Dez 01

Vom Sinn des Schenkens

Evangelisches Frankfurt Dezember 2008

Vom Sinn des Schenkens

Bis zum Weihnachtsfest sind es nur noch wenige Wochen. Der Endspurt hat begonnen. Jedes Jahr die gleiche bohrende Frage: Was bekommt wer zu Weihnachten geschenkt? Besonders schön ist Selbstgebasteltes. Doch vor allem soll das Schenken – ebenso wie das Beschenktwerden – Spaß machen.

Warum will man Tante Erna und Onkel Willi etwas schenken, wenn diese doch selbst sagen, sie hätten schon alles? Da landet man dann schnell wieder mal bei der Seidenkrawatte und dem schönen Seifenpräsent in Geschenkpackung. Verzweiflung pur.

Oder es geht um Gegengeschenke: Haben wir nicht im letzten Jahr von den Nachbarn etwas vor die Tür gelegt bekommen? Da müssen wir dieses Jahr auch im gleichen Wert etwas schenken. Denn einseitiges Beschenktwerden beschämt. Wirklich? Das Schenken sollte doch eigentlich ein selbstloser Akt sein. Sicher hofft man, dass der Beschenkte sich freut. Aber eine gegenseitige Aufrechnung des Warenwertes gehört nicht dazu.

Auch in Kirchengemeinden kann man zusammen mit anderen Adventsschmuck basteln – so wie die siebenjährige Lara, die im Kinder- und Jugendtreff Nieder-Eschbach einen Button mit einem Weihnachtsbaum verziert hat. | Foto: Rolf Oeser

Auch in Kirchengemeinden kann man zusammen mit anderen Adventsschmuck basteln – so wie die siebenjährige Lara, die im Kinder- und Jugendtreff Nieder-Eschbach einen Button mit einem Weihnachtsbaum verziert hat.
Foto: Rolf Oeser

Menschen schenken anderen etwas, um ihnen eine Freude zu machen oder auch um ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. So gibt es in allen Religionen den Brauch des Schenkens an Bedürftige. Seit ungefähr 600 Jahren gibt es im Christentum die Bescherung an Weihnachten. Bis dahin brachte der Nikolaus am 6. Dezember die Gaben. Mandarinen, Nüsse, Äpfel und Süßigkeiten finden sich auch heute noch am Nikolaustag im Stiefel. Die großen Geschenke aber gibt es erst am Heiligen Abend. Das führt man auf einen römischen Brauch zurück: Vor 2000 Jahren feierten die Römer am Ende des Jahres die so genannten Saturnalien zu Ehren des Gottes Saturn. Während dieser Feiern machten die reicheren Leute denen, die nicht so viel Geld hatten, Geschenke. Damit wollten sie auch zeigen, wie wohlhabend sie waren.

Den eigenen Reichtum zur Schau stellen zu wollen, ist sicher kein edles Motiv. Anderen eine Freude zu bereiten, so wie die Geburt Jesu nach christlichem Glauben ein Geschenk an die Menschen ist, ist dagegen aller Ehren wert. Dabei kommt es oftmals viel mehr auf das Signal „Ich habe an dich gedacht“ als auf den materiellen Wert an. Es hat seinen Grund, dass kleine Basteleien zu Weihnachten nach wie vor hoch im Kurs stehen. Eine andere Möglichkeit ist, einfach etwas Zeit zu verschenken – für einen Kino- oder Theaterbesuch oder für ein Wochenende in der Rhön. Für die, die beim traditionellen Hantieren mit Goldfolie und Walnusshälften so ihre Schwierigkeiten haben, bietet die neue Technik der Digitalfotografie zahlreiche Möglichkeiten, kreativ gemeinsame Erinnerungen in Fotobüchern oder eigenen Collagen festzuhalten.

Und auch sozial verantwortliche Geschenke können Freude bereiten. Warum nicht ein Los der ARD-Fernsehlotterie? Gewinnchance inklusive.

Kurt-Helmuth Eimuth

Dez 01

Schenken macht das Leben reicher

Betteln ist eine Herausforderung. Die Bettler und zunehmend auch die Bettlerinnen stören. Unwillkürlich schaut man hin, um doch so zu tun, als sähe man nichts. Die Bettler unterbrechen den Gang, sie brechen die weihnachtliche Einkaufsstimmung, sie verunsichern.

Betteln gehört zum städtischen Leben einfach dazu. Und es gab noch nie so wenige Bettler wie heute. In früheren Jahrhunderten, als es noch keine Sozialversicherungen gab, wuchsen die Bettler in den Städten zu Scharen heran. Im Mittelalter bettelte etwa ein Drittel der städtischen Bevölkerung. Die Ursachen waren damals wie heute gleich: Arbeitslosigkeit, Unfälle, Alter oder auch die Verweigerung der staatlichen Hilfe. Also bleibt nur das Betteln.

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld - oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung. | Foto: Oeser

Bettlerin auf der Zeil – gerade in der Vorweihnachtszeit kein seltenes Bild. Geben oder nicht geben? Hilft mein Geld – oder wird es in Drogen und Alkohol investiert? Keine leichte Entscheidung.
Foto: Oeser

Ob sich die Art des Bettelns heute im Kern von der in der Dreigroschenoper dargestellten unterscheidet, darf bezweifelt werden. Die Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm sind in letzter Zeit verschwunden, dafür sieht man jetzt vermehrt die Menschen in besonders demutsvoller Haltung. Betteln ist eben auch nur Marketing.

Und doch, es gibt sie, die anrührenden Einzelschicksale. Menschen, die nach einem Arbeitsunfall als schwervermittelbar gelten, die aussortiert sind. Menschen, deren Ehe scheiterte und die in ihrer Verzweiflung zum Alkohol greifen. Menschen, die es nicht mehr aushielten, dass sie zu den Millionen gehören, die der Arbeitsmarkt fallengelassen hat wie eine heiße Kartoffel. Im heutigen Soziologendeutsch nennt man es prekäre Lebensverhältnisse.

Also doch lieber den Euro in den Hut werfen? Patentrezepte gibt es nicht. Aber bedenkenswert ist doch, dass alle großen Religionen die Unterstützung der Armen als eine Tugend sehen. Die Verpflegung und Beherbergung von Armen und Kranken ist ein Werk der Barmherzigkeit. Der barmherzige Samariter ist geradezu sprichwörtlich geworden.

Doch die Beziehung zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten ist nicht einseitig. Gerade das Mittelalter ist da lehrreich. So soll es Brauch gewesen sein, dass die Bettler für den Geber beteten. Der Bettler hatte eine Aufgabe, erbrachte quasi im Gegenzug für die Gabe eine Dienstleistung. Die Fürbitte war der Nutzen des Gebers. Einem anderen Menschen in der Zwiesprache mit Gott Gutes wünschen, ihn zu bedenken, ist nicht wenig.

Doch auch in anderer Weise ist der Bettler dem Schenkenden eine Hilfe. Die Freiheit zu haben, etwas abzugeben, ist auch eine Form von Lebenserfüllung. Zur Fülle des Lebens gehört offenbar das Bedürfnis des Gebens und Schenkens. Trotz des zu Recht beklagten Egoismus in der Gesellschaft hat der Mensch so etwas wie ein Grundbedürfnis, anderen etwas zu schenken.

Der andere muss aber ein sichtbares Gegenüber sein. Dem anonymen Staat gibt man nichts, den Opfern der Flutkatastrophe schon. Einfach etwas zu schenken, ohne Vorbedingung und ohne die Erwartung, etwas zurückzubekommen – das kann das Leben bereichern.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt Dezember 2006