{"id":852,"date":"1999-08-25T05:20:07","date_gmt":"1999-08-25T05:20:07","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=852"},"modified":"2020-12-29T19:55:33","modified_gmt":"2020-12-29T17:55:33","slug":"romane-zum-thema-sekten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=852","title":{"rendered":"Romane zum Thema Sekten"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/Gottjehova1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-864\" title=\"Gottjehova\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/Gottjehova1-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\"><\/a>Von Geldhaien von Seelenfischern: \u00dcber Sekten im Roman<\/strong><br \/>\nHelle Aufregung in der Familie: ein Mitglied ist in eine Sekte abgetaucht. Aber kein Jugendlicher hat sich dem zweifelhaften Guru an den Hals geworfen, sondern die ebenso gesicherte wie gelangweilte Mittelstandsgattin mittleren Alters. Das k\u00f6nnte Thema einer betulichen Reportage mit erhobenem Zeigefinger sein, aber der amerikanische Autor John Updike macht daraus einen deftig-witzigen Briefroman. &#8222;S.&#8220; &#8211; so signiert die Guru-J\u00fcngerin ihre Briefe an die besorgten erwachsenen Kinder. \u00c4hnlichkeiten zur &#8222;Bhagwan&#8220;-Farm in Oregon sind nat\u00fcrlich rein zuf\u00e4llig. .. Und ebenso hat die &#8222;Kirche f\u00fcr angewandte Philosophie&#8220; im Krimi &#8222;Gottesgem\u00fcse&#8220; des deutschen Autors J\u00fcrgen Kehrer nat\u00fcrlich rein gar nichts mit der real existierenden Scientology-Organisation zu tun&#8230; Das Thema &#8222;Sekten&#8220; hat Konjunktur &#8211; auch im Genre des ernsthaften Unterhaltungsromans. Das hat gute Gr\u00fcnde. Immer geht es um menschliche Extremsituationen: Euphorie und tiefe Depression, qu\u00e4lende Abh\u00e4ngigkeit und fanatischer Missionseifer, Autorit\u00e4t und Aufbegehren. Fiktiv und im Modell besonders krass beschreibt Margaret Atwood in ihrem &#8222;Report der Magd&#8220; die qu\u00e4lende Zukunftsvision einer Sekte an der Macht: eine w\u00fcrdige Fortsetzung von Orwells Roman &#8222;1984&#8220;. Sehr viel allt\u00e4glicher, aber nicht weniger bedrohlich, zeichnet Patricia Highsmith das Psychogramm einer christlich-fundamentalistischen Sekte. In selbstgef\u00e4lliger Rechthaberei und gnadenlosem Missionsdrang treiben sie Menschen in den Tod, diese &#8222;Leute, die an die T\u00fcr klopfen&#8220;. Ein milderes, zwischen obskurem Eifer und menschlicher W\u00e4rme schwankendes Bild, entwirft Anne Tyler in ihrem Roman &#8222;Fast ein Heiliger&#8220; von der &#8222;Kirche der zweiten Chance&#8220;, die dem Titelhelden tats\u00e4chlich eine zweite Chance gibt, mit einer Lebensschuld auf konstruktive Weise umzugehen. Hart an der Realit\u00e4t bleibt schlie\u00dflich der Sektenexperte Hans J\u00f6rg Hemminger von der Evangelischen Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen in seinem kriminalistischen Sammelband &#8222;Das Duell der Gurus&#8220;. In dessen Kurzgeschichten wird man rasch verschiedene bekannte Gew\u00e4chse aus dem Dschungel der neuen Religiosit\u00e4t wieder entdecken. Manchmal werden in der Fiktion die Dinge &#8222;bis zur Kenntlichkeit entstellt&#8220; und damit erst sichtbar. Ein treffliches Verfahren, sich besonders mit den religi\u00f6sen Gruppierungen auseinanderzusetzen, deren Propaganda und Realit\u00e4t so extrem auseinanderklaffen wie bei Sekten aller Art. Ihre Struktur, ihre Zw\u00e4nge, ihre Verhei\u00dfungen und ihre Bedrohlichkeit k\u00f6nnen im Medium der Literatur aufs beste dargestellt werden. Sektenkunde einmal anders. Sehr empfehlenswert!