{"id":93,"date":"2002-12-01T13:37:32","date_gmt":"2002-12-01T13:37:32","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=93"},"modified":"2002-12-01T13:37:32","modified_gmt":"2002-12-01T13:37:32","slug":"was-machte-gott-bevor-er-die-welt-erschaffen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=93","title":{"rendered":"Was machte Gott, bevor er die Welt erschaffen hat?"},"content":{"rendered":"<p>Evangelisches Frankfurt, Dezember 2002<\/p>\n<p>Viele Eltern scheuen sich, mit Kindern \u00fcber religi\u00f6se Fragen zu sprechen.<br \/>\nWeit verbreitet ist die Meinung, dass die Kinder lieber sp\u00e4ter, wenn sie daf\u00fcr reif sind, selbst entscheiden sollen, wie sie es mit der Religion halten wollen. Allerdings stellen schon Kindergartenkinder religi\u00f6se Fragen, zum Beispiel nach dem Tod, nach dem Sinn der Welt. Daher meinen Theologen und P\u00e4dagogen: Kinder haben ein Recht auf Religion.<br \/>\nNoch vor zwei Jahrzehnten waren viele Eltern der Meinung, dass in den Kinderzimmern eher die Ballade vom Baggerf\u00fchrer Willibald erklingen sollte als das alte und schreckliche M\u00e4rchen vom Aschenputtel. Schlie\u00dflich seien M\u00e4rchen grausam und k\u00f6nnten Angst ausl\u00f6sen. Heute gilt das als \u00fcberholt. Es war der Psychologe Bruno Bettelheim, der unmissverst\u00e4ndlich feststellte: Kinder brauchen M\u00e4rchen \u2013 und viele geben ihm inzwischen Recht.<\/p>\n<p>Auch Religion im Kindesalter ist ein Reizthema. Viele Eltern scheuen sich, ihrem Kind religi\u00f6se Werte nahe zu bringen, wohl auch deshalb, weil sie oft selbst durch Missverst\u00e4ndnisse und Fehlentwicklungen gepr\u00e4gt wurden. Da gab es den strafenden Gott, der alles sieht und stets und \u00fcberall die Einhaltung der Regeln \u00fcberwacht. Und da gab es eine Kirche, die religi\u00f6se Erziehung als Eingliederung der Kinder in die Gemeinde missverstand. Es geht aber nicht um die Rekrutierung von Nachwuchs f\u00fcr die Kirche, sondern darum, das Kind religi\u00f6s zu begleiten. Die Kirche kann dabei freilich eine wichtige Rolle spielen.<br \/>\nKinder haben ein Recht auf Religion, davon ist etwa der T\u00fcbinger Theologe Friedrich Schweitzer \u00fcberzeugt. Damit will er hervorheben, dass das Kind \u2013 wie es JanuszKorczak einmal formulierte \u2013 ein Recht hat, so zu sein, wie es ist. Und zu dem kindlichen Erleben geh\u00f6ren eben auch religi\u00f6se Fragen.<br \/>\nPasst Oma Erna in die Urne? Wohnt Gott im Himmel? Solche Kinderfragen sind nichts anderes als die ihnen gem\u00e4\u00dfe Art, sich \u00fcber die drei existenziellen Fragen des Menschseins Gedanken zu machen: Woher komme ich, wer bin ich, wohin gehe ich? Kinder wollen sich verorten. Sie k\u00f6nnen stundenlang zuh\u00f6ren, wenn Oma von ihrer Kindheit und von der Kindheit der Mutter erz\u00e4hlt. Sie stellen sich unbek\u00fcmmert vor, wo all die Vorfahren jetzt leben, und sie stellen pr\u00e4zise die Frage nach der eigenen Endlichkeit: Muss ich auch sterben?<br \/>\nWeil sie sogar schon im Kindergartenalter eine so fantasievolle Art haben, existenzielle Themen zu bedenken und zu bearbeiten, sprechen P\u00e4dagogen auch von Kindern als Philosophen. Man k\u00f6nnte auch sagen: Kinder sind Theologen, denn sie denken \u00fcber die Dinge nach, die uns \u201eunbedingt angehen\u201c \u2013 so hat Paul Tillich die Frage nach Gott einmal definiert.