805-1844)

Nach ihrem Selbstverständnis sind die „Heiligen der letzten Tage“ Christen. Religionswissenschaftlich gelten sie aber eher als eine Neuoffenbarung. Ihr Gründer war Joseph Smith (1805-1844), der als junger Mann eine Vision hatte: Ihm soll ein Engel erschienen sein, Sohn eines gewissen „Mormon“, der im 5. Jahrhundert als Prophet in Amerika gewirkt habe. Der Engel zeigte Smith vergrabene Goldplatten mit altertümlichen Schriftzeichen, die er mit Hilfe einer „Prophetenbrille“ entschlüsselte. Auf diese Weise, so die Legende, entstand das Buch Mormon.

Der Mormonen-Tempel auf dem Temple Square in Salt Lake City. Die ersten Mormonen in Utah bauten ihn 1853 bis 1893. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Smith gründete dann in Fayette/New York die „Kirche Jesu Christi“. Nach Reibereien mit der alteingesessenen Bevölkerung wurden die Mormonen jedoch immer wieder vertrieben. Smith selbst wehrte sich durchaus handgreiflich, zum Beispiel zerstörte er die Redaktionsräume eines Kritikers. Er wurde in das Bezirksgefängnis gebracht, das eine aufgebrachte Menschenmenge jedoch stürmte: Smith wurde gelyncht.

Sein Nachfolger an der Spitze des Apostelkollegiums wurde Brigham Young, der einen Treck nach Westen organisierte. Rund 15?000 Anhängerinnen und Anhänger der jungen Kirche erreichten 1847 das Salzseetal der Rocky Mountains: „Das ist der Ort“, soll Young ausgerufen haben, als er das Tal erblickte. In einer beachtlichen Aufbauleistung haben die Mormonen Salt Lake City, ja den gesamten Bundesstaat Utah, aufgebaut. Als Teil der USA wurde er erst anerkannt, als die Religionsgemeinschaft im Jahr 1890 offiziell von der Praxis der Vielehe Abstand nahm.

Kein Kaffee, kein Alkohol, kein Tabak

Die Tatkraft der Mormonen ist auch heute noch unübersehbar. Ihr Bildungsstand ist hoch, und ihre Gesundheit ist überdurchschnittlich gut – die „Heiligen der letzten Tage“ verzichten völlig auf Kaffee, Tee, Alkohol und Tabak.

In ihrem Heimatstaat Utah gehören zwei Drittel der Bevölkerung von 2,7 Millionen dieser Kirche an. Insgesamt gibt es in den USA sechs Millionen Mormonen. An ihrer Spitze steht derzeit der 84-jährige Thomas S. Monson. Er wird als Prophet verehrt, der von Gott Offenbarung und Inspiration empfängt. Der „Temple Square“, das Hauptquartier der „Latter Day Saints“, bildet das Zentrum von Salt Lake City. Von hier aus wird die Organisation, deren Vermögen auf 30 Milliarden Dollar geschätzt wird, gesteuert. Die Kirche betreibt neben Verlagen, Fernseh-Sendern, Schulen und einer Universität auch ein weltweites Sozialprogramm: Lebensmittel, in eigenen Fabriken und Farmen produziert, werden über teils eigene Supermärkte, die so genannten Bishop‘s Stores, an Arme verteilt.

Problematisch: die rassistischen Wurzeln der Kirche

Problematisch sind die eindeutig rassistischen Wurzeln der LDS-Kirche. So wurde die Diskriminierung der amerikanischen Urbevölkerung lange Zeit historisch legitimiert: Ursprünglich seien zwei Stämme in die USA gekommen, die gottesfürchtigen Nephiten und die gottlosen Lamaniten. Letztere seien mit dunkler Hautfarbe „bestraft“ worden. Bis 1978 wurden Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner ganz offiziell als Menschen zweiter Klasse eingestuft. Erst ein Gerichtsbeschluss änderte das. Ähnlich erging es den Schwarzen: Männer mit afrikanischen Vorfahren durften bis 1978 keine Priester werden (Frauen sowieso nicht). Hier war es jedoch kein Gerichtsbeschluss, sondern eine neue Offenbarung des damaligen Mormonenapostels, der die offizielle Linie änderte.