<br \/>\nLutz Lemh\u00f6fer<\/p>\n<p><strong>LESEPROBE <\/strong><\/p>\n<p><strong>Hansj\u00f6rg Hemminger, LOREL SUN GIBT AUF<\/strong><br \/>\n( &#8230; ) Schlie\u00dflich betrat Lorel Sun den Raum &#8211; oder soll ich sagen: Er hatte seinen Auftritt? Der Meister trug Mokassins und ein wallendes, buntes Gewand, das wohl an eine indianische Webdecke erinnern sollte. Aber der Kopf war ganz unindianisch: blond, nordisch-lang, mit ausgepr\u00e4gtem Kinn, schweren Augenlidern und buschigen, hellen Brauen. Zu meiner \u00dcberraschung sprach er ein annehmbares Deutsch, der amerikanische Akzent f\u00fcgte seinen Worten gerade genug Exotik hinzu, um sie noch eindrucksvoller werden zu lassen. Mit weit ausholenden, feierlichen Handbewegungen begr\u00fc\u00dfte uns Sun, um sich schlie\u00dflich voller W\u00fcrde in dem Armsessel am Kamin niederzulassen. In einfachen Worten schilderte er die starken, positiven Energien, die er im Raum sp\u00fcren k\u00f6nne, sprach von negativen Kr\u00e4ften, die er durch seine vorbereitende Lichtmeditation abgewehrt habe, und leitete dann zu einer gemeinsamen Mantra-Meditation \u00fcber. Ein blasser, dicklicher junger Mann schlug auf ein Zeichen hin in kurzen Abst\u00e4nden eine bronzene Klangschale an, und die Anwesenden fielen mit einem getragenen, gesummten &#8222;Oooooom&#8220; ein. Dann folgten Paar\u00fcbungen, die mir eher peinlich waren. Gerne h\u00e4tte ich sie mit Marius gemacht, aber der griff sich demonstrativ eine junge Frau zu seiner Rechten, eine angehende Lehrerin, wie ich sp\u00e4ter erfuhr. Ich musste mit einer sehr viel \u00e4lteren Frau links von mir Vorlieb nehmen. Gl\u00fccklicherweise erinnerte sie mich an meine Haus\u00e4rztin, so dass sich die Peinlichkeit in Grenzen hielt, selbst als sie mich dazu brachten, mich auf dem Berberteppich auszustrecken und mir von ihr das Bauch-Chakra bestrahlen zu lassen. Die Bestrahlung bestand darin, dass die Pseudo-\u00c4rztin ihre Handfl\u00e4che wenige Zentimeter \u00fcber meinem Nabel schweben lie\u00df, um die Energien zu konzentrieren, die von Lorel Suns H\u00e4nden ausgingen, die er in der Mitte der Runde hoch in die Luft hielt. Nicht ganz wahrheitsgem\u00e4\u00df erkl\u00e4rte ich meiner Partnerin, dass ich die W\u00e4rme f\u00fchlen k\u00f6nnte, die von ihrer Hand auf mich \u00fcberstr\u00f6mte, weigerte mich aber mit einem Hinweis auf meine Unf\u00e4higkeit, ihre guten Dienste im Chakren-Bestrahlen zu erwidern. Marius zeigte keine solchen Hemmungen. Er hatte zuerst mit Hingabe Energien auf den Bauchnabel der Junglehrerin gelenkt und lie\u00df sich nun selbst &#8222;behandeln&#8220; ( &#8230; ) (aus: Hansj\u00f6rg Hemmingen, Das Duell der Gurus, Kriminalf\u00e2lle aus dem Sektenmilieu, S. 33 f, Brunnen-Verlag, Gie\u00dfen 