Dez 01

„Bildung muss zweckfrei sein“

Gesine Schwan sprach in der Evangelischen Stadtakademie
Evangelisches Frankfurt Dezember 2010

„So viel schlauer und fleißiger als ich kann Herr Ackermann nicht sein, um den Einkommensunterschied zu begründen.“ Mit anschaulichen Beispielen zog die ehemalige Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin, Gesine Schwan, ihre Zuhörer und Zuhörerinnen in der Evangelischen Stadtakademie in ihren Bann. Es war spürbar, dass hier jemand spricht, die mitten unter uns lebt.

Schwan war eingeladen, um über „Talentförderung oder Elitebildung?“ zu sprechen. Sie betonte die Notwendigkeit, extreme Einkommensunterschiede zu vermeiden. Der Staat habe für eine materielle Grundsicherung zu sorgen. Bildung und Ausbildung müssten immer die Gerechtigkeit im Blick haben. Kein gutes Haar ließ Gesine Schwan am derzeitigen Bildungssystem. Der Vorrang des ökonomischen Prinzips habe die Erkenntnis verdrängt, dass Bildung zweckfrei sei. Bildung werde auf schnell verwertbares Wissen reduziert. Komplizierte Zusammenhänge könnten so nicht mehr ergründet werden: „Damit verkümmert eine Kultur der Begründung.“ Zudem „wissen wir heute nicht, was wir in 25 Jahren wissen wollen“, führte Schwan aus. Als Zeichen des Versagens wertete sie, dass über 70 000 Schüler und Schülerinnen pro Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen: „Das dreigliedrige Schulsystem selektiert zu früh und zu hart.“

Auch wenn Bildung heute scheinbar ganz oben auf der politischen Agenda stehe, würden gemessen an der wirtschaftlichen Leistungskraft die Ausgaben für Bildung in Deutschland sinken. Gesine Schwan plädierte für ein Bildungsverständnis, das Selbstvertrauen, Neugier und Geduld zum Lernen beinhaltet. Dabei habe die Familie eine hervorgehobene Bedeutung: Bildung brauche Vertrauen. Bildung beginne im Mutterleib. Gesine Schwan plädierte für reduzierte Arbeitszeiten in der Familiengründungsphase: „Die Zukunft gehört partnerschaftlichen Familien, in denen beide sich um die Kinder kümmern.“

Selbstvertrauen und Selbstachtung seien zwei Grundhaltungen, die es zu vermitteln gelte. Man solle Schülerinnen und Schüler ermutigen und ihre jeweiligen Kompetenzen sehen.So gelte es, die Zweisprachigkeit der Einwanderer zu fördern. Dieses Potential helfe auch der Wirtschaft. An der Bildung entscheide sich, „wie wir zusammen leben wollten“, ob in Konkurrenz oder in einer Kultur der Gemeinsamkeit.

Kurt-Helmuth Eimuth

Dez 01

Unter strengen Regeln

Blick hinter die Kulissen der Zeugen Jehovas
Evangelisches Frankfurt Dezember 2010

Einen Blick hinter die Kulissen der Zeugen Jehovas vermittelt das Buch „Mara im Kokon“, das die Selbsthilfeinitiative „Sinus“ gemeinsam mit der Autorin Barbara Kohout in Frankfurt vorstellte. Sechzig Jahre lang war Kohout Mitglied der „Wachturmgesellschaft“. Sie beschreibt, wenn auch erzählerisch verfremdet, den Alltag in der Sekte.

So verhinderte sie die Freundschaft ihrer Tochter mit einer Klassenkameradin: „Es waren ‚Weltmenschen‘ und somit also schlechter Umgang.“ Als die Tochter einen jungen Mann kennenlernte, der kein Zeuge Jehovas war, und es zu angeblichen „sexuellen Verfehlungen“ kam, denunzierte die Mutter das eigene Kind bei den Ältesten. Die Jugendliche musste sich vor dem Rechtskomitee der Zeugen Jehovas verantworten.