Für Spekulationen sorgen auch die Tempelrituale – denn sie sind geheim. Nicht-Kirchenmitglieder dürfen das Innere eines Tempels nicht betreten, das gilt auch für den Tempel in Friedberg. Berichten zufolge erinnern die Rituale an die von Freimaurern, ergänzt um esoterische Einflüsse. Es gibt etwa eine „Totentaufe“, die dazu dient, Menschen aus früheren Epochen nachträglich in die Kirche der Mormonen aufzunehmen. Das Ritual wird an einem lebenden Stellvertreter, der ein Namenschild des Verstorbenen um den Hals trägt, vollzogen. Auch Martin Luther wurde so die zweifelhafte Ehre zuteil, Mormone zu werden.

Bis heute zeichnen sich die Mormonen durch ein sehr konservatives Familienverständnis aus, wozu eine rigide Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern und ein schikanöser Umgang mit Homosexuellen gehört. Doch dabei stehen die Mormonen in den USA Seite an Seite mit den meisten fundamentalistischen Christinnen und Christen. Wohl auch deshalb stören sich nur wenige an der Religion des Präsidentschafts-Kandidaten.

Kurt-Helmuth, Evangelisches Frankfurt September 2012

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Wenn das Occupy-Camp eines verkörpert hat, dann die tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Bis ins konservative Lager hinein spüren viele, dass der heutige Turbokapitalismus vor allem eines ist: ungerecht. Es hat eine Diskussion begonnen über die Vision einer Gesellschaft: Soll sie sich nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausrichten? Oder soll sie vor allem gerecht sein?

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von “Evangelisches Frankfurt”. Foto: Rolf Oeser 

An vielen Stellen werden Ungerechtigkeiten wieder angeprangert. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel etwa fordert inzwischen einen Verkaufsstopp für den Bio-Sprit E 10: Es gebe einen „Konflikt zwischen Tank und Teller“. Recht hat er, denn der Anbau von Biomasse zur Spritgewinnung treibt die ohnehin steigenden Lebensmittelpreise weiter nach oben und verbreitet den Hunger in der Welt.

Noch so eine Ungerechtigkeit wird die Entwicklungshilfe direkt treffen. Die Finanzkrise hat nämlich ihre Auswirkungen nicht nur im Euro-Raum. Viele EU-Staaten wollen die Ausgaben für Entwicklungshilfe zurückfahren. Spanien und Griechenland haben ihr Budget schon um 30 bis 40 Prozent gekürzt. Noch 2005 hatte die EU versprochen, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung bis 2015 in Entwicklungshilfe zu investieren. Deutschland liegt mit 0,39 Prozent weit hinter dieser Marke.

Und noch so eine Ungerechtigkeit wird möglicherweise ins Visier genommen: Die steuerliche Benachteiligung eingetragener Lebenspartnerschaften im Vergleich zur Ehe. Das Ehegattensplitting ist ohnehin vielen ein Dorn im Auge, schließlich kostet es den Staat 20 Milliarden Euro jährlich und bevorzugt vor allem sehr gut verdienende Haushalte mit nur einem Einkommen – unabhängig davon, ob Kinder im Haushalt leben. Für diese gewaltige Summe kann man sich effektivere Modelle der Familienförderung vorstellen.

Und schließlich ist da noch der Stachel von Hartz IV. Das Modell war ökonomisch erfolgreich, aber es hat einen bitteren Beigeschmack. Denn die Hartz-Gesetze drängten zwar die Arbeitslosigkeit zurück, schufen aber auch Armut trotz Arbeit und führten zu einer Ausweitung des Niedriglohnbereichs. Auch Dank der neuen sozialen Bewegungen hat inzwischen eine Diskussion darüber begonnen, ob etwa ein Grundeinkommen für alle eine Alternative sein könnte.

An vielen Stellen brechen derzeit solche Debatten auf – und das ist gut so. Denn die Idee einer gerechten Gesellschaft ist auch eine im Kern christliche Idee.