1994)<\/p>\n<p><strong>Pfarrer, Rabbis, Detektive: \u00dcber Religion im Kriminalroman<\/strong><br \/>\nMancher hat nicht nur eine Leiche im Keller, sondern ein Skelett auf der Orgelempore. So jedenfalls in dem Kirchenkrimi des norddeutschen Pfarrers Christian Uecker &#8222;Wenn der Tod tanzt&#8220;. Ueckers B\u00fccher beweisen wieder einmal mehr, dass Krimi und Religion gar nicht wenig miteinander zu tun haben. Seit Chestertons legend\u00e4rem Pater Brown ist die Garde geistlicher Detektive gr\u00f6\u00dfer und bunter geworden: Die Reihe reicht von William Kienzles progressiv-katholischem Gemeindepfarrer in Chicago \u00fcber Harry Kemelmans Rabbi, der Kriminalf\u00e4lle mit Hilfe des Talmud l\u00f6st, bis zu Tony Hillermans Navajo-Polizisten, der sich in der Freizeit zum Schamanen ausbilden l\u00e4sst. Die geistlichen Detektive l\u00f6sen ihre F\u00e4lle zumeist nicht durch hektische Aktionen und waffenstarrende Verfolgungsjagden, sondern durch genaue Beobachtung und tiefe Menschenkenntnis. Die Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele sind ihnen sozusagen von Berufs wegen vertraut. Dem kommt eine Eigenart der Gattung Kriminalroman entgegen: Es geht nie um Banalit\u00e4ten. Alles dreht sich um Schuld und S\u00fchne, Leidenschaft und Verzweiflung, Recht und Unrecht. Themen also, die auch die Theologie betreffen. Und im besseren Krimi ist wie in der besseren Theologie zu lernen, dass Schuld und Unschuld im Menschenleben nicht immer so klar verteilt sind wie im Lehrbuch. Die menschliche Gerechtigkeit bleibt br\u00fcchig und harrt nach wie vor der Erl\u00f6sung. Niemand beschreibt dies so subtil wie die gro\u00dfe alte Dame des britischen Kriminalromans, Dorothy Sayers. Die anglikanische Pfarrerstochter und Verfasserin religi\u00f6ser Dramen l\u00e4sst ihren Meisterdetektiv Lord Peter Wimsey immer wieder \u00fcber die Frage stolpern, ob seine kriminalistischen Sp\u00fcrjagden letztlich mehr Recht oder mehr Opfer hervorbringen. Die Antwort eines Geistlichen spiegelt auch die christliche Grundposition der Autorin: &#8222;\u00dcbergeben Sie den Misset\u00e4ter der Gerechtigkeit, aber vergessen Sie dabei nicht, dass auch Sie und ich nicht davonkommen w\u00fcrden, wenn uns allen Recht gesch\u00e4he.&#8220; (Lutz Lemh\u00f6fer)<\/p>\n<p><strong>Lesetip: <\/strong><br \/>\nG.K. Chestertons Geschichten um Pater Brown sind in verschiedenen Sammelb\u00e4nden zug\u00e4nglich. Von Harry Kemelman sind alle B\u00fccher zu empfehlen, die den &#8222;Rabbi&#8220; im Titel f\u00fchren. Die Romane von Tony Hillerman und Christian Uecker haben durchg\u00e4ngig auch Religion zum Thema; bei Dorothy Sayers empfehlen sich besonders die Romane &#8222;Der Glocken Schlag&#8220;, &#8222;Ein Toter zuwenig&#8220; und &#8222;Keines nat\u00fcrlichen Todes&#8220;, dem auch das Zitat entnommen ist.<\/p>\n<p><strong>Dorothy L. Sayers<\/strong><br \/>\n<strong>KEINES NAT\u00dcRLICHEN TODES<\/strong><br \/>\n<strong>LESEPROBE AUS: <\/strong><br \/>\nDorothy L.Sayers, Keines nat\u00fcrlichen Todes (Unnatural Death&#8220;). Kriminalroman, cop. deutsche Rechte bei Scherz Verlag Bern und M\u00fcnchen<br \/>\nMiss Climpson war eine von denen, die immer sagen: &#8222;ich geh\u00f6re nicht zu denen, die anderer Leute Post lesen.