Nachbarn und doch fremd

Im Alltag ist der Dialog zwischen den Religionen oft schwieriger als in der Theorie

Juden, Christen und Muslime sind längst Nachbarn geworden und doch ist das Gespräch über den eigenen Glauben weniger selbstverständlich als der gemeinsame Einkauf im Supermarkt. Wie schwierig und problematisch das Miteinander ist, zeigt derzeit zum Beispiel die Diskussion um die Errichtung eines islamischen Kulturzentrums in Rödelheim. Auch ein von der Cyriakusgemeinde veranstalteter Diskussionsabend brachte keine Klarheit, ob es bei der Kritik am Standort ausschließlich um Sachargumente wie eine weitere Verkehrsbelastung im Stadtteil geht, oder ob da auch die Angst vor dem Fremden mitschwingt.
Mit den Schwierigkeiten des interreligiösen Dialogs beschäftigte sich kürzlich auch eine Veranstaltung der Evangelischen Stadtakademie. Provokativ stellte dort der Mainzer Hochschullehrer Notger Slenczka fest: „Das Christentum ist ursprünglich nicht eine tolerante Tradition“. Vielmehr sei die heutige eher tolerante Ausrichtung des Christentums geschichtlich gewachsen. Der Wahrheitsanspruch gehöre in einem gewissen Grad zu jeder Religiosität. Deshalb müsse auch der öffentliche Bereich weltanschaulich neutral sein, meinte Slenczka.
Von einem solch weltanschaulich freien Bereich merke er allerdings in Deutschland wenig, entgegnete Daniel Krochmalnik als Vertreter für das Judentum. Es sei nicht einfach, gegen den christlichen Wochenrhythmus den Sabbat zu begehen. Im Bezug auf den häufig als intolerant eingeschätzten Islam betonte Amir Zaidan von der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen, dass es im muslimischen Denken keinen Platz für Rassismus gebe. Alle Menschen seien vor Gott gleich. Allerdings räumte Zaidan ein, dass es ein Problem mit der Abkehr vom Islam gebe. „Abtrünnige“ seien heute jedenfalls theoretisch noch mit der Todesstrafe bedroht, auch wenn diese nicht ausgeführt werde.
Als ein markantes Kriterium stellte sich bei der Diskussion die „Binnentoleranz“ heraus. Eine Religion könne nur dann tolerant sein, wenn sie das auch innerhalb der eigenen Gemeinschaft sei. Häufig sei der Kampf gegen den Einfluss anderer Religionen ein Zeichen für den eigenen Glaubenszweifel, die eigene Unsicherheit.
Es ist zu wünschen, dass in Rödelheim der Konflikt um den Standort des islamischen Kulturzentrums als Chance für einen offenen, kritischen Dialog genutzt wird. Der interreligiöse Alltag ist eben viel schwieriger als der akademische Dialog.
Kurt-Helmuth Eimuth

Evangelisches Frankfurt, Ausgabe November 2000 · 24. Jahrgang · Nr. 6

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