Kurt-Helmuth Eimuth, Evangelisches Frankfurt, September 2012

Wertfreie Erziehung gibt es nicht

Immer mehr Menschen sind der Ansicht, Kinder sollten möglichst wertneutral erzogen werden, damit sie sich später selbst für eine Religion oder eine Weltanschauung entscheiden können. Bloß: Eine wertfreie Erziehung ist gar nicht möglich.

„Die religiöse Erziehung von Kindern stellt einen schwerwiegenden Eingriff in die gesunde psychische Entwicklung eines Kindes dar“, schreibt ein Blogger auf der Webseite des „Zukunftsdialoges“ der Bundeskanzlerin und fordert konsequenterweise, dass die „Indoktrination“ von Kindern mit Religion unter Strafe gestellt wird.

Soweit gehen die meisten nicht, aber die Meinung ist doch weit verbreitet, dass Kinder ihre Religion, ihre Kirche, ihre Weltanschauung selbst wählen, also von ihren Eltern dabei möglichst wenig beeinflusst werden sollen. Doch was ist Erziehung, und was ist Indoktrination?

Kinder lernen durch Nachahmung

Kinder lernen zunächst einmal durch Nachahmung. Sie machen einfach das, was die Erwachsenen auch machen. So lernen sie auch ihre Muttersprache, entschlüsseln grammatikalische Gesetzmäßigkeiten und formen den Klang der Silben nach. Das ist eine Leistung, die das menschliche Gehirn in späteren Jahren nicht mehr vollbringt.

Aber nicht nur Wissen und Fertigkeiten werden durch Nachahmung gelernt. Auch Einstellungen und Verhaltensmuster formen sich am Anfang auf diese Weise. Wenn es in einer Familie laut zugeht, wird das Kind auch zum Schreien neigen. Und wenn in einer Familie über „die Ausländer“ gelästert wird, wird das Kind in der Grundschule Ayse und Yussuf mit Vorurteilen begegnen.

Erziehung ist also niemals wertfrei, sondern immer wertevermittelnd. Erziehung ist immer Erziehung zu einem Ziel, beispielsweise dem respektvollen Umgang untereinander. Und Kinder achten akribisch darauf, dass Regeln eingehalten werden. Dies beginnt bei der roten Ampel. Mit Recht rufen Kinder „Rotgänger – Totgänger“, wenn Erwachsene die rote Ampel ignorieren. Und die Schweißperlen auf der Stirn des Vaters kennen viele, wenn bei der Fahrkartenkontrolle im Zug die Tochter bei der Frage nach ihrem Alter schwindeln soll.

Die Vermittlung des Wertekanons erfolgt also nicht so sehr durch Argumente und intellektuelle Auseinandersetzung, sondern in erster Linie über das beispielhafte Verhalten der Eltern. Umso mehr, als die Eltern in den ersten Jahren in den Augen ihrer Kinder unfehlbar sind. Wenn also die Eltern bestimmte Essgewohnheiten haben, sei es aus religiösen und ökologischen Gründen, so sind diese auch für das Kind Gesetz. Es ist unmöglich, Kindern Werte und Verhaltensweisen nahezubringen, die man selbst im konkreten Alltag gar nicht umsetzt und praktiziert.

Das gilt genauso für die Religion. Kinder wachsen in einer Welt auf, die von religiösen Traditionen und Werthaltungen mit geprägt ist. Es ist also unvermeidlich, dass ihnen auch eine bestimmte Einstellung dazu vermittelt wird – nämlich eben jene, die die Eltern vorleben. Wenn das Kind jedes Jahr in der Moschee ein Bayramfest miterlebt, wird dieses Fest ein selbstverständlicher Bestandteil seiner Welt.

Dass Eltern ihre eigenen Überzeugungen und Lebensweisen an die Kinder weitergeben, ist also ein notwendiger Bestandteil der Erziehung und keineswegs eine Form der Indoktrination. Das Kind wird damit auch nicht in der eigenen Freiheit eingeschränkt. Später, in der Pubertät, kann es sich von den Einstellungen der Eltern absetzen und sich zu allen Fragen des Lebens, auch zur Religion, eine eigenständige Meinung bilden.

