{"id":664,"date":"2007-07-01T18:02:33","date_gmt":"2007-07-01T18:02:33","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=664"},"modified":"2007-07-01T18:02:33","modified_gmt":"2007-07-01T18:02:33","slug":"kirche-fur-verschiedene-welten-und-milieus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=664","title":{"rendered":"Kirche f\u00fcr verschiedene Welten und Milieus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie wird sich die evangelische Kirche in den  n\u00e4chsten zehn, zwanzig Jahren ver\u00e4ndern? Was bedeuten die gegenw\u00e4rtigen  Reformdebatten konkret f\u00fcr die Stadt Frankfurt? Ein Gespr\u00e4ch mit  Pfarrerin Esther Gebhardt und Professor Wolfgang Neth\u00f6fel.<\/strong><\/p>\n<p>Welche Bedeutung haben die gegenw\u00e4rtigen Reformdebatten (siehe unten) f\u00fcr die evangelische Kirche in Frankfurt?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> In allen Papieren wird zum ersten Mal  die besondere Situation der Gro\u00dfstadt gewertet und gewichtet. In  Frankfurt hatten wir es immer schwer, zu vermitteln, dass wir eigene  Arbeitsschwerpunkte bilden m\u00fcssen und dass wir die Notwendigkeit zur  Ver\u00e4nderung oft schon viel fr\u00fcher erleben und erkennen. Das klassische  Gemeindemodell greift hier schon l\u00e4ngst nicht mehr so, wie es vielleicht  in l\u00e4ndlicheren Gebieten noch vorhanden ist.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Frankfurt hat als Stadt ja auch eine  europaweite Bedeutung. Entwicklungen zeigen sich hier nicht nur  besonders schnell, sie verdichten sich auch st\u00e4rker. Ich bin  Kirchenvorsteher im Bahnhofsviertel, und das ist mit all seinen  Problemen ein besonderer Stadtbezirk, wie er eigentlich nur mit Berlin  und mit New York vergleichbar ist. Wir haben also eine Modellfunktion,  und wir k\u00f6nnen mit guten Gr\u00fcnden sagen, dass wir hier in Frankfurt  andere und teilweise auch mehr Ressourcen brauchen.<\/p><\/blockquote>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2007\/07\/seite06_oben.jpg\" alt=\"Foto: Rolf Oeser\" \/><\/p>\n<div>\n<div>Foto: Rolf Oeser<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Hat sich die klassische Ortsgemeinde in Frankfurt \u00fcberlebt?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Das kann man so nicht sagen. Man kann  aber in Frankfurt besonders gut zeigen, dass die traditionelle  Ortsgemeinde nicht die einzige Gemeindeform sein kann. Wir brauchen  unterschiedliche Gemeindeformen, und daf\u00fcr muss man  kirchenorganisatorisch einen Rahmen finden.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> In der Vergangenheit ist die Diskussion  meist als ein Entweder-Oder gef\u00fchrt worden \u2013 auf der einen Seite die  Ortsgemeinde, die sich verunsichert f\u00fchlt, auf der anderen Seite die  Spezialpfarr\u00e4mter, etwa in der City-Seelsorge oder in der  Notfallseelsorge, die immer das Gef\u00fchl hatten, sie m\u00fcssten sich  legitimieren. Aber das ist eine falsche Blickrichtung. Die  Differenziertheit gro\u00dfst\u00e4dtischen Lebens zeigt ja gerade, dass es  unterschiedliche Welten und Milieus gibt. Wir haben vor allem am  Stadtrand Gemeinden, die d\u00f6rflich strukturiert sind und ihren  traditionellen Gemeindepfarrer brauchen, und wir haben  Innenstadtgemeinden, in denen d\u00f6rfliche Sehns\u00fcchte und st\u00e4dtische  Mobilit\u00e4t nebeneinander existieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Frau Gebhardt, Sie haben eine Idee aufgegriffen, die schon seit gut  zwanzig Jahren in Frankfurt diskutiert wird, n\u00e4mlich dass am<br \/>\nWochenende verschiedene Gottesdienste zu unterschiedlichen Uhrzeiten und  f\u00fcr unterschiedliche Zielgruppen angeboten werden m\u00fcssten. Warum kriegt  die Kirche das immer noch nicht hin?