{"id":622,"date":"2008-12-01T17:20:41","date_gmt":"2008-12-01T17:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/eimuth.de\/?p=622"},"modified":"2008-12-01T17:20:41","modified_gmt":"2008-12-01T17:20:41","slug":"der-religion-geht-es-nicht-um-gefuhle-sondern-um-die-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eimuth.de\/?p=622","title":{"rendered":"\u201eDer Religion geht es nicht um Gef\u00fchle, sondern um die Wahrheit\u201d"},"content":{"rendered":"<div id=\"eintrag-986\">\n<h6>Evangelisches Frankfurt Dezember 2008<\/h6>\n<p><strong>Der scheidende Kirchenpr\u00e4sident Peter  Steinacker<\/strong> spricht mit \u201eEvangelisches Frankfurt\u201c \u00fcber das Wesen der  Religion, k\u00fcnftige Probleme f\u00fcr die Kirche und die Herausforderung, die  der Islam und der Buddhismus f\u00fcr das westliche Christentum bedeuten.<\/p>\n<p>Herr Steinacker, Ihre Amtszeit war von einem gro\u00dfen  Neustrukturierungsprozess und letztlich dem Zur\u00fcckgehen der  Kirchensteuern gepr\u00e4gt. Auch wenn im Moment die Kassen voll sind, wie  sieht die Zukunft der Kirche aus?<\/p>\n<blockquote><p>Unsere gr\u00f6\u00dfte Problematik ist die demografische Entwicklung. Daran  k\u00f6nnen wir nichts \u00e4ndern. Das andere ist eine neue Form von  Religiosit\u00e4t, die nicht mehr nach Inhalten und nach Wahrheit fragt,  sondern sich mit der subjektiven Pr\u00e4sentation des eigenen Glaubens  beruhigt. Dagegen ist es unsere traditionelle \u00dcberzeugung, dass es im  christlichen Glauben und in der Religion \u00fcberhaupt um Wahrheit geht. Das  heute plausibel zu vermitteln, ist eine schwierige geistliche Aufgabe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sehen Sie ein Wiedererstarken einer gewissen Religiosit\u00e4t, die aber keine Kirchlichkeit ist?<\/p>\n<blockquote><p>Ja. Und diese Religion sieht anders aus als die Religion, die ich  noch als Junge von meinen Eltern oder von meinen Pfarrern oder auch von  gesellschaftlichen Diskursen her gewohnt war.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das eine Religion der Selbstinszenierung, der Selbstvergewisserung?<\/p>\n<div><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/evangelischesfrankfurt.de\/images\/2008\/12\/seite03_oben.jpg\" alt=\"16 Jahre lang war Peter Steinacker Kirchenpr\u00e4sident in Hessen und Nassau, der Landeskirche, zu der auch Frankfurt geh\u00f6rt. Im Januar geht er in den Ruhestand. | Foto: Rolf Oeser\" \/><\/p>\n<div>\n<div>16  Jahre lang war Peter Steinacker Kirchenpr\u00e4sident in Hessen und Nassau,  der Landeskirche, zu der auch Frankfurt geh\u00f6rt. Im Januar geht er in den  Ruhestand.<\/div>\n<div>Foto: Rolf Oeser<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<blockquote><p>Das ist richtig. Selbstvergewisserung ist zun\u00e4chst ein positives  Stichwort, denn ohne Gewissheiten kann kein Mensch handeln. Auch der  christliche Glaube ist dazu da, das Selbst eines Menschen zu st\u00e4rken.  Problematisch wird es, wenn diese pers\u00f6nliche Best\u00e4rkung dann genug sein  soll. Und wenn das einzige Kriterium f\u00fcr die Echtheit oder die Wahrheit  einer Religion die Form der Pr\u00e4senta\u00ad tion ist. Gegen diesen Trend muss  die Kirche argumentieren und auch Menschen pr\u00e4gen, vom Kindergarten an.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist denn eine Konsumgesellschaft wie die unsere nicht zwangsl\u00e4ufig  eine der Selbstinszenierung? Es werden in Wahrheit nicht Waren, sondern  Gef\u00fchle verkauft?<\/p>\n<blockquote><p>Ja. Aber das Problem dabei ist, dass auch Gef\u00fchle zu Waren werden.  Das habe ich schon im Studium bei Adorno gelernt: Der Warencharakter  pr\u00e4gt sich tief bis in die Ver\u00e4stelungen unserer Seelen ein. Dagegen  hilft nur theologische Kritik.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine andere gro\u00dfe Herausforderung ist sicherlich der Islam. Ist der Islam eine Gefahr f\u00fcr das Christentum?<\/p>\n<blockquote><p>Ja und Nein. Die Integration des Islam ist gesellschaftlich eine  gro\u00dfe Herausforderung, denn viele seiner Traditionen sind in eine  s\u00e4kulare Gesellschaft, wie sie das Grundgesetz voraussetzt, nicht  einfach \u00fcbertragbar. Die Menschen, die auf Dauer bei uns und mit uns in  Europa leben wollen, m\u00fcssen sich in vielerlei Hinsicht ver\u00e4ndern.  