Grundorientierung gibt Menschen Halt

Als Reaktion auf die Forderung des Verbots zur Indoktrination kommentierte jemand: „Zur Religion gehört unbedingt die Freiheit dazu. Jeder Mensch kann sich immer dafür oder dagegen entscheiden. Und als Jugendlicher möchte man auch den Kinderglauben ablegen und setzt sich im Ganzen ab von der Familie.“

Religion gehört zur kindlichen Erlebniswelt, und es ist daher ganz unmöglich, sie in der Kindheit auszublenden. Notwendig ist es, Kinder in ihrem religiösen Erleben und in ihren Sinnfragen zu begleiten, ihnen Antworten zu geben und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dass die Überzeugungen und Lebensgewohnheiten der Eltern dabei die Kinder beeinflussen, hat überhaupt nichts mit Indoktrination zu tun, ganz im Gegenteil: Eine solche Grundorientierung gibt Menschen Halt und Haltung für ihr ganzes Leben, sie ist der Grundstein für die späteren eigenverantwortlichen Entscheidungen – egal, wie diese ausfallen mögen.

Beitrag von , veröffentlicht am 10. September 2012 in der Rubrik Gott & Glauben, erschienen in der Ausgabe , .

Presseempfang Stadt Frankfurt

Evangelisches Frankfurt 29. August 2012

Unser Redaktionsleiter Kurt-Helmuth Eimuth war heute beim Presseempfang der Stadt Frankfurt im Städel. Dabei betonte der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann (Mitte) die
Bedeutung der Medien für die Demokratie. Der Leiter des Presseamtes Nikolaus Münster (am Pult) verwies auf die Zufriedenheit der Bürger, wie eine neue Untersuchung zeige. Die Attraktivität Frankfurt zeige sich auch in den Events der letzten Wochen vom Museumsuferfest bis zur Errichtung der Osthafenbrücke. Links Städeldirektor Max Hollein und Arnd Festerling, Chefredakteur der Lokalredaktion der Frankfurter Rundschau). Foto: EimuthPresseempfang

Klezmers Techter virtuos in Griesheim

Virtuos am Instrument, vielseitig in den Arrangements und mit großer Lebensfreude präsentierten sich gestern Abend „Klezmers Techter“ in der vollbesetzten Griesheimer Segenskirche.

Klezmers Töchter begeisterten in der Griesheimer Segenskirche. Foto: Kurt-Helmuth Eimuth 

Im Rahmen des Griesheimer Musiksommers brachten die drei Musikerinnen die einst in Deutschland von den Nazis ausgerottete Klezmermusik wieder zurück, so die Initiatorin des Griesheimer Musiksommers, Brigitte Babbe. Aber mehr noch: Gabriele Kaufmann, Nina Hacker und Almut Schwab nahmen deutlich auch Elemente anderer Stilrichtungen auf, selbst Mainzer Karnevalsmusik schimmerte im Stück “Massel tov” durch.

Tanzen mit zwölf Kilo schwerem Akkordeon

Kein Wunder: Wurde doch die Instrumentierung von der gebürtigen Mainzerin Almut Schwab arrangiert. Klezmermusik stammt aus dem jiddischsprachigen Osteuropa und war von jeher beeinflusst von nicht-jiddischer Musik der jeweiligen Region. Nach den ersten Auswanderungswellen gelangte sie nach Amerika und verband sich dort auch mit dem swingenden Jazz. Diese Tradition setzt das Trio fort.

Die Künstlerinnen beeindruckten durch ihre Vielseitigkeit an den Instrumenten, wozu auch Bassklarinette, Querflöte und Hackbrett gehören. Unnachahmlich wie Almut Schwab trotz des von ihr gespielten zwölf Kilogramm schweren Arkodeons über die Bühne tanzte und den Dialog mit ihren Mitspielerinnen und mit dem Publikum suchte.

Unzählige Facetten menschlicher Gefühle

Klezmermusik drückt unzählige Facetten menschlicher Gefühle aus. Etwa beim Stück „Friling“, geschrieben nach dem Tod der Ehefrau des Komponisten im Konzentrationslager. Hier überzeugt das Trio auch durch leise Töne und den stampfenden Rhythmus, den Nina Hacker mit dem Bass vorgibt. Klezmers Techter sind eine Entdeckung für die Kirchenmusik-Szene.