Heute spricht kein Zeuge Jehova mehr mit Barbara Kohout. „Ich werde tot geschwiegen.“ Selbst das eigene Enkelkind, noch in der Sekte, mochte die Großmutter bei Facebook nicht als „Freundin“ akzeptieren. „Gemeinschaftsentzug“ nennt man diese Praxis.

Das Buch „Mara im Kokon“ (Engelsdorfer Verlag, 14,95 Euro) sei „ein leidenschaftliches Plädoyer für Gewissensfreiheit“, sagte der Weltanschauungsbeauftragte des Bistums Limburg, Lutz Lemhöfer. Die Wachturmgesellschaft hat in Deutschland etwa 160 000 Mitglieder und ist in einigen Bundesländern, darunter auch Hessen, als Körperschaft des Öffentlichen Rechts anerkannt.

Kurt-Helmuth Eimuth

Dez 01

Weihnachten feiern – gerne auch unchristlich

Evangelisches Frankfurt Dezember 2010

Ob deutscher Weihnachtsmarkt in Birmingham, Weihnachtsdeko in China oder Christmas Cake in Japan: Die Globalisierung hat das Weihnachtsfest erfasst. Und womöglich seines Inhaltes beraubt? Denn Weihnachten ist zwar in allen Teilen der Erde präsent – doch die Botschaft von der Geburt Jesu fehlt.

Der Frankfurter Weihnachtsmarkt lockt in der Adventszeit nicht nur Tausende in die Mainmetropole, auch in England erfreut er sich wachsender Beliebtheit. In mehrere Städte exportiert die Frankfurter Tourismus und Congress GmbH original deutsches Weihnachtsgefühl: Leeds, Manchester und Edinburgh zum Beispiel. Die höchsten Besucherzahlen verzeichnet der Markt in Frankfurts Partnerstadt Birmingham. Der dortige „Frankfurt Christmas Market“ ist der größte deutsche Weihnachtsmarkt außerhalb des deutschsprachigen Raumes. Mit fast neunzig Ständen konnte er im letzten Jahr rund eineinhalb Millionen Gäste anziehen.

Der englische Ableger des Frankfurter Weihnachtsmarktes wird in großen Containern komplett aus Germany importiert: Aachener Printen, Christstollen, Nussknacker, Lammfellpantoffeln und Holzspielzeug gibt es da, selbst der Glühwein wird in Originalbechern mit dem Aufdruck „Frankfurter Weihnachtsmarkt“ serviert. Die Budenbeschriftungen sind weitgehend in Deutsch. Für viele Engländer sind Worte wie „Brot“ oder Waffeln“ eine besondere Herausforderung. Die Lebkuchenherzen tragen Aufschriften wie „Schatzi“, und auch die Preislisten sind auf Deutsch. Nur gezahlt wird in Pfund.

Zum Erfolg trägt sicher auch der Alkoholausschank unter freiem Himmel bei – was sonst in England streng verboten ist. Doch der deutsche Weihnachtsmarkt lässt eine Ausnahme zu. Am Ausgang machen große Schilder darauf aufmerksam, dass man nun wieder die alkoholfreie Normalität betritt.

Umfunktionierte Tannenbäume, die geradezu Leuchtturmqualitäten entwickeln, Bedienungen mit Nikolausmützen und allenthalben schrille Lichterketten – das mag im eher atheistischen China verwundern. Vor dem berühmten Vogelnest-Olympiastadion wird alle Jahre wieder ein riesiger Weihnachtsbaum aufgestellt.

Berichte aus dem vorweihnachtlichen China entbehren nicht einer gewissen Skurrilität: „In diesen warmen Dezembertagen sind sie ungewöhnlich gekleidet: Die Kellnerinnen vom ‚Goldenen Essstäbchen’ tragen rotweiße Weihnachtsmützen, am Schaufenster ihres Lokals hängt ein künstlicher Kranz: „Fröhliche Weihnachten!“ Und weiter berichtet das Magazin „Der Spiegel“: „Die Stände im Shin-Kong-Einkaufszentrum im Pekinger Central Business District sind ebenfalls mit Tannenbäumen und mit bunten Geschenkpaketen dekoriert. Aus den Lautsprechern dudelt Jingle Bells, Weihnachtskränze hängen an den Wänden, im Supermarkt gibt es Baumkugeln zu kaufen. Ein Weihnachtsbaum aus Plastik, rund einen halben Meter hoch, kostet 78 Yuan (rund acht Euro). In der Supermarktkette Jingkelong gibt es ihn schon für 48 Yuan.“

Gerade in Ländern, in denen zunehmender Wohlstand einen großen Nachholbedarf in Sachen Internationalisierung und Anerkennung hervorruft, ist Weihnachten immer beliebter. Für die junge, sich westlich gebende Generation gehört das mit zum neuen Lebensstil. Ein Grund, wa-
rum gerade der Weihnachtsmann in China so schnell aufgenommen wurde, liegt sicher auch in der Symbolik der Farbe Rot, die im traditionellen chinesischen Kontext als Glücksfarbe gilt.

Die religiöse Bedeutung des Festes bleibt dabei weitgehend unbekannt. Zwar dürfen die wenigen Christinnen und Christen auch in China Gottesdienste feiern. Doch ganz einfach haben es die Kirchengemeinden dort nicht. Die Regierung genehmigt nur die Aktivitäten einer einzigen christlichen Kirche, an deren Spitze ein vom Staat akzeptierter Bischof steht. Für alle, die sich dem nicht unterwerfen wollen, bleibt nur die gefährliche Hinwendung zur so genannten Untergrundkirche.

In Japan gehören weniger als zwei Prozent der Bevölkerung dem christlichen Glauben an. Trotzdem steigt auch hier die Popularität des Weihnachtsfestes. Wieder sind es die Jungen, die den neuen Brauch gerne aufgreifen. Ihnen kommt entgegen, dass es üblich ist, sich an Weihnachten zu beschenken – auf höfliche Gesten legt man im Land der Mitte besonderen Wert. Das Beschenken wird deshalb gerne und häufig zelebriert.

In Japan sind vor allem die Illuminationen in der dunklen Jahreszeit sehr beliebt. Ganze Straßenzüge werden beim so genannten „Light up“ in buntes Licht getaucht. Der japanische Fremdenverkehrsverein wirbt mit diesem besonderen Erlebnis: „Zur Winterzeit werden in verschiedenen Orten im ganzen Land Straßenzüge mit ausgefallenen Lichterdekorationen in ein abendliches Lichtreich verwandelt. In der dunkelsten Jahreszeit wird ein Spaziergang im Lichterschein zu einer fröhlichen, aber auch besinnlichen Erfahrung.“ In der Stadt Sendai findet im Rahmen der Beleuchtungen auch eine Parade von als „Santa Claus“ verkleideten Menschen statt.

Schon im Jahr 1549 hat mit dem Jesuitenpater Franziskus Xaverius der erste christliche Missionar das Land betreten. Mit ihm kam auch das Weihnachtsfest in das japanische Inselreich. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Fest zunehmend amerikanisiert. Genau wie in Amerika bringt seither Santa Claus am 25. Dezember Geschenke.

Eine Besonderheit ist in Japan der Christmas Cake, den es um die Weihnachtszeit zu kaufen gibt, und der von Fremdenverkehrsvereinen als Besonderheit vermarktet wird: Es handelt sich um eine kleine Sahnetorte mit Erdbeeren, die als typisches Weihnachtsessen gilt. Sie sorgte dafür, dass das Wort „Weihnachten“ hier in aller Munde ist: Als „liegengebliebenen Weihnachtskuchen“ bezeichnet man in Japan nämlich etwas despektierlich ältere unverheiratete Frauen.

Doch wer über diese Sinnentleerung und Metamorphose des Weihnachtsfestes die Nase rümpft, bedenke, dass erst seit gut einem Jahrzehnt Halloween in Deutschland als Partyfest Einzug gehalten hat. Wen interessiert es da, dass es keltischen Ursprungs ist – und zwischenzeitlich auch christlich aufgeladen wurde.

Kurt-Helmuth Eimuth