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> Weil noch immer jede Gemeinde glaubt,  alle Angebote vorhalten zu m\u00fcssen. Aber das wird eine einzelne Gemeinde  in Zukunft nicht mehr leisten k\u00f6nnen. Sie wird sich mit ihren  Nachbargemeinden zusammensetzen m\u00fcssen und fragen: Wer kann was  anbieten, damit m\u00f6glichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen  Bed\u00fcrfnissen angesprochen werden? Junge Familien wollen heute h\u00e4ufig  nicht sonntags fr\u00fch  zum Gottesdienst gehen, sondern sie wollen lieber  in Ruhe gemeinsam fr\u00fchst\u00fccken. Aber m\u00f6glicherweise w\u00fcrde ihnen ein  gemeinsamer Gottesdienstbesuch nachmittags gut passen.<\/p><\/blockquote>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2007\/07\/seite07_links.jpg\" alt=\"Esther Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben geh\u00f6rt es, die notwendigen Strukturver\u00e4nderungen vor Ort in konkrete Projekte zu fassen. | Foto: Rolf Oeser\" \/><\/p>\n<div>\n<div>Esther  Gebhardt ist Pfarrerin und seit 1990 Vorstandsvorsitzende des  Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, in dem sich Gemeinden und  Dekanate der Stadt zusammengeschlossen haben. Zu ihren Aufgaben geh\u00f6rt  es, die notwendigen Strukturver\u00e4nderungen vor Ort in konkrete Projekte  zu fassen.<\/div>\n<div>Foto: Rolf Oeser<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Brauchen wir auch besonders hervorgehobene Kirchen, zum Beispiel die Katharinenkirche an der Hauptwache?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Wenn wir der evangelischen Kirche in  Frankfurt ein erkennbares Profil geben wollen, m\u00fcssen wir aus der  Katharinenkirche so etwas machen wie den Berliner Dom oder den Hamburger  Michel. Es ist eine Riesenchance, dass wir diese prominente Kirche  haben, und die m\u00fcssen wir nutzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Thema im Hintergrund ist auch die Ausdifferenzierung in  verschiedene Milieus, gerade in der Stadt. Welche Antworten kann eine  Volkskirche da finden?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Die Daten, die uns da von Soziologen  geliefert werden, legen den Kurzschluss nahe, wir m\u00fcssten f\u00fcr alle  Milieus in gleicher Weise und in gleicher St\u00e4rke da sein. Aber das ist  nicht richtig. Sondern wir sind f\u00fcr diejenigen da, die uns am meisten  brauchen. Trotzdem m\u00fcssen wir aufmerksam schauen, wen wir mit unserem  derzeitigen Angebot wirklich erreichen, und \u00fcberlegen, ob wir das so  wollen. Wir sprechen als Kirche eine sehr b\u00fcrgerliche Schicht an, und  das wird sowohl vom Angebot als auch von der Nachfrage her immer enger.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> Wer Unterhaltung oder Event haben will,  muss daf\u00fcr nicht zwingend zur Kirche gehen. Sinnvoll finde ich den  Ansatz, Orte auch vor\u00fcbergehender Begegnungen zu schaffen, wie etwa  Citykirchen, wo man sich nicht gleich verpflichtet, aktiv mit in das  kerngemeindliche Leben einzutreten. Noch viel spannender finde ich es,  zu sehen, wo die Schnittpunkte sind, an denen viele Menschen der  Kirche  begegnen, also im Kindergarten, bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen.  