Kurt-Helmuth Eimuth Evangelisches Frankfurt Internet 5.8.12

Kindeswohl vor Religionsfreiheit: Ja bitte!

Ein Kommentar von Kurt-Helmuth Eimuth

Zugegeben, es ist eine belastete Diskussion, die nach dem Kölner Urteil zur Beschneidung entbrannte. Kulturelle Traditionen und Jahrhunderte alte Verletzungen und Vorurteile werden wieder in Erinnerunng gerufen.

Ohne Zweifel ist die Beschneidung Teil einer religiösen Identität. Dies ist zu beachten und zu respektieren. Es steht auch niemandem zu, dies religiös zu bewerten.

Doch haben alle Menschen, gleich welchen Alters, nach unserem Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Eine Erkenntnis, die sich erst langsam in unserer Gesellschaft durchsetzt. Denkt man etwa daran, dass es über fünfzig Jahre dauerte, bis das Schlagen von Kindern gesetzlich auch den Erziehungsberechtigten verboten wurde.

Eine Beschneidung ist irreversibel, bereitet zudem Schmerzen. Nach unserem Rechtsverständnis haben auch Eltern nicht das Recht solches ihren Kindern anzutun. Die Motive der Eltern – und seien sie noch so ehrenwert – dürfen da keine Rolle spielen.

Vieleicht ist es ja ein Ausweg, die Beschneidung an die Religionsmündigkeit zu koppeln. Wer mit 14 Jahren ja zu seiner Religion sagt, mag sich dann in eigener Verantwortung beschneiden lassen.

Die derzeitige Diskussion allerdings gleicht eher einem Kulturkampf. Dies führt nicht weiter.

Im Vordergrund muss das Kindeswohl stehen. In der Diskussion vermisse ich die Stimme all derer, die dieses verteidigen. Wo bleiben die Voten der Konderschutzbeauftragten und Pädagoginnen und Pädagogen?

Evangelisches Frankfurt online 3. Juli 2012

Schulpfarrämter zu streichen ist falsch

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) will massiv Pfarrstellen an Schulen streichen. Hundert von derzeit 172 Schulpfarrstellen sollen wegfallen.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von “Evangelisches Frankfurt”. Foto: Rolf Oeser

Grund für die Kürzungen ist nicht, dass die Kirche sparen muss: Finanziert werden diese Stellen weitestgehend vom Staat, denn Religion ist in Deutschland ordentliches Lehrfach.

Hintergrund ist vielmehr der absehbare Fachkräftemangel. Denn es fehlt in Deutschland nicht nur an Ingenieuren, Krankenpflegern und Erzieherinnen, sondern auch an geistlichem Personal: Über 900 Pfarrerinnen und Pfarrern gehen in den kommenden zwölf Jahren in Hessen und Nassau in Ruhestand. Davon sollen 550 ersetzt werden – ohnehin ein massiver Stellenabbau. Und trotzdem wird es schwer sein, diese Stellen zu besetzen. Kaum noch junge Menschen studieren Theologie mit dem Berufsziel Pfarramt.

Um dem Engpass abzuhelfen und möglichst viele Stellen in den Kirchengemeinden zu erhalten, will man überproportional in der Schule kürzen. Aber das verkennt die wichtige Bedeutung der Schulpfarrämter. Viele junge Menschen begegnen hier der Kirche zum ersten Mal. Schulpfarrerinnen und Schulpfarrer sind zusätzlich zum Unterricht auch Seelsorgerinnen und Seelsorger, sie organisieren Gottesdienste, sie vertreten die Kirche in der Schulgemeinde.

Es ist für die Kirche eine große Chance, in der Schule Menschen aller Weltanschauungen zu begegnen. In einer Zeit der Säkularisierung, Pluralisierung und des immer wieder beklagten Mitgliederschwundes hat sie hier die einmalige Möglichkeit, ihre Botschaft auch außerhalb der eigenen Kreise zu verbreiten, Menschen zu überzeugen, mit ihrem Personal präsent zu sein. Und das auch noch fast kostenneutral.