<br \/>\nNat\u00fcrlich sind Kinder nicht Philosophen und Theologen in einem wissenschaftlichen Sinn. Aber sie haben die F\u00e4higkeit, gehaltvolle religi\u00f6se Fragen aufzuwerfen und sogar Antworten zu formulieren. Und sie erwarten auch ernst gemeinte Antworten von den Erwachsenen. Ihre Fragen k\u00f6nnen die Eltern oft gleichzeitig schmunzeln lassen und ins Schwitzen bringen: Ist Oma jetzt ein Engel? M\u00fcssen Engel auch atmen? Gibt es Luft im Himmel? Haben Engel auch Ferien? Was hat Gott gemacht, bevor er die Welt erfunden hat?<br \/>\nSolche Kinderfragen ernst zu nehmen und zu beantworten, ist gar nicht so leicht. Mit einem R\u00fcckzug auf die Naturwissenschaft oder mit Plattit\u00fcden geben sich Kinder in der Regel nicht zufrieden. Anregungen zum religi\u00f6sen \u201eDisput\u201c mit Kindern gibt aber die Bibel. Denn hier finden sich \u00dcberlieferungen zu dem Woher und Wohin des Menschen, zum Beispiel in der Sch\u00f6pfungsgeschichte. Die Bibel erz\u00e4hlt Geschichten, die auch Unerkl\u00e4rliches ausdr\u00fccken k\u00f6nnen und die auch Kinder verstehen. Die Erz\u00e4hlungen von Krankheit und Heilung machen Aussagen zu Tod und Sterben. Um Werte und Moral geht es in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf oder den Arbeitern vom Weinberg. Die Frage nach Gott spielt in fast allen Erz\u00e4hlungen der Bibel eine Rolle.<br \/>\nSicherlich sind diese Geschichten auch Teil des kulturellen Erbes und allein schon deshalb von Bedeutung. In den uralten \u00dcberlieferungen erfahren die Kinder, wie Menschen ihre Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Nach christlicher Auffassung wird Gott durch die biblische \u00dcberlieferung erkennbar. Doch dies bedeutet keinesfalls, dass Kinder mit der Bibel alleine gelassen werden sollten. Kinder eignen sich Geschichten an, auch biblische Geschichten. Sie denken sich hinein, sie identifizieren sich mit einer Figur, sie spielen sie nach. Und sie haben, wie die Erwachsenen \u00fcbrigens auch, das Recht, die Geschichten f\u00fcr sich zu interpretieren. Das hei\u00dft keineswegs, dass Erwachsene ihnen nicht widersprechen, Missverstandenes nicht auch falsch nennen d\u00fcrften. Im Gegenteil \u2013 das ist doch ein guter Einstieg ins Gespr\u00e4ch.<br \/>\nSicher ist nicht jede biblische Geschichte f\u00fcr jedes Alter geeignet. Und manches Thema findet sich in der Bibel in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld, wie etwa die Frage des interreligi\u00f6sen Miteinanders. Der Islam, der heute im Alltag der Kinder pr\u00e4sent ist, ist j\u00fcnger als das Christentum. Er entstand 622 nach Christi Geburt. Schon deshalb kann er in der Bibel nicht vorkommen.<br \/>\nSich mit Kindern \u00fcber religi\u00f6se Fragen auseinander zu setzen ist eine Herausforderung. Doch wer sich ihr stellt, wird viel lernen. Der Religionsp\u00e4dagoge Friedrich Schweitzer beschreibt diesen Prozess so: \u201eDas Recht des Kindes auf Religion ist kein Recht gegen die Erwachsenen. Dieses Recht ist vielmehr auch f\u00fcr die Erwachsenen, die nicht nur allesamt selber einmal Kinder waren, sondern die auch selber davon profitieren, wenn sie Kinder in religi\u00f6ser Hinsicht begleiten. Kinderfragen sind nicht deshalb gro\u00df, weil Kinder noch klein sind \u2013 sie sind gro\u00df, weil sie auch noch so gro\u00dfe Menschen umtreiben.\u201c<br \/>\nKurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Eltern scheuen sich, mit Kindern \u00fcber religi\u00f6se Fragen zu sprechen.Weit verbreitet ist die Meinung, dass die Kinder lieber sp\u00e4ter, wenn sie daf\u00fcr reif sind, selbst entscheiden sollen, wie sie es mit der Religion halten wollen. Allerdings stellen schon Kindergartenkinder religi\u00f6se Fragen, zum Beispiel nach dem Tod, nach dem Sinn der Welt. 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