&#8220; Das ist f\u00fcr alle eine deutliche Warnung, dass sie zu eben dieser Sorte geh\u00f6ren. Dabei sagen sie nicht einmal die Unwahrheit; es ist der reine Selbstbetrug. Die Vorsehung hat sie lediglich wie die Klapperschlangen mit einer Warnrassel ausgestattet. Wer nach dieser Warnung immer noch dumm genug ist, seine Korrespondenz in Reichweite liegenzulassen, ist eben selbst schuld. Miss Climpson warf einen raschen Blick auf das Blatt. In den Anleitungen zur Gewissenserforschung, wie sie an Rechtgl\u00e4ubige manchmal ausgegeben werden, ist oft ein sehr unkluges Abs\u00e4tzchen enthalten, das f\u00fcr die unschuldige Weltfremdheit seiner Verfasser B\u00e4nde spricht. Da bekommt man zum Beispiel den Rat, zur Vorbereitung auf die Beichte seine Missetaten in einer Liste zusammenzufassen, damit einem nicht die eine oder andere Schlechtigkeit durch die Lappen geht. Nat\u00fcrlich hei\u00dft es, man solle nicht die Namen anderer Leute draufschreiben, den Zettel weder seinen Freunden zeigen noch irgendwie herumliegen lassen. Aber solche Missgeschicke passieren nun einmal &#8211; und dann k\u00f6nnte dieses Verzeichnis der S\u00fcnden das Gegenteil dessen bewirken, was die Kirche im Sinn hat, wenn sie den Gl\u00e4ubigen bittet, dem Priester seine S\u00fcnden ins Ohr zu fl\u00fcstern, und vom Priester verlangt, sie im selben Augenblick zu vergessen, da er den Beichtenden losspricht &#8211; als w\u00e4ren sie nie ausgesprochen worden. Jedenfalls war k\u00fcrzlich jemand von den auf diesem Blatt Papier verzeichneten S\u00fcnden reingewaschen worden wahrscheinlich letzten Samstag -, und dann war der Zettel unbemerkt zwischen Kniekissen und Beichtstuhl geflattert und dort den Augen der Reinemachefrau entgangen. Da lag er nun, dieser Bericht, der f\u00fcr Gottes Ohr allein bestimmt gewesen war &#8211; hier lag er offen auf Mrs. Budges rundem Mahagonitisch vor den Augen eines sterblichen Mitmenschen. Eine geschlagene halbe Stunde sa\u00df Miss Climpson f\u00fcr sich allein und k\u00e4mpfte mit ihrem Gewissen. Ihre angeborene Neugier sagte: &#8222;Lies&#8220;. Ihre religi\u00f6se Erziehung sagte: &#8222;Du darfst nicht lesen.&#8220; Ihr Pflichtgef\u00fchl gegen\u00fcber ihrem Auftraggeber Wimsey befahl: &#8222;\u00dcberzeuge dich.&#8220; Ihr Gef\u00fchl f\u00fcr Anstand sagte: &#8222;Lass das bleiben.&#8220; Und eine schrecklich ungehaltene Stimme grollte finster: &#8222;Es geht um Mord. Willst du zur Komplizin eines M\u00f6rders werden?&#8220; Sie kam sich vor wie Lancelot Gobbo zwischen Gewissen und Versucher &#8211; aber welche Stimme geh\u00f6rte dem Versucher und welche dem Gewissen? &#8230;.<br \/>\nZusammenstellung: Lutz Lemh\u00f6fer 1999<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Geldhaien von Seelenfischern: \u00dcber Sekten im Roman Helle Aufregung in der Familie: ein Mitglied ist in eine Sekte abgetaucht. Aber kein Jugendlicher hat sich dem zweifelhaften Guru an den Hals geworfen, sondern die ebenso gesicherte wie gelangweilte Mittelstandsgattin mittleren Alters. 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