Okt 22

Buß- und Bettag: Mahnung zur Umkehr

Evangelisches Frankfurt Oktober 2010

Vor 15 Jahren wurde der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. Seither ist auch sein Sinn bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten.

Die Schülerinnen und Schüler Berlins freuen sich auf den 17. November. Zumindest die evangelischen unter ihnen, denn sie können an diesem Tag ganz offiziell zuhause bleiben. Von der Schule sind sie an diesem Tag befreit – der Buß- und Bettag macht’s möglich. Bisher galt die Schulbefreiung nur, wie in Hessen auch, für die Dauer eines Gottesdienstbesuchs.

Der „Ökumenische Bußgang“ – hier 1985 – war früher ein fester Bestandteil des Buß- und Bettages in Frankfurt. Von der Peterskirche aus führte er zu Orten in der Stadt, an denen die Notwendigkeit zum Umdenken und zum Erinnern gegeben ist. In der Katharinenkirche an der Hauptwache findet ein ökumenischer Gottesdienst statt, am Mittwoch, 17. November, um 19 Uhr, mit Pröpstin Gabriele Scherle und dem katholischen Dekan Michael Metzler. | Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Der „Ökumenische Bußgang“ – hier 1985 – war früher ein fester Bestandteil des Buß- und Bettages in Frankfurt. Von der Peterskirche aus führte er zu Orten in der Stadt, an denen die Notwendigkeit zum Umdenken und zum Erinnern gegeben ist. In der Katharinenkirche an der Hauptwache findet ein ökumenischer Gottesdienst statt, am Mittwoch, 17. November, um 19 Uhr, mit Pröpstin Gabriele Scherle und dem katholischen Dekan Michael Metzler.
Foto: Kurt-Helmuth Eimuth

Der Berliner Regelung vorangegangen war eine Anfrage der evangelischen Kirche, die bemängelte, dass zwar muslimische, jüdische und katholische Kinder an ihren jeweiligen Feiertagen schulfrei haben, aber die evangelischen nicht. Nur konsequent, dass nun auch die Evangelischen am Buß- und Bettag und am Reformationstag schulfrei haben. Für manche schulmüden Geister ist dabei sicher auch die Tatsache angenehm, dass die Berliner Schulverwaltung die Konfession nicht erfasst.

Aber nicht nur in Berlin bemüht man sich, den inzwischen fast vergessenen Feiertag wieder zu entdecken. Ist er doch nach seiner Abschaffung als gesetzlicher Feiertag vor 15 Jahren ein wenig aus dem Blick geraten. Mit diesem einen Tag Mehrarbeit wollte man die Belastung der Arbeitgeber durch die Einführung der Pflegeversicherung ausgleichen. Ob dieses Zwecks war der Widerstand der Kirchen gegen die Abschaffung des evangelischen Feiertags eher verhalten. Heute ist der Buß- und Bettag nur noch in Sachsen gesetzlicher Feiertag.

Das Wort „Buße“ führt nämlich ein wenig in die Irre. Es geht an diesem Tag weniger um Schuld und Wiedergutmachung, sondern es steht die innere Bereitschaft zur Veränderung im Vordergrund. Nach evangelisch-christlichem Glauben meint Buße und Schuld nicht in Sack und Asche zu gehen, sondern Umkehr und Sinnesänderung: Buße ist anhaltende Selbstbesinnung.

An vielen Orten nutzen die evangelischen Kirchen den Buß- und Bettag dazu, auf soziale Missstände hinzuweisen. Probleme der Bio-Medizin, Armut, Obdachlosigkeit, Kinderprostitution, Aids, die Situation von Flüchtlingen und andere sozial- und gesellschaftspolitische Themen bilden den Mittelpunkt der Predigten. In dieser Tradition verstand sich auch der Frankfurter Ökumenische Bußgang, an dem in den 1970er und 1980er Jahren jeweils mehrere tausend Menschen teilnahmen. Er führte als Prozession eben an jene Orte, die zur Umkehr mahnen, wie etwa die Gutleutkaserne, die während des Nationalsozialismus die Gestapo beherbergte.

Die Mahnung zur Umkehr ist heute noch ebenso aktuell wie 1893: In diesem Jahr wurde der Buß- und Bettag um der Einheitlichkeit willen in Preußen auf Initiative der zuständigen staatlichen Stellen auf den Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr festgelegt.

Kurt-Helmuth Eimuth

Okt 22

„Johannes zu Eltz. "Es gibt Interesse an authentischem Glauben“

Evangelisches Frankfurt Oktober 2010

Johannes zu Eltz ist der neue katholische Stadtdekan für Frankfurt. Der 53 Jahre alte Theologe war bisher Stadtdekan in Wiesbaden. Mit „Evangelisches Frankfurt“ sprach er über die Bedeutung von Christentum und Religion in der Großstadt.

Herr Stadtdekan, was haben Sie sich in Ihrem neuen Amt vorgenommen?

Ich habe mir keine fertigen Programme vorgenommen, dazu bin ich schon zu lange im Geschäft. Man sagt mir immer mit einem Lächeln, aber auch als Mahnung, dass in Frankfurt alles anders ist. Deshalb heißt für mich der Anfang einfach „Frankfurt kennen lernen“. Bevor ich mich nicht einigermaßen sensibel in all den Unterschiedlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten, die es hier gibt, bewegen kann, werde ich das Wort „Programm“ nicht mal in den Mund nehmen.

Johannes zu Eltz im Gespräch mit „Evangelisches Frankfurt“. Am 22. August ist der gebürtige Eltviller vom Limburger Bischof in sein Amt als katholischer Stadtdekan eingeführt worden. Frankfurt ist ihm nicht ganz fremd: In der Hochschule St. Georgen in Oberrad hat zu Eltz Philosophie und Theologie studiert. | Foto: Rolf Oeser

Johannes zu Eltz im Gespräch mit „Evangelisches Frankfurt“. Am 22. August ist der gebürtige Eltviller vom Limburger Bischof in sein Amt als katholischer Stadtdekan eingeführt worden. Frankfurt ist ihm nicht ganz fremd: In der Hochschule St. Georgen in Oberrad hat zu Eltz Philosophie und Theologie studiert.
Foto: Rolf Oeser

Die Zusammenarbeit von evangelischer und katholischer Kirche hat in Frankfurt eine lange Tradition. Ist die Ökumene eine Sache, die Ihnen am Herzen liegt?

Ich glaube, dass eine intensive, vertrauensvolle, geistlich grundierte ökumenische Zusammenarbeit völlig alternativlos ist. Es gibt gar keine Möglichkeit mehr, sich anders aufzustellen. Das hängt damit zusammen, dass wir uns – beide – aus einer Mitgliederbestände verwaltenden Großinstitution in eine missionarisch agile Veranstaltung verwandeln müssen, die den Leuten hinterher geht. Die Leute können es nicht mehr hören und akzeptieren es auch nicht, wenn wir uns so grämlich und mit uralten Streitigkeiten, deren Gründe wenig verständlich sind, voneinander abgrenzen oder gegeneinander profilieren. Ich kann es gut haben, wenn Evangelische richtig evangelisch sind, ich nehme dasselbe für mich in Anspruch. Aber das Eigene gut kennen, es lieben und da tief drinstehen, ist ja die Bedingung der Möglichkeit dafür, dass man sich dann auch weit aus dem Fenster lehnt und die Berührung mit dem anderen sucht. In einer so großen Stadt kann sich das auch nicht auf die beiden Großkirchen beschränken, sondern wir müssen auch mit anderen, kleineren Kirchen zusammenwirken. Die „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“ ist dafür eine gute Basis.

Beide großen Kirchen haben ja Probleme mit ihren Finanzen, etwa mit dem Unterhalt ihrer Kirchengebäude, aber da geht nichts zusammen. Man überlegt nicht einmal, ob man Gebäude auch gemeinsam nutzen könnte. Immerhin wurde der Frankfurter Dom ja auch mal dreißig Jahre lang simultan genutzt.

Die Mentalität „Bei Geld hört der Spaß auf“ haben wir auch inner-katholisch, da geht es manchmal von einer Gemeinde zur nächsten nicht mehr weiter. Das ist ein dickes Brett, das gebohrt werden muss. Von Verarmung zu sprechen, wäre aber unangemessen. Wir sinken ja auf einem schwindelerregend hohen Niveau. Richtig ist, wir haben weniger Mittel, und sie werden noch weniger werden, und das wird uns zu praktischer Zusammenarbeit zwingen. Auch in der Nutzung von Ressourcen und Gebäuden. Da bin ich sehr sicher, und das ist mir sehr recht.

Frankfurt ist eine multikulturelle Stadt, und viele Menschen bewegt das Verhältnis zum Islam, aber auch zu anderen Religionen. Wie wäre da aus Ihrer Sicht die angemessene christliche Position?

Christlich werden, das ist die angemessene Position. Wir stehen unter Druck von religiösen Performances, die sehr gebärdenstark sind, sehr selbstbewusst, auch sehr widerständig, und die für liberale Schrumpfformen von Religion wenig Verständnis haben und vor allem auch keine Achtung. Das ist für mich ein Impuls zur – ein problematisches Wort, aber ein guter Begriff – „Fundamentalisierung“ unserer eigenen Vollzüge. „Fundamentalisierung“ bedeutet Grundlegung, und wir können keinen anderen Grund legen als den, der gelegt ist. Das hat einen Absolutheitsanspruch, der nicht von uns kommt, sondern von dem, der uns zusammengerufen hat, und den können wir nicht zeitgeistkonform abknicken. Das wäre das typische Verhalten von Monopolisten, die es sich leisten können, großzügig zu sein. Wir sind aber keine Monopolisten mehr. Die Leute kaufen uns unsere Distanzierung von Christus nicht ab. Dass wir nicht bei bornierten Fundamentalismen enden müssen, ist für mich auch klar. Aber die Gefahr des Missbrauchs hebt den richtigen Gebrauch nicht auf. Wir müssen radikal, das heißt wurzelhaft an die Grundlagen unseres eigenen Glaubens, sonst verlieren wir den Wettbewerb der Religionen.

Eine andere große Gruppe, etwa ein Viertel in Frankfurt, sind Konfessionslose, also Menschen, die keiner Religion angehören. Wie spricht man die an?

Meine Erfahrung ist, dass es ein hohes Interesse dieser distanzierten, aber intellektuell anrührbaren Menschen an authentisch gelebtem Glauben gibt. Das interessiert die ganz ungemein. Was sie nicht so interessiert, sind unsere bleiernen Institutionsgeschichten, also „Kirchenkram“. Wie wir unsere Gemeinden zusammenlegen, und ob das nun pastoraler Raum heißt oder nicht, ist denen egal. Aber an ergreifender und handgreiflicher Gegenwart Gottes in der Welt sind sie total interessiert. Auch im Modus des Widerspruchs. Ich war bei der Saisonpremiere des Tigerpalast-Varietés eingeladen. Dessen Leiter Johnny Klinke, ein auch geistlich sehr ausgeschlafener Mann, hat mir gesagt, dass er die Frankfurter auf authentischen Glauben für ansprechbar hält. Es gebe einen Hunger nach Sinn in dieser Stadt. Sie werden nicht alles gleich übernehmen, aber man kann damit kommen. Es interessiert sie. Und das gefällt mir.

Sollten sich die verschiedenen Religionen zusammenschließen, um in einer atheistischen Umgebung das Bewusstsein für Gott wach zu halten?

Ich glaube mit dem großen Johannes Paul, dem verstorbenen Papst, dass es eine tiefe Gemeinsamkeit unter Menschen gibt, die Religionen wirklich ernstlich anhangen. Und dass diese Gemeinsamkeit stärker ist als die Unterschiede in den jeweiligen Glaubensgründen. Schon die Tatsache, dass man überhaupt religiös ist und von Gott, wie immer man ihn ergreift und nennt, sein eigenes Leben bestimmen lässt, also zu einem „Islam“ – einem, übersetzt, „hingebungsvollen Gehorsam“ – überhaupt bereit ist, schafft eine Gemeinsamkeit. Ich denke, dass die vor den trennenden Unterschieden betont werden dürfte. Und dann entsteht so etwas wie ein Rat der Religionen, der sich am runden Tisch versammelt. Das ist für uns Katholiken neu, weil es eine Gleichrangigkeit oder Gleichwürdigkeit von religiösen Bezügen voraussetzt, die wir so bisher gar nicht auf der Festplatte haben. Da müssen wir uns erst neu konfigurieren.

Interview: Antje Schrupp und Kurt-Helmuth Eimuth

Okt 22

Familie – vielfältig aber stabil

Evangelisches Frankfurt Oktober 2010

Es ist gar nicht einfach, den Begriff Familie zu definieren. Obwohl das Wort im 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts in die deutsche Sprache aufgenommen wurde, gibt es bis heute keine einheitliche Auffassung darüber, was man genau als „Familie“ bezeichnet.

Die klassische Familie besteht aus Vater, Mutter und mindestens einem Kind, möglicherweise ergänzt durch die Großelterngeneration. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, und zwar nicht erst heute, sondern schon immer.

In vorindustrieller Zeit hatten Ehe und Familie vor allem einen instrumentellen Charakter, sie waren Mittel zum Zweck: Die Ehe wurde nicht aus Liebe geschlossen, sondern im Hinblick auf die Kinder, und zwar, um – je nach Schicht – Vermögen oder zumindest den Namen zu vererben, und um im Falle von Krankheit und Alter versorgt zu sein. Im Mittelpunkt stand der „Haushalt“, wozu bei den Besitzenden auch ein Produktionsbetrieb zählte. Zum Haus gehörten auch Knechte und Mägde sowie andere Bedienstete. Bei den ärmeren Schichten stand ebenfalls die wirtschaftliche Funktion des „Haushaltes“ im Mittelpunkt, auch wenn das Haus weniger Mitglieder hatte. Die Erwerbstätigkeit beider Eltern und der Kinder war selbstverständlich. Auch damals gab es bereits sehr verschiedene Lebensformen: Viele verwitwete Frauen oder auch ledige Mütter lebten nicht in der „klassischen“ Familie.

Erst vor etwa 200 Jahren entwickelte sich die „Liebesheirat“. Die sozialen und wirtschaftlichen Funktionen der Familie übernahmen tendenziell Institutionen: Krankenhäuser und Schulen entstanden, andere Aufgaben übernahm der Staat. Der Familie blieb aber die Funktion der Nachwuchssicherung und der „Regeneration“ ihrer Mitglieder.

Über Jahrhunderte hinweg war die Erwerbstätigkeit auch von Müttern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Lediglich das Bürgertum konnte es sich leisten, dass Mütter nicht erwerbstätig waren. Unter den Nationalsozialisten wurde die nicht-arbeitene Mutter dann ideologisch überhöht. Ehestandsdarlehen sollten Frauen, die Mütter wurden, vom Arbeitsmarkt abwerben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg behielt die Bundesrepublik dieses Familienmodell bei, obwohl die Realität der „Trümmerfrauen“ ganz anders aussah. Auch in den 1950er Jahren war die Erwerbstätigkeit der Mütter in vielen Familien notwendig. Erst im Wirtschaftsaufschwung der 1960er und 1970er Jahre konnten es sich viele Familien leisten, dass die Mütter nicht außer Haus arbeiteten.

In der DDR war die Erwerbstätigkeit der Frauen hingegen immer selbstverständlich gewesen. Historisch gesehen entpuppt sich das „klassische“ Familienmodell also als eine Lebensform, die allenfalls zwei Jahrzehnte Bestand hatte.

Heute ist oftmals ein Kinderwunsch Anlass zur Eheschließung. Zwar heiratet man später, aber man heiratet: 90 Prozent der deutschen Bevölkerung schließen bis zum 50. Lebensjahr zumindest einmal eine Ehe.

Kurt-Helmuth Eimuth

Okt 22

Eltern in Deutschland stehen unter Druck

Evangelisches Frankfurt Oktober 2010

Es gibt viele Forschungen darüber, wie es Kindern geht. Aber wie geht es eigentlich Eltern? Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat Mütter und Väter zu ihrer Lebenssituation befragt. Ergebnis: Der Druck, alles richtig zu machen, ist groß.

Noch bis in die 1980er Jahre hinein war Kindheit quasi öffentlich: Die Kinder waren oft draußen unterwegs, auch unbegleitet von den Eltern. Soziologisch nennt man das eine Form der „öffentlichen Straßenkindheit“. Heute hingegen wird von einer „verhäuslichten Familienkindheit“ gesprochen. Das heißt: Eine immer größere Zahl von Freizeitaktivitäten wird ins Haus verlegt. Weil Geschwister- und Nachbarskinder weniger werden, nehmen gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern und geplante Freizeit mehr Raum ein als früher. Eltern werden zu „Familienmanagern“, die versuchen, die „Verinselung“ ihrer Kinder durch gezielte Freizeitgestaltung zu überbrücken. Sie investieren viel Zeit und Geld, um ihre Kinder mit anderen Kindern zusammenzubringen.

Entsprechend sind auch die Anforderungen an die Eltern gestiegen. In der Literatur spricht man von „Pädagogisierung“ der Elternrolle. Frühere Erziehungsziele wie Gehorsam, Anpassung und Pflichtbewusstsein wurden ersetzt durch ein partnerschaftlich-egalitäres Beziehungsmodell. Dabei ist es beim Aushandeln von Regeln durchaus schwierig, das richtige Maß zu finden: Es gibt verwöhnte Wunschkinder genauso wie vernachlässigte Kinder.

Nach wie vor übernehmen die Mütter den größten Teil der Kindererziehung. Fast immer sind sie es, die zeitweilig auf Berufstätigkeit verzichten. Auch Paare, die sich als gleichberechtigt und emanzipiert verstehen, kehren mit dem ersten Kind oft zu einer traditionellen Aufgabenverteilung zurück. Zwar gibt es heute „neue Väter“, die stärker in die Familienarbeit eingebunden sind als Väter früher, doch wächst gleichzeitig der Anteil derjenigen Männer, die aufgrund von Scheidung oder beruflicher Belastung nur noch sehr wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Dass Kinder es gut haben sollen, ist klar. Aber die hohen Ansprüche, die Eltern heute erfüllen müssen (oder auch an sich selbst stellen), haben auch Folgen. Sie führen nicht nur dazu, dass Frauen immer später Kinder bekommen. Auch finanziell wird genau durchgerechnet, ob man sich ein Kind „leisten“ kann. Die Gesellschaft muss hier entsprechende Unterstützung bieten, sonst wird Elternschaft nicht bejaht.

Ein ungewöhnliches Ergebnis hatte die Studie schon vor der Auswertung: Die befragten Eltern brachten große Dankbarkeit dafür zum Ausdruck, dass sich jemand tatsächlich einmal für ihre Lebenssituation interessierte. Die Möglichkeit, ungefiltert die eigenen Erfahrungen und Befindlichkeiten, insbesondere den als enorm erlebten Druck einer neutralen Person zu schildern, wurde von ihnen als sehr positiv erlebt. Dabei wurde deutlich, dass Eltern in Deutschland kein Ventil haben, das es ihnen erlaubt, ihre Anliegen zu thematisieren. Insofern boten die Gespräche auch eine Möglichkeit, aufgestaute Emotionen in einem geschützten Rahmen zum Ausdruck zu bringen.

Elternschaft wird heute subjektiv als zunehmend schwieriger zu bewältigende Aufgabe mit hohen Erwartungen erlebt, was in vielen Milieus zu massiver Verunsicherung der Eltern führt. Ein Kind zu bekommen und zu erziehen, das halten viele Menschen heute für eine so komplexe und anspruchsvolle Aufgabe, dass sie sich das kaum zutrauen.

Die Studie ist auch als Buch erschienen: Tanja Merkle und Carsten Wippermann, Eltern unter Druck, Lucius & Lucius, 29,80 Euro.

Kurt-Helmuth Eimuth