Ich treffe immer wieder Menschen, die die Kirche bei solchen  Gelegenheiten negativ oder positiv erlebt haben und zwanzig Jahre sp\u00e4ter  noch dar\u00fcber reden und sagen, diese Beerdigung oder diese Erfahrung war  f\u00fcr sie so pr\u00e4gend, dass sie sich entweder von der Kirche ab- oder ihr  neu zugewendet haben. Diese Kontakte m\u00fcssen mit Sorgfalt gestaltet  werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>K\u00f6nnte es also in Zukunft  spezialisierte Pfarrerinnen und Pfarrer  geben, weil der eine besonders gut beerdigen, die  andere besonders gut  predigen kann?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Ein Gro\u00dfraum wie Frankfurt hat  tats\u00e4chlich besondere Chancen, durch eine gute Personalpolitik die  Menschen dorthin zu bringen, wo sie ihre Talente und Gaben auch  besonders gut entfalten k\u00f6nnen. Aber dahinter steht ja noch ein anderes  Problem: Religi\u00f6se Bed\u00fcrfnisse \u00e4u\u00dfern sich nicht nur in Formen, f\u00fcr die  wir bereits kirchliche Angebote haben. Die Menschen gehen zum Teil ins  Kino oder zu bestimmten Events, um sich dort religi\u00f6s zu orientieren.  Wie beantworten die Menschen denn faktisch die Frage: Woher komme ich,  wo geht das Ganze hin, welchen Sinn hat es, und wie soll ich mich daher  hier verhalten? Solche religi\u00f6sen Kernfragen werden teilweise von den  Kirchen nicht mehr zufriedenstellend beantwortet. Wir m\u00fcssen uns mit  unserem Angebot auch immer wieder kritisch selber in Frage stellen: Sind  wir denn wirklich da, wo wir als Kirche tats\u00e4chlich gebraucht werden?<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> Da komme ich auch noch mal zu einem  Kernproblem dieser ganzen kirchlichen Reformpapiere: Wir arbeiten im  Wesentlichen immer noch an der Findung neuer Strukturen vor dem  Hintergrund zur\u00fcckgehender Kirchensteuereinnahmen. Das ist aber nicht  das Thema, mit dem wir die Herzen der Menschen gewinnen, sondern  eigentlich eine Hausaufgabe, die wir stillschweigend zu erledigen  h\u00e4tten. Die gro\u00dfe Herausforderung ist, wie wir auf die religi\u00f6sen Fragen  der Menschen antworten und wie wir ihnen \u00fcberhaupt wieder helfen, ihre  religi\u00f6sen Fragen und ihre Suche neu zu entdecken. Was bedeutet denn die  Auferstehung? Was sind die Dinge, die uns im Leben und im Sterben  tragen? Was bedeutet die Trinit\u00e4t, der dreieinige Gott, f\u00fcr uns heute?  Diesen Fragen sind wir in den letzten Jahrzehnten zu oft aus dem Weg  gegangen. Aber hier setzt gl\u00fccklicherweise auch eine Neubesinnung der  Kirche ein.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> Ich halte es auch f\u00fcr eine Falle, wenn  wir unseren Erfolg als Kirche von dem klassischen Kernangebot her  definieren. Dieses Angebot ist ja oft fast wie ein Club organisiert, wo  sich immer dieselben Leute zu immer demselben Ereignis treffen. Erfolg  hei\u00dft dann: Wir finden mehr Leute, die da mitmachen. Aber eine solche  Sichtweise f\u00fchrt, glaube ich, in eine Spirale hinein, wo der Misserfolg  vorprogrammiert ist.<\/p><\/blockquote>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2007\/07\/seite06_unten.jpg\" alt=\"Wolfgang Neth\u00f6fel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor f\u00fcr Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universit\u00e4t Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg teilgenommen. | Foto: Rolf Oeser\" \/><\/p>\n<div>\n<div>Wolfgang  Neth\u00f6fel ist Kirchenvorsteher in der Hoffnungsgemeinde und Professor  f\u00fcr Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universit\u00e4t  Marburg sowie Organisationsberater im kirchlich-sozialen Bereich. Im  Januar hat er am Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Wittenberg  teilgenommen.