{"id":74,"date":"2001-06-01T13:12:56","date_gmt":"2001-06-01T13:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=74"},"modified":"2001-06-01T13:12:56","modified_gmt":"2001-06-01T13:12:56","slug":"gott-gib-gas-ich-will-spas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=74","title":{"rendered":"Gott gib Gas, ich will Spa\u00df!"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_75\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Speyer_Dom_meph666-2005-Mar-15.jpg\" target=\"_self\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75\" class=\"size-thumbnail wp-image-75\" title=\"Speyer_Dom_meph666-2005-Mar-15\" src=\"https:\/\/eimuth.de\/wp-content\/uploads\/Speyer_Dom_meph666-2005-Mar-15-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75\" class=\"wp-caption-text\">Speyer Dom<\/p><\/div>\n<p>&#8222;Kirche muss wieder Spa\u00df machen&#8220;, stand k\u00fcrzlich auf dem Programmheft einer Veranstaltung namens &#8222;Great Ding-Dong&#8220;. Zu diesem \u00f6kume-nischen Jugendfestival in Speyer mit Freeclimbing am Dom, Techno-Messen und Modenschau kamen die Jugendlichen in Massen. Ist das die Zukunft der Kirche &#8211; die frohe Botschaft verpackt als &#8222;Event&#8220; in der &#8222;Fun-Gesellschaft&#8220;? &#8211; von Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p>Man traf sich am Ostermontag in Frankfurts Innenstadt. Die einen mit langer Tradition und unvermindertem Engagement &#8211; es war ein Gr\u00fcppchen von f\u00fcnfhundert Ostermarschiererinnen und -marschierern, die sich da auf dem Paulsplatz versammelten. Nur wenige hundert Meter entfernt starteten 80.000 Menschen zum zweiten &#8222;Goethespaziergang&#8220;, einem \u00fcberaus erfolgreichen neuen Eventangebot der Stadt. Eine typische Situation in einer an Spa\u00df und Unterhaltung orientierten Gesellschaft. Aber mal ehrlich: Auch ich stehe nicht mehr inmitten der Friedensbewegten und h\u00e4tte wohl eher bei Nina Hagens Versuch der Vertonung der Texte des gro\u00dfen Frankfurter Dichters vorbeigeschaut, als mich nochmals der Richtigkeit des Anliegens der Abr\u00fcstung zu versichern.<br \/>\nDie Zeiten \u00e4ndern sich und die Menschen in ihnen eben auch. Die Geschichte des Christentums h\u00e4tte ohne seine Anpassungsf\u00e4higkeit sicher nicht diese beispiellose Erfolgsbilanz vorzuweisen. Immerhin begann das &#8222;Unternehmen Kirche&#8220; ganz bescheiden mit einem Dutzend Menschen, und vor 2000 Jahren war nicht absehbar, dass die Christusbewegung einmal zu einem &#8222;Global Player&#8220; in Sachen Religion werden w\u00fcrde.<br \/>\nDoch derzeit stecken die Kirchen in einer konjunkturellen Delle. Die Analyse zeigt: Es handelt sich nicht um eine kurzfristige Absatzschw\u00e4che, sondern um eine strukturelle Krise. Das hat zwei Gr\u00fcnde: Zum einen haben sie ihr religi\u00f6ses Monopol verloren, und zum anderen ist Religion per se weniger gefragt. Daf\u00fcr finden sich religi\u00f6s anmutende Rituale und Verhaltensweisen inzwischen auch ganz woanders: Jugendliche Massen singen bei Popkonzerten mit Inbrunst ihre Hymnen und entz\u00fcnden Feuerzeug oder Wunderkerze. Auf der Internationalen Automobilausstellung wird das Auto als Allerheiligstes pr\u00e4sentiert, und die Werbung verspricht &#8222;magische Kr\u00e4fte&#8220; durch den Genuss eines Magenbitters.<br \/>\nDer Mensch ist offenbar unheilbar religi\u00f6s. Die Voraussage, dass Religion bald tot sein w\u00fcrde, hat sich als falsch erwiesen. Religi\u00f6se Bed\u00fcrfnisse gibt es immer, und sie werden auch gestillt &#8211; entweder in einem s\u00e4kularen Umfeld oder von einem der zahlreichen Anbieter auf dem religi\u00f6sen Markt. In dieser Situation m\u00fcssen sich die Kirchen fragen, was &#8211; um einen Ausdruck aus dem Marketing-Deutsch zu gebrauchen &#8211; ihr &#8222;Kerngesch\u00e4ft&#8220; ist. Die Kirche hat letztlich nicht mehr (aber auch nicht weniger) anzubieten als ihre \u00dcberzeugung, die gute Botschaft. Diesen Bereich gilt es zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Der Zeitgeist verlangt nach so genannten &#8222;Events&#8220;, hier str\u00f6men die Massen, wie etwa beim allj\u00e4hrlichen Wolkenkratzerfestival in Frankfurt, an dem sich auch die Kirchen beteiligen (Foto oben). Auch Gottesdienste mit Event-Charakter wie &#8222;Go Special&#8220; im hessischen Niederh\u00f6chstadt boomen (Foto unten). &#8211; Fotos: Oeser, epd-Bild\/Neetz<br \/>\nReligion wird dadurch zur Religion, dass sie neben einer \u00dcberzeugung und einem auf das Jenseits ausgerichteten Glaubensgeb\u00e4ude auch einen Ritus hat, der aufgrund von Glaubens\u00fcberzeugungen zelebriert wird.