Der Reflex, angesichts der Personalknappheit die Bedürfnisse der Gemeinden erst einmal höher zu werten als die der Schulen (und wahrscheinlich auch noch anderer übergemeindlicher Arbeitsfelder), ist zwar nachzuvollziehen, aber dennoch falsch. Denn bei allem Verständnis für die Bedarfe von Kirchengemeinden führt das nur zu immer weiterer „Milieuverengung“.

Die Kirche hat den Auftrag, hinaus in die Welt zu gehen, Menschen zu überzeugen. Sie muss auch der inzwischen weit verbreiteten antikirchlichen Stimmung etwas entgegen halten. Gerade in der Schule hat sie dazu eine großartige Möglichkeit. Es wäre unklug, sie leichtfertig verspielen.

Beitrag von , veröffentlicht am 24. Juni 2012 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe .

Rechtsanspruch auf Kita für Krabbelkinder ist nicht erfüllbar

Rechtsanspruch auf Kita für Krabbelkinder ist nicht erfüllbar

Ab Sommer 2013 soll es einen Rechtsanspruch auf deinen Kita-Platz auch für Unter-Dreijährige geben. Doch der geschätzte Bedarf für 60 Prozent aller Kinder wird in Frankfurt bis dahin nicht einzulösen sein.

Hort-, Kita- oder Krabbelstubenplätze sind noch immer Mangelware, vor allem in den innenstadtnahen Stadtteilen wie Bornheim und Sachsenhausen und in den Neubaugebieten. Frankfurt hat entgegen dem Trend seit elf Jahren steigende Kinderzahlen. Allein dafür musste die Stadt in den vergangenen acht Jahren 3000 zusätzliche Betreuungsplätze schaffen.

Bei den ganz Kleinen ist der Nachholbedarf noch größer. Mit der Ankündigung eines Rechtsanspruchs für Unter-Dreijährige hat die Politik einen Verhaltenswandel in den Familien noch beschleunigt: Deutlich mehr Eltern als vermutet wollen ihr Kind in eine Krippe geben. Im Magistrat geht man davon aus, dass ein Versorgungsgrad von 35 Prozent, wie von der Bundesregierung vorgesehen, in Frankfurt nicht ausreicht. Laut Martin Müller-Bialon, dem persönlichen Referenten der Bildungsdezernentin, steht bis Ende 2013 voraussichtlich für 42 Prozent, bis 2015 für 48 Prozent der Kinder unter drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung. Den tatsächlichen Bedarf schätzen Fachleute auf 60 Prozent.

Es ist schwer, Fachkräfte in die Stadt zu locken

Der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ab einem Jahr wird in Frankfurt also nicht zu erfüllen sein. Da helfen auch keine von Berlin in Aussicht gestellten Kredite. Es sind enorme Summen, um die es hier geht: 2008 sah der städtische Etat für Kita-Betriebskosten noch 248 Millionen Euro vor, kommendes Jahr sind es schon 364 Millionen. Und dies, obgleich die Stadt in allen anderen Bereichen spart.

Auch die evangelische Kirche beteiligt sich am Ausbauprogramm. Über 1000 zusätzliche Plätze schafft sie bis 2013. Gemeindekitas werden erweitert oder neu gebaut, Ladenlokale angemietet, um dort Krabbelstuben einzurichten. Über 40 Millionen Euro werden derzeit verbaut. Aber es bleibt das Fachkräfteproblem. Trotz einer Vervielfachung der Ausbildungskapazitäten und anderer Maßnahmen wird es äußerst schwer sein, genügend Fachkräfte in die Städte zu locken.

Familienministerin Kristina Schröder beteuert zurzeit noch, dass der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz auf alle Fälle am 1. August 2013 kommen wird. Doch wenn Eltern diesen Anspruch gerichtlich einklagen, kommen auf die Kommunen Regresszahlungen zu. Es sei denn, es gäbe dann doch noch schnell eine Übergangsregelung.

Beitrag von , veröffentlicht am 24. Juni 2012 in der Rubrik Stadtkirche, erschienen in der Ausgabe .