<\/div>\n<div>Foto: Rolf Oeser<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Zumal ja in dieser Frage, welche Antworten es auf grundlegende  Sinnfragen gibt, die Kirche mittlerweile in Konkurrenz steht zu anderen  Religionen, der katholischen Kirche, dem Islam, der Esoterik.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> Wir m\u00fcssen uns angesichts dieser  Konkurrenz gar nicht so sehr be\u00e4ngstigen lassen. Fr\u00fcher war mal die  Esoterik das ganz gro\u00dfe Thema, jetzt sind es vielleicht andere. Ich  glaube, wir sollten einfach bei unserer Linie bleiben. Die viel gr\u00f6\u00dfere  Herausforderung sehe ich darin, was wir denen entgegensetzen, die sagen,  dass sie gar keine Transzendenz brauchen, dass sie auch ohne eine  religi\u00f6se Antwort oder eine religi\u00f6se Lebensdeutung leben k\u00f6nnen. Das  finde ich viel spannender.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was ist Ihre Prognose: Wie sieht die evangelische Kirche in Frankfurt in zehn, zwanzig Jahren aus?<\/p>\n<blockquote><p><strong>Gebhardt:<\/strong> So wesentlich anders als heute wird sie  nicht aussehen. Prozesse in der Kirche gehen nicht revolution\u00e4r oder  eruptiv vonstatten, sondern sehr langsam. Wir werden gr\u00f6\u00dfere  Zusammenschl\u00fcsse von Gemeinden haben, die Kleinteiligkeit der derzeit  sechzig evangelischen Gemeinden in Frankfurt wird sich nicht aufrecht  erhalten lassen. Wir werden weniger Geb\u00e4ude haben, wir werden weniger  Hauptamtliche haben, daf\u00fcr wird das Ehrenamt an Bedeutung und auch an  Einfluss gewinnen. Die Kirche wird \u00e4rmer und wohl auch \u00e4lter, wenn wir  auf die demografische Entwicklung schauen. Bestimmte  Schwerpunktbildungen haben wir in Frankfurt ja auch schon vorgenommen,  etwa bei der Jugendkulturkirche oder der Diakoniekirche. Aber es wird  auch in zwanzig Jahren noch Gemeindepfarr\u00e4mter geben, und ich glaube,  wir tun auch gut daran, Themen, Orte, Menschen und auch Feiertage und  Feste zu profilieren und herauszustellen und weiter unsere eigenen  Themen zur Sprache zu bringen. Wir werden kleiner \u2013 aber wir m\u00fcssen  deswegen ja nicht auch Geist-loser werden.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><strong>Neth\u00f6fel:<\/strong> In der Tat schwimmt da ein Tanker, und  die Prozesse werden langsam und z\u00f6gerlich ablaufen, etwa wie Frau  Gebhardt sie beschreibt. Ich denke aber, dass in den kommenden zehn  Jahren, also in einer Zeit, wo zun\u00e4chst noch scheinbar alles weiter  seinen Gang geht, Entscheidungen fallen, die sich dann in zwanzig Jahren  erheblich auswirken werden. Ich zweifle n\u00e4mlich daran, dass die  rechtliche Rahmensituation, in der unsere Kirche sich heute noch  befindet, als eine durch Kirchensteuer finanzierte K\u00f6rperschaft des  \u00f6ffentlichen Rechts mit Personal im Beamtenstatus, langfristig Bestand  haben wird. Wie es danach weiter geht, das h\u00e4ngt von den Entscheidungen  ab, die in n\u00e4chster Zeit fallen. Das ist die spannende Herausforderung,  vor der wir stehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Interview: Kurt-Helmuth Eimuth und Antje Schrupp<\/p>\n<h6>Evangelisches Frankfurt Juli 2007<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wird sich die evangelische Kirche in den n\u00e4chsten zehn, zwanzig Jahren ver\u00e4ndern? Was bedeuten die gegenw\u00e4rtigen Reformdebatten konkret f\u00fcr die Stadt Frankfurt? Ein Gespr\u00e4ch mit Pfarrerin Esther Gebhardt und Professor Wolfgang Neth\u00f6fel. 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