<br \/>\nZur Religion geh\u00f6ren nicht nur inhaltliche \u00dcberzeugungen, die sich an den Verstand richten, sondern vor allem auch Emotionen. Die Menschen suchen nicht in erster Linie eine Lehre, sondern ein Gef\u00fchl, das sie tr\u00e4gt. Sie suchen einen Weg zu Gott, weil sie sp\u00fcren, dass ihre eigene Existenz begrenzt ist. Sie suchen einen Weg, um mit ihrer eigenen Endlichkeit umzugehen, gerade in einer Welt des scheinbar Perfekten. Es ist die Aufgabe der Kirche, Wege f\u00fcr eine solche Suche zu \u00f6ffnen. Und in der Tat erfreut.<br \/>\nsich die Kirche dort, wo solche Wege angeboten werden, eines deutlichen Zulaufs &#8211; vom &#8222;Kloster zur Probe&#8220; bis zum meditativen Tanz. Viele Menschen finden durch solche Angebote wieder Zugang zum Glauben, gelegentlich auch zur Kirche. Das ist kein Aufruf zur blo\u00dfen Innerlichkeit, denn selbstverst\u00e4ndlich bilden das Ora et Labora, das Beten und Arbeiten, Kontemplation und Kampf, wie es in der \u00f6kumenischen Gemeinschaft von Taiz\u00e9 hei\u00dft, eine Einheit.<br \/>\nDabei kommt der Bildung eine besondere Bedeutung zu. Im Kindergarten k\u00f6nnen die alten Geschichten von Gott und der Welt in kindgerechter Sprache erz\u00e4hlt werden, k\u00f6nnen Kinder die biblischen Geschichten nachspielen und sie zu ihrer eigenen Lebenssituation in Beziehung setzen. Eine wichtige Rolle haben dabei nat\u00fcrlich auch die Pfarrerinnen und Pfarrer. In den vergangenen Jahrzehnten \u00fcbernahmen sie jedoch zunehmend andere, eher ausbildungsferne Aufgaben. Einige sind zu Managern ihrer Gemeinden geworden, haben Kompetenzen in Spezialgebieten wie dem Abrech- nungswesen oder dem Sozialgesetzbuch erworben und sind nebenbei auch noch Bauleiter. Kirchengemeinden stehen in der Gefahr, zuweilen mehr Sozialstation als spirituelles Zentrum zu sein. Das Angebot an Gottesdiensten ist n\u00e4mlich vergleichsweise schmal: Sonntags morgens, 10 Uhr, klassische Form &#8211; anderes ist selten zu haben.<br \/>\nAn Ideen fehlt es nicht. Schon Jahrzehnte alt ist der Vorschlag, am Wochenende von Freitagabend bis Sonntagabend in der Stadt Gottesdienste mit unterschiedlicher Pr\u00e4gung anzubieten: Erstens hat sich das Wochenendverhalten der Menschen ge\u00e4ndert, au\u00dferdem haben sie unterschiedliche Vorlieben. F\u00fcr die einen ein Gospelgottesdienst, f\u00fcr die anderen ein Schweige-Gottesdienst, Sakro-Pop, ja auch Techno-Gottesdienste sind denkbar und w\u00fcnschenswert.<br \/>\nEine einzelne Gemeinde ist damit \u00fcberfordert. Aber angesichts all der Sonderpfarrstellen, die es ja l\u00e4ngst gibt, kann nicht ein Mangel an Pfarrstellen das Problem sein. Solche Ideen stehen einfach nicht ganz oben auf der Tagesordnung. Dabei zeigen die Erfolge von Go-Special in Niederh\u00f6chstadt, die monatlichen Frauengottesdienste und auch die charismatischen Gottesdienste mit ihrer problematischen fundamentalistischen Ausrichtung, dass solche Zielgruppenangebote angenommen werden.<br \/>\nIn der katholischen Kirche werden solche Fragen klar strategisch entschieden. So will man in Bremen durch die Etablierung eines Klosters mitten in der Stadt ein spirituelles Zentrum schaffen. Welche Chancen ein solches Zentrum hat, kann man bereits in der katholischen Liebfrauenkirche in Frankfurt sehen. Sie ist mit ihren zahlreichen Gottesdiensten, der M\u00f6glichkeit zum Aufstellen einer Kerze, dem Internet-Auftritt und ihrer Hilfe f\u00fcr Obdachlose wirklich ein spirituelles Zentrum geworden.<br \/>\nDer Kirchentag hat es immer vermocht, die beiden Seiten von Religion zu vereinen &#8211; er war immer &#8222;Kampf und Kontemplation gleichzeitig. Und es deutet alles darauf hin, dass auch der Frankfurter Kirchentag 2001 gleichzeitig politisch und spirituell sein wird. Er ist eben durchaus ein Mega-Event, aber auch ein riesiger, f\u00fcnf Tage dauernder Gottesdienst.<br \/>\nKurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<p><strong>Evangelisches Frankfurt, Ausgabe Juni 2001 \u00b7 25. Jahrgang \u00b7 Nr. 4<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Kirche muss wieder Spa\u00df machen&#8220;, stand k\u00fcrzlich auf dem Programmheft einer Veranstaltung namens &#8222;Great Ding-Dong&#8220;. Zu diesem \u00f6kume-nischen Jugendfestival in Speyer mit Freeclimbing am Dom, Techno-Messen und Modenschau kamen die Jugendlichen in Massen. Ist das die Zukunft der Kirche &#8211; die frohe Botschaft verpackt als &#8222;Event&#8220; in der &#8222;Fun-Gesellschaft&#8220;? &#8211;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[59,60,58],"class_list":["post-74","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","tag-event","tag-gesellschaft","tag-kinder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=74"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/eimuth.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}