Zugleich muss sich auch unsere Gesellschaft dauerhaft ver\u00e4ndern, damit  Integration \u00fcberhaupt gelingt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Wir werden lernen, mit Menschen anderer Religionen in neuartiger  Weise zusammenzuleben. Das sind wir nicht gewohnt. Aber das ist unsere  Zukunft, denn die Menschen islamischen Glaubens haben Religionsfreiheit  wie wir, und man darf sie ihnen nicht vorenthalten. Theologisch kommt es  sehr darauf an, wie man miteinander tolerant umgeht. Bei den  fundamentalistischen Gruppierungen sowohl im Islam als auch im  Christentum wird man dabei nichts erreichen. Anders ist es mit den  gespr\u00e4chsbereiten Muslimen. Hier pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, dass wir mit ihnen  in einem offenen und zugewandten Dialog bleiben, der die Differenzen  klar benennt und von gegenseitiger Achtung lebt.<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>F\u00fcr viel schwieriger halte ich aber die stille und fast unmerkliche  Mission seitens des \u00f6stlichen Buddh\u00ad ismus im Westen. Beim Islam  erkennt man schnell die Differenzen. Beim Buddhismus ist das viel  komplizierter, weil er sich in seinen Schattierungen viel leichter mit  anderen Religionen verbinden kann, so dass Differenzen gar nicht  auffallen. J\u00fcrgen Klinsmann stellt Buddha-Statuen in die Kabine von  Bayern M\u00fcnchen und erwartet davon \u201eGood Vibrations\u201c. Das ist  fern\u00f6stliche Magie im posts\u00e4kularen Westen! Schon ein starkes St\u00fcck! Und  es zeigt, was da Neues passiert. Ein anderes Beispiel sind die  Verschiebungen in der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Viele  Menschen halten mittlerweile die \u00f6stliche Vorstellung von einer  Reinkarnation f\u00fcr viel plausibler als die christliche Hoffnung von der  Auferstehung der Toten, und sie halten sie manchmal sogar f\u00fcr eine  christliche Denkm\u00f6glichkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wobei diese Vorstellung falsch ist, da die Wiedergeburt im Buddhismus keine Erl\u00f6sung ist, sondern eine Strafe.<\/p>\n<blockquote><p>Hier zeigt sich, wie Versatzst\u00fccke verschiedener Religionen und  Weltdeutungen zu etwas Neuem verkn\u00fcpft werden. Bei der Wiedergeburt ist  der Einfluss der Anthroposophie erkennbar. Sie hat diese fern\u00f6stliche  Vorstellung in die eigene Welttheorie integriert und umfunktioniert. Bei  ihr wird die Welt zur Schule, die Seelenwanderung zum Erziehungsmodell.  Fr\u00fcher haben wir mit Schulen (Bildung), Krankenh\u00e4usern (Heilung) und  Gottesdiensten den Osten missioniert. Jetzt kommen diese  Missionsmethoden im Gewand der \u00f6stlichen Religionen zu uns zur\u00fcck.  Darauf sind wir nicht vorbereitet. Damit werden wir noch viel zu tun  haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir haben in Frankfurt zu viele kirchliche Geb\u00e4ude. Die  Auseinandersetzung um die Matth\u00e4uskirche erf\u00e4hrt bundesweites Interesse.  Wie sehen Sie die Entwicklung?<\/p>\n<blockquote><p>Den vom Evangelischen Regionalverband in Frankfurt eingeschlagenen  Weg, die Zahl kirchlicher Geb\u00e4ude zu verringern, halte ich f\u00fcr leider  nicht zu vermeiden. Als ich in Frankfurt aufgewachsen bin, waren wir  440000 Evangelische. Jetzt sind wir knapp 140000, haben aber nahezu die  gleiche Zahl an Gemeinden und Kirchen. Wir m\u00fcssen vermutlich einige  Kirchen aufgeben. Neue Gemeindestrukturen k\u00f6nnen ja auch eine Chance  sein und neuen Schwung bringen. Was ich dabei vermeiden m\u00f6chte, ist die  Abgabe von Kirchen an andere Religionsgemeinschaften, denn die Geb\u00e4ude  haben eine Geschichte und eine theologische \u00c4sthetik, die man ihnen  ansieht, und die dann f\u00fcr Irritationen sorgen w\u00fcrden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Position der Evangelischen Kirche in Deutschland ist glasklar: Lieber abrei\u00dfen als eine Kirche in eine Moschee umwandeln.<\/p>\n<blockquote><p>Diese Auffassung teile ich. Nicht, weil ich den Muslimen keine  Moscheen g\u00f6nnen w\u00fcrde, sondern weil es f\u00fcr alle besser ist, wenn sie  wirklich eigene Moscheen bauen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Interview: Kurt-Helmuth Eimuth<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evangelisches Frankfurt Dezember 2008 Der scheidende Kirchenpr\u00e4sident Peter Steinacker spricht mit \u201eEvangelisches Frankfurt\u201c \u00fcber das Wesen der Religion, k\u00fcnftige Probleme f\u00fcr die Kirche und die Herausforderung, die der Islam und der Buddhismus f\u00fcr das westliche Christentum bedeuten. 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