Jun 01

Es kommt nicht nur aufs Geld an

Evangelisches Frankfurt Juni 2008

Es kommt nicht nur aufs Geld an
Zwischen Armut und Benachteiligung unterscheiden

Mit dem Thema Kinderarmut hat sich kürzlich auch der Jugendwohlfahrtsausschuss der Stadt Frankfurt beschäftigt. In ihrer Analyse bilanzierte Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit, dass Armut in erster Linie ein strukturelles Problem und erst in zweiter Linie eine Folge individuellen Verhaltens sei. Als zentrale Ursachen benannte die Sozialwissenschaftlerin Erwerbslosigkeit und Nie-drigeinkommen. Besondere Risiken bestehen für Alleinerziehende und kinderreiche Familien.

Gleichwohl zeigte Holz auf, dass auch arme Eltern das Wohl ihrer Kinder im Auge haben. Bei der Verteilung des knappen Familienbudgets sparten sie zunächst an ihren eigenen Ausgaben und eben nicht bei den Kindern. Holz wörtlich: „Das Bild, arme Eltern kümmern sich nicht um ihre Kinder, ist zu streichen.“

Herbert Jacobs vom Jugendamt plädierte dafür, zwischen Armut und Benachteiligung zu unterscheiden. „Es kann benachteiligte Kinder geben, die nicht arm sind, und arme Kinder, die nicht notwendigerweise auch benachteiligt sind.“ Rein zahlenmäßig gebe es vermutlich sogar mehr Kinder, die zwar nicht arm, aber benachteiligt sind, als Kinder, die gleichzeitig beides sind.

Die Probleme der Stadtgesellschaft lassen sich auch im Anteil der Kinder und Jugendlichen (bis 14 Jahre), die Sozialhilfe bekommen, deutlich ablesen. Denn dieser ist in den einzelnen Stadtteilen höchst unterschiedlich: Während ihr Anteil im Gallus, in Höchst, in Sossenheim, im Riederwald, in Fechenheim und dem Gutleutviertel um die 40 Prozent pendelt, liegt er in Harheim, Nieder-Erlenbach und dem südlichen Westend unter fünf Prozent.

Bis zum Herbst will der Jugendhilfeausschuss Vorschläge erarbeiten, wie der Kinderarmut in Frankfurt besser begegnet werden kann. „Wir müssen uns noch gezielter um die betroffenen Familien kümmern, damit sich die Bildungs- und Entwicklungschancen der Kinder und Jugendlichen verbessern“, sagte Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Der Jugendhilfeausschuss ist gemäß Sozialgesetzbuch Teil des Jugend- und Sozialamtes. Das Gremium setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Politik, der freien Träger und der Verwaltung zusammen, Vorsitzende ist die Sozialstadträtin. Der Ausschuss bestimmt insbesondere darüber, wie die von der Stadtverordnetenversammlung bewilligten Mittel für die Jugendhilfe verteilt werden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Apr 01

Kontakt zu Menschen und zur Arbeitswelt

Auch in Frankfurter Kirchengemeinden suchen „Ein-Euro-Jobber“ nach Perspektiven

Im Gemeindebüro der Heddernheimer Thomasgemeinde ist Leben. Die Sekretärin kümmert sich um die Anliegen einer Besucherin, der Hausmeister lässt sich etwas am Computer erklären. Geduldig und kompetent gibt Richard Petermann ihm Auskunft. Der 37 Jahre alte Verwaltungsfachangestellte gehört nicht zum festen Mitarbeiterstamm der Gemeinde. Er ist einer der „Frankfurt-Jobber“, also einer von denen, die sich zum Arbeitslosengeld II noch 1,50 Euro die Stunde dazuverdienen.

Richard Petermann an seinem Arbeitsplatz in der Thomasgemeinde: „Ich will nicht aufgeben“ sagt der arbeitslose Verwaltungsfachmann, der sich über seinen „Ein-Euro-Job“ beim Diakonischen Werk freut. | Foto: Eimuth

Richard Petermann an seinem Arbeitsplatz in der Thomasgemeinde: „Ich will nicht aufgeben“ sagt der arbeitslose Verwaltungsfachmann, der sich über seinen „Ein-Euro-Job“ beim Diakonischen Werk freut.
Foto: Eimuth

Petermann hat sich selbst um die Stelle in der Thomasgemeinde bemüht. „Ich will nicht aufgeben“, sagt er kämpferisch. Und er ist sichtlich zufrieden mit seiner Wahl: „Ich fühle mich hier sehr wohl, so als ob ich schon zwanzig Jahre dazugehöre.“ Kein Wunder, denn er hilft im Büro, gibt sein Wissen weiter – auch an die Pfarrer. Petermann ist im Einsatz, wenn es darum geht, Obdachlosen oder älteren Menschen zu helfen. Zwar ist die Zukunft ungewiss, trotzdem fällt seine Bilanz positiv aus: „Jeder Tag hier war für mich ein Gewinn.“

Bis zu 150 „Arbeitsgelegenheiten“, so die genaue Bezeichnung für das, was gemeinhin Ein-Euro-Job oder Frankfurt-Job genannt wird, kann das Diakonische Werk für Frankfurt zur Zeit anbieten – meistens soziale Tätigkeiten, wenn zum Beispiel eine Hilfe beim Einkauf gebraucht wird oder jemand einem Sehbehinderten vorlesen soll. Aber auch beim Heckenschneiden oder Glühbirnenaustauschen sind die Frankfurt-Jobber zu finden.

„Die Erfahrungen sind so unterschiedlich wie die Menschen“ sagt Jürgen Simon von der Koordinationsstelle für Arbeitsgelegenheiten beim Evangelischen Regionalverband. „Für die einen sind die Arbeitsgelegenheiten ein Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt, andere bekommen nach vielen Jahren wieder Kontakt zu Menschen und damit etwas Anerkennung, wieder andere überwinden ihre persönlichen Schwierigkeiten auch nicht.

Jürgen Simon sucht immer wieder Arbeitsgelegenheiten für sein Klientel. Das ist gar nicht so einfach. Zum einen sollen und dürfen nicht durch Finanzknappheit wegfallende Stellen durch Ein-Euro-Jobs ersetzt werden. Zum anderen bedürfen die eingesetzten Menschen der Begleitung, der Wertschätzung und der Förderung: „Die Leute wollen gelobt werden.“ Doch für Lob und Motivation bedarf es eben auch der Menschen, die vor Ort präsent sind. Angesichts der ausgedünnten Personaldecke in den Kirchengemeinden ist dies gar nicht so einfach.

Derzeit werden Sonderprogramme für jüngere und ältere Arbeitslose aufgelegt. Die Jungen sollen eine Ausbildung erhalten, die über 58-Jährigen können bis zu drei Jahren in der Arbeitsgelegenheit bleiben und haben so einen nahtlosen Übergang in die Rente. Die Koordinationsstelle hofft auf noch mehr Engagement von Seiten der Kirchengemeinden in dieser Sache. Sie sucht nach Einsatzorten, aber auch nach Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung. Denn schließlich sollen die Arbeitsgelegenheiten nicht nur psychisch stabilisieren, sondern auch qualifizieren.

Darauf hofft auch Richard Petermann: Sein Vorgänger hat schließlich eine reguläre Anstellung gefunden.

Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt April 2007