Von Kurt-Helmuth Eimuth – 10. Juli 2015

Es ist das alte Lied in der sozialen Arbeit: Wer Autos produziert, verdient bei gleichwertiger Ausbildung mehr als eine Erzieherin im Kindergarten, ein Sozialarbeiter in der Drogenhilfe oder eine Krankenschwester im Operationssaal. Die Arbeit mit und für Menschen ist weniger wert als die Arbeit an Maschinen. Jetzt hat einer der größten Gesundheitskonzerne Deutschlands, die evangelische Agaplesion AG, Alarm geschlagen.

Kurt-Helmuth Eimuth ist Leiter der Redaktion von „Evangelisches Frankfurt“. Foto: Ilona Surrey

Ein neuer Gesetzesentwurf führe zu weiteren Einsparungen beim Pflegepersonal, prognostiziert der christliche Konzern. Eigentlich ist das kaum vorstellbar. Schon jetzt steht die Pflege doch unter extremem Zeitdruck. Behutsam und sensibel soll mit Kranken umgegangen werden. Doch bei Pflege im Akkord ist dies kaum möglich.

Ein Problem sei, dass Tarifsteigerungen bei der Refinanzierung nicht vollständig übernommen werden. Eine Praxis, die die Stadt Frankfurt bei der Sozialarbeit freier Träger übrigens ebenfalls anwendet. Deshalb müssen die Kliniken Gewinne erwirtschaften, obwohl sie doch eigentlich allein der Allgemeinheit dienen sollten.

Zu Recht ist man in Deutschland stolz auf die soziale Errungenschaft einer staatlichen Gesundheitsfürsorge. Doch diese Fürsorge wird nicht stringent als Dienstleistung der öffentlichen Hand organisiert, sondern in Teilen privatwirtschaftlich. Die Krankenhäuser müssen entgegen der gesetzlichen Verpflichtung ihre Investitionskosten teils selbst finanzieren. Und dann sind da noch die Interessen der einflussreichen Pharmaindustrie. Gleichzeitig wächst die Bürokratie. Zehn Jahre und eine Milliarde Euro hat man für die Geburt der Gesundheitskarte benötigt, die nun doch nicht viel mehr kann als Namen und Adressen zu speichern. „Die durch gesunkene Patiententage eingesparte Zeit ist vollständig von patientenfernen Tätigkeiten geschluckt worden“, kritisiert Agaplesion. Will heißen: Es gibt Einsparungen durch die frühe Entlassung der Patienten und Patientinnen. Doch sie werden von der Bürokratie aufgefressen.

Gut, dass Agaplesion jetzt auf die Fehlentwicklungen hinweist. Der Gesundheitsmarkt bewegt 300 Milliarden Euro im Jahr, das sind mehr als zehn Prozent des Bruttosozialprodukts. Hier muss die Politik handeln. Sie wird es aber erst, wenn unser Wertegefühl sich ändert. Wenn wir der Krankenschwester, dem Sozialarbeiter, der Erzieherin mindestens ebenso viel Wertschätzung entgegenbringen wie dem Arbeiter bei Mercedes.

Beitrag von Kurt-Helmuth Eimuth, veröffentlicht am 10. Juli 2015 in der Rubrik Meinungen, erschienen in der Ausgabe 2015/